Ski- und Kletterfahrten im Bergell, Frühling 1960

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON WILLI GROB, ZÜRICH

Mit 1 Bild(nS ) Das Bergell ist als Kletterparadies bekannt und so sind in der Saison die Clubhütten stark bevölkert, denn gar viele Kletterer möchten den jungen Granit dieser Berge kennenlernen.

Schon im Frühling kann man dem Bergell die schönsten, kombinierten Touren abgewinnen, wobei man die im Sommer oft recht mühseligen Anstiege über zerrissene Gletscher zu dieser Jahreszeit auf den Ski mühelos hinter sich bringen kann. Die Steilheit der Felsen bietet dem Schnee nicht lange Halt, deshalb sind Ost- und Südkanten im Frühjahr bereits schneefrei.

Will man jedoch nach der Kletterei noch eine schöne Abfahrt geniessen, dann muss man schon zeitig aus den Betten, denn am Nachmittag verwandeln sich die schönen Sulzhänge in zähen Schnee-teig. Der Himmel strahlt unschuldig blau, als wir in Maloja unsere schweren Säcke und Ski aus dem Postwagen zerren. 10 Tage wollen wir im Forno- und Albignabecken klettern und skifahren. Längs der Malojastrasse strecken Krokus und Soldanellen ihre Blüten schon durch das schwindende Weiss und gleichen einem feinen, pastellfarbenen Teppich. Von Maloja bis zur Fornohütte können wir mit den Fellen an den Ski aufsteigen. Meine beiden Freunde, kletterfreudige Holländer, die das erste Mal im Bergell sich auf halten, sind begeistert von diesem schönen und kurzweiligen Hüttenanstieg. Eduard, ein ruhiger, wortkarger Bursche, hat sich in der vorangehenden Woche im Berninagebiet einen Bart wachsen lassen und freut sich nun ob seinem verwilderten Aussehen. Hans ist Wissenschafter, zäh wie Leder, und möchte immer alles wissen.

In der Fornohütte lassen wir 's uns gemütlich sein. Beim Teegelage bringt es Eduard auf drei Worte, « ich han Durscht », und 10 Tassen. Wir geniessen die Ruhe des Abends. Meine zwei Begleiter schauen und staunen über das Schauspiel des Lichts, das die umliegenden Berge mit feurigem Rot übergiesst, um bald dem Violettschwarz der herabsinkenden Nacht zu weichen.

5 Uhr schrillt der Wecker, und wir klopfen uns gegenseitig aus den Decken. Als erste Tour haben wir uns den Südgrat des Monte Rosso vorgenommen. Die Harsteisen kratzen gleichmässig, derweilen die Schatten kürzer werden und die Grate der Torrone Rasica-Gruppe, des Castello bis zum Casnile entflammen. Schöne Namen, die bezaubernd auf mich wirken. Beim Skidepot wechseln wir die schweren Skischuhe gegen Kletterschuhe aus, wobei sich unsere Teeflasche selbständig macht und über die steilen Firnfelder auf den Gletscher schiesst. Eduard schaut den Hans nur mit einem vernichtenden Blick an, so dass mir der ganze Wortschwall im Halse stecken bleibt und keiner ein Wort sagt. Von Westen her steigen wir in den Südgrat ein, über gutgriffige Granitstufen auf die Schneide des Grates. Trotzdem diese Stufen beinahe senkrecht sind, bieten sie einen Überfluss an Griffen in festem, trockenem Granit. Uns der Ausgesetztheit erfreuend, mögen wir laut jauchzen. Über Blöcke und aufgestellte, scharfe Platten folgen wir dem Grat und gelangen zu einer weiteren Steilstufe, die wir, rechtshaltend, über glatte Platten umgehen und so auf den Schneerücken gelangen, der zum Gipfel führt.

An der Cima di Vazzeda donnert eben eine gewaltige Lawine durch die Nordwestwand und bietet uns ein Schauspiel von ergreifender Kraft. Trotzdem der Monte Rosso von den meisten umliegenden Bergen überragt wird, geniessen wir eine umfassende Aussicht. Wir freuen uns an unserem kleinen Berg und der herrlichen, wenn auch nicht langen Kletterei, die er uns geboten hat. Feine Schneekristalle tanzen in der Morgensonne, und der Abfahrt gedenkend machen wir uns auf den Abstieg. Jeder zieht seine eigene Spur in die weiten Hänge. Eduard meinte, die seine sei vollendet, da sie mit einem Punkt endet: er versuchte nämlich, die abtrünnige Teeflasche in der Fahrt aufzufangen, was ihm jedoch erst nach vorangehendem Salto gelang.

