Skispuren in den Pyrenäen

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Gody Gut, Stäfa

Am Bahnhof werden die Rucksäcke gewogen: Zwischen sechzehn und achtzehn Kilo wiegen sie alle, und dies ohne Ski und Schuhe.

Wer hat den Rettungsschlitten? Wurde die Beinschiene mitgenommen? Verfügt jeder über eine Schaufel? Ein Suchgerät? Nur keine Bedenken, es sollen gemütliche Ferientouren unter der Märzensonne werden, mit wohlbemessenen Marschzeiten und viel Spielraum für Improvisationen...

Im nächtlichen Genf, vor der Zollschranke, findet sich das Dutzend Abenteurer zusammen für die Fahrt nach Pau, am Rande der nördlichen Pyrenäen. Und alle sind sie bereit, auch einmal zwei Stunden auf Asphalt zu marschieren, notfalls ein Biwak aus dem Schnee zu schaufeln oder sich aus federleichter Astronautennahrung zu verpflegen.

Zwischen Toulouse und Tarbes dringt diffuses Licht durch Bodennebel wechselnder Dichte - als lösten sich Regenbogen auf, so wirkt dieser Gruss des aufsteigenden Tages. Selbst voll erblühte Forsythien leuchten, erstarrten Flammen gleich, aus dem zuerst noch alles durchdringenden Grau. In Tarbes hingegen stehen die pastellgelben Mimosenbäume bereits unter freier Sonne, und in Lourdes zeigen sich, die Blütenkelche erst zaghaft geöffnet, die ersten Magnolien.

Mit Monsieur Ollivier, dem Autor des Buches A ski de l' Atlantique à la Méditerranée par la Haute Route d' hiver des Pyrennées, empfängt uns in Pau französische Liebenswürdigkeit. Monsieur bedauert, nicht mehr Schnee zur Verfügung zu haben, und empfiehlt, dafür die Sonne um so mehr zu gemessen. Der eigens organisierte Bus wird uns durch das tief eingeschnittene Vallée d' Ossau an den Lac de Fabrèges bringen, den Ausgangspunkt der Haute Route. Ein leises Bedauern - es ist wohl der Abschied von den Annehmlichkeiten der Zivilisation - mischt sich in das Fahrvergnügen. Der liebenswürdige Chauffeur aber tröstet uns während der Fahrt: In Laruns, wenige Kilometer vor dem Ziel, sei Markt und damit auch die letzte Gelegenheit, Fehlendes einzukaufen. Dort angekommen, hat sich dann noch an der mild wärmenden Frühlingssonne mit aufgekrempelten Hemdsärmeln genüsslich flanieren lassen.

Selbst am Stausee oben herrscht fast sommerliche Schwüle, und als wären es Pestflek-ken, so sorgfältig werden die ersten Schneereste umgangen. Erst als sich im Wald der Schnee allmählich zur kompakten Decke schliesst, in die ab und zu ein Fuss unvermittelt knietief versinkt, und die ersten Schweisstropfen in den Augen brennen, werden die Ski angeschnallt.

Bergfinken und Drosseln begleiten mit ihrem Gezwitscher den Aufstieg, und zwei Stunden später - schattenhalb ist der Schnee gefroren, während sonnseitig ein wunderfeiner Sulz auf festem Untergrund liegt - kommen fünf Skifahrer herab. Sorgfältig traversieren sie den einladenden Hang, schaffen in Zeit-lupe die Spitzkehre und queren zurück — ja, auch auf diese Weise lassen sich Höhenmeter verlieren...

Der erheiternde Anblick lässt die drückenden Säcke fast vergessen - und ruft gleichzeitig etwas in Erinnerung: War da nicht in Pau unten die Rede gewesen von einer möglicherweise überfüllten Hütte? Und dass es gut wäre, sie nicht gar so spät zu erreichen? Doch nach vier Stunden Aufstieg künden die geschlossenen Läden des Refuge d' Arremoulit von lauterer Einsamkeit... Der ganze Luxus der beiden eiskalten Winterräume steht uns zur Verfügung: Nebst dem ordentlich mit Matratzen und Wolldecken versehenen Schlafraum die betonkahle mit der von Abfällen vollgestopften Feuerstelle und den drei mit Wachsstummeln geschmückten Flaschen...

