Skisoldaten im Bergell

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Von Hans Fisdi

Mit 2 Bildern ( 8, 9).Sektion St. Gallen ).

Nach einem sonnenreichen Tag auf Monte Sissone, als die letzten Seilpartien soeben die Abfahrt auf das Plateau des hintern Fornogletschers hinter sich hatten, erhielt der technische Leiter eines Wintergebirgsausbildungs-kurses vom Kurskommandanten folgenden Befehl: « Sie rekognoszieren morgen SKISOLDATEN IM BERGELL.

mit Bergführer-Gefreiten G. den Übergang von Forno über den Colle Casnile Sud nach Albigna und erkunden ferner die Möglichkeit einer Überschreitung der Cima di Castello von Westen mit Abstieg ins Forno. » Allzu sehr lockte mich die Aufgabe, so dass ich mich ebenfalls zu der Patrouille meldete, und als die Skikompagnie mit ihren improvisierten Transportschlitten auf dem langen Fornogletscher talwärts fuhr, zogen drei schwerbepackte Skisoldaten ihre Spur im letzten Abendschein zur Fornohütte hinauf.

Wie ein Märchenland erstrahlte an jenem Märzabend in vollkommener Harmonie zu unendlicher Erhabenheit der schönste Winkel unserer Heimatberge: Forno! Erst als das letzte Licht von der Cima di Castello gewichen und ein frischer Abendwind vom Gletscher her uns erschauern liess, konnten wir uns von dem heeren Schauspiel der Natur, welches auch das Soldaten-herz zu bewegen vermag, trennen, um uns in der warmen Hütte nach einem kurzen Abendbrot bald zur Ruhe zu legen.

Eine sternenklare Nacht geht zur Neige, als die drei Männer im Halbdunkel über den hartgefrorenen Schnee knarrend zum Fornogletscher abfahren, um am Westufer des fast flachen Eisstromes über steile Lawinen-flanken aufzusteigen. Vor wenigen Tagen war hier der ganze Hang als riesiges Schneebrett abgerutscht, so dass wir jetzt ohne Bedenken unsere Spur emporziehen können. Die Cima di Rosso erglänzt schon im goldroten Morgenlichte, Torrone und Rasica schimmern bezaubert herüber, immer mehr Gipfel empfangen den Gruss des steigenden Leuchtens, und als wir gegen Colle Casnile Sud einbiegen und sich der Hang mehr und mehr verflacht, erstrahlt die herrliche Welt im kühnsten Glänze. Der zweistündige Aufstieg wird reichlich belohnt durch den überwältigenden Ausblick zu Cengalo und Badile. Frühling kündend, grüssen die grünen Hänge des Bergells zu uns hinauf, und verlockend leuchten die warmen Granitfelsen am Piz Bacone. Wir wenden uns unserer Aufgabe zu. Alle Abfahrtsmöglichkeiten nach Albigna müssen erwogen, die Schneeverhältnisse genau studiert werden, um dem Kurskommandanten ein möglichst genaues Bild von den lokalen Verhältnissen übermitteln zu können. In Erwartung der uns bevorstehenden Abfahrt ist unsere Geduld kaum mehr zu halten, und nachdem Karte und Feldstecher sicher verstaut sind, zieht mein Kamerad die erste Spur im Pulver in die Tiefe. Wir beide lassen ihn nicht aus den Augen; er dreht ab und entschwindet unseren Blicken. In grossen Abständen folgen auch wir, immer tiefer, immer herrlicher wird das Schwingen im weichen Pulver, und bald tauchen wir alle drei, in den schönsten Skifreuden schwelgend, im morgendlichen Schatten des Albignatales unter.

