Sind Hochtouren gefährlich?

Ueli Mosimann, Utzigen BE

Das Unfallgeschehen bei Mitreissunfällen1 1 Dieser Beitrag entstand mit der Unterstützung der Emil Huber Stockar Stiftung, Löwenstr. 1, 8001 Zürich, welche die Leistung finanzieller Hilfe an die Folgen von alpinen Unfällen, Rettungs- oder Bergungsaktionen sowie an Vorkehrungen zur Vermeidung oder Linderung von solchen Unfällen sowie für entsprechende Schutzmassnahmen bezweckt.

Abb. 1+2 Besondere Vorsicht ist stets auch in kombiniertem Gelände geboten, wo sich zuverlässige Sicherungen oft überhaupt nicht anbringen lassen ( Am Täschhorn-Südgrat ) Zur Fragestellung Besonders nach Meldungen wie ( Dreierseilschaft am Mönch abgestürzt ), ( Fünferseilschaft am Dom mitgerissen ), ( bereits zehn Opfer am Matterhorn in dieser Saison ) werden das Bergsteigen und seine spezifischen Risiken auch in der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen. Wird dann über Gefahren und Sicherheit diskutiert, ist auch bei Alpinisten rasch das Bild vom schlecht ausgerüsteten Berggänger zur Hand, der, mit Turnschuhen an den Fussen, leichtsinnig zu schwierigen Touren aufbricht. Ist also Sicherheit beim Bergsteigen zur Hauptsache eine Frage von Technik und Ausrüstung?

Zweifellos trägt die stetige Weiterentwicklung von Technik und Ausrüstung, aber auch die hervorragende Bergrettung vieles zur Sicherheit beim Bergsteigen bei. Trotzdem ist und bleibt das naturnahe Erleben der Gebirgswelt mit Gefahren verbunden, die es zu erkennen gilt, wenn man sich nicht grossen Risiken aussetzen will. Gerade im hochalpinen Gelände haben, allein durch die topographischen Voraussetzungen, auch sogenannt leichte Touren einen sehr ernsthaften Charakter, der zudem wesentlich von den witterungsbedingten Verhältnissen abhängig ist. Damit ist der Spielraum, Erfahrung durch Fehler zu erlangen, sehr gering. Besonders deutlich wird dies bei sogenannten Mitreissunfällen, bei denen ganze Seilschaften durch das verbindende Seil mitgerissen werden.

Wie entstehen nun solche Unfallsituationen, was sind die Folgen, was kann dagegen unternommen werden?

Geschichtlicher Rückblick Unfälle, bei denen das verbindende Seil als Sicherungsmittel nicht nur versagt, sondern mehrere oder alle Seilschaftsmitglieder mit in den Tod gerissen hat, gibt es, seitdem Seile beim Bergsteigen verwendet werden.

Bekannt ist der Unfall anlässlich der Erstbesteigung des Matterhorns, als im Abstieg nach dem Sturz eines Seilschaftsmitglieds vier der insgesamt sieben Personen zählenden Seilschaft mitgerissen worden sind. Mutmassungen über Ursachen, Hergang und auch Schuld an dieser Tragödie geistern auch heute noch hie und da durch die Alpin-publizistik. Ähnliche Beispiele aus der Klassik des Alpinismus gibt es viele. Mangels wirksamer Sicherungstechnik war es vielfach üblich, dass sich im schwierigen oder heiklen Gelände mehrere Partien zu einer Seilschaft verbanden, damit wenigstens ein Teil der Seilschaft ( sicherem Stand bewahren konnte. Wie wirkungsvoll diese Methode Abstürze von ganzen Seilschaften verhindern konnte, bleibt weitgehend unbekannt. Sicher aber ist, dass nicht nur beim Matterhornunfall das schwache Seilmaterial und der daraus resultierende Seilriss letztlich den Absturz der ganzen Seilschaft verhindert hat. So zum Beispiel bei einem Erstbesteigungsversuch an der Südwand der Meije, wo der berühmte Alpinist Zsigmondy als Seilerster stürzte. Das verwendete Seil aus Seide riss, seine Begleiter, nur an den Fels geklammert, überlebten. Oder am Ferpèclegrat an der Dent Blanche. Am letzten schwierigen Aufschwung stürzte der Seilerste der aus zwei Partien gebildeten Fünferseilschaft und riss drei seiner Gefährten mit. Auch hier riss das Seil, und der Schlussmann überlebte. Nicht immer aber verhinderte schwaches Seilmaterial den Totalabsturz ganzer Seilschaften: Nach einer Überschreitung der Jungfrau über den Rottalgrat Schloss sich beim Abstieg über die Normalroute eine aus drei Seilschaften bestehende Gruppe zu einer. Neunerseilschaft zusammen. Ein Ausrutscher eines Seilschaftsmitgliedes konnte von den andern nicht gehalten werden, und die ganze Seilschaft stürzte ab, wobei fünf Gruppenmitglieder tödlich verletzt wurden.