Nach einmütig durchgeführter Gemeinschaftsarbeit belebt flackerndes Kerzenlicht die nackten Wände mit unruhigen Schattenspielen, und auf den beiden Gaskochern schmilzt der Schnee für Suppe und Tee. Unten in Laruns haben zwei Mann zwei Dosen Bier erstanden. Die leeren Büchsen, zusammen mit zwei Löffeln und einer Gabel - immer gibt es Menschen, welchen es gelingt, halbe Kücheneinrichtungen in einem Trinkbecher mit sich zu tragen - sind das gesamte uns zur Verfügung stehende Geschirr, und damit hat sich das Dutzend Kameraden Suppe und Tee, Birchermüesli und Kaffee zu Gemute geführt.

Früh schon wölben sich die Schlafsäcke über müden Gliedern, und morgen... ja morgen Abend wird da ein Hotel TCF sein... und so ein Hotel birgt eine Küche, hat Betten, Wärme...

Der längste Tag Noch blinken hunderttausend Sterne aus einem wolkenlosen Himmel, seit Stunden schon summen die Gaskocher, und dann kreisen -kostbaren Freundschaftsbechern gleich - die beiden Dosen von Mund zu Mund.

Der Ort, den auch Schönheitsköniginnen aufzusuchen pflegen, bleibt unbenutzt. Es wäre auch zu schade gewesen um den Anblick des türenlosen Steinhäuschens voll unberührtem und vom Wind zerstäubten Pulverschnee samt dem knapp noch erkennbaren Sitzrand -das Bild einer jungfräulichen Nordwand-stufe...

Die Ski schleifen auf hartgefrorenem Schnee, und hoch über den Köpfen verblassen Kondensstreifen in einem heller und heller werdenden Himmel. Auf dem Col du Palas erwarten uns die wärmende Sonne und ein weit gewordener Horizont mit formenreichen Gipfeln, deren abschüssige Flanken und Wände sich talwärts zu schluchtähnlichen Einschnitten verengen.

Noch einmal tief eingeatmet und dann vorsichtig in den steilen Kessel hinab — wie In-strumentensaiten vibrieren die Ski in den harten Rinnen und Rillen - unten aber, im Auslauf, auf der nahezu ebenen Fläche eines der tausend Seen der Pyrenäen, steigt ein Schweizer Jauchzer in die Höhe. Kurz danach - seit dem Col brennt die Sonne aus spanischem Himmel -fordert eine reizende Passage zur Mutprobe heraus: zur Linken ein unschuldig spiegelndes Gewässer, ebenso tief wie kalt, rechts ein hartgefrorener Steilhang. Da gibt es kein langes Besinnen - scharf abgestossen, die Beine steif gehalten und quer darüber hinweg - keiner nimmt ein Bad. Später wird der Schnee rar, und beim Balancieren über das Blockgestein und zwischen den Legföhren hindurch schwanken die Ski auf dem Rücken, und die Stöcke helfen mit, das Gleichgewicht zu halten. Ein südwärts gerichteter Steilhang löst den schneearmen Buckel ab, die Ski kommen wieder an die Füsse und kratzen auch ab und zu über kantige Steine. Jetzt ist 's der feuchtheisse Aufwind aus dem tiefer liegenden Föhrenwald, der zusammen mit dem rundum reflektierenden Weiss den Schweiss aus allen Poren treibt.

Eine Stunde später aber trocknen durchnässte Kleider auf glutheissen Felsen über dem spanischen Ibón del Respumoso, und zwölf Halbnackte frönen dem Sonnenkult. Die Einsamkeit ist nicht total, fünf oder sechs Spanier sind zu Fuss aus dem Tal heraufgestiegen, um ebenfalls in diese spurenlose Weite zu schauen.

