Skifahrten im Nationalpark

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Wir sehen also, wie bescheidene Gelehrte auf hohen und höchsten Punkten der Alpen, bei öfters sehr primitiver Unterkunft, verzichtend auf die Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten des täglichen Lebens, Monate und Jahre an der wissenschaftlichen Erforschung des Alpenklimas arbeiten und damit auch dem Wohle der Menschheit dienen. Es ist dies eine freudige Erscheinung in einer Zeit, wo sogar das edle Bergsteigen auszuarten droht und ähnliches sich auch beim Skilauf zeigt.

Skifahrten im Nationalpark.

Mit 4 Bildern.Von Willi Keller.

Pulverschnee, unberührtes Gelände, einsame Gipfel und schneidige Abfahrten, das sei sein Herzenswunsch, schrieb mir der Freund. Komm in den Nationalpark, da gehen alle deine Wünsche in Erfüllung, war meine Antwort. Der Entschluss war bald gefasst, und so durften wir einige unvergesslicheTage in jenen einsamen Bergen erleben.

Munt Buffalora 2629 m und Piz d' Aint 2970 m.

In Buffalora am Ofenpass trafen wir uns. Um uns ein wenig orientieren zu können, galt unser erster Lauf dem Munt Buffalora. Gleich beim Wegerhaus zweigten wir ab und stiegen hinauf zur Alp Buffalora. In der kurzen Waldschneise kreuzte ein aufgescheuchter Schneehase unseren Weg. In gut zwei Stunden erreichten wir das Ziel. Prächtig ist der Blick auf die nahen, wilden Berge des Livigno. Sicher gäbe es da noch manche interessante Winterbesteigung zu machen.

Im Nu waren wir wieder unten bei den Hütten von Marangun. Lange rasteten wir an der warmen Sonne und genossen die wohltuende Stille, östlich gegenüber leuchteten die grossen, unberührten Hänge des Piz d' Aint.

Dieser Berg war unser nächstes Ziel. Gemütlich bummelnd, zogen wir unsere Spur durch die Hänge der Südwestflanke. Auf ca. 2700 m Höhe erreichten wir den Nordwestgrat, dem wir bis zum Gipfel folgten. Bis zum Signal schoben wir unsere Bretter. Nur zweieinhalb Stunden hatte der Aufstieg gedauert. Eine ganz grossartige Gwächte schmückte den Gipfel.

Wir waren freudig überrascht von der Aussicht. Direkt unter uns das Münstertal, dann das schon frühlingsgrüne Land an der Etsch, rechts davon ganz nahe der Ortler, dann ein Gipfel am andern bis zum Bernina; als Gegensatz zu diesen weissen Biesen die Unterengadiner Dolomiten.

Spät am Nachmittage zogen wir zu Tal, diesmal über die Nordflanke direkt zum Ofenpass. Erst über den Nordwestgrat, dann ein Sprung über die Gwächte, Steilhänge und Mulden bildeten den Schluss, also gerade das, was sich ein Skifahrerherz wünschen kann.

Piz Vallatscha 3023 m.

Am nächsten Morgen nahmen wir Abschied von unserem gemütlichen Gastwirt auf Gusomgive. Tüchtig schwitzend, nicht nur wegen der Sonne, sondern auch vom guten Veltliner des gestrigen Abends, stiegen wir über steile Hänge direkt hinauf zum Munt della Bescha. Eine kurze Abfahrt trug uns in die kleine Val bella. Eine einsame Gegend, nirgends eine Spur, nur drüben auf einem Grat ein paar Gemsen. Verwundert schauten uns die Tiere zu, wie wir unsere Zickzackspur in der Südflanke des Vallatscha anlegten. Dann eine kurze Kletterei, und nach viereinhalb Stunden langten wir auf dem Gipfel an. Eine eigenartige Bergwelt da oben: auf der einen Seite zerrissene Grate und steile Felswände, auf der anderen sanfte Hänge und grosse Alpen, ein wahres Skifahrerparadies.

Die Abfahrt nach der Alp Astras ist etwas ganz Feines. Zuerst ein zünftiger Steilhang, dann wechselten lange Schussfahrten mit einigen kurzen Slaloms ab. Dazu hatten wir feinen Pulverschnee im — April. Bei der Skihütte Astras schauten wir nochmals voller Glück und Stolz hinauf zu dem schönen Berg.

Was nun folgte, war ein herrlicher Bummel, denn den berühmten Arvenwald von Tamangur durften wir uns nicht entgehen lassen. Alles Schöne scheint da vereint zu sein: das reine Weiss, die dunklen Arven, die wilden Zacken der Murteragruppe und über alledem der tiefblaue Himmel. Feierlich ward uns ums Herz.

