Skitouren in Kalifornien

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Andreas und Claudine Mühlebach-Metrailler, San José ( USA )

Blick auf den Mt. Shasta Das einstige Goldgräberland Kalifornien ist heute in erster Linie wegen seines angenehmen sommerlich-sonnigen Klimas bekannt. In der Tat trifft man zwischen April und November bei Mittagstemperaturen zwischen 30 und 35 °C auf einen meist wolkenlosen Himmel. Die geringe Luftfeuchtigkeit macht die Nächte angenehm kühl. Die Winter sind mild mit der Hauptregenzeit zwischen Dezember und März. Doch selbst in dieser Zeitspanne gibt es - zumindest in Süd- und Mittelkalifornien -lange Schönwetterperioden. Das günstige Klima und ausgezeichnete Beschäftigungsmöglichkeiten in Industrie und Landwirtschaft haben den drittgrössten Staat der USA zum begehrten Ziel der Einwanderung werden lassen, so dass heute Kalifornien mit 28 Millionen Einwohnern zum bevölkerungsreichsten Staat der USA geworden ist. Wo kann es hier Gelegenheit für Skitouren geben, wird sich der Leser aufgrund obiger Schilderung sicher fragen.

Nun, Kalifornien besitzt nicht nur schöne Badestrände, Wüsten, Fruchtgärten und Mil-lionenstädte, sondern auch Gipfel über 4000 Meter, steile Wände und Einsamkeit in der Sierra Nevada oder im Kaskadengebirge. Anlässlich eines zweijährigen beruflichen Aufenthaltes hatten wir die Möglichkeit, das wenig bekannte Berggebiet Kaliforniens zu entdecken, und möchten im folgenden Beitrag einen Eindruck geben, was man abseits der klassischen Touristenpfade und im Winter alles erleben kann. Den einzelnen Berichten folgt jeweils ein kurzer Abschnitt mit praktischen Hinweisen, der bei der Planung einer Tour im entsprechenden Gebiet helfen soll. Vorauszuschicken ist noch, dass die Distanzen viel grösser sind, als man dies von der Schweiz her gewohnt ist. Öffentliche Transportmittel existieren nicht oder weisen eine völlig ungenügende Erschliessungsdichte auf. Das Mietauto ist deshalb - leiderein . Die horizontalen Distanzen, die bei Bergbesteigungen auf Skis üblicherweise zurückgelegt werden, sind beträchtlich, während die zu bewältigenden Höhendifferenzen demgegenüber oft relativ gering ausfallen. Die in Amerika übliche ( Crosscountry>-Ausrüstung, d.h. Langlaufskis mit Stahlkanten und flexiblen Schuhen, ist somit in den meisten Gegenden angemessener als die in Europa gebräuchliche schwere Skitourenausrüstung mit Abfahrtsskis und Fellen. Mit Hilfe des Tele-markschwungs, der zur Zeit in den USA grosse Mode ist, können auch die steilsten Hänge mühelos bewältigt werden. Trotzdem lassen sich die erwähnten Touren ohne weiteres auch mit der gewohnten Ausrüstung ( wie wir sie verwendet haben ) durchführen. Da allgemein zugängliche Hütten für die Übernachtung ( wie die beiden im Bericht erwähnten ) eine Ausnahme bilden, ist es bei mehrtägigen Touren nötig, eine komplette Biwakausrüstung mitzunehmen. Die gut eingerichteten Campingplätze entlang der Strasse sind im Winter meist eingeschneit. Für Übernachtungen in der Sierra Nevada muss man sich unbedingt bei der nächstgelegenen Ranger Station ( d.h. bei der Auskunftsstelle des Nationalparks oder des sog. Wilderness-Gebiets, oft verbunden mit einer kleinen Ausstellung über die Besonderheiten der Region ) registrieren lassen. Gleichzeitig erhält man dann eine Parkbewilligung und die aktuellsten Informationen über Wetterlage und Schneesituation. Dies geschieht aus Sicherheitsgründen, denn jedes Jahr verirren sich Leute in diesen riesigen und nur über wenig Anhaltspunkte verfügenden bewaldeten Berggebieten.

