Skilauf jenseits der Scheidewege

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( Wiesbaden ) Düstere Parolen geistern durch den Winter. « Wir stehen am Grabe des alpinen, touristischen Skilaufs! », erklang es vor wenigen Jahren, hören wir noch heute. « Die Krise des 1 Wir entnehmen diesen lesenswerten Aufsatz der Zeitschrift « Der Winter », 15. Oktober 1955, Heft 1, Jahrgang 43, Bergverlag Rudolf Rother, München 19.

Skilaufs » ist zum Thema internationaler Tagungen geworden. Während sich die Pessimisten mit Grabgesängen ( untermischt mit dem Lob der guten alten Zeit ) begnügen, sinnen die Optimisten auf Behebung der Krise. Die Radikalen unter ihnen möchten am liebsten, läge es in ihrer Hand, zur Amputation schreiten, wobei freilich die Meinungen auseinandergehen, wo das Messer anzusetzen wäre, beim Wettkampf, beim Pistenlauf oder beim « Transportskilauf ». Die milder Gesonnenen suchen die Heilung darin, Renn-, Pisten- und Tourenläufer « innerlich einander näher zu bringen ».

In Wahrheit gibt es keine Krise des Skilaufs! Gehen wir doch der Sache einmal nüchtern auf den Grund. Was ist denn der Skilauf seinem Wesen nach? Nichts anderes als eine gleitende Fortbewegung mit künstlich verlängertem Fusswerk. Man braucht dazu Bretter, die besonders zugeschnitten und hergerichtet sind. Ob man als Gleitfläche Schnee zum Skilauf benötigt, ist eine andere Frage. Jedenfalls hat die Erfahrung gelehrt, dass es ohne Schnee geht. Dünensand, kurzer Rasen, Soda und andere chemische Substanzen, Strohmatten, Teppiche, Fichtennadeln, ja Bürsten tun 's auch! Aber lassen wir die mehr kurzweiligen Skikünste auf solchem Ersatz ausser Betracht und bleiben beim naturgewachsenen Schnee, der - wie das Schönste in unserem irdischen Dasein - leider so vergänglich ist.

Was uns heute als « Krise des Skilaufs » erscheint, ist nichts als unsere verspätete Erkenntnis, dass der Mensch das Fortbewegungsmittel Ski zur Befriedigung recht verschiedener praktischer und seelischer Bedürfnisse eingesetzt hat. Und zwar von Anfang an. Eine geschichtliche Erinnerung: Ein Arzt war es, der den norwegischen Schneeschuh im Schwarzwald einführte, um seine Kranken auf entlegenen, tiefverschneiten Wegen besuchen zu können. Von der beruflichen Nutzung führte im Schwarzwald die Entwicklung rasch zum Skilauf « aus Liebhaberei » und 1891/92 in Todtnau zur Gründung des ersten deutschen Skiklubs. Anderswo zeichneten sich ähnlich die ersten Scheidewege ab. Zu den ersten, die sich auf ihren Dienstgängen im winterlichen Gebirge der Bretter als Dienstgerät bedienten, gehörten die Briefträger. Einer von ihnen belegte zur allgemeinen Überraschung hinter den erfahrenen norwegischen Teilnehmern den vierten Platz beim « Distanzlaufen » am 9. Januar 1894 in Mürzzuschlag. Dort hatte bereits im Vorjahr das erste « Internationale Skiwettlaufen » stattgefunden. Doch wie eng war damals noch der Wettkampf mit dem touristischen Skilauf verbunden. Niemand ahnte, wie weit die Wege einmal auseinanderführen würden. Ursprünglich war es nur ein Spiel, das Messen der Kräfte, zugleich und vor allem ein Mittel, sich für den Geländelauf zu vervollkommnen. Aus dem Spiel ist bitterer Ernst geworden. Der Skiwettkampf ist zum spezialisierten Leistungssport geworden, dessen Kennzeichen, wie bei anderen Sportarten, die Rangliste der Sieger ist. Der tiefere Grund dieser Wendung liegt darin, dass der Antrieb des Ehrgeizes, der zunächst nur am Rande mitwirkte, bewusst oder unbewusst mehr und mehr einen Teil der Skiläufer, und zwar die leistungsmässig Besten, dem Wettkampf zuführte. Ehrgeiz, in einer der Sparten des Skilaufs als der Beste oder wenigstens als einer der Besten verzeichnet zu werden, ist die treibende Kraft, Anerkennung der äussere, Genugtuung über das eigene Leistungsvermögen der innere Gewinn. Wer diesen Weg im Skilauf geht, muss Opfer bringen - selbst die Freude des reinen Skilaufs wird als « Konditionstraining » zur ernsten Pflicht. Eines gilt hier genau so wie bei schneefremden Sportarten: Rekordleistungen werden bald überholt; ebenso schnell versinken die Namen auch der grossen Sieger im Meer der Vergessenheit. Dass der Skiwettkampf von Anfang an und bis heute in hohem Mass sowohl das Können wie die Ausrüstung in der Breite des Skilaufs vorangetrieben hat, bleibt sein unbestreitbares Verdienst. Ob aber für den einzelnen der Gewinn des Einsatzes wert war, hat jeder Wettkämpfer am Ende seiner Bahn selbst zu entscheiden.

