Sieben alte Bergsteiger in der Goldberg- und Glocknergruppe

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( Genf ) Sieben « Jeudistes », das heisst Mitglieder der Sektion Genf, die jeden Donnerstag bei jedem Wetter eine Wanderung unternehmen, hatten für die Zeit vom 10. bis 24. Juli 1954 eine Ostalpenfahrt beschlossen. Die sieben zählten zusammen 525 Jahre, der älteste 80, der jüngste 69.

Es war beabsichtigt, von Zell am See durch das Rauristal nach Kolm zu fahren, um von Norden über das Schareck ( 3260 m ) die Duisburgerhütte zu erreichen, wohin der Hüttenwirt Schober auf den 12. Juli bestellt war. Von dort sollte über den Hohen Sonnblick ( 3105 m ) nach Heiligenblut gewandert werden, um, wenn möglich, den Grossglockner ( 3798 m ) zu besteigen. Als Abschluss war, von der Oberwalderhütte aus, die Überschreitung der Ödwinkelscharte ins Stubbachtal und die Rückfahrt nach Zell vorgesehen. Die markierten Wege und die bewirtschafteten Hütten jener Gegend erleichterten ein solches Vorhaben.

Die ungünstige Witterung jenes Sommers verhinderte leider die völlige Durchführung des Planes. Schon auf der Bahnfahrt liessen die Überschwemmungen im Inntal, die 10 cm Neuschnee bei Fieberbrunn und der über die Ufer getretene Zeller See nichts Gutes ahnen. In-Taxenbach, am Eingang ins Rauristal, begrüsste uns am 11. Juli früh der Postautoführer: « Das soan leicht die sieben Schweizer, wo Platz nach Kolm haben vormerken lassen. Aber wir fahrn bloss bis Wörth, nachher ist die Strasse durch Muren gesperrt. Zu Fuss kommen S'durch, nur hat 's 20 km bis Kolm. Dort hat 's y2 m Neuschnee und weiter oben noch mehr. Da kommen S'net vor 4 Tag zur Duisburger. » Was blieb übrig als sofortige Umstellung! So fuhren wir mit dem nächsten Zug das enge, felsige Salzachtal abwärts bis Schwarzach und dann das weite, grüne Gasteintal aufwärts bis Bad Gastein. Ein unverhofft sonniger Vormittag gestattete die Besichtigung des weltberühmten, in eine wasserfallreiche Klamm gebetteten Kurortes. Nachmittags ging 's weiter durch den Tauerntunnel nach Obervellach, um von Süden durch das Wurtental zur Duisburgerhütte zu gelangen.

Der Bahnhof Obervellach ist mit dem 360 m tiefer im Mölltal gelegenen Marktflecken durch eine kühne Seilbahn verbunden. Als uns der Schaffner mit Sack, Seil und Pickel erblickte, meinte er: « Sie sind gewiss die sieben Schweizer, wo der Schober Sepp in der Duisburger erwarten soll. Der Sepp isch eh noch hiar. » Der wurde sogleich aufgesucht und mit ihm verabredet, dass er am 12. mit Sack und Pack, mit Frau und Kindern, mit Schafen, Ziegen, Hühnern und Katze zur Wurtenalm und am 13. früh zur Hütte aufsteigen werde. Wir sollten über die Raggaklamm nach Inner Fragant wandern und am 13. abends in der unterdes aufgeräumten Hütte ankommen. Das wurde auch so ungefähr ausgeführt. Nur trieb uns am 13. kalter Nebelregen so vorwärts, dass wir schon am frühen Nachmittag fast gleichzeitig mit der Schober-Karawane bei der Duisburgerhütte eintrafen. Sie liegt in 2550 m Höhe am Südhang des Schareck etwa 100 m über dem Wurtenkees ( Kees = Gletscher ).

Anderthalb Tage hielt uns die schlechte Witterung in und bei der Hütte fest. Zwar lockte am zweiten Nachmittag eine Aufhellung zur Besteigung des Schareck. Allein wir mussten sie auf der Baumbachspitze ( 3100 m ) abbrechen. Bissige Rieselschauer und eine dichte, dunkelgraue Nebelwand, mit Sicht kaum auf Pickellänge, machten weiteres Vordringen auf dem vereisten Grat unratsam.