Das Unfallgeschehen heute Die Bedeutung von Technik und Ausrüstung für die Sicherheit Berücksichtigt man den allgemeinen Fortschritt der letzten Jahrzehnte beim Material und bei der Sicherungstechnik, müsste manannehmen, dass die erwähnten Beispiele längst tragische Legenden der Alpingeschichte geworden sind. In der Tat ist es kaum mehr nachvollziehbar, mit welcher Kühnheit früher grosse Routen erschlossen oder begangen worden sind. Gut gesichert am mit Bohrhaken oder Eisschrauben versehenen Standplatz, ausgerüstet mit hervorragendem Material und vertraut mit moderner Sicherungstechnik, schwanken die Gedanken heutiger Generationen an frühere Begehungen manch klassischer Route zwischen Hochachtung und leisem Schaudern. Ist mit moderner Technik das Bergsteigen allgemein wirklich sicherer geworden? Eine Frage, die sich nicht verallgemeinernd beantworten lässt. Die bedeutenden Innovationen bei der Alpin- und Sicherungstechnik und beim Material sind zur Hauptsache Re- Graphik 1 Bergunfallgeschehen und Mitreissunfälle mit tödlichem Ausgang in den Schweizer Alpen von 1984 bis 1990 220 Dpfer210 200190 t * 180170 160 70 60

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y 40 / X^,«.

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10 0 1984 85 86 187 88 901 Berg- und Skiunfallopfer insgesamt ( Unfallstatistik SACAnzahl Opfer Hochtouren } Opfer J Mitreissunfälle sultate von Bedürfnissen des sogenannten Extrembergsteigens, soweit sich dieser Begriff auf die heutige Tätigkeitsvielfalt überhaupt noch verallgemeinernd anwenden lässt. Jede Tätigkeit in den obersten Lei-stungssegmenten erfordert auch eine spezifisch zugeschnittene Ausrüstung und Technik. Der Einfluss von moderner Technik und Ausrüstung auf die Sicherheit ist unterschiedlich zu bewerten.