« Ein Volk läuft Ski! » - ein Schlagwort ist Wirklichkeit geworden. Nicht die verhältnismässig kleine Kaste der Wettkämpfer beherrscht das Bild des Skilaufs von heute, sondern die Masse, die dem winterlichen Gebirge und seinen Sportplätzen zustrebt. Was treibt sie dorthin? Wohin führt sie der Weg? Auch sie, die Massen, die die Endstationen der Verkehrsmittel an Wintersonntagen als einen langsam vorrückenden Wald von Skis erscheinen lassen, haben kein gemeinsames Ziel. Welchen der Scheidewege der einzelne einschlägt, bestimmt allein, welche äusseren oder inneren Bedürfnisse er zu befriedigen sucht. Nicht wenige begnügen sich mit dem kurzen Weg zum Skihotel und seiner unmittelbaren Umgebung. Sie bringen das Opfer, sich hier und da auf die tückischen Bretter zu stellen, weil Wintersport nun heute mal zum guten Ton gehört. Wesentlich bleibt für sie das modische und gesellschaftliche Drum und Dran, das « après » des Skilaufs. Männern, die in erster Linie erotische Abenteuer suchen, stehen die « Skikaninchen » gegenüber ( von den echten Skihaserl wohl zu unterscheiden ). Die Anspruchsvollen unter ihnen treibt der Wunsch, in den weissen Jagdgefilden fürs Leben erbeutet zu werden, zu ihren Fortbewegungsversuchen auf dem Schnee. Andere wieder begnügen sich damit, nach Hasenart durch Hakenschlagen und ähnliche Manöver die Liebhaber solcher Jagd in Atem zu halten. Der Vollzähligkeit halber seien die noch erwähnt, die sich ausschliesslich zur gesundheitlichen Erholung in den Berghotels einfinden, wobei leicht die gewaltsam herbeigeführte Bräunung der Haut mit tiefreichender Erholung verwechselt wird. Um gerecht zu sein: so manche, die zunächst nur einer Zeitmode oder einer Laune folgten, verfielen für die Zeit ihres Lebens der wahren Herrlichkeit des Skilaufs.

Was aber ist die wahre Herrlichkeit des Skilaufs? Das gerade ist die Frage, um die es geht. Die einen suchen sie ausschliesslich in der Abfahrt, der zügigen schnellen Abfahrt. Der mühsame Aufstieg zur Höhe ist ihnen verlorene Zeit. Diese Auffassung hatte ihre Jünger, als es noch nirgendwo im Gebirge Skiaufzüge,schaukeln und -Zirkusse gab. Mit derem Erscheinen vollzog sich nur die Scheidung der Geister. Die rasante Piste wurde zum Kennzeichen der neuen Abzweigung. Immer höhere Geschwindigkeiten zu erzielen und in gutem Stil zu meistern, ist das erstrebte Ziel. Ihm zuliebe betreibt man das unentwegte Pendelspiel Liftauf-Pisteab. Geschieht es aus Ehrgeiz, aus Geltungssucht? Das mag mitspielen, ist aber nicht der eigentliche Antrieb. Rekordsucht? Auch sie spielt hier keine entscheidende Rolle. Oder aber die Lust am Rausch der Geschwindigkeit? Gegner wie Anhänger des Nur-Pisten-laufs stimmen darin überein, dass die Lust des Geschwindigkeitsrausches die Anziehungskraft der Piste bedinge. Und doch ist das nur die halbe Wahrheit. Anders als bei den Schrecken der Großstädte, den Motorradrasern, verlangt der Pistenskilauf eine vollendete Beherrschung des eigenen Körpers, nicht des Fremdkörpers einer starren Maschine, dazu blitzschnelle Reaktionsfähigkeit. Darum zieht die Piste vor allem junge Menschen an, während der touristische Skilauf ein Reservat der älteren Skiläufer zu werden scheint.

