Silvretta und Verstankla

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von E. Wyler

Mit 1 Bild ( 72Zürich ) Der Name « Silvretta » hat etwas Zauberhaftes an sich. Obschon er mit Silber nichts zu tun hat, sieht man schon beim Hören oder Lesen dieses so wohlklingenden Namens in Gedanken den Silvrettagletscher mit den schneebedeckten Bergflanken im Hintergrunde des Sardascatales wie ein Silberband leuchten. Und wie bezaubernd ist erst in Wirklichkeit der Anblick, den man von Klosters und den herrlichen Waldwegen zu Füssen des Gotschnagrates zwischen Tannen hindurch geniesst, wenn das blendende Geschmeide der Silvretta in der klaren Bergluft unter dem tiefblauen Himmel gleisst und blitzt!

Der Weg zu Silvretta-Haus und -Hütte des S.A.C. ist zwar ordentlich weit. Wer aber klug ist, marschiert nicht in der Hitze des Nachmittags auf dem der Sonne ausgesetzten Strässchen über das Dörfchen Monbiel, sondern er beginnt in Klosters mit der Diethelm-Promenade, wandert unter ihren schattigen Bäumen der kühlenden Landquart entlang und wechselt bei Aeuja auf das südliche Ufer hinüber. Hier kann es zwar eine Zeitlang noch recht warm sein; dann aber nimmt uns ein kühler Waldweg auf und führt, nur ganz unmerklich ansteigend, der wasserreichen, romantisch daherbrausenden Landquart entlang mühelos ein gut Stück weiter. Mit einigem Bedauern betritt man gegenüber der Alp Pardenn auf der gegenüberliegenden Bachseite wieder das Strässchen. Doch birgt es sich bald in schönem Bergwald. Leider hört auch dieser einmal auf, und von der Alp Sardasca an kann der Weg, der hier bald steiler anzusteigen beginnt, noch einige Schweisstropfen kosten.

Die den Silvrettagletscher umgebenden Gipfel sind, bis auf die Rotfluh, leicht zu ersteigen. Ihr Besuch, allein schon die Begehung des Silvretta-passes, lohnt sich aber der prachtvollen Landschaft und der grossartigen Rundsicht wegen. Eine andere, sehr lohnende und nicht schwierige Tour führt auf den etwas weiter entfernten Grossen Buin, der sich mit dem Kleinen Buin zusammen recht stolz präsentiert.

Aber nicht nur « zahme » Gipfel birgt das Revier der Silvretta. 0 nein! Auch für den anspruchsvolleren Bergsteiger gibt es hier Beschäftigung. Berühmt ist z.B. die Überschreitung Gross Litzner—Gross Seehorn. Ein Berg für sich aber ist das Verstanklahorn. Es kann auf verschiedenen Wegen erstiegen werden, bietet aber dem Besteiger überall ernsthafte Probleme. Im Klubführer des S.A.C. wird seine Beschreibung mit folgenden Worten eingeleitet:

« Das Verstanklahorn ist einer der grossartigsten und rassigsten Gipfel des ganzen Silvrettagebietes. Besonders von Norden her wirkt es mit seinen finstern, aus dem Verstanklagletscher aufstrebenden, scheinbar unersteiglichen Wänden imponierend. » Und weiter: « Infolge seiner zentralen Lage, inmitten einer grossartigen Gebirgswelt, bietet das Verstanklahorn eine prächtige Aussicht und namentlich schöne Tiefblicke. Eindrucksvoll ist besonders der Ausblick auf die imponierende Gestalt des Piz Linard. » Das Verstanklahorn hatte ich zwar nicht auf meinem Ferienprogramm. Einer Einladung des Bergführers Jack Neuhäusler von Klosters folgend, kam ich aber am Schluss meiner Ferien ganz unerwartet dazu, an einer Überschreitung dieses Gipfels von der Silvrettahütte über den Nordostgrat nach dem Vereinahaus teilzunehmen.

Vier « Mann » hoch, darunter eine bergtüchtige Bündnerin, verlassen wir kurz nach 3 Uhr morgens das Silvrettahaus. Den Gletscher schräg querend erreichen wir den Fuss des Gletscherkamms, der einem vom Tal her stets zuerst auffällt, und steigen hinunter auf den schmalen Verstanklagletscher. Von hier führt eine äusserst steile, mit Schnee, Eis und glatten Platten gepanzerte Rinne hinauf zum Verstanklasattel, der die « Torwache » vom Fuss des Verstankla-Nordostgrates trennt. Da die Schnee- und Eisverhältnisse die Benützung der Rinne nicht gestatten, arbeiten wir uns nach Überschreitung des meist schwierig passierbaren Bergschrundes über die mit Schutt bedeckten Platten der jähen Westwand der Torwache vorsichtig hinauf und erreichen um 8 Uhr den Verstanklasattel. Dieser fällt auch nach der andern Seite, gegen den Vadret délias Maisas, äusserst steil ab und wird deshalb nur im Aufstieg betreten. Als Krönung trägt er ein scharfes Schneegrätchen.

Der Anblick des Grates, den wir nun begehen wollen, ist ungemein eindrucksvoll. Im schmalen Sattel mit scharfer Kante fast senkrecht ansetzend, schiesst er ungeheuer steil in die Höhe. Ich mache mich daher auf harte Arbeit gefasst. Nachdem wir die Kletterschuhe angezogen haben, die einem in solchem Gelände ein eigenartiges Gefühl der Sicherheit verleihen, steigt die Zuversicht aber rasch. Und siehe da! Der Granit, den wir nun anpacken, ist nicht nur derart solid, sondern auch so reich an Tritten, Leisten, Griffen und Rissen oder, wo diese fehlen, an rauhen Stellen, dass wir in helle Begeisterung geraten und nur staunen müssen, wie rasch wir trotz den hinderlichen Rucksäcken an Höhe gewinnen.