Sicherheitsgewinn und neue Risiken Überall dort, wo in der Regel von Standplatz zu Standplatz gesichert wird, das heisst auf reinen Felsklettertouren im allgemeinen und bei Unternehmungen im oberen Schwierigkeitsbereich im besonderen, ist der Sicherheitsgewinn markant. Entsprechend selten sind hier auch Unfälle, die einen Totalabsturz von ganzen Seilschaften zur Folge haben. Bei den beiden einzigen Ereignissen, die in den letzten Jahren in den Schweizer Alpen bekannt geworden sind ( 1987: Sturz aus dem zweiten Eisfeld in der klassischen Nordwandroute des Eigers; 1990: Sturz aus dem obersten Drittel der Piz-Badile-Nordkante ), wurde offensichtlich auf die in diesem Gelände übliche Standplatzsicherung verzichtet. Bestens ausgerüstet sind heute aber auch die meisten Alpinisten auf den Hochtouren im unteren und mittleren Schwierigkeitsbereich. Abgesehen von Komfortver-besserungen wie funktionelle Bekleidung und leichtes Seilmaterial konnte aber die Sicherheit auf solchen Touren bis heute kaum verbessert werden. Bei der Verwendung von hochspezialisierter Ausrüstung wie etwa modernen Eiswerkzeugen - auch auf alpintechnisch einfachen Touren durchaus keine Seltenheit - muss sogar davon ausgegangen werden, dass solches Material ein nicht zu unterschätzendes Sicherheitsrisiko bilden kann. So ist zum Beispiel ein Ankerpickel im einfachen Gehgelände einem konventionellen Pickel als Sicherungsmittel deutlich unterlegen. Ebenso können Steigeisen, die für den Steileiseinsatz konzipiert sind, an den Füssen eines Ungeübten die Stolpergefahr beträchtlich erhöhen. Es sind aber gerade solche Touren, auf die sich das Geschehen bei den Mitreissunfällen konzentriert. Besonders die letzten Jahre mit witterungsmässig schönen Hochsommermonaten und entspre- chend intensiver Tourentätigkeit führten zu einer Zunahme solcher Ereignisse. Besonders alarmierend war dieses Geschehen in den Schweizer Alpen im Bergjahr 1990, als bei insgesamt 14 Unfällen mit 37 Beteiligten 34 Personen getötet wurden ( vgl. Graphik 1 ).

Ursachen und Folgen Auslösende Faktoren und besondere Gefahrenmomente Wo liegen die Gründe für diese schwerwiegenden Ereignisse? Vordergründig betrachtet ist die Antwort einfach: Ein Sturz, häufiger noch ein simples Ausrutschen ( Stollenbildung an den Steigeisen ) oder Stolpern ( Hängenbleiben mit den Steigeisen an den Kleidern oder an den Befestigungsriemen ) eines Seilschaftsmitglieds kann von den Partnern nicht gehalten werden, und die ganze Seilschaft wird mitgerissen. Besonders gefährlich und unkontrollierbar sind solche Zwischenfälle dann, wenn sie sich während des Abstiegs in Vorwärtsrichtung ereignen. Der resultierende Sturz erfolgt in dieser Situation direkt vom Hang weg, womit bereits in der Anfangsphase eine hohe Sturzenergie entsteht. Im Aufstieg oder im Rück-wärtsabstieg ( Gesicht zum Hang ) hingegen fällt ein Seilschaftsmitglied in der Regel bei einer solchen Situation auf die Hände, womit die Chancen, den Zwischenfall bereits in der Entstehungsphase zu korrigieren, wesentlich grösser sind. Grundsätzlich ungünstig sind grössere Seilschaften: Sobald mehr als ein Partner mitgerissen wird, ist es auch für einen versierten Seilschaftsführer nur unter sehr günstigen Umständen noch möglich, die resultierende Sturzfahrt der ganzen Seilschaft aufzuhalten.

Seilschaftsabstürze und ihre Konsequenzen Ist es einmal so weit, das heisst kommt es zu einem Rutschen oder Stürzen der ganzen Seilschaft, sind die weiteren Folgen weitgehend geländebedingt. Im aufgeweichten Schnee oder Firn und bei günstigem Hangauslauf kann ein solcher Seilschaftssturz in einer harmlosen Rutschpartie enden. Im harten Firn oder Eis, über grössere Höhendifferenzen oder bei ungünstigem Hangauslauf wie Randkluften oder Felsabstürze sind die Folgen aber meistens äusserst schwerwiegend. Im Bergjahr 1990 beispielsweise hat in den Schweizer Alpen bei 11 von 14 Ereignissen mit Todesopfern kein Seilschaftsmitglied den Absturz überlebt. Bei der überwiegenden Zahl dieser Unfälle gibt es damit auch keine unmittelbaren Zeugen, auf deren Aussagen eine detaillierte Rekonstruktion des Unfallhergangs abgestützt werden könnte. Berücksichtigt man aber das gesamte Umfeld dieser Ereignisse, das heisst das Gelände, die Verhältnisse und, soweit möglich, das alpintechnische Verhalten der Betroffenen, werden dennoch typische Unfallmuster erkennbar.