Bereits hat das Tagesgestirn den Zenit überschritten. Vor uns liegen aber noch rund zehn Kilometer Aufstieg mit über sechshundert Höhenmetern unter einer unbarmherzigen, nicht von einer einzigen Wolke gemilderten Strah-lenglut. Nach den Lacs de la Fache, beim Anstieg zum gleichnamigen Col, werden die Schritte langsam, tief steht jetzt schon die Sonne, und eine auffrischende Brise lässt uns in die Windjacken schlüpfen. Die Abfahrt weist alle Schneearten eines Winters auf, wobei die Tücken der windgepressten Oberfläche im ersten Couloir die Müdigkeit erst so richtig spüren lassen. Danach löst ein hinter-hältiger Bruchharsch Warnrufe aus, unvermittelt von Freudenschreien jener Kameraden abgelöst, die bereits den flaumleichten Pulver der Schattenhänge erreicht haben. Aber auch ihrer sind wenige, denn alsbald zwingt die Schneebeschaffenheit erneut zu akrobatischen Einlagen, und schliesslich strampeln sich - als wären es in Rückenlage gebrachte Käfer - mehlweisse Gestalten aus bodenlosem Weiss.

Vom Talgrund, einer kiefergrünen Oase, grüsst das Refuge Wallon, das ersehnte Hotel. Aus einem der Kamine des aus Quadern gefügten Gebäudes steigt Rauch, und mit zwölf Rückblick zum Col du Palas Aufstieg zum Col d' Arrious Ausblick auf den Col de la Fache Stunden Aufstieg und Abfahrt in den Gliedern, mit rauher Kehle und geschrumpftem Magen und einer Prise Phantasie lässt sich der Bra-tenduft riechen... vorerst aber werden im Korridor Abfallsäcke sichtbar. Und in der Küche stehen drei Franzosen mit ihren Frauen um einen qualmenden Herd. Hôtel? Service? Schallendes Gelächter... im Sommer oui, aber im Winter? Diese Müllsäcke da draussen, das sei ihre Arbeit gewesen...

Der türlose Durchgang führt in einen hallen-ähnlichen Raum voll gähnender Leere. Aber da ist ein Tisch mit eingetrockneten Speiseresten, eine wackelige Sitzbank und ein schiefer, eiserner Gartenstuhl - schichtweise und mit etwelcher Vorsicht lässt es sich da sogar mit einem Anflug von Bequemlichkeit verpflegen.

In einer Ecke steht eine angelehnte Spros-senleiter, deren Ende im Dunkel einer mannsgrossen Öffnung unsichtbar bleibt. Da oben lassen sich im Halbdunkel einige bereits besetzte Matratzen ausmachen - aber auch genügend Wolldecken scheinen vorhanden zu sein, um eine Nacht auf kaltem Betonboden auszuhalten. Ungläubig geht ein Kamerad noch einmal hinaus - doch, doch, an der Hauswand steht mit roter Farbe weithin leuchtend aufgemalt: HOTEL.

Hundert Meter vor dem Refuge rauscht ein kleiner Bach mit klarem Wasser. Eilige Träger bringen das kostbare Nass in Feld- und Thermosflaschen herauf, und im Schein flackernder Kerzen kreisen die beiden teuren Becher nochmals von Mund zu Mund, erst mit Suppe und dem Löffel darin, später mit Kaffee oder Tee, und für einmal schützen die Handschuhe vor zu grosser Hitze...

Der Ausflug Niemand klagt am Morgen über zu weiche Betten. Und das zur Neige gehende Gas setzt möglichen weiteren Refuge-Nächten ohnehin ein Ende. So erhält der Col d' Arratille, ursprünglich als Übergang vorgesehen, lediglich einen kurzen Besuch. Nach dem Passieren lichter Nadelbaumgruppen treiben unübersichtliche Erhebungen, versteckte Einschnitte und offene Bachläufe ihr Spiel mit uns Fähr-tensuchern. Doch im Steilabsatz zum Lac d' Arratille hinauf - aus Distanz weckte sein Anblick einige Bedenken über den Verlauf der Route - eröffnen sich dann überraschend leichte Durchgänge.