Den Stausee rechts liegenlassend, steuern wir direkt gegen den Gletscher zu. Nach kurzer Rast inmitten der wuchtigen Schönheit dieses weltverlassenen Gletschertales ziehen die drei Skisoldaten wortlos ihre Spur zwischen riesigen Granitblöcken aufwärts zum hintern Albignabecken. Auf dem südlichen Castellogletscher wird wieder rasch an Höhe gewonnen, und immer mächtiger grüsst die Ago di Sciora zu uns hinüber. Ganz erbarmungslos brennt jetzt die Sonne auf unsere Köpfe, und während die Steilheit etwas abnimmt, wird die Hitze fast unerträglich. Dicht aufgeschlossen erkämpfen wir uns Schritt für Schritt, bis endlich schattenspendendes Granitgestein zur wohlverdienten Mittagsrast einlädt.

Der Weitermarsch ist unwiderruflich auf 13 Uhr 15 festgesetzt, so dass wir unsern Kameraden, der in göttlichen Schlummer gesunken, unbarmherzig aus dem schönsten Traume rütteln müssen. Wieder ziehen unsere Bretter durch den führigen Sulzschnee in rhythmischem Tempo dem heutigen Ziel, der Cima di Castello, entgegen. Der Hang wird immer steiler, in heikein Spitzkehren kämpfen wir uns höher, bis endlich die Steilheit uns kein Spuren mehr erlaubt. Die Skier werden abgeschnallt, und in der Fallirne steigen wir mit heissen Köpfen und hämmerndem Puls Stufe um Stufe. Noch einige Kehren auf den Skiern, und um 14 Uhr stehen wir auf der Cima di Castello, 3381 m. Kein Wölklein trübt das unendliche Blau des Himmels, die Räuchlein meiner Pfeife steigen ungestört zur Höhe, und rings um uns hat sich eine Welt von Gipfeln aufgetan, die das Auge kaum zu fassen vermag. Von den Ostalpen zum Gran Paradiso, von den Kreuzbergen zum Monte Rosa scheinen alle Gipfel so unwahrscheinlich nahegerückt, dass man des Schauens nicht satt werden kann. Der göttliche Glanz und die strahlende Lichtfülle weihen die Gipfelstunde zur erhabenen Feier. Wir sind restlos glücklich, in militärischer Aufgabe unsere unvergleichliche Heimat von höchster Warte schauen zu dürfen. Hier oben wollen wir im stillen unser Treuegelöbnis zu unsern lieben Bergen erneuern.

Schweigend werden die Skier auf die Säcke geschnallt, die Steigeisenriemen angezogen. In treuer Kameradschaft, wie sie zwischen Offizier und Soldat nur der harte Berg zusammenschmiedet, steigen wir, durch das Seil verbunden, über den Nordgrat ab, zuerst über ein Schneegrätchen, dann im verschneiten Fels. Alle Griffe und Tritte sind von einer Schicht Pulverschnee verdeckt, die aufgeschnallten Bretter hindern uns gewaltig beim Klettern, so dass der Abstieg höchste Vorsicht verlangt. Unter steter Sicherung wird auch der steile Firnhang, welcher zum Grateinschnitt, der ins Ostcouloir führt, gut überwunden. Das Couloir ist in bestem Zustand, so dass wir rasch absteigen können und nach einer Stunde bereits wieder auf den Skiern stehen. Doch welche Enttäuschung! An Stelle des ersehnten Pulverschnees erwartet uns der perfideste Bruchharsch, welcher unsere Seilfahrt zum Fornogletscher hinunter zu einem rechten « Schinder » machte. Doch bald ist diese Qual überstanden, und wie befreites Wild sausen wir dann in stiebender Fahrt auf das Plateau des Fornogletschers.

Der Tag geht langsam zur Neige. Wieder grüsst die Cima di Rosso im milden Abendlicht, und glücklich fahren drei Skisoldaten über den Gletscher ins Tal von Cavloccio, Maio ja entgegen. Ihre Aufgabe ist erfüllt, und mit leuchtenden Augen kehren sie zu ihrer Truppe zurück. Ein grosses Erlebnis, wie es nur der Skisoldat erleben kann, war den drei Männern heute beschieden, alle Anstrengung und Müdigkeit sind vergessen vor der Freude am Gelingen der Unternehmung. Um 19 Uhr, nach vierzehnstündiger Fahrt, kann der Patrouillenführer dem Kurskommandanten seinen Rapport übergeben.

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