Sicherungsprobleme im hochalpinen Gelände Von allgemeiner und zentraler Bedeutung ist dabei die Tatsache, dass im klassischen Hochtourengelände eine durchgehende Sicherung von Standplatz zu Standplatz in der Regel nicht praktikabel ist. Einerseits verlan- Aufstiegsroute, Unfallstelle und Sturzbahn beim Mitreissunfall am Aletschhorn vom 16. September 1990 ( LKi:250001»r.1249, Finsteraarhorn ) gen die erheblichen Wegdistanzen allein aus Zeitgründen eine gleichzeitige Fortbewegung über mehr oder weniger lange Routen-abschnitte. Andererseits sind auch da, wo gesichert werden sollte, kaum vorbereitete oder vorgegebene Standplätze vorhanden. Damit hat jede Seilschaft dauernd und aufmerksam abzuwägen, ob das Gelände, die Verhältnisse und die alpintechnische Qualifikation eines jeden Seilschaftsmitgliedes ein gleichzeitiges Gehen erlauben oder nicht. Gerade auf einfacheren Touren im Schnee, Firn oder Eis, wo die Begehbarkeit des Geländes sehr stark von den Verhältnissen abhängig ist und die geringe Exponiertheit zudem oft Harmlosigkeit vortäuscht, sind Unerfahrene in ihrem Urteilsvermögen rasch überfordert. Unter diesen Voraussetzungen überrascht es nicht, dass in den letzten Jahren Mitreissunfälle häufiger wurden, die auf das Nichterkennen oder Unterschätzen von heiklen Verhältnissen zurückzuführen sind.

Heikle Schnee- und Eisverhältnisse als auslösendes Moment Die warmen Hochsommermonate führten zu einer Vereisung der Firnzonen, da die Firnauflagen vielerorts bis auf die tragenden Eisdecken abschmolzen. Damit verwandelten sich gerade einfache Touren in heikle Unternehmungen. Besonders kritisch wurde die Situation dort, wo das Blankeis mit einer dünnen und nicht verfestigten Schneeschicht überdeckt blieb. Zwei folgenschwere Unfälle am Fründenhorn und am Aletschhorn im Sommer 1990 zeigen dazu typische Parallelen auf: Die Normalroute des Fründenhorns ist eine technisch einfache und beliebte Hochtour und wird häufig begangen. Der obere Teil der Route führt über einen zirka 30 Grad geneigten Firnhang, der schliesslich in einem ausgeprägten Gratrücken zum Gipfel führt. Bei guten Verhältnissen bietet diese Route keine Probleme. Anfang August 1990 waren die Verhältnisse an diesem Firn Auch bei technisch einfachen Touren kann ein Ausrutsch-Zwischenfall zu einem Absturz im aber aussergewöhnlich heikel. Die bereits seit Tagen andauernde Wärmeperiode führte dazu, dass auch während der Nacht der noch vorhandene dünne Firn über dem Blankeis aufgeweicht blieb. Bei solchen Bedingungen ist die Wirkung von Steigeisen und Eispickel stark reduziert. Diese Situation wurde einer gemeinsam am Seil aufsteigenden Fünferseilschaft zum Verhängnis. Das Ausbrechen eines aufgeweichten Trittes führte zu einem Ausrutschereines Seilschaftsmitglieds. Den daraus resultierenden Seilzug vermochten die anderen Seilschaftspartner nicht zu hal- Steilgelände führen: Unfallsituation am Fründenhorn vom 5. August 1990 ( LK 1:25000 Nr.1248, Mürren ) ten, und die ganze Seilschaft stürzte 300 Meter auf den Oeschinengletscher ab, wobei alle Betroffenen getötet wurden.