Eine weitere Stunde später stehen wir auf der Passhöhe mit Blick auf die abschreckenden Nordwände der Vignemale - ihre Gipfel zählen mit knapp 3300 Metern zu den höchsten der Pyrenäen - und auf ein Stück jenes , auf den es nun zu verzichten gilt.

Inzwischen liess Sonnenwärme die Halden und Hänge für Kurzschwinger, Geniesser und Bedächtige reifen. Jauchzer steigen auf, denen allein die Felswände antworten. Darauf, im pappig gewordenen Schnee, nimmt uns das Grün der Nadelwälder wieder in seinen Schutz. Und nach kurzer Rast vor dem geht es auf der wenig geneigten Strecke dem Frühling entgegen, talauswärts zum Pont d' Espagne. Hier blühen schon auf aperen Flecken die Waldanemonen, und blaue Veilchen säumen den Waldrand. Die ersten leichtfüssigen Langläufer kommen uns entgegen, blicken wie hypnotisiert auf ihre Spurenrinne oder bleiben überrascht stehen, fasziniert vom Bild der schwerbepackt dahergleitenden Gestalten. Später mündet die Loipe in eine breit-gewalzte Piste, und die zuvor vereinzelten Läufer bilden jetzt, bis hinab zum hölzernen Pont d' Espagne, lockere, buntfarbene Kolonnen.

Die angrenzende weite Waldlichtung ist ein einziger, von Autos übersäter Parkplatz, wo Himmelsblau und Tannengrün sich in den ungezählten Pfützen spiegeln. Spontan lässt sich ein Bus organisieren. Wie sich dann in seinen Polstern die strapazierten Muskeln genüsslich entspannen, beginnen Bilder aus der Erinnerung aufzusteigen, Bilder voller Sonne und Schnee, begleitet von einem kleinen Schmerz,

In Gavarnie, dem Ziel der Busfahrt, lüften die zwei, drei Hotels ihre leeren Zimmer. Vor dem einzigen Sportgeschäft steht wie vergessen ein Dutzend Langlaufski, und durch die Gassen streunen struppige Pyrenäenhunde.

Ob das gewählte Ein-Stern-Hotel auf uns gewartet hat? Jedenfalls geniessen die Rucksacktouristen ganz allein den Charme der Hoteliersfamilie, kosten die ungeteilte Aufmerksamkeit der Grande Cuisine, und später - viel später - kühlen die breiten französischen Betten mit den langen Röhrenkissen die heissen Gesichter.

Brèche de Roland Gespenstische Silhouetten weisen sie auf, diese im Dämmerlicht und unter einer kompakten Wolkenschicht bergwärts schwankenden Gestalten mit den auf den Rucksack geschnallten Ski und daran fixierten Schuhen.

Zwei Stunden Aufstieg. Dann erst gleiten die Bretter in gewohnter Weise auf dem Schnee. Kurz nach der Cabane des Soldats wird der Nebel durchbrochen, alsbald verweilen Sonnenkringel auf dem gefrorenen Schnee, und irgendwann, im sich aufschwingenden Talkessel hinten, haben sich die winzigen Schweisstropfen zu Rinnsalen entwickelt. Dafür wirkt die Brise oben auf dem Port de Gavarnie wie eine willkommene Dusche unter dem wolkenlos gewordenen Himmel. Die nachfolgende Querung hoch über dem Talgrund - auf der Karte als ( Passage difficile » vermerkt - führt am tief verschneiten Refuge de la Brèche Roland vorüber, und plötzlich steht sie da, die von Sagen umrankte Brèche Roland, und lässt den Schritt verhalten.

Der Anblick dieses vielleicht vierzig Meter breiten, torähnlichen Durchbruchs in der gut achzig Meter hohen und an die tausend Meter sich hinziehenden, senkrechten Felsbarriere lässt die Sage begreifen, wonach im achten Jahrhundert der tapferste Paladin Karls des Grossen auf der Flucht vor den Spaniern mit seinem Schwert diese Bresche geschlagen haben soll.

Hier am Felswall mit dem Tor scheinen die harten Formen der Felstürme und Gipfel wie eine Meeresbrandung anzurollen - von der spanischen Seite her aber grüssen, tief gestaffelt, sanft geschwungene Hügelzüge, die sich in unendlicher Ferne einem graublauen Dunst vermählen.