Am Donnerstag versprach leichter Sonnenschein einen schönen Tag. So zogen wir gegen 7 Uhr nach dem Hohen Sonnblick ab. Von der Niedern Scharte aus konnten wir seinen in der Sonne glänzenden Schneegipfel bewundern und die Aufstiegsroute jenseits des Goldbergkees erkennen. Die Abfahrt auf diesen Gletscher und das Queren desselben in dem hohen schon weichen Neuschnee war eher eine nasse Angelegenheit. Um so mehr genossen wir die Mittagsrast auf einer sonnenwarmen Felsrippe mit dem Blick auf das uns entgangene Schareck und auf die gespenstisch aus dem Schnee ragenden Ruinen der Knap-penhäuser der längst verlassenen Goldminen und auf unsere « Elefantenspur » im Goldbergkees. Wir beachteten kaum zwei jüngere Bergsteiger, die von Saigurn durch den tiefen Schnee heraufstapfend an uns vorüberschritten. Kalte Windstösse und aus dem Kolmer Kessel aufziehende Nebelschwaden trieben uns gegen 14 Uhr weiter. Immer dichter umhüllte uns das Grau beim Aufstieg am Sonnblickgrat, jeden Aus- und Tief blick verhindernd, gerade noch die Markierung erkennen lassend. Schliesslich gelangten wir in dieser Erbssuppe gegen 16 Uhr in die Nähe des Zittelhauses. Wir wären wohl gar daran vorübergegangen, wenn wir nicht, gleichsam mit der Nase, in Wirklichkeit mit dem Pickel auf einen Regenmesser gestossen wären, von dem aus frische Spuren zu der am Berghaus angebauten meteorologischen Station, der höchsten Österreichs, führten. Der Bub des Hüttenwirtes geleitete uns gleich in die warme Küche und rief: « Da sind sie ja, die sieben alten Bergsteiger, wo die zwei Wiener angemeldet haben. » Der Empfang war überaus freundlich. Alles erstaunte, dass so alte Herren noch so hoch steigen, und gar bei so hässlichem Wetter.

Pfeifender Wind weckte uns am folgenden Morgen, und Schneegestöber verdeckte jeden Ausblick. Schon glaubten wir, wieder in Hüttenhaft zu geraten. Doch gegen 8 Uhr durchbrach die Sonne den Nebel, und der Wind hatte bald den letzten Fetzen verweht. So wurde es der erste schöne Tag unserer Fahrt. Er bescherte uns, bei steter Sicht auf die Spitzen der Schober Gruppe, eine genussreiche Wanderung: erst über den Fleissgletscher, dann über und um die phantastischen Felsköpfe des Horni hinunter zum noch halb zugefrorenen Zirmsee und weiter abwärts durch die leuchtenden Alpenrosenhänge der Fleissalm zum Alten Pocher, einem früheren Hammerwerk, jetzt Alpengasthaus. Die junge Wirtin hatte, wie sich gesprächsweise ergab, während des Krieges in Montreux und Grindelwald gedient und war nun hocherfreut über den Schweizerbesuch. Beim weitern Abstieg durch das anmutige, lärchen-bestandene Fleisstal nach Heiligenblut zeigte sich bald, von der Abendsonne bestrahlt, der Grossglockner, frisch überschneit in ganzer, glanzvoller Grösse. Ein unvergessliches Bild!

Wir sahen aber auch ein, dass seine Besteigung unter den gegebenen Verhältnissen zu mühsam für uns sei. Zudem neigte sich für viere der Urlaub dem Ende zu. So fuhren wir denn alle sieben, nach einem Ruhemorgen, statt nach der Salmhütte am Glocknerweg zu wandern, mit der Post von Heiligenblut auf die Franz-Josefs-Höhe ( 2420 m ), wohl die grossartigste Aussichtsterrasse der Ostalpen.

Höhe, Tiefe und Weite bestimmen die ästhetische Wirkung des Bergraumes. Hier sind diese drei harmonisch vereinigt. 200 m tief unter dem Standpunkt des Beschauers zieht sich die Pasterze, der grösste Gletscher der Ostalpen, von NW herunter von der Eispyramide des Johannisberges, fast 2 km breit, und jenseits erheben sich die gleissenden Firnen und dunkeln Wände des Glocknermassivs 1500 m hoch bis zur eisglänzenden Spitze des Grossglockners.