Der zweite Gruppenunfall während dieser Saison ereignete sich am 16. September am Aletschhorn. In dieser Zeit waren in den Hochalpen selbst Firnzonen, die üblicherweise auch im Spätsommer noch mit Firnschnee überdeckt sind, zu Blankeisfeldern ausgeapert. Ein kurzer Schlechtwettereinbruch brachte einige Zentimeter Neuschnee, wodurch auch die Blankeiszonen überdeckt wurden. Am nächsten Morgen präsentierten sich diese Hänge von fern betrachtet als gutartige Firnaufstiege. Doch dieser Anblick täuschte: In der bereits stark fortgeschrittenen Saison mit kalten Nächten konnte sich dieser Neuschnee nicht mehr rasch mit dem Blankeis verbinden. Eine Gruppe von zwei Dreierseilschaften stieg vom Mittelaletschbiwak aus über den Nordostgrat auf. Am etwas steileren Hang, der zum Vorgipfel führt, muss auch hier ein Seilschaftsmitglied ausgerutscht sein und seine Partner mitgerissen haben. Die Seilschaft rutschte in die nachfolgende Dreierpartie und riss auch diese mit in den Tod.

Abb. 6 Allein disziplinierte, straffe und kurze Seilführung ohne Handschlingen gibt die Möglichkeit, einen Ausrutscher eines Seilschaftsmitgliedes bereits in der Anfangsphase aufzuhalten und damit einen Mitreissunfall beim gemeinsamen Gehen am Seil zu vermeiden.

Die Frage nach der Vermeidbarkeit von Mitreissunfällen Erkenntnisse aus der Studie des DAV-Sicherheitskreises Wären diese Unfälle bei den herrschenden Verhältnissen vermeidbar gewesen? Beim gemeinsamen Gehen am Seil und ohne weitere Massnahmen wohl kaum. Die Erkenntnis, dass beim gemeinsamen Gehen am Seil das Risiko des Mitgerissenwerdens hoch ist, ist nicht neu. Der Sicherheitskreis des Deutschen Alpenvereins DAV hat zu diesem Thema in seinem Tätigkeitsbericht 1980-83 in einer umfassenden Studie gezeigt, was passieren kann, wenn ein Seilschaftsmitglied beim gemeinsamen Gehen im Firn ausrutscht oder stürzt: Im harten Firn genügt bereits ein Sturzzug zwischen 5 und 40 Kilopond, um einen Bergsteiger aus dem Stand zu reissen. Diese Kräfte werden rasch erreicht, denn bereits in einer 45 Grad geneigten Firnflanke entspricht die Sturzenergie über 90 Prozent derjenigen des freien Falls. Entsprechende Resultate zeigten auch die Versuche: Kaum eine Seilschaft war in der Lage, beim gemeinsamen Gehen den Sturz eines Seilpartners zu halten. Zusätzlich erweist sich das verbindende Seil auch wäh- rend der Sturzfahrt als schwerwiegendes Handicap: Eine Koordination der Bremsversuche mittels Liegenstütz- und Pickelanker-technik ist meistens unmöglich, da die noch rutschenden Seilpartner einen zum Stillstand gekommenen Teilnehmer erneut mitreissen.

Möglichkeiten zur Unfallprävention Unter Berücksichtigung dieser Tatsachen hätte es bei den geschilderten Unfällen drei Möglichkeiten gegeben, das verhängnisvolle Geschehen zu vermeiden.

Sicherung mit Eisschrauben Auch auf einfachen Touren ist dieser Ausrüstungsgegenstand meistens vorhanden. Bequemlichkeit oder Bedenken wegen Zeitverlust führen dazu, dass dieses einfach zu handhabende Sicherungsmittel im - scheinbar - leichten Gelände nicht eingesetzt wird. Gemessen an der erhöhten Sicherheit sollte aber bei solchen Situationen ein etwas grösserer Zeitaufwand in Kauf genommen werden können. Am Vortag des Unfalls am Fründenhorn sicherte eine Führerpartie nach einer Begehung des Westgrates, in Erkenntnis der heiklen Verhältnisse am Normalweg, im Abstieg die kritischen Passagen mit Eisschrauben.

