Sich Zeit nehmen, um sie nicht zu verlieren

Wie ein Sinnbild des Anachronismus wirkt ein Foto unseres ersten Tourentipps Mittler Tierberg: Da kreuzt sich Mitte Juli der Weg eines Skitourenfahrers mit dem einer Hochtourenseilschaft. Dieser Anblick ist ungewöhnlich, aber 2019 nicht unvorstellbar. Nur: Mit der fortschreitenden Klimaerwärmung könnte diese Szenerie bald der Vergangenheit angehören, wenn zum Beispiel der Steigletscher abgeschmolzen ist.

Nach Ansicht von Klimaexperten hätten wir nach wie vor die Möglichkeit, den Schaden zu begrenzen, und zwar durch die Reduktion unserer CO2-Emissionen. Wohl aber unter der Bedingung, dass wir unverzüglich damit anfangen. Der Zentralvorstand des SAC möchte deshalb die Gletscherinitiative unterstützen, die in diesen Tagen lanciert wird. Sie verlangt, dass die Ziele des Pariser Abkommens in der Schweizer Verfassung verankert werden (mehr ab S. 29). Auch wenn dadurch das Ziel festgelegt wäre, liesse uns die Initiative den Spielraum, zu entscheiden, auf welche Weise wir dorthin gelangen.

Wir könnten zum Beispiel anfangen, unsere Lebensweise und damit unsere Mobilitätsgewohnheiten zu hinterfragen. Ohne Auto in die Berge zu kommen, ist öfter möglich als man denkt. Das bedingt ein Umdenken, und man braucht dafür mehr Zeit. So hätte man für eine Tour zum Mittler Tierberg schon am Vortag von Lugano mit dem Zug und dann mit dem Postauto zum Susten fahren können, um dort vor Ort zu übernachten. Oder man könnte näher gelegene Tourenziele mit dem Velo erreichen. Sind nicht Toni und Franz Schmid 1931 mit ihrer ganzen Ausrüstung von München nach Zermatt mit dem Velo gefahren, um als Erste die Nordwand des Matterhorns zu erobern? Ich weiss: Im jetzigen Jahrhundert scheinen meine Vorschläge genauso aus der Zeit zu fallen wie der Skifahrer auf Seite 13. Aber ist nicht gerade das Sich-Zeit-Nehmen, wie der Schriftsteller Nicolas Bouvier in seiner Die Erfahrung der Welt schreibt, «das beste Mittel, sie nicht zu verlieren»?

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