Jetzt fuhren wir gemächlich das Scarltal hinaus. Nur einem einzigen Menschen begegneten wir, einem sonneverbrannten Grenzwächter. Im Turistenheim zu Scarl klang der Abend gemütlich aus.

Mot TavTÜ 2436 m und Mot del Gaier 2811 m.

Auf unserer nächsten Fahrt wollten wir einmal dem Wilde nachgehen, denn davon hatten wir noch wenig gesehen. So stiegen wir denn durch die Val Tavrü auf den Mot. Mächtige Arven säumten den Weg, am stärksten aber wirkte der Talabschluss, der formenschöne Piz Tavrü.

Bald entdeckte ich drüben am Mot Foraz ein Rudel von 23 Gemsen. Es schien uns fast unmöglich, dass diese Tiere überhaupt noch Nahrung fanden. Zum Mittagessen waren wir wieder in Scarl.

Der Nachmittag gehörte dem Mot del Gaier. An der Alp Schambrina vorbei stiegen wir durchs Vallicun in drei Stunden hinauf bis kurz unter den Gipfel. Beim Betreten des Grates ertönte in nächster Nähe ein Pfiff und — ein Rudel Gemsen rannte in tollen Sprüngen hinab in die Val Tavrü. Der Heimweg war eine regelrechte Hetzjagd. Kein Rucksack und feiner Schnee, gerade gut, um wieder einmal austoben zu können, wenn man so sagen darf.

Piz Sesvenna 3207 m.

Obwohl er nicht im Nationalpark steht, durften wir ihn doch nicht beiseite lassen, ich hatte meinem Freund schon zu viel erzählt von diesem schönen Skiberg.

Die Alpen — 1939 — Les Alpes.12 Leicht ist der Aufstieg durch das Sesvennatal und über den Gletscher bis zum Sattel im Ostgrat. Kurzweilig war die Fusswanderung über diesen Grat, und an packenden Tiefblicken auf die weissen Weidfluren von Scarl fehlte es wahrlich nicht.

Eine selten schöne Aussicht war der Lohn für den Aufstieg. Von der Zugspitze bis zum Bernina, von den Dolomiten bis zum Tödi ein unendliches Meer von Gipfeln. Manch bekannter Geselle tauchte da auf und mit ihm die Erinnerung an bestes Bergerlebnis.

Auf die Abfahrt freuten wir uns mächtig. Sie ward wirklich ein Hochgenuss. Alles konnten wir haben, lange Schussfahrten und scharfes Schwingen im steilen Walde. Fünf Stunden Aufstieg und nur ein Halbstündlein für die Abfahrt. Wir waren völlig befriedigt.

Piz Zuort 3122 m.

Mein Freund musste wieder heim. Am letzten Tage fuhren wir bei etwas bewölktem Himmel hinaus bis Punt Mingèr.

Von Mingèr dadora, wo drei Täler sich vereinen, gelangten wir, zuerst durch dichtes Krummholz, dann durch ein steiles Tobel hinan auf Stabel della Crappa, ein steiles Hochtälchen. Übrigens ein wahres Gemsparadies, etwa 70 Stück konnten wir oft sehr nahe beobachten. Der letzte Steilhang zur Fuorcla Zuort gab uns zu schaffen. Die obersten 100 Meter erledigten wir zu Fuss, eine arge Schinderei bei dem vielen Schnee.

Endlich gewannen wir den Sattel und damit den Zuortgletscher. Erstaunlich wild und abweisend sind diese Unterengadiner Dolomiten. Inzwischen hatten sich die Gipfel immer dichter in Wolken gehüllt, daher verspürten wir keine Lust, das jähe Schlusscouloir zum Piz Zuort anzugehen. Dafür entschädigte uns die Abfahrt nach Tarasp vollkommen. Für Anfänger ist sie zwar nicht geeignet. In vielen Schwüngen legten wir den steilen Zuortgletscher hinter uns. Die Legföhren im untersten Teile des Tales waren noch tief verschneit, und so kamen wir flott voran. Schon erblickten wir das Schloss Tarasp und waren im Unterengadin.

Auf dem Kreuzberg nahmen wir Abschied voneinander. Ich musste wieder zurück nach Scarl. Von mancher Fahrt wüsste ich noch zu erzählen, habe ich doch zwei Winter in dieser einsamen Bergwelt zugebracht. Wer die Allerweltspisten meiden will und die grosse weisse Stille allem mondänen Skizauber vorzieht, der gehe nach Scarl.

Feedback