( Zeitverlust ) gegenüber einem Abstieg ohne Sicherung: ungefähr eine halbe Stunde.

Seilverzicht Eine Folgerung des erwähnten DAV-Be-richts: Wenn das Seil seine Funktion nicht erfüllen kann, wird nicht angeseilt, und jeder Tourenteilnehmer bewegt sich auf eigenes Risiko und eigene Gefahr. Zweifellos eine Empfehlung von fundamentaler Bedeutung und eine radikale Methode zur Schadenbegrenzung. Die Anwendung wirft aber ebensoviel Fragen auf, wie Gefahren beseitigt oder begrenzt werden: Kann denn eine alpine Gemeinschaft, wie sie eben eine Seilschaft bildet, schwächere Teilnehmer kalt-schnäuzig ihrem Schicksal überlassenSi-cher nicht! Auch bei alpintechnisch gleichwertigen Partnern, bei denen selektiver Seilverzicht durchaus eine diskutable Massnahme zur Schadenbegrenzung sein kann, zeigt die Anwendung in der Praxis Schwachstellen. Ist das Seil einmal abgelegt, wird auch dann nicht mehr angeseilt, wenn eine Sicherung durchaus möglich und wichtig wäre. Dazu ein Beispiel von der Blüemlisalp, wie es auch andernorts häufig in ähnlicher Weise beobachtet werden kann: Eine Seilschaft legt das Seil während des Abstiegs im Blüemlisalpsattel ab, um den folgenden Firnhang seilfrei zu begehen. Das Seil wird aufgerollt und im Rucksack versorgt. Bei der abschliessenden Gletschertraversierung bleibt das Seil im Rucksack, obwohl hier zwar keine heiklen Hänge mehr vorhanden sind, aber gerade in den Nachmittagsstunden eine deutlich erhöhte und erhebliche Spaltenein-bruchsgefahr besteht!

Tourenabbruch Die meisten Alpinisten sind davon überzeugt, dass sie beim Antreffen von nicht beherrschbaren Risiken jederzeit ohne Gram und Scham umkehren könnten und würden. Das reale Verhalten in der Praxis zeigt aber häufig ein ganz anderes Bild. Es müsste den Rahmen dieses Beitrages bei weitem über- Abb. 7 und 8 Handschlingen sind eine sehr gefährliche Art, das Seil zu verkürzen: Bereits ein geringfügiger Ausrutscher eines Partners kann damit kaum in der entscheidenden Anfangsphase aufgefangen werden. Nach der resultierenden Sturzbahn über die ganze Anseildistanz wird die Standfestigkeit der anderen Seilschaftsmitglieder sofort bei weitem überfordert.

Abb. 10 Wenn die elementarsten Kenntnisse der Seilhandhabung fehlen ( hier Anseilen und Seilverkürzung ), enthält auch die Normalroute auf einen Viertausender erhebliche Gefahrenmomente. Zumindest handelt es sich hier nicht um geeignetes Übungsgelände!

schreiten, den Themenkreis ( falsch verstandenes Erfolgsdenken und undifferenzierter Leistungswille im Alpinismus ) ausführlich zu analysieren. Zusammenfassend ist zu vermuten, dass bei alpintechnisch anspruchsvollen Touren die technischen Schwierigkeiten und damit das Erreichen der physischen Leistungsgrenzen eher dazu führen, dass beim Eintreffen von zusätzlichen Problemen auf die Fortsetzung der Tour verzichtet wird. Bei einfachen Touren fehlen aber solche natürlichen Barrieren weitgehend. Gruppendruck und Konkurrenzdenken wie etwa

