Skidurchquerung von Schwedisch Lappland

VON DETLEF HECKER

Mit 4 Bildern Im Norden von Schweden erstreckt sich in einer Länge von 900 km und einer Breite von 250 km an der Grenze Norwegens bis hinauf nach Finnland Schwedisch-Lappland.

Von vielen Menschen wird dieses Land im Sommer besucht, und die grenzenlosen Wälder, Seen und Hochebenen bieten eine ideale Gelegenheit, sich die Weite und Einsamkeit zu erwandern. Der schwedische Touristenverband ( STF ), der über 200 000 Mitglieder zählt, ist dabei, das Land weitgehend für den Wanderer zu erschliessen. So führt heute schon eine 400 km lange Wanderroute, die Kungsleden, von Ammarnäs bis Abisko. Steine und Markierungen an den Bäumen weisen den rechten Weg, und Schutzhütten des STF, besonders im Norden der Route, bieten Koch- und Schlafgelegenheit. Doch nur 4 Monate dauert der Sommer, dann hält der lange Polarwinter seinen Einzug, und verlassen und tief verschneit liegt das weite Land.

Einmal eine lange Wanderung auf Ski durchzuführen war unser Wunsch und Ziel, als wir zur ersten Skidurchquerung von Schwedisch-Lappland starteten, die von Nicht-Schweden durchgeführt wurde. N. Hausegger, aus Graz, war der Leiter des Unternehmens, R. Köhler, aus Schliersee, und ich seine beiden Begleiter.

Nach langen und sorgfältigen Vorbereitungen brachen wir am 9. März 1955 von Borgafjäll an der Südgrenze Lapplands auf. Drei Tage und zwei Nächte waren wir von Köln mit der Eisenbahn gefahren, über 2000 km.

Von Dr. Rossipal, einem gebürtigen Österreicher, Vorsitzender im Schwedischen Touristenverband und Mitgründer des Schwedischen Alpenklubs, waren wir in Stockholm herzlich aufgenommen worden; er hatte uns bei den letzten Vorbereitungen tatkräftig geholfen. Von ihm hatten wir auch unseren Pulka, einen Schlitten, der einem Rettungsschlitten ähnlich ist, auf dem wir die Verpflegung für 14 Tage und die übrige Ausrüstung verstauten, etwas über 50 kg. Jeder Teilnehmer trug einen Rucksack mit 20 kg Gewicht. Einen Teil der Verpflegung, in der Hauptsache Fleischkonserven, hatten wir von Stockholm aus nach Jäkkvik und Kvikkjokk vorausgeschickt. Diese Pakete wurden alle befördert, teils sogar mit Hubschraubern.

Der erste Tag war ein Sonnentag. 25° C zeigte das Thermometer, die Durchschnittstemperatur, die wir auf der ganzen Fahrt hatten. Die innere Spannung und das Neue liessen uns die Mühen vergessen, die wir zunächst hatten. Das erste Problem war das richtige Wachsen der Ski. Wir hatten keine Felle mit, sondern gingen ausschliesslich mit Steig- und Gleitwachsen. Die richtige Anwendung der verschiedenen Wachse erfordert eine längere Erfahrung, die wir dann auch mit der Zeit erwarben. Mit dem Pulka wechselten wir jede halbe Stunde ab, bei Steigungen im Gelände mussten wir ihn zu zweit, stellenweise sogar zu dritt ziehen.

Die erste Nacht verbringen wir innerhalb der Baumgrenze, die bei 700 m liegt. Unter zwei mächtigen Kiefern können wir uns ein ordentliches Biwak bauen. Aus Zweigen wird eine Höhle gemacht und mit Schnee abgedeckt, denn nachts sinkt die Temperatur unter — 35° C. In unserer Höhle haben wir — 10° C, aber dank unserer warmen Dralonbekleidung und den Schlafsäcken haben wir niemals gefroren.

Doch das Wetter in Lappland ist sehr unbeständig, und oft schlägt die Temperatur innerhalb weniger Stunden gewaltig um.