Sierra Nevada: Sequoia-IMationalpark Wir kämen zu spät, und er lasse unsClaudia Hahn und die Autoren ) deshalb heute nicht mehr zur Pear-Lake-Hütte gehen, das sind die Worte des Rangers ( d.h. des Parkwächters ) in Lodgepole. Der Weg sei weit, mindestens fünf Stunden, und um diese Jahreszeit dunkle es schon um fünf Uhr ein, fügt er bei. Erst als wir vorgeben, eine komplette Biwakausrüstung dabeizuhaben und überdies Bergsteiger mit Erfahrungen in der Sierra Nevada zu sein, gibt er nach und lässt uns mit Parkbewilligung fürs Auto, Permit für die Route und Hüttenschlüssel ziehen.

Die Sonne und die verschneiten Tannen wecken in uns Weihnachtsstimmung, als wir, durch lichten Wald leicht ansteigend, den reflektierenden Wegmarkierungsplättchen an den Bäumen folgen. Es ist ja noch nicht lange her seit Weihnachten, denn sonst befänden sich nebst Kocher, Essen für drei Tage und warmem Schlafsack ( letzterer ein besonders wichtiger Artikel, wie wir später erfahren ) nicht noch ( Mailänderin, und Zimt-sterne in unseren Rucksäcken. Der Weg führt im Wald zwischen grösseren Flachstücken mehr oder weniger steil aufwärts. Da jegliche Anhaltspunkte fehlen, vertrauen wir den Markierungen und einer alten Spur. Nach drei Stunden erreichen wir eine Kuppe, auf der wir rasten und die letzten Sonnenstrahlen geniessen. Es folgt eine kleine Abfahrt zum Heater- See. Nun können wir uns wieder im Gelände orientieren, wobei wir der Karte entnehmen, dass immer noch ein Drittel des Weges vor uns liegt. Es dunkelt, wird rasch kälter. Die Nacht bricht herein, und mit ihr erscheinen Sterne am Himmel, hunderte, tausende, hunderttausende. Unsere Stirnlampen werfen wenig Licht in die Dunkelheit, und das Gleiten der Skis auf dem härter werdenden Schnee unterbricht als einziger Laut die friedvolle Stille dieses einsamen Gebietes, Da, eine Abzweigung! Die eine Spur führt scharf rechts aufwärts, die andere leicht abwärts, beide verschwinden nach einigen Metern in der Dunkelheit. Anzeichen einer Hütte gibt es keine, obwohl wir schon längst glauben, sie erreicht haben zu müssen. Karte, Kompass und Höhenmesser erweisen sich jedoch wieder als hilfreich, und wir gelangen kaum 15 Minuten später zur Hütte. Beim Eintreten umfängt uns ein Duft von Heizöl: Zwei Leute sind damit beschäftigt, den mitten im Raum stehenden Ölofen in Gang zu setzen. Der eine pumpt Öl mit einer alten Handpumpe, der andere bastelt an Filtern und Vergaser. Die erfolglosen Handwerker entpuppen sich beim Abendessen als Studenten, die Wasseruntersuchungen am nahegelegenen Emerald Lake durchführen und so etwas Geld verdienen. Da der See als Modellbeispiel eines vom Menschen unbeeinflussten Ökosystems gilt, wollen sie seine Entwicklung verfolgen. Im Sommer arbeiten sie zusätzlich als Hilfsparkranger, wobei sie auch ( Backpacker ) ( also Leute, die mehrtägige Wanderungen mit Zelt durchführen ), die ihr Essen nicht vorschriftsmässig an Bäumen aufhängen, büssen müssen. Derzeit leben etwa 300 Bären im Park, die allerdings zur jetzigen Winterszeit tief in Schneehöhlen vergraben den Frühling abwarten. Auf einmal öffnet sich die Türe, eine Frau und zwei Männer treten ein. Da sie über keine Bewilligung für eine Hütten-Übernachtung verfügen, müssen sie alsbald wieder die Unterkunft verlassen, um draussen im Schnee zu campieren. Erstaunt sehen wir drei Mitteleuropäer uns an und können ob solcher Sturheit nur den Kopf schütteln, ist doch die Hütte mit fünf Personen nur zur Hälfte belegt!