Den ganzen Nachmittag folge ich mit den Augen dem Casnile-Ostgrat, den ich letztes Jahr begangen habe, und der eine ansprechende Kletterei bietet. Der normale Sommeranstieg gegen die Fuorcla Riciöl, unter Umgehung der ersten Türme des Ostgrates, erscheint mir im Frühling wegen der Lawinen und des Wassereises, das die Platte bedeckt, nicht geeignet und ein Umweg zu sein. Letztes Jahr stiegen wir gegen den Casnilepass hinauf und gelangten durch ein Schneecouloir, das von einem Eisfall unterbrochen ist, direkt zum Einstieg in den Ostgrat. Angesichts der lauen Nacht müssen wir aber die Begehung Casnile-Ostgrat schweren Herzens aufgeben. Trotzdem der Grat schneefrei zu einer schönen Kletterei einladet, schiessen durch das erwähnte Couloir den ganzen Tag Kaskaden von Schnee, der sich von den Platten ob dem Couloir löst. Da wir gerade eine ausgesprochene Föhnlage haben, könnte der Schnee über Nacht kaum gefrieren.

So brechen wir um 4 Uhr zum Castello auf. Er ist mit seinen 3392 m der höchste der Bergeller Berge. Fritz, ein Freund aus Zürich, ist am Abend zu uns gestossen, und so erreichen wir zu viert in gemütlichem Schritt den Fuss des Couloirs, das die Ostwand des Berges durchreisst. Doch dieses Couloir will erkämpft sein! Immer wieder brechen wir bis zu den Hüften ein, mit Maulwurftechnik arbeiten wir uns Meter um Meter empor. Endlich, eine Altschneezunge erreichend, kommen wir rascher vorwärts und befinden uns bald in den Felsen. Über den Nordgrat, dem wir nun folgen, weht ein eisiger Wind, und der Fels ist mit Graupen überzogen. Es ist gerade 9 Uhr, als wir den Gipfel erreichen. Die Madonna, die von italienischen Bergsteigern auf den Castello gesetzt wurde, schaut in die wogenden Wolken, die sich südlich der Zocca-Zähne und der Rasica-Gruppe ballen. Der Monte della Disgrazia sticht hoch und rein aus den Wolken. Einen besseren Namen hätte man diesem stolzen Berge nicht geben können. Die Sciora-Gruppe mit den jähen Kanten gefallen Hans und Eduard besonders gut. Der viele Schnee, der noch in der Ago-Ostwand liegt, scheint jedoch jede Annäherung auszuschliessen.

Immer wieder bin ich von den Bergeller Bergen begeistert, die, obwohl kein Gipfel höher als 3400 m ist, das Hochalpine prächtig zeigen. Sie waren die liebsten Berge von Christian Klucker, der sie auch grösstenteils erschlossen und die meisten Gipfel erstmals bestiegen hat. Auch ist es wohltuend, dass in diesen Bergen noch wenig « geschlossert » wird. Der feste, junge Granit lässt dies auch nur schwer zu. Am Piz Badile wurde allerdings schon viel gehämmert, doch hat er auch seinen Tribut gefordert.

Der Schnee ist schon recht weich, als wir im Skidepot anlangen. So müssen wir denn kräftig unsere Ski über den Fornogletscher schieben. Als nächster Berg steht der Torrone Orientale auf dem Programm, den ich im letzten Frühling durch die Ostwand bestiegen habe. Der Berg fällt einem durch die eigenartige Form sofort auf. Neben ihm steht die « Kleopatra » ( Ago del Torrone ), eine grazile Felsnadel, an die 100 m hoch. Recht ehrgeizig hat sie schon manchen Verehrer abgewiesen. Leider müssen wir auch von der Ostwand des Torrone Orientale absehen, da in der Nacht das Thermometer wieder nicht unter die Gefriergrenze gesunken ist. Als Entschädigung besteigen wir den Hüttenberg, den Monte del Forno, 3214 m. Bis kurz unter den Gipfel können wir mit den Ski ansteigen und gewinnen dann den Gipfel über einige Felsstufen. Eine herrliche Abfahrt bringt uns gegen Mittag wieder zur Hütte zurück.