Trotz des Menschengewimmels genossen wir stundenlang in strahlendem Sonnenschein den herrlichen Anblick des majestätischen Berges. Am Nachmittag benutzten die vier Heimkehrer den Postwagen nach Zell zur Rückfahrt. Wir drei ältesten bummelten, nachdem sich der Schwärm der « motorisierten Touristen » verlaufen, vielmehr verfahren hatte, noch lange auf den nun stillen, aussichtsreichen Hängen umher.

Nach einer etwas unruhigen Nacht in einem überfüllten Schlafraum des immensen Franz-Josef-Hauses stiegen wir am folgenden Morgen zur Pasterze hinunter - der kurze Tunnel durch den Freiwandgrat und das Strässlein zum Wasserfallwinkel waren wegen Muren und Steinschlag noch gesperrt -, um nach der Oberwalderhütte ( 2975 m ) zu wandern in der Hoffnung, von dort aus einige Gipfel und den Übergang ins Stubbachtal « machen » zu können. Leider schwebten bereits leichte Nebel um den Glockner, und als wir gegen 13 Uhr in den Felsen am Grossen Burgstall zur Oberwalder aufstiegen, setzte Schneetreiben ein. Das hielt bei heftigem Nordwind den nächsten Tag an, so dass nichts zu unternehmen war. Immerhin verlebten wir zwei gemütliche, liederreiche Hüttentage mit der Familie des freundlichen Wirtes und dem einzigen andern Gast, einem englischen Käpten.

Als am dritten Tag noch keine Wetterbesserung zu bemerken war, traten wir gegen 10 Uhr den Rückzug an. 30 cm Neuschnee verdeckten unsere Aufstiegsspur, Nebel hinderte weite Sicht. Wie wir aber am Wasserfallwinkel unter der Nebeldecke hervortauchten, hellte sich das Wetter zusehends auf. Die ersten Sonnenstrahlen liessen die reiche Flora des botanischen Schutzgebietes um die Hoffmannshütte in frischer Pracht erglänzen. Auf dem Strässlein waren Arbeiter mit der Räumung der Muren beschäftigt. Auf der Pasterze wimmelte es von « Menschenameisen ». An der Franz-Josefs-Höhe beschien die Mittagssonne den Hochbetrieb der « Motorisierten ». Wir aber eilten, uns Plätze nach Zell zu sichern.

Voller Bedauern, das schöne Wetter nicht besser benutzen zu können, fuhren wir zum Hoch Tor hinauf, einander die Berge weisend, die wir hatten kennenlernen. Als wir aber gegen 17 Uhr bei wolkenlosem Himmel am Fuscher Törl ( 2440 m ) auf der Nordseite der Tauernkette ankamen, verliessen wir kurz entschlossen den Postwagen. Diesen einen Abend wollten wir den unvergleichlichen Anblick des Wiesbachhorn-Massivs, dem Glockner völlig ebenbürtig, als letzte Erinnerung in uns aufnehmen.

Und es gab noch mehr. Der folgende Tag war ebenso prachtvoll. So zogen wir, etwas spät, zur Besteigung des Brennkogel ( 3000 m ) aus, dessen feiner Felsgrat uns gestern schon gelockt hatte. Langsam stiegen wir auf, den Blick immer wieder über das grossartige Gipfel-und Gletscherrund vom Sonnwelleck über den Fuscher Karkopf, die Bärenköpfe, die Hohe Docke bis zum Wiesbachhorn schweifen lassend. Von Osten winkte der Hohe Sonnblick, von Westen blinkte die Oberwalderhütte durch die Fuscher Scharte, und von Süden über die Pfandelscharte guckte der Glocknergipfel herüber. Und wenn uns auch der letzte Felsgendarm, etwa 100 m unter dem Gipfel, durch Eis- und Steinbomben zur Umkehr gezwungen hat, so war doch dieser Tag der Höhepunkt unserer Ostalpenfahrt.

Der Abstieg am Donnerstag, bei schon wieder leichter Bewölkung, auf wenig begangenen Hirten- und Jägerpfaden, weitab vom lärmenden Verkehr der Glocknerstrasse, über die einsamen, blumenreichen Bergmatten des Gamskar, durch die Legföhren und Alpenrosen des Piffkar und schliesslich durch die lichten Lärchenwälder der Piffalmen hinunter nach Ferleiten im Fuscher Tal, bildete den geruhsamen Ausklang. Kaum hatte uns am Abend beim Lukashansl der Postwagen nach Zell aufgenommen, so brachen heftige Regengüsse los, die uns mit kurzen Unterbrüchen auf der ganzen Heimfahrt bis nach Genf begleiteten.

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