Am nächsten Morgen weckt uns das Geräusch eines Gaskochers. Längst ist es hell, ja die Sonne scheint bereits. Als Ziel haben wir uns die 3300 bis 3500 Meter hohen namenlosen Berge oberhalb der Hütte vorgenommen, die uns nach dem letzten Schneefall noch in völlig unberührtem Zustand empfangen und uns damit bei der Abfahrt schöne Slalomspuren in Sulz- und Pulverschnee ziehen lassen. Erstaunlich, wie selbst im Januar die Sonne an den meisten Stellen mühelos den Schnee zu schmelzen vermag. Zum Tagesabschluss steigen wir dann nochmals einen 200 Meter hohen Hang zu einem Grat empor, von wo wir eine gute Aussicht auf die zahllosen, meist unbenannten Gipfel der Sierra Nevada, darunter auch den Mt. Whitney ( mit 4421 Metern der höchste Punkt der USA ausserhalb Alaskas ) geniessen können. Wieder geht ein fast wolkenloser zu Ende. In der Hütte ist es immer noch sehr kalt, so dass wir mit Handschuhen und Mützen am Tisch sitzen.

Am nächsten Tag ersteigen wir einen weiteren kleineren Gipfel, anschliessend folgt eine lange schöne Abfahrt durch den Wald zur Strasse. Etwas mühsamer gestaltet sich die weite Rückreise nach San José im Silicon Valley, wo zurzeit bereits der Frühling eingezogen ist!

Praktische Hinweise Ausgangspunkt für die Pear-Lake-Hütte ist das Wolverton Ski-, d.h. Langlaufgebiet im Sequoia-Nationalpark. Die Hütte liegt auf etwa 2800 Metern, bietet Platz für zehn Personen und muss im voraus reserviert werden. Die Strasse zwischen Kings Canyon und Se-quoia-Nationalpark ist im Winter oft gesperrt. Da in der Sierra Nevada ein paar wenige intensive Stürme die ganzen Schneemengen bringen, variiert die Schneehöhe von Jahr zu Jahr beträchtlich. Die beste Zeit ist üblicherweise zwischen Januar und April. ( Literatur: vgl. das folgende Kapitel. ) Sierra Nevada: Yosemite-IMationalpark Die Strasse im Yosemite-Tal erweist sich als total vereist, so dass wir bereits auf dem Weg zum Hochland die Ketten montieren. Kaum geschehen, kontrolliert ein Ranger alle Fahrzeuge - niemand wird ohne Ketten durchge- lassen. An das Verantwortungsgefühl des Einzelnen wird in den USA weniger appelliert, vieles ist vorgeschrieben, d.h. entweder erlaubt oder verboten. Das müssen wir eine halbe Stunde später auch auf der Ranger Station erfahren. Wir erhalten einen Fragenkatalog mit sämtlichen erforderlichen Ausrüstungsgegenständen vorgelegt. ( Es ist vorteilhaft, alles mit anzukreuzen !) Interessanterweise fehlt die Frage nach einer Schneeschaufel. Wieder heisst es, wir seien zu spät und könnten heute nicht mehr losziehen; das alte Spiel! Trotzdem befinden wir uns wenig später auf der Loipe Richtung Glacier Point. Einige Langläufer tummeln sich im flachen weiten Waldgelände, auf der schneebedeckten Strasse zum wohl schönsten Aussichtspunkt im Yosemite. Wir kommen uns mit unseren Tourenskis und schweren Schuhen eher deplaziert vor, obwohl wir die vielen Anfänger mühelos überholen. Insgesamt gilt es, zehn Meilen bis zur Ost-rander-Hütte zurückzulegen, ein ganz schönes Stück! Wie froh sind wir deshalb, nach einem fünfeinhalbstündigen Anmarsch unser Ziel nach Einbruch der Dunkelheit endlich zu erreichen. Die von aussen riesig aussehende Hütte besteht im Innern bloss aus einem grossen Mt. Shasta Raum mit langem Tisch in der Mitte und entlang den kalten Wänden angeordneten Lagerstätten. Natürlich interessiert uns zuerst die Küche mit den Benzinkochern ( die meisten defekt ). Nach gründlicher Reinigung von Ko-cher-Einzelteilen und Abwaschen des nötigen Geschirrs können wir zusammen mit den 15 andern Gästen am langen Tisch die wohlverdiente Suppe schlürfen. Der Hüttenwart gesellt sich zu uns. Er erzählt von seinen zahllosen Durchquerungen der Sierra, von Schneestürmen, Nebel, wilden Tieren, Angst und Einsamkeit. Nun sei er hier und passe auf die Hütte auf. Dabei wird uns bewusst, wie unterschiedlich die Ansichten über Sauberkeit und Ordnung sein können und wie perfekt vergleichsweise SAC-Hütten eingerichtet sind.