Hans hat Mühe, all das Erlebte zu verdauen und schläft nachts schlecht. So entscheiden wir uns, am kommenden Tag über den Passo di Casnile in die Albignahütte hinüberzuwechseln.

Wieder glänzen die Berge in der fahlen Morgensonne. Es ist der 9. Tag, die vorgängigen im Berninagebiet mitgezählt, an dem die Sonne uns leuchtet. Auch ist es nun kälter geworden. Wir kommen so zu einer bezaubernd schönen Abfahrt über den Vadret dal Cantun, der sich von der Cima dal Cantun zum neuen Albignastausee hinunterzieht. Die Albignahütte ist sehr schön, doch einen Schlüssel, um den Sommerraum im Frühjahr benützen zu können, gibt es nicht. Die Sektion muss scheinbar auf bittere Erfahrungen zurückblicken, denn eine Panzertür verschliesst den schönen Eingang. Mit dem Winterraum können wir uns nur schlecht anfreunden.

Als Abschluss unserer Bergelltage wollen wir die nahe Fiamma besteigen und etwas Akrobatik betreiben! So buckeln wir unsere immer noch schweren Säcke über den Staudamm des Albigna-werkes. Die Ski wie auch die Säcke deponieren wir am Ende des Staudammes und steigen zur Fiamma hinauf. Meinen zwei holländischen Freunden wurde es etwas bange, als sie die schlanke Felsflamme vor sich sehen. Schon letztes Jahr habe ich bemerkt, dass der oberste Block der Fiamma abgespalten ist. Wer weiss, schon das nächste Gewitter könnte diese schöne Felsgestalt « enthaupten ». Ohne Seilwurf geht es aber an dieser glatten Nadel nicht. Doch bald gelingt das Manöver, ich steige auf und jauchze hinunter, derweil sich Hans ans Werk macht. Fritz muss unten kräftig ziehen, bis Hans und Eduard die kritische Stelle überwunden haben. Lange darf jedoch keiner auf dem Gipfel verweilen, die Spitze ist so schmal, dass kaum zwei nebeneinander Platz finden. Ende gut, alles gutÜberglücklich werfen wir einen letzten Blick auf die Fiamma, um dann auf dem Hosenboden über die steilen Schneehalden dem Albignasee zuzurutschen. Im Tal verabschieden sich unsere holländischen Kameraden, da ihre Ferienzeit zu Ende ist und sie wieder heimkehren müssen, hinab ins Tiefland ihrer Heimat.

Am nächsten Morgen sind Fritz und ich wieder früh auf den Beinen, um den Piz Bacone über den Südwestgrat zu erklettern. Bevor der letzte Steilhang zur Fuorcla Riciöl führt, schwenken wir links ab und errichten das Skibiwak. Dann klettern wir über eine gutgriffige Wand an markantem Felssporn exponiert zum Südwestgrat empor. Der Granit ist warm, und die Sonne brennt auf unsern Nacken. Doch können wir nicht immer auf dem Grate selbst bleiben, wir müssen ihn nördlich umgehen, wobei wir auf sehr viel Schnee treffen, der lose auf den Platten liegt, über die ich sorgsam gehen 18 Die Alpen - 1961 - Les Alpes217 ) muss, derweil Fritz sichert. Meine Finger sind aufgeweicht und aufgerissen, so dass ich den Schnee meide, wo immer dies möglich ist. Beim letzten Aufschwung, vor dem Gipfel, halten wir uns direkt an die Kante, auf der kein Schnee liegt, die jedoch recht schwierig ist. Ich muss gehörig « schaben », bis ich einen nassen Griff zu fassen bekomme. Ein Haken hätte da nichts geschadet! Fritz kommt schnell nach. Der Anblick des nahen Gipfels ist uns willkommen, denn wir sind müde. Dieser Südwestgrat jedoch bietet ansprechende Kletterei und eine herrliche Rundsicht. Fritz wühlt im Schnee, doch das Gipfelbuch ist nicht zu finden. Das Fornobecken liegt in weichem Dunst gebettet unter uns, die Disgrazia schwebt über dieser Decke stolz und erhaben. Ohne ein Wort zu sprechen, sitzen wir da. Die Touren in den vergangenen Wochen haben uns mürbe gemacht. Plötzlich tauchen die Umrisse der Cima del Largo wie Schemen aus dem dichten Dunst und erinnern uns daran, dass wir ja auch zu ihnen hinüber wollten. Aber wir müssten uns durch tiefen Schnee wühlen, bis wir in die Felsen des Largo kämen. So sind wir bald einig, dass wir diese Gipfel unbestiegen zur Seite lassen müssen. Durch den Südkamin steigen wir ab und, beinahe zuunterst, wo wir über nasse Bänder abseilen, macht Fritz eine unfreiwillige Pendelquerung, wobei es ihn in den Kamin hinein wirft. Glücklicherweise ohne Schaden zu nehmen. Durch tiefen Schnee waten wir dem Skidepot zu. Dann bringt uns eine rassige Abfahrt zur Hütte zurück, wo wir unsern Durst löschen. So ein Schluck Tee in die ausgetrocknete Kehle ist eine Wonne!

