Skihochtour... Biancograt

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Walter Fischer

Mit 1 Bild. ( 5Ennetbaden ) Dies war eine besonders herrliche Zutat zum Programm der diesjährigen Skitourenwoche unserer Sektion! Oder sollte es vermessen sein, den Ruhetag als Krönung unserer Fahrten und Besteigungen im Bernina-Roseg-Gebiet zu gestalten?

Hinter uns lag eine Reihe prächtiger Tage anfangs April, begonnen mit dem Piz Bernina über den Spallagrat von der Bovalhütte aus. An den nächsten Tagen kreisten wir rings um diesen Bündner Riesen: Traversierung der Palü-Gipfel mit Aufstieg durchs Loch und Abfahrt über den Persgletscher — eine Hochgebirgswanderung im wahren Sinne des Wortes; beim Übergang von der Bovalhütte über die Fuorcla da Boval zur Tschiervahütte führte uns der Abstecher zum Piz Morteratsch derart nahe an den Biancograt heran, dass wir schon anfingen, uns mit dessen Einzelheiten in Gedanken und Worten zu beschäftigen; doch folgten wir getreulich dem Programm und rückten dem Piz Roseg über den Eselsgrat auf den Leib, und nach der Fahrt zum Piz Chapütschin lag wirklich noch ein Tag zur freien Verfügung vor uns.

Ins Tschiervagebiet kamen Dämmerung und Nacht hereingeschlichen. Weiche Lichtstreifen des aufsteigenden Mondes wanderten über die Schnee-und Gletscherhänge am Scerscen und Roseg — aber am Bianco liess glitzernder Mondreflex den Grat stellenweise hell aufleuchten. Unverwandt zielten unsere Blicke hinauf. Wieder durften wir auf einen Sonnentag hoffen, verkündeten es doch die unzähligen Sterne über allen Gipfeln ringsum am ungetrübten Himmel. Es gab nur eine kurze Beratung. Gute Wetter- und Schneeverhältnisse, ausgezeichnetes Training, eingespielte Seilpartien... unser Plan lag fest: Auf- und Abstieg über den Biancograt mit dem bewährten Bergführer Johannes Götte. Schnell waren Steigeisen, Pickel, Seile und Proviant in den Rucksäcken, und dann gab 's beizeiten Ruhe.

Beim Morgengrauen schritten wir gemächlich in der Moränenmulde aufwärts, dem Tschiervagletscher entlang, bis wir am Südwestfuss des Piz Morteratsch die Ski mit den Steigeisen vertauschen mussten, um, am Rand des Gletscherabbruches aufsteigend, den obern Gletscherboden zu erreichen. Gerne stapften wir wieder auf den Ski weiter über harten Schnee zum Steilfirn bei der Fuorcla Prievlusa. Wir liessen die Bretter zurück und überwanden in halbstündigem Aufstieg über Firn und Eis die Steilrampe zum Sattel.

Noch waren wir nicht am Biancograt, galt es doch vorerst die Prievlus-felsen zu überklettern. Darum packten wir gleich an — aber Eile mit Weile—. Schnee und Eis zwischen den Felsen geboten behutsames Gehen ohne Steigeisen. Nur wenn wir auf die Ostseite wechselten, huschten wir behende über die sonnigwarmen Granitflanken und -blocke hinauf. Unversehens wichen die Felsen. Vor uns windet sich in wechselvoller Linie der gewaltige Grat von Eis und Schnee hinauf ins Blau des Himmels. Ein packender Anblick!

Wir ruhen aus, sammeln Kräfte und staunen in Betrachtungen versunken zu der eigenartigen Erscheinung in der Gebirgswelt, zum Gratgletscher nördlich des Pizzo Bianco hinauf. Es gilt! Erst betreten wir Obier ein Schneegrätchen nachgiebigen Firn, setzen bald unsere Steigeisenspitzen knirschend in harten Windharsch am Hang ein, gewinnen über leichtere Partien rasch an Höhe, und schon sitzen wir nach dem ersten Drittel in der steilsten Gratstelle auf Blankeis fest. Mit jedem Pickelschlag flammt im Gegenlicht der Sonne ein silberglänzender Sprühregen auf, und Eisschollen poltern in hohen Sprüngen das Firndach hinab, um sausend in der gähnenden Tiefe zu verschwinden. Lange währt die zeitraubende Hackarbeit des Führers, und wo der Grat etwas über der Mitte einige Dutzend Meter horizontal verläuft, scheint sie erst recht nicht enden zu wollen. Von der scharfen Kante fällt nach rechts eine Steilflanke aus Blankeis und nach links eine solche aus weichem Firnschnee zur Tiefe; da helfen nur tüchtig eingehauene Tritte darüber hinweg. Endlich gibt 's wieder Bewegung. Nur einmal noch reisst der Pickel an der Bruchstelle im obern Drittel des Grates einen Weg ins Eis. Und bald stehen wir beglückt auf dem Pizzo Bianco... grüssen über der Scharte den Piz Bernina, dem sechs Tage vorher unser Besuch gegolten hat, und beschauen von hoher Warte aus alle unsere Wege und Ziele der vergangenen Woche.

Im Abstieg schreiten wir drei Zweier-Seilschaften dicht aufgeschlossen die sorgfältig angelegte Spur hinab. Mit höchster Konzentration meistert jeder seine Bewegungen und beobachtet zugleich die des Seilgefährten, und in atemloser Stille balanciert die Kolonne vorsichtig über die exponierten Gratstellen. Viel schneller als am Morgen sind die Felsen zur Fuorcla Prievlusa überklettert. Auch das Skidepot ist bald erreicht. Etwas Schöneres lässt sich jetzt für unsere beschwingten Bergsteigerherzen nicht denken als dieanschlies-sende Skifahrt im Frühlingssulz! Vorerst gleiten wir in vorsichtigem Lauf bis unterhalb der Abbruche am Seil und von da weg in geniesserischen Schwüngen zur Tschiervahütte. Ein Bergtag war 's, ein selten tiefes Erlebnis I

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