Der nächste Tag bringt herrliches Wetter, eine wunderschöne Aussicht auf die , das Yosemite Valley, den weiss überzuckerten Half Dome sowie - leidernoch mehr flaches Gelände. Gegen Mittag fahren bzw. marschieren wir zur Hütte zurück, packen unsere Sachen und begeben uns auf den Rückweg zum Badger-Pass. Und als wir das Yosemite Valley verlassen, hat die bereits untergegangene Sonne die aufziehenden Wolken rot gefärbt.

Praktische Hinweise Das kleine Skigebiet am Badger-Pass ( ca. 2050 m ) ist der Ausgangspunkt zur 2580 Meter hoch gelegenen Ostrander-Hütte.Von dort aus können Touren ins Hinterland unternommen werden, z.B. zur Buena Vista Crest ( höchster Punkt: Buena Vista Peak, 2900 m ).

Das Gebiet ist allgemein sehr flach, so dass Langlaufausrüstung vorzuziehen ist. Beste Zeit: Dezember bis März.

Literatur: Marcus Libkind, Ski Tours in the Sierra Nevada, Volume 3; Bittersweet Publishing Co., Livermore, CA, 94550, USA.

LakeTahoe: Mt.Tallac Tags zuvor haben wir uns im Heavenly Valley auf der Piste getummelt und am Abend unsere letzten Dollars und Cents in den Spielca-sinos von Nevada verspielt. Heute mühen wir uns im langen Aufstieg zum Mt.Tallac, einem der höchsten Berge der Gebirgskette rings um den Lake Tahoe, ab. Mehrmals müssen wir anhalten, um den von der intensiven Sonneneinstrahlung pappig gewordenen Schnee von den Fellen zu kratzen und neu zu wachsen. Wir folgen einem bewaldeten Grat, bis uns einige Felsen zum Ausweichen nach rechts zwingen. Unter uns erstrecken sich drei Seen: der riesige, den ganzen Winter über eisfreie Lake Tahoe und die beiden um diese Zeit ( Februar ) noch eisbedeckten kleineren Seen Cascade und Fallen Leaf Lake. Hitze und Anstrengung haben uns Schweissperlen ins Gesicht getrieben, und so sind wir froh, dass uns nun flacheres Gelände zum Gipfel führt. Der Blick schweift über die wunderschön gelegenen Seen und das Meer der weissen Berge. Irgendwo dort hinten muss Squaw Valley liegen, das grösste Skigebiet der USA, wo 1960 die Olympischen Spiele stattfanden. Als Abfahrt wählen wir die direkte Route nach Norden, einer Lawinenrunse im Wald folgend. Der Schnee ist meist gut, an schattigen Stellen noch pulvrig, und so gelangen wir rasch zurück zum Auto und in unsere in South Lake Tahoe.

Praktische Hinweise Ausgangspunkt für die Tour zum Mt.Tallac ist das Ende der Mattole Road ( 1930 m ), rund zehn Kilometer von South Lake Tahoe entfernt. Die Aufstiegszeit zum 2950 Meter hohen Gipfel beträgt etwa fünf Stunden. Rings um den Lake Tahoe befinden sich nicht nur grosse und schöne Skigebiete, sondern auch zahlreiche lohnende Ziele, die mit Langlauf- oder Tourenausrüstung erreicht werden können. Der Mt. Tallac bietet wohl die steilste Abfahrt.

Literatur: Marcus Libkind, Ski Tours in the Sierra Nevada, Volume 1.