Als wir am nächsten Tag auf einer Hochebene von einem Wettersturz überrascht werden, steigt Lappland das Thermometer von — 30° C plötzlich auf 0° C an, und der nasse Schnee dringt langsam durch die Kleider bis auf die Haut. Der Sturm nimmt mehr und mehr zu und wird zu einem Orkan. Den Wind im Rücken versuchen wir, die Waldgrenze zu erreichen. Doch als wir nach zwei Stunden durch und durch nass sind, und jede Orientierung verloren haben, bleibt uns keine andere Wahl mehr, als uns an Ort und Stelle einzugraben. Einen halben Meter unter der Schneeoberfläche graben wir eine Höhle aus, 2/3 m gross und 1 m tief. Jeder beschäftigt sich so gut er kann, um in den nassen Kleidern warm zu bleiben, denn krank werden darf keiner von uns. Nach drei Stunden haben wir unseren Iglu fertig, und während wir im Innern die Kleider wechseln, weht der Wind den Eingang zu. Mit einem Skistock sorgen wir für die nötige Frischluftzufuhr. Von dem Sturm, der über uns tobt, hören wir nichts mehr, nur der Benzinkocher surrt sein gleichtönendes Lied. Er schenkt uns den warmen Tee, wie so oft in den Alpen auch hier das schönste und köstlichste Getränk. Durch die ½ m dicke Decke dringt soviel Licht, dass wir sogar noch lesen können. In der Nacht brennt eine Kerze, die uns warnen soll, wenn der Sauerstoff ausgeht Der Sturm, der mit einer Geschwindigkeit von über 150 km/h über uns hinwegbraust, hält auch den nächsten Tag über noch an, und wir müssen abwarten. So schnell aber wie er kam, so schnell verschwindet er auch wieder, und am Morgen des dritten Tages lacht die Sonne wieder, und wir verlassen unseren schon recht gemütlich gewordenen Iglu.

Die ersten Tage stellen uns so vor alle erdenklichen Situationen, sie werden entscheidend für den weiteren Verlauf des Unternehmens.

Unser Tag beginnt um 6 Uhr. Wir schlüpfen aus den Schlafsäcken und ziehen die Schuhe an, die wir Nachts mit im Schlafsack haben. Die Kleider behalten wir immer an. Zum Frühstück gibt es heissen Tee und eine Büchse Wurst, die wir auch noch aus dem Schlafsack fördern, und etwas Keks oder Knäckebrot. Nachdem der Pulka gepackt ist, ziehen wir los und gehen acht bis zehn Stunden ohne eine Pause. Dadurch bleibt der Körper warm und die Muskulatur in flüssiger Bewegung. Gegen 4 Uhr nachmittags bauen wir unseren Iglu für die Nacht, und erst danach gibt es eine warme Mahlzeit, die in der Hauptsache aus Fett und Fleisch besteht.

Nicht jeden Abend müssen wir einen Iglu bauen, denn vereinzelt stossen wir auf einen einsamen Bauernhof, der von schwedischen Bauern oder sesshaft gewordenen Lappen bewohnt ist. Acht Monate sind diese Leute nur telephonisch mit der Aussenwelt verbunden; sie können im Notfall einen Hubschrauber anfordern. Gastfreundlich und hilfsbereit sind diese Menschen, immer und überall haben sie uns herzlich aufgenommen. Bei ihnen gilt die Tat, nicht das Wort.

Nach drei Wochen Wanderschaft durch die Weite und Einsamkeit überschreiten wir den Polarkreis, und treffen zwei Tage später in Kvikkjokk ein, der grössten Siedlung auf unserer Route. 200 Menschen leben hier unter der Obhut von Bengt Widstrand, der gleichzeitig der Lehrer des Ortes ist. Froh begrüsst er uns, er hatte von unserm Kommen gehört, und lädt uns gleich in seine Sauna ein. Sie wird uns ein unvergessliches Erlebnis bleiben. Aus dem 80° C warmen Innenraum springen wir hinaus in den Schnee —20° C. Nur für starke Herzen zu empfehlen! Wir spüren leichte Kopfschmerzen, die aber nach kurzer Ruhe verschwinden, und dann fühlen wir uns wie neugeboren.

Besonderer Eindruck machte der Schulunterricht auf uns. In der Musikstunde z.B. spielte Bengt seinen Kindern von Schallplatten Beethoven und Schubert, und es war eine Freude zu sehen, wie die Kinder diese Musik liebten und verstanden. Es gibt noch keinen elektrischen Strom in Kvikkjokk, also auch kein Radio. Der Turnunterricht bestand natürlich aus Skilaufen. In zweijähriger Sommerarbeit hatten Lehrer und Kinder eine Piste durch den nahen Wald geschlagen, und sich sogar eine eigene Sprungschanze gebaut.

Wir gönnten uns zwei Rasttage, denn vor uns lag der Sarek, der gebirgig schönste Teil Schwedens, und für uns zugleich der schwierigste Teil unseres Unternehmens.