Folgerungen Grundsatzfragen Die Bedeutung des Seiles Auch im modernen Alpinismus hat das Seil über seinen praktischen Gebrauch hinaus einen symbolischen Charakter erhalten. Allgemein gilt es auch heute noch als Symbol der Sicherheit, Kameradschaft und Verbundenheit. Ebenso markiert der Seilgebrauch im alpinen Verständnis und Sprachgebrauch den Übergang vom zum ( Bergsteigen ) im engeren Sinne. Der Umgang mit dem Seil ist denn auch etwas vom ersten, womit der Anfänger Kontakt erhält, zählt doch die Seilhandhabung zu den Grundlagen jeder ( zünftigen ) bergsteigerischen Tätigkeit. Allein vor diesem Hintergrund betrachtet, ist jeder Unfall, bei dem das verbindende Seil zum verhängnisvollen Multiplikator wird, tragisch und ernüchternd.

Mitreissunfälle als Hauptrisiko im Hoch tourenbereich Noch deutlicher zeigt die Statistik der letzten Jahre, wie solche Ereignisse im Rahmen des gesamten Unfallgeschehens zu gewichten sind: Als selbständige Ursachengruppe betrachtet, müssen diese Unfälle bezüglich Mortalität als eigentliches Hauptrisiko beim Bergsteigen im allgemeinen und bei den Hochtouren im besonderen eingestuft werden ( vgl. Graphik 2 ). Sind Hochtouren demnach wirklich gefährlich? Gemessen daran, dass sich, im Vergleich zu andern Sparten des Bergsteigens, das Unfallgeschehen bei den Hochtouren sehr ungünstig entwickelt hat, muss davon ausgegangen werden, dass die Risiken in diesem Bereich tatsächlich grösser sind.

Sicherheit - ein Abwägen der Risikofaktoren Gerade im hochalpinen Gelände, dessen Begehbarkeit wesentlich von der Witterung und damit von den Verhältnissen abhängig ist, lässt sich Sicherheit nur zum Teil mit Technik und Ausrüstung erzielen: Wird eine Hochtour allzu defensiv auf maximale technische Sicherheit optimiert, erhöhen sich mit dem allzu hohen Zeitbedarf andere Gefahren: Aufgeweichter Firn, Steinschlaggefahr und Gewitterrisiken nehmen im Tagesverlauf stark zu und können damit alle vorherigen Si-cherheitsbemühungen zunichte machen. Das richtige Einschätzen all dieser Faktoren ist nicht einfach und erfordert viel Erfahrung und Routine. Aber selbst damit lässt sich ein Restrisiko nicht vollständig eliminieren.

Graphik 2 Unfallursachen bei Hochtourenunfällen mit tödlichem Ausgang in den Schweizer Alpen von 1984 bis 1990 Fehlerquelle Mensch Mitreissunfälle, bei denen auch sehr erfahrene Alpinisten betroffen werden, wie 1988 am Weisshorn-Nordgrat sowie 1990 am Mönch-Südwestgrat und am Morgenhorn, bestätigen mit aller Härte, wie klein die Fehlertoleranz im hochalpinen Gelände sein kann. Die meisten Mitreissunfälle können aber keinesfalls nur unter dem Aspekt des Restrisikos betrachtet und begründet werden. Wie bereits ausführlich dargestellt, muss mangelnde Erfahrung und Routine, nicht selten unheilvoll verbunden mit einem alles dominierenden Gipfelwunsch, sowie Unkenntnis der elementarsten Regeln der Seilhandhabung und Alpintechnik bei den meisten Mitreissunfällen als eigentlicher Unfallhintergrund bezeichnet werden. Was aber Opfer

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ci Graphik 3 Nationale Identität der Hochtourenopfer bei Mitreissunfällen in den Schweizer Alpen von 1984 bis 1990 sollte und könnte getan werden, um solche Unfälle zu vermeiden? Beim Bergsteigen, wo sich das naturnahe Erleben der Gebirgswelt - glücklicherweise - nicht reglementieren lässt, gibt es keine einfachen Patentrezepte, menschliches Fehlverhalten zu beeinflussen. Ansätze, die zu einer Verbesserung der Situation beitragen könnten, sind dennoch vorhanden und erkennbar.