Inzwischen hat die nachmittägliche Sonne jenen Sulz geschmolzen, dem das Skifahrerla-tein sein Entstehen verdankt. Die Jauchzer verlieren sich in eisdurchzogenen Cirque de Gavarnie nur wenig schneller, als sich die Ski ins Tal hinunter kurven lassen.

Im Talgrund, an der Gave de Tourettes, bevor die gemächlich dahinfliessenden Wasser als Gischt über Absätze und Stufen in die Tiefe stürzen, lässt sich herrlich träumen - in den Ohren das Gurgeln und Plätschern, auf der Haut die brennende Sonne und in den Gliedern das Zittern der Muskeln. Im Abstieg durch den lichten Wald leuchtet hoch über dem Dorf das Blau der Eiskaskaden in den letzten Sonnenstrahlen auf.

Hourquette d' Alans Der Schritt ist kürzer heute morgen, der Sack mit Ski und Schuhen hat wieder das volle Gewicht. In Dutzenden von Serpentinen führt der Weg durch die steile Waldpartie in die Höhe, und unvermittelt geht der Fuss auf federndem Weidegrund. Senkrecht steigt aus dem kleinen Kamin des Refuge des Espuguettes eine dünne Rauchsäule auf — wir sind nicht völlig allein. Hier oben erst, auf zweitausend Metern, finden sich die zuvor vereinzelten Schneeflecken zur zusammenhängenden Decke, und wenig später, auf dem Plateau des Cardous, wird der letzte, sich zum Grat hinaufziehende Steilhang sichtbar - die in der Karte vermerkte ( Passage délicat ). Faszinierend ist der Ausblick von der schmalen Krete in das gleissende Rund der unzähligen Gipfel des Cirque d' Estaubé, und vergeblich halten die Augen Ausschau nach irgendwelchen Anzeichen menschlicher Anwesenheit. Unvermittelt durchbricht da der Ruf eines Kameraden die Stille des andächtigen Staunens: ( Wer will einen Schluck ?) Im Sonnenlicht blitzt ein gold-braunes Fläschchen auf, und niemand verzichtet auf den kühlenden Tropfen.

Wellengleich folgen sich auf der Abfahrt die Steilhalden, jeder zieht seine eigene Spur nach Lust und Laune - auf dem nur wenige Zentimeter tiefen Sulz wird auch der Anfänger zum Könner. Noch weit oberhalb des Pont d' Estaubé klingt uns bereits wieder das frühlingshafte Rauschen des Wassers in den Ohren, und von hoch über den weissen Graten sendet eine unermüdliche Sonne ihre sengenden Strahlen.

Nach der Brücke folgt eine Wanderung über grünende Weiden, durch ausgewaschene Runsen, abgerutschte Wegpartien und Lawinenkegel, hinaus zum Lac des Gloriettes.

Schliesslich, tief unten am Pont de l' Arraillé, wendet einsam der bestellte Kleinbus - heimatliche Zuverlässigkeit - an der spanischen Grenze. Die Fahrt nimmt uns nicht nur den einstündigen Fussmarsch auf dem Asphalt ab, sie hält auch einen erheiternden Unterbruch bereit: Bergwärts trottet auf der Strasse eine Rinderherde, von einem pfiffigen Hirten begleitet, der den erzwungenen Halt zu einem Schwatz mit dem Chauffeur benutzt. Was für Passagiere er da mit sich führe? Schweizer? Schmunzelnd dreht er den Kopf, weist mit dem Stock auf zwei dunkelfarbige Rinder - er führe ebenfalls zwei Schweizer mit sich...

Im Dorf scheint alles zu schlafen - die Menschen, die Tiere und selbst die aus Naturstein gefügten Häuser. Wir sind die einzigen Gäste des Hotels, dessen Balkone den Schmuck der in der Abendsonne trocknenden Felle, Socken und Schuhe erhalten; einer Sonne, die bald darauf in den über der fernen Brèche de Roland bedrohlich sich türmenden Wolkenhaufen versinkt.