Durch Rapadalen, eine enge Gebirgsschlucht, ziehen wir in den Sarek zum Fusse des Sarek-tjakkos, des zweithöchsten Gipfels von Schweden. Seine Besteigung war eines unserer Ziele. Zwei Tage gehen wir im dichten Nebel und Schneetreiben, und als wir am späten Abend glücklich das Ende der Schlucht erreichen, haben wir noch keinen Berg des Sarek gesehen. Unsere ganze Hoffnung auf eine Besteigung des Sarektjakkos legen wir in eine Wetterbesserung für den nächsten Tag, den Karfreitag 1955.

Unsere Hoffnung wurde nicht enttäuscht, und der nächste Tag sollte der schönste des ganzen Unternehmens werden.

Strahlend blauer Himmel, als wir in der Frühe aufbrechen. Nur die notwendigsten Biwaksachen und die Kameras haben wir im Rucksack, alles übrige bleibt im Iglu bei dem Pulka liegen. Zum erstenmal sehen wir die Berge des Sarek, und nicht ganz zu Unrecht nennen die Schweden dieses Gebirge den « schwedischen Himalaya ».

Gegen Mittag erreichen wir einen 1500 m hohen Sattel, von dem wir zum erstenmal den Gipfel sehen. Wir müssen auf einen Gletscher abfahren und steigen dann in einem äussert lawinengefährlichen Hang zum Gipfelgrat. Ski und Rucksäcke deponieren wir 200 m unterhalb des Grates nur die Kameras nehmen wir mit. Am Grat empfängt uns ein eisiger, orkanartiger Sturm. Zunächst kommen wir auf der windgeschützten Seite des Grates, der keine wesentliche Schwierigkeiten bietet, gut weiter. Die letzten 100 m müssen wir auf dem Grat selber weitersteigen, und nur Schritt für Schritt kommen wir, gestützt auf unsere Skistöcke, dem Gipfel näher. Um 14 Uhr 30 stehen wir auf dem höchsten Punkt. 2098 m hoch. Wir glauben auf einem Sechs- oder Siebentausender zu stehen.

Ein strahlend blauer Himmel macht uns dieses Gipfelerreichen zu dem höchsten und schönsten Augenblick unseres Unternehmens. Schweigend stehen wir und schauen die Berge des Sarek, deren eigenartige und verschiedene Formen das markante Merkmal dieses Gebirges sind. Wir schauen die Weite, die uns nun schon fünf Wochen gefangen hält, und danken unserem Schöpfer.

Eine herrliche Abfahrt durch guten Pulverschnee beendet diesen Tag.

Der nächste Tag, an dem wir 50 km bis nach Suorva gehen, schliesst mit zwei spannenden Erlebnissen.

Das erste erleben wir am Abend, kurz vor Suorva. Der Ort selbst liegt an einem See und ist bekannt wegen seines Staudammes. Wir befinden uns schon etwa 200 m auf dem See, der in der Mitte vom Wind schneefrei gefegt ist, als wir bemerken, dass wir uns auf einer freischwebenden Eisdecke befinden. Tausende von Rissen lassen die Stärke des Eises erkennen, die stellenweise nur 10 cm beträgt. 2 km gehen wir über diese Eisdecke, die jeden Augenblick einstürzen kann. Als wir das Haus des Dammwächters, der den ganzen Winter über in Suorva bleibt, erreichen, hören wir von ihm, dass der Abstand zwischen Wasser und Eisdecke 3 m beträgt.

Nun, es war gut gegangen! Und das zweite Ereignis liess uns den Schreck bald vergessen. Wir erlebten an diesem Abend ein Nordlicht, wie wir es noch nie gesehen hatten und auch später nie mehr sahen. Stundenlang wechselten die Lichter am nächtlichen Himmel, ein grossartiges Naturschauspiel.

Vier Tage später stehen wir auf dem höchsten Gipfel Schwedens, dem 2125 m hohen Kebnekaise. Dieses Gebiet ist auch im Sommer sehr viel besucht, hier liegt die Schule der schwedischen Bergsteiger. Viele dieser Wände und Grate um Kebnekaise sind noch unbestiegen und werden noch manchen Bergsteiger aus dem Süden nach dem Norden zu ziehen vermögen.

Drei Tage noch gehen wir auf der Kungsleden bis Abisko, dem Ziel unseres Unternehmens.

720 km haben wir zurückgelegt in der grossen Einsamkeit der nordischen Landschaft. Doch wir werden nicht aufhören, jenes alte Fahrtenlied zu singen, dessen Worte über dem ganzen Unternehmen standen: « Die Weite, die grenzenlos in sich das Leben verschliesst, ist unsere Sehnsucht, die nie sich erfüllt. » 4 Die Alpen - 1957 - Les Alpes49

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