Skibilder aus dem Trientgebiet

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Wolfgang Schwab

( Zürich ) Anstieg. Ende Oktober waren wir von Champex durch das liebliche Val d' Arpette und über den Col de la Breyaz heraufgestiegen zur Klubhütte des S.A.C. ob dem grossen, kreisrunden Plateau du Trient. Bei der Ankunft in der Hütte, die uns allein beherbergte, war die Mühe des Aufstiegs vergessen und verflogen.

Mit Ski und Nagelschuh zur Aiguille du Tour. Ihr Doppelgipfel grüsst, jenseits des Plateaus, zum Hüttenfenster herein. Auf den Ski sausen wir ins Plateau. Als unsere Spur an den Aiguilles Dorées vorbeizieht, taucht gleich in der Erinnerung jener goldsprühende Sommertag vor uns auf, als wir im Kamin der Aiguille Javelle steckten und uns zu ihrem kleinen Gipfel empor-wanden.

In grosser Schleife, hart vorbei am Col du Tour, erreichen wir die Ostflanke der Aiguille du Tour. Als der Hang in einer Mulde ans Felsmassiv stösst, versorgen wir die Ski zwischen Felsblöcken. War der Berg von der Hütte aus als stolze Pyramide zu schauen, so erschien er nun als verfallene Ruine; doch täuscht dieser Anblick. Die Pickel zur Hand, klettern wir angeseilt durch eine Rinne und gutgriffige Platten zum Nordgrat, umgehen seinen dicken Gendarm auf einem Band in halber Höhe. Blockwerk leitet uns zum Südgipfel der Aiguille du Tour. Der gabelförmige Gipfelgrat trägt rotbraune Zacken.

Über dem Tal von Chamonix lagert ein dichter, weisser Nebelteppich, aus dem König Mont Blanc als riesige Eisinsel ragt. Als schwarze Türme tauchen die beiden Dru-Gipfel auf, silbern gleisst die Verte.

Nach einstündiger Gipfelrast steigen wir ab, geniessen dann die Wonnen flotter Abfahrt. Frohgemut klopfen wir vor der Hütte den Schnee von den Ski.

Sonnenzauber am Portalet. Eine halbe Stunde nach Verlassen der Hütte stehen wir am Col des Plines, schieben die Bretter unter Granitplatten. Am SKIBILDER AUS DEM TRIENTGEBIET Seile steigen wir über steilen Eishang zum Glacier des Plines ab. Wir queren ihn in grossem Bogen und kommen so gerade an die Südwestflanke des Portalet; sie ist leicht zu erklettern. Der Grat darüber führt uns am Westgipfel vorbei zum Signal des Ostgipfels. Es ist Mittag.

Wunderbar schön erscheint der Mont Dolent. Die goldene Sonne strahlt über einer Berglandschaft, die bei aller Grosse ihrer Formen mit märchenhafter Lieblichkeit umwoben ist. Wir sind Sonnenkinder geworden.

Leichter Windstoss schreckt uns auf; wir müssen absteigen. Als wir den Glacier des Plines queren, liegt er schon im Schatten. Oben am Col legen wir die Ski an und sind im Nu in der Hütte.

Vollmondnacht. Im Grat ob der Hütte sitzen wir auf einem Felszacken, schauen in die Bergwelt des Trientgletschers. Das Mondlicht verleiht der ganzen Hochwelt ein zauberhaftes Antlitz. Die scharfen Schatten des Portalet zeichnen sich auf den hell glänzenden Gletscher. Neben der dunklen Chandelle gleisst ein heller Silberstreif. Die schwarzen Silhouetten der Dorées stechen klar in den blassblauen Nachthimmel, und über der Javelle, dem Kleinod der Gruppe, flimmert ein goldener Stern. Neben der düsteren Tête Biselx leuchtet, gleichsam versöhnend, der Silberpanzer des Col Copt. Die Grande Fourche hebt sich in kühner Form ab. Dämonisch wuchtet die Aiguille Chardonnet mit wildem Zackengrat. Selbstbewusst, doch Sanftheit im Gepräge, türmt sich die doppelgipflige Aiguille du Tour am Ende des Plateaus auf. Um die Symbole der Ewigkeit webt göttliches Schweigen.

Ausklang. Noch geniessen wir die Abfahrt über den Ornygletscher zur Ornyhütte. Dann schultern wir die Ski, schreiten auf gerölligem Pfad gen Orsières. Braunrotgoldene Pracht des Spätherbstes schmückt den Bergwald; leise löst sich Blatt um Blatt und fällt langsam zur Erde. Die Niederung nimmt uns auf.

Feedback