Praktische Massnahmen Technische Routensicherungen In den Schweizer Alpen, insbesonders im Berner Oberland, haben solche Vorkehrungen bereits eine lange Tradition. Sicherungsstangen und Fixpunkte wie beispielsweise an der Normalroute der Jungfrau und an den Abstiegen vom Eiger und der Blüemlisalp haben die Gefahr von Mitreissunfällen an besonders heiklen Stellen tatsächlich erheblich zu entschärfen vermocht. Als gezielte, punktuelle Massnahme betrachtet, liessen sich solche Eingriffe durchaus noch an einigen Routen realisieren. Grundsätzlich lösen aber lässt sich damit die Problematik der Mitreissunfälle nicht, weil man dazu letztlich jede der klassischen Routen in der Viertausenderregion in eine gigantische

Ausbildung und Information Die Erkenntnis, dass für jede seriöse alpine Tätigkeit eine gute Grundausbildung eine unabdingbare Voraussetzung bildet, ist nicht neu. Alpinverbände, staatliche Institutionen ( in der Schweiz unter Jugend und Sport ) und kommerzielle Bergsteigerschulen unternehmen in diesem Bereich grosse Anstrengungen und stellen ein umfassendes Angebot an Ausbildungskursen zur Verfügung. Dass trotzdem in der Praxis das Verhalten vieler Berggänger gerade auf den alpintechnisch einfachen Hochtouren gravierende Mängel aufweist, hat mehrere Ursachen. Im Vordergrund steht dabei weniger die im allgemeinen gute technische Qualität als vielmehr die praxisbezogene Gewichtung der Ausbildung. So wird nicht selten auch in Grundausbil-dungskursen der Anfänger mit anspruchsvollen Methoden der Alpintechnik überfordert, während die Schulung des sicheren und effizienten Gehens im einfachen Gelände vernachlässigt wird. Ebenso wären auch im modernen Alpinismus ein paar Gedanken zur alpinen Ethik und damit zum respektvollen Umgang mit den Naturgewalten durchaus ein Thema, das auch heute noch zu den Grundlagen der Alpinausbildung gehören sollte.

Aber selbst optimale Ausbildungskurse können erst dann etwas zur Unfallvorbeugung beitragen, wenn sie auch besucht werden. Denn gerade für den Gelegenheitsberg-steiger ist die Versuchung gross, technisch einfache Hochtouren, welche ja vordergründig keine besonderen Anforderungen stellen, nur mit rudimentären Vorkenntnissen und auf eigene Faust zu unternehmen. Geht man davon aus, dass auch solche Berggänger in der Regel nicht Hasardeure sind, sondern die grossen Risiken ihres Tuns nicht kennen oder sie unterschätzen, ist der Information als Mittel zur Unfallvorbeugung eine zentrale Bedeutung beizumessen. Mit der heutigen Mobilität und der Popularität des Bergsteigens weit über die Alpenländer hinaus genügt es jedoch nicht, die Berggänger erst dann auf die Anforderungen und Gefahren ihrer Vorhaben aufmerksam machen zu können, wenn sie ihre Ausrüstung schon gekauft, die lange Anreise hinter sich und den ersehnten Gipfel bereits vor Augen haben. Die Umsetzung solcher Postulate in die Praxis ist sicher nicht einfach und nicht mit kurzfristiger Wirkung realisierbar. Vor dem Hintergrund des heutigen Massenalpinismus werden sich besonders die Alpinverbände mit der Frage zu befassen haben, wie weit sie, über ihren traditionellen Einflussbereich hinaus, ihre wichtige Aufgabe zur Erhaltung und Verbesserung der alpinen Sicherheit wahrnehmen wollen und können.

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