Port de Campbieil Der Tag wird hart, tausendsechshundert Höhenmeter sind zu bewältigen, zwanzig Kilometer Distanz zurückzulegen - und das Barometer ist gefallen.

Nach dem Frühstück um sechs ersteht aus einem klaren Sternenhimmel ein heller Tag, und das fröhliche Gezwitscher der Finken und Drosseln lässt den rauhen Bruchsteinweg fast vergessen. Da und dort unterbricht ein Bauer seine Arbeit, das Bild der mit Sack und Ski bepackten Männer zu schauen, die da an Skistöcken bergwärts steigen.

Bei den strohbedeckten Granges de Campbieil werden die ersten, ernsthaften Wolken gesichtet, und der aufgekommene Bergwind lässt zu den Jacken greifen. Auf knapp zweitausend Metern, vor der Cabane du Sausset und nach zwei Stunden Fussmarsch, kommen die Ski wieder an die Füsse. Eine Anzahl grosser, tatzenförmiger Eindrücke im Schnee erinnert daran, dass wir uns im Gelände des Nationalparkes befinden, zu dessen Fauna auch Braunbären gehören.

Inzwischen ist es windstill geworden. Das Tal herauf fluten die Nebel und verschlucken die Landschaft, während sich über uns die spinnwebdünnen Wolkenfäden zu einem lichten Schleier verdichten und bald die glanzlos gewordene Sonnenscheibe verschwinden lassen.

Nach wenigen Minuten werden selbst die Kameraden zu schemenhaften Gestalten, und einem Totentuch gleich legt sich der Schnee des einsetzenden Flockentanzes auf Mann und Fels. Oben auf dem Port de Campbieil gesellt sich zum dicht gewordenen Schneefall ein wütender Sturm, und innerhalb einer Stunde ist die Temperatur um zwanzig Grad gefallen. Klamm gewordene Finger reissen die Felle von den Ski, zerren Pullover aus dem Rucksack, den der Wind gleichzeitig mit Schnee zu füllen versucht - nur die laut werdenden ironischen Sprüche halten die Stimmung heiter.

Mit dem eindringlichen Ruf ( Beieinander bleiben !) schwingen sich die ersten Fahrer in das konturenlose Weissgrau von Steilhang und Nebel. Tief unten löst Sulzschnee den sturmgepressten Pulver ab, und talauswärts -Höhenmesser und Karte sind unentbehrlich geworden - verlangsamt die ballig-schwer gewordene Masse die Fahrt.

Da glaubt jemand die Geräusche eines Skiliftes aus dem dichten Nebel zu hören, und nach einer Krete wird 's sichtbar: Wie von Geisterhand bewegte Bügel, mit leer baumelnden Tellern daran, tauchen aus dem Nichts, klappern um die letzte Stütze und verschwinden wieder, wie sie gekommen.

Im diffusen Licht lässt sich eine Piste erkennen, und nach einer kurzen, tastenden Abfahrt und letzten Schwüngen endet der nasse und schmutzige Schnee in Wasserlachen auf kies-gewalzter Erde.

Zwischen ein, zwei Dutzend Cars stehen verlassene Bulldozer um eine sputnikähnliche, gläserne Skiliftstation, und in einem riesigen Rund aus Beton und Stahl geben sich die Bars und Appartements der Retortenarena von Piau-Engaly die Hand. Am nächsten Tag liegt auch unten im Vallée d' Aure fusstief schwerer Schnee. Forsythien und Tulpen neigen sich ergeben unter der mörderischen Last, und die Neste d' Aure wälzt schmutzige Fluten der Garonne entgegen. In Lourdes schlafen unter Schutzdecken die Rollstühle in Reih und Glied, die weiten Parkplätze dem Regen überlassend. Manchmal quillt aus zerreissenden, schwarzgrauen Regenschwaden gleissendes Licht, und einmal huscht aus einem kurzlebigen blauen Flecken ein kleiner Sonnenstrahl und tanzt - ein Wiedersehen winkend - flüchtig vor uns her.

Kapelle beim Refuge Wallon

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