« Scheint », sagte ich. Die Wirklichkeit entspricht nicht der landläufigen Meinung. Wir stehen heute nicht am Grabe des touristischen Skilaufs! Weder im Hochgebirge, trotz der Fangarme des Fremdenverkehrs, der Lifte, noch in den meist noch liftfreien Mittelgebirgen. Gäbe es darüber eine Statistik, würden wir erstaunt feststellen, wie gross der Anteil jüngerer Menschen am touristischen Skilauf auch im Hochgebirge ist. Der Anteil wird sich in zunehmendem Mass erhöhen. Wir stehen hier an einer Wende! Auf die Dauer wird die Eintönigkeit des « Liftreitens » die junge Generation abstossen. Gewiss, die rasende Pistenabfahrt ist ein Wagnis, das lockt. Aber die Jugend ist nicht blind. Sie erkennt, dass eine winterliche Hochgebirgsfahrt mehr verlangt und mehr gibt als ein schliesslich zur Routine herabsinkendes Wagen auf festgelegter und festgefahrener Bahn. In der ungebundenen Weite des Hoch- gebirgs zu streifen, bedeutet ein Abenteuer, eine Entdeckungsfahrt in Neuland, befriedigt das romantische Bedürfnis der Jugend, um das sie auf der Piste betrogen wird. Ehrgeiz, Freude am eigenen Können, Lust an der beschwingten Abfahrt finden hier ihre natürliche Befriedigung, ohne in ein bedrohliches Wuchern zu geraten. Wir haben es alle erlebt und erleben es immer wieder neu, dass die winterliche Bergfahrt uns wie durch Zauber zu wandeln vermag. Leibhaftig spüren wir in uns eine Lösung von Dingen, die drunten als lebenswichtig erscheinen, hier oben aber jedes Gewicht verlieren. Es wäre wider die Natur, wenn der Jugend mit ihrer Aufgeschlossenheit diese beglückende Verzauberung versagt bliebe. Noch ein Wesentliches: mehr und mehr entdeckt die Jugend, wenn sie einmal über die Piste hinausgestiegen ist, dass der Anstieg aus eigener Kraft nicht nur seine Plagen hat, sondern auch seine eigenen Freuden, ohne die das Ganze unvollkommen wäre.

« Wir beherrschen die Piste, sie hat aber nicht uns. Warum denn auf die Piste schimpfen? Ist sie nicht nur ein verlängerter Übungshang? Ist die Piste verwerflich, weil wir uns in Ermangelung anderer Möglichkeiten dort möglichst hart üben? Dieses Können wird uns eines Tages auf Tour zugute kommen. » So bekannte ein löjähriger Schüler ( « Der Winter » 1954/55, S. 137, Jugendseite ), der eines Tages entdeckt hatte, « dass es im Schnee noch etwas anderes als die Piste gibt ». Er erfuhr die winterliche Bergfahrt abseits der Piste als etwas Neues, Vollkommenes. « Ich denke jetzt vor dem Einschlafen gern daran zurück, an dieses immer höher Steigen, an dieses Freiwerden aus eigener Kraft, auch wenn es recht lange dauert. » Mit dem sicheren Instinkt des Unbefangenen weist ein noch sehr junger Mensch den einzigen Ausweg aus jener Lage, die uns als « Krise des Skilaufs » erscheint. Der Pistenlauf ist nur ein Mittel zur Vervollkommnung des eigenen Könnens, das einmal im freien Gelände « auf Tour » seine höchste Bewährung finden soll. Denn dort allein erfährt das Erlebnis des Skilaufens seine Vollendung. Auch der Wettkampf diente in seinem Ursprung nicht als Wert-mass für die persönliche Geltung, sondern zur Vervollkommnung des Könnens für das eigentliche Erlebnis. Mag dieser tiefere Sinn des Wettkampfes auch weithin verschüttet sein, so ist er doch nicht überall und auf die Dauer verloren. Sein ursprünglicher Sinn ist heute noch lebendig in den Wettkämpfen « auf unterer Ebene ». Ihre Teilnehmer verzehrt der Wettkampf nicht, du triffst sie als Kameraden ohne Glorienschein draussen in den verschneiten Wäldern des Mittelgebirgs, du triffst sie droben auf den einsamen Gipfeln des Hochgebirgs. Dass sich eine Wende anbahnt, zeigen auch die Ansätze zu einem « Skischulwettkampf im Gelände », bei dem nicht das Tempo, sondern die Form des Könnens, « die schwebende Leichtigkeit » in vielseitiger Weise entscheiden.

Es gibt keine Krise des Skilaufs! Jeder ist seines Glückes eigener Schmied. Wer nur den Ruhm seines Namens begehrt, mag versuchen, auf der Erfolgsleiter der Wettkämpfe aufwärts zu steigen. Wem Lift und Piste für seine Skibedürfnisse genügen, bleibe in seinem begrenzten Reich. Jenseits der Scheidewege finden sich die zusammen, die mehr begehren -mögen sie durch die harte Schule des Wettkampfes oder die der Piste gegangen sein oder einfach angezogen wurden von der Herrlichkeit der weiten winterlichen Bergnatur -, um das Schönste zu erleben: die wahre Lust des Skilaufs!

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