Bald kommen wir uns vor wie auf einem gewaltigen Kirchturm. Überall geht es scheinbar senkrecht hinunter, und wie selten je habe ich das Gefühl, die Welt aus der Vogelperspektive zu sehen. In herrlicher Kletterei geht es weiter und weiter hinauf, und wir sind mit unserem Führer einig, dass sich der beschwerliche Anmarsch gelohnt hat. Aber plötzlich geht es nicht mehr weiter. Ein mächtiger Gratturm schwingt sich senkrecht auf. Wir müssen ihn über eine exponierte, griff- und trittlose Platte und eine schmale, fast senkrechte Rinne bezwingen, was mit grösster Vorsicht und Sorgfalt geschieht. Kaum oben, müssen wir abseilen, um die Fortsetzung des Grates zu erreichen.

Der zweite Grataufschwung wird zunächst wieder über die Kante, dann in der jähen Nordwand bezwungen. Zu allerletzt übersteigen wir ein senkrechtes, « Himmelsleiter » genanntes Absätzchen und stehen unvermittelt auf dem Gipfel, zehn Stunden nach unserem Abmarsch vom Silvrettahaus.

Wir halten eine volle Stunde Rast, und geruhsam bücken wir in die weite Runde blendend weisser und dunkler Gipfel. Trotzig steht die gewaltige Pyramide des Linard da, als wollte sie sagen: « Hier bin ich Herr und Meister! » Die steilen Gletscher zu unseren Füssen sind zerrissen und häufig von Steinschlag bestrichen.

Den Abstieg nehmen wir schräg hinunter durch die Westwand, in Richtung auf das breite, vom Vernelasattel steil hinunterschiessende Couloir. Schon von weitem erkennen wir aber, dass nicht daran zu denken ist, im Couloir selber abzusteigen. Es ist mit schwarzem, von Querrissen durchzogenem Eis gepanzert und weist nur im obern Teil, auf unserer Seite, ein kurzes Stück Schnee auf. Der Weg bis dorthin gibt uns noch einige Knacknüsse auf, die wir infolge des brüchigen Gesteins wieder mit grosser Vorsicht erledigen. Da haben wir z.B. das obere Ende einer steilen Eisrinne zu queren. Glatter Fels und lose Platten gestalten die Sache ziemlich heikel. Kurz darauf stehen wir auf einer Sekundärrippe, von der wir durch eine fast senkrechte, oben kaminartige Rinne auf harmloseres Gelände hinuntergelangen. Die technischen Schwierigkeiten sind zwar nicht gerade gross; aber verschiedene Blöcke dürfen nur mit Misstrauen angefasst werden.

Nachdem wir das oben erwähnte Stück Schnee rasch hinter uns gebracht haben, müssen wir uns des Eises und des andauernden Steinschlages wegen wieder in die plattigen Felsen begeben. Ununterbrochen sausen ganze Salven von Steinen und Blöcken jeder Grosse zischend, surrend und krachend über die ganze Breite der düsteren Eisfläche hinunter. Beim Queren einer Bachrinne spiele ich « Versuchskarnickel ». Der Hauptgriff liegt mitten unter dem rauschenden Wasserfall. Trotz aller Behendigkeit erwische ich einen tüchtigen Guss in den Ärmel, der sofort wieder zum Hosenbein hinausläuft! Meine Kameraden ziehen hierauf einen weniger feuchtfröhlichen Übergang vor.

Noch ergibt sich eine, wenigstens für den Abstieg, etwas schwierige Partie, und dann stehen wir an der Stelle, wo wir endgültig den Rand der hier schon sehr breiten Rinne betreten müssen, ein Stück oberhalb des Bergschrundes. Glücklicherweise reicht der Schnee auf dieser Seite bis hier herauf. Der Übergang vom Fels auf den Firn und das erste Stück auf diesem erfordern ein zeitraubendes, aber durchaus angebrachtes Manöver, denn der Steinschlag fährt bis in die Felsen hinein und zerpflügt auch unsere Tritte. Die Umsicht unseres Führers bewährt sich hier besonders.

Es folgt ein Marsch über aufgeweichten Schnee und blankes Eis des Vernelagletschers, und dann entledigen wir uns des Seiles. Ein Geröllhang und ein grobes Blockfeld nehmen uns die letzte Prüfung auf Trittsicherheit ab. Dann wandern wir gelöst das Vernelatal hinaus. Es ist eine ganz eigenartige Landschaft. Stellenweise wird der Bach so breit wie ein kleiner See und sammelt sich erst vor dem Talausgang wieder zum wilden Bergbach. Im Hintergrund, beschienen von der Abendsonne, steht das Verstanklahorn, mit mächtigen Schultern und steiler Wand.

Um 8 Uhr abends treten wir in die Gaststube des Vereinahauses. Und nach langem Marsch durch dämmerige Nacht erreichen wir nachts 12 Uhr Klosters. Es scheint uns fast unglaublich, dass wir über zwanzig Stunden sollen unterwegs gewesen sein! Silvretta aber, das silberne Band, und ihr trotziger Partner Verstankla haben uns heute einen goldenen Tag geschenkt.

Feedback