Morgen wollen wir zum Ago di Sciora, 3205 m.

Um 4 Uhr brechen wir auf und stolpern in der Dunkelheit dem Albignagletscher zu. Mein Magen spukt etwas, so kommen wir nur langsam vorwärts. Als wir am Ostgrat der Sciora di fuori vorbeikommen, flammen schon die Zoccazähne in den ersten Sonnenstrahlen. Wir steigen zum kleinen Agogletscher hinauf, bis dieser Felsberg fast plötzlich vor uns steht. Unnahbar und gewaltig streben die Granitfluchten empor!

Der Aufstieg führt durch die Ostflanke der Sciora Dadent. Es liegt noch sehr viel Schnee in dieser Wand, die durch Plattenbänder gut gestuft ist. Ein Abstieg durch diese Flanke am Nachmittag wäre gefährlich. So müssen wir über die Nordwand des Ago absteigen. Der Aufstieg über die Südwand des eigentlichen Turmes ist schneefrei. Wir hatten ja nur vor, uns den Ago nur anzusehen. Und dann stiegen wir doch, nahe eines steinschlaggefährlichen Couloirs, bei rötlichen Felsen in die Wand ein. Die Sonne hat schon die ganze Ostflanke des Dadent erfasst, und der Steinschlag lässt nicht lange auf sich warten. Der Schnee beginnt schon weich zu werden. Wir klettern so rasch wir können. In den vergangenen Föhntagen wurde der Schnee dermassen durchweicht, dass das Schmelzwasser über die Platten rinnt und die teilweise noch über 1 m tiefe Schneedecke, die über den Platten liegt, unterhöhlt. Immer wieder fällt sie deshalb mit dumpfem « Wumm » zusammen, wenn wir auf sie treten. Von einem vorstehenden Sporn aus kann ich den oberen Teil der Wand überblicken und erfassen, wieviel Schnee dort oben an der prallen Sonne liegt, bereit einem Wasserfall gleich in die Tiefe zu stürzen. Es könnte auch uns mitreissen. Doch wir steigen weiter und erreichen den Einschnitt zwischen Dadent und Ago-Südwand, wir sichern und hasten, in Schweiss gebadet, aufwärts. Endlich- wir sehen hinüber zum Cengalo und zur Badile-Nordkante. Wir rasten. Kaum haben wir einen Landjäger angebissen, bleibt uns der Brocken im Munde stecken: der Aufstieg, den wir eben hinter uns haben, wird auf einer Breite von 100 m von einer donnernden Lawine überfahren. Eine Weile sind wir still...

Die Felsen der Südwand bieten eine schöne Kletterei, und bald sitzen wir im Reitsitz auf dem Grat, der Ost- und Westgipfel verbindet. Nach kurzer, exponierter Kletterei, an 2 Haken vorbei, gelangen wir zum Gipfel und geben uns die Hände. Ich muss an Christian Klucker denken, der diesen Gipfel auf diesem Wege schon 1893 als erster betreten hat!

Nach mehrmaligem Abseilen gelangen wir durch die Nordwand in das lange Couloir, das zum Agogletscher führt. Der Schnee ist wider Erwarten noch sehr gut, wie er auch in der Nordwand noch hart und firnig lag, da die Sonne hier kaum hinkommt. Einen letzten Blick werfen wir auf den stolzen Ago und fahren dann auf unsern Brettern der Albignahütte zu.

Am folgenden Tage schneit es aus dichtem Nebel. 15 Tage hat uns das Glück gelacht, und die Sonne war gut Freund mit uns. Bärtig und etwas abgemagert, jedoch mit Sonne im Herzen, ziehen wir dem Tale zu, wo schon die Bäume grün werden.

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