Seewenstock

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Paul Giger

Der Seewenstock, ein südlicher Vorposten des Kröntenmassives, liegt im Gebiete der neuen Sustenstrasse. Ein selten besuchter Berg, was sich aber ändern dürfte, wenn einmal die erwähnte Strasse dem Verkehr erschlossen ist.

Der Morgen des 2. Oktober 1943 sieht uns im Aufstiege zum Seewenstock-Südgrat. Ausgangspunkt ist die Seewenalp ( 2060 m ), eine primitive Alphütte, wo sich aber ganz gut übernachten lässt. Allerdings ist die Mitnahme eines Schlafsackes zu empfehlen. Kurz oberhalb der Hütte befindet sich der sehr schön gelegene See, welcher dem Berg und der Alp den Namen gibt. Im Spätherbst, nach trockenen Sommern, kann der See völlig verschwinden. Über steile Grasplanggen erreichen wir die obere Mulde, von der aus wir, immer schräg aufwärts, die ganze Geröll- und Blockhalde queren, die sich unter der zerfurchten Südwand hinzieht. Um 8% Uhr, d.h. eineinhalb Stunden nach Aufbruch in der Hütte, stehen wir am Beginne des Südgrates. Wuchtig ragen die sechs Türme in den blauen Herbsthimmel, und in mir beginnen sich leise Zweifel zu regen, ob die uns zur Verfügung stehende Zeit zur Überschreitung des Grates genügen werde.

Durch ein enges Schuttcouloir erreichen wir die erste Grateinsattelung, wo wir an der warmen Sonne eine Rastpause einschalten und uns anseilen.

Kaum dass ich es mir bequem gemacht habe, drängt mein Freund Kaspar Muff, der heute einen mächtigen Auftrieb verspürt, schon zum Weiterklettern. Meine Bemerkung, dass Eile des Teufels sei, fruchtet nichts, und schon ist er über die leichten Felsen hinauf und steht lachend auf dem ersten Turm. Mir bleibt nichts anderes übrig, als unter vorbehältlichem Protest nachzusteigen. Auch die Türme 2 und 3 bieten keine grossen Schwierigkeiten, und bald stehen wir in der Scharte zum vierten Turm. Gutgriffiger, warmer Fels lässt das Klettern zum reinen Vergnügen werden. Nur die jeweiligen kurzen Nordabstiege in die Scharten sind nicht gerade angenehm. Denn dort liegt auf den flechtenbedeckten Felsen ziemlich viel Neuschnee, der sich, in Verbindung mit unsern Vibramsohlen, wie Seife auswirkt. Der vierte Turm aber bietet mehr Schwierigkeiten.

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