Lassen-Volcanic-Nationalpark: Lassen Peak Das Wetter hier in Nordkalifornien im April zeigt sich diesmal nicht von seiner besten Seite: Seit über einer Woche regnet bzw. schneit es, und noch lässt sich kein Ende absehen. Wir sitzen bei leichtem Schneefall in Photo: A + C. Mühlebach dem offiziell noch geschlossenen Gurnsey-Creek Campground und versuchen, mit dem massenhaft herumliegenden aber nassen Holz ein Feuer hinzukriegen, um darauf das Abendessen zu kochen. Wird es morgen schöner sein? Zu diesem Zeitpunkt machen wir uns allerdings wenig Hoffnungen. Doch das Glück stellt sich auf unsere Seite, und wir können tags darauf unsere Tour bei strahlendem Sonnenschein in Angriff nehmen. An blubbernden und dampfenden Stellen vorbei, aus denen Wasserdampf in grossen Mengen austritt und es fürchterlich nach Schwefelwasserstoff riecht, spuren wir durch den tiefen Neuschnee aufwärts, dem Lassen Peak entgegen. Die Schönheit der tiefverschneiten Tannen in der intensiven Frühlingssonne und das Zwitschern der Vögel, die offensichtlich die Wärme ebenso geniessen, lassen uns die körperliche Anstrengung vergessen. Der Weg zum höchsten Punkt im Nationalpark zieht sich in die Länge - was wir allerdings erst realisieren, als sich gegen Mittag das Wetter wieder zu verschlechtern beginnt. Endlich erreichen wir den Gipfelgrat und anschliessend den höchsten Punkt ( 3100 m ). Der 120 Kilometer entfernte Mt. Shasta bietet von hier einen phantastischen Anblick. Ganz allein überragt der schneebedeckte, schlafende Vulkanriese alle umliegenden Berge um mindestens 1000 Meter. Wir ahnen bereits, dass auf diesen Berg eine wunderschöne Skitour führen muss. Doch vorerst erwartet uns eine angenehme Abfahrt zurück zum Auto und zum hoffentlich trockeneren Campingplatz.

Praktische Hinweise Am Südeingang des Lassen-Volcanic-Na-tionalparks befindet sich ein kleines Skigebiet, dessen Zugangsstrasse den ganzen Winter über offengehalten wird. Im April wird sie meist noch eine Meile weiter bis zu den ersten Fumarolen geräumt. Von hier aus können verschiedene Touren durchgeführt werden, unter anderem die vorgängig beschriebene Tour zum Lassen Peak. Beste Zeit: März bis Mai.

Nordkalifornien, Kaskadengebirge: Mt. Shasta Mitten in der Nacht wachen wir auf. Was tapst da um unser Zelt? Vor Schreck wagen wir kaum zu atmen. Da, etwas stösst gegen die Zeltwand. Wir sind wie gelähmt. Die beiden Rucksäcke kommen uns in den Sinn, die bis obenhin mit Esswaren für die bevorstehende Tour vollgepackt im Zelt liegen. Das ist doch nicht etwa ein Bär... ?! Plötzlich hören wir ein Geschrei und Gehupe, worauf die tapsen-den Geräusche sich allmählich verlieren. Wir wagen es nun, aus dem Zelt in die tiefschwarze Nacht zu äugen. Im Schein der Taschenlampe lassen sich eindeutig Abdrücke von Bärenpfoten im Schnee erkennen. Es gibt keinen Zweifel mehr. Der Campingplatz ist von Bären, die um diese Jahreszeit nach dem langen Winter natürlich besonders hungrig sind, nach Nahrung abgesucht worden. Wir sind mit dem Schrecken davongekommen! An Schlaf ist jedoch nicht mehr zu denken, und so kochen wir Wasser und essen etwas, bevor wir die 1900 Höhenmeter zum Mt. Shasta in Angriff nehmen. Auf dem Weg treffen wir Einheimische, die mit Steigeisen und Pickel den Berg erklimmen. Sie haben noch nie Tourenskis gesehen und staunen deshalb über unsere Ausrüstung. Auf die Frage, ob es in dieser Gegend viele wilde Tiere gebe, erhalten wir zur Antwort, unten am Waldrand wimmle es nur so von Bären und ( Mountain LionsPumas ). Sie würden sich deshalb nie getrauen, im Frühling dort zu zelten. Wir schauen zurück zu unserem Zeltplatz und denken an unseren nächtlichen Schrecken. Was sind wir doch für ( Greenhorns ) gewesen, als wir glaubten, hier würde es - im Gegensatz zum Yosemite - keine Bären geben, und es deshalb nicht für nötig erachteten, das Essen im Auto einzuschliessen! Weiter oben gilt es, zu einem riesigen Schneecouloir ( Avalanche Gulch ) hin leicht abwärtshaltend eine Rippe zu queren. In jenem Couloir steigen wir alsdann auf unseren mit Harsteisen bewehrten Skis langsam und regelmässig rund 1000 Höhenmeter auf, bis die Steilheit und Härte der Unterlage uns zum Skidepot zwingen. Mit Pickel und Steigeisen ersteigen wir den anschliessenden 45 Grad steilen Hang, worauf wir das flachere, zum Teil schneefreie Gipfelplateau erreichen. Unendlich lang und anstrengend scheinen uns dann die letzten 300 Meter zum Gipfel, der längst schon in Sichtweite gerückt ist. Oben herrscht Windstille, es ist warm und die Rundsicht grossartig. Im Umkreis von über 600 Kilometern findet sich kein auch nur annähernd so hoher Berg. Über eine Stunde geniessen wir es - zusammen mit zehn anderen Bergsteigern -, über der Landschaft zu stehen, zu staunen. Ein aus dieser Region stam- mender Amerikaner bemerkt stolz, dass das vor unseren Augen sich hinziehende Gebiet die ( Schweiz Amerikas ) genannt wird, weil es der wahren Schweiz so ähnlich sehe. Ob dem wirklich so sei, fragt er uns. ( In gewisser Weise ja>, antworten wir - allerdings mehr aus Höflichkeit als aus Überzeugung. ( Die Berge sind auch etwa so hoch, und ihre Besteigung ist lang und schwierig, wie diejenige des Mt. Shasta. ) Die Abfahrt im Sulzschnee ist grossartig; der Schöpfer dieses Vulkans hätte die Hangsteilheit wohl nicht besser wählen können. Dabei bleibt sie von oben bis unten noch praktisch konstant! Viel zu schnell erreichen wir unseren Biwakplatz im Panther Meadows Campground und brechen rasch das Zelt ab, da uns eine zweite Nacht bei Bären und Pumas nicht besonders reizt. Trotz der gesunden Müdigkeit und Zufriedenheit, die den Alpinisten nach Abschluss einer solchen Tour befällt, sind wir im Geiste schon bei unserem nächsten Ziel, der einsamen und stark vergletscherten Nordseite des Mt. Shasta. Wird es uns gelingen, nochmals auf seinem Gipfel zu stehen?

Etwa zehn Monate vergehen, bis wir erneut zu unserem Traumberg starten können. 12 Meilen auf ungeteerter Schotterstrasse schafft unser kleiner Wagen eben noch, dann zwingt uns ein ausgedehnter Schneefleck auf 1970 Metern Höhe zum Anhalten und Zurücklassen des Autos. Kocher, Zelt, Schlafsäcke und Gebirgsausrüstung sind schnell eingepackt, die Tour kann beginnen. Bevor wir die ersten zusammenhängenden Schneefelder erreichen, müssen wir die Skis buckeln. Eine kleine Runse im Wald führt uns dann in einen kräfteschonenderen Anstieg zu einem grösseren Plateau, auf welchem der Wald in Gebüsch übergeht. Wir gelangen noch etwas höher ( bis etwa 3070 m ), wo wir unter einem Felsen ein windgeschütztes Plätzchen finden. Kaum haben wir eine kleine Plattform geschaufelt und das Zelt mit Steinen verankert, bricht ein Gewitter los. Hagel, der später in Schnee übergeht, trommelt aufs Zeltdach, während wir drinnen versuchen, Wasser zum Sieden zu bringen. In der Nacht legt sich der Wind. Es wird sehr kalt, so dass die Feuchtigkeit der Atemluft an der Zeltinnenwand kondensiert und eine Eisschicht bildet. Gute Schneeverhältnisse und ausgezeichnetes Wetter erlauben uns am nächsten Morgen einen raschen Aufstieg. Wir erreichen bald ein kleines Plateau, traversieren nach rechts und kommen zu den Eisabbrüchen des Bolam-Gletschers. Nach Überquerung zweier Spalten wird das Gelände steiler. 10 bis 20 Zentimeter Pulverschnee bedecken hartes, blankes Eis -wir bekommen damit die Folgen des schneearmen Winters 1987/88 zu spüren. Auf einer Höhe von etwas über 4000 Metern müssen wir mit verbogenen Harsteisen aufgeben. Nur Pickel und Steigeisen helfen hier weiter. Die Hänge zum Gipfel sind steil, eisig, an einigen Stellen auch felsdurchsetzt oder mit tiefem Schnee bedeckt. Spurarbeit und die dünne Luft lassen uns ganz gehörig ausser Atem kommen, während gleichzeitig die Sonne die allmählich aufziehenden Nebelschwaden durchdringt und unbarmherzig auf uns niederbrennt. Vorbei an Fumarolen mit Schwefelablagerungen, die beweisen, dass der Vulkan noch nicht vollständig erloschen ist, erreichen wir den Gipfel. Diesmal sind wir allein. Die Nebelschwaden verdichten sich jetzt erneut, erlauben uns aber doch noch, ab und zu einen Blick auf die tief unter uns sich erstreckenden riesigen Waldgebiete zu werfen. Da, im Süden, über dieses Plateau sind wir letztes Jahr aufgestiegen. Jetzt sind wir von Norden gekommen. Wie anders der gleiche Berg doch von zwei verschiedenen Seiten aussieht! Abstieg und Abfahrt zum Biwakplatz erfolgen in dichtem Nebel. Wir halten uns dabei an die Aufstiegsspur, denn andere Anhaltspunkte gibt es kaum. Manchmal wird die Sicht etwas besser, doch an der Waldgrenze schliesst sich der Vorhang wieder. Es beginnt zu hageln und zu schneien, Blitze zucken vom Himmel; ein Gewitter hat uns überrascht! Wenig später verlieren wir noch die Aufstiegsspur - unseren letzten Anhaltspunkt. Wo ist das Auto? Die schneebedeckten Hänge bleiben allmählich hinter uns zurück. Wir kommen tiefer, bis zum Punkt, wo der Höhenmesser etwa die Höhe anzeigt, auf der wir unser Fahrzeug zurückgelassen haben. Kein Auto weit und breit. Im strömenden Regen und dichten Nebel wird uns plötzlich bewusst, dass wir uns im riesigen Waldgebiet am Fuss des Mt. Shasta verirrt haben. Entweder sind wir zu weit nach rechts gelangt, müssen also linksherum den Berg traversieren, oder aber genau den umgekehrten Weg einschlagen - eine schwierige Alternative. Wir wählen zu unserem Glück die erste Variante. Patschnass erreichen wir Vk Stunden später unser Fahrzeug. Eine nasskalte Nacht in dieser wilden, menschenverlassenen Gegend ist uns damit erspart geblieben. Noch können wir allerdings nicht ahnen, dass weiter unten ein weiteres Hindernis auf uns wartet. Der Regen hat nämlich an einigen Stellen Teile der Strasse weggeschwemmt, so dass wir mit unserem nicht geländegängigen Fahrzeug beinahe in der Lava-Asche steckengeblieben wären. Endlich - es ist bereits Nacht - erreichen wir die geteerte Strasse zwischen Weed und Klammath Falls.

Praktische Hinweise Der Mt. Shasta ist ein herrlicher, besonders im Winter ernstzunehmender Berg, der vielen Alpengipfeln ähnlicher Höhe um nichts nachsteht. Im Norden Kaliforniens gelegen, erhebt sich der Vulkanriese 3000 Meter über seine nähere Umgebung und gilt deshalb vielen religiösen Gruppen als heilig. Etwa 15 Routen und Varianten führen zum 4320 Meter hohen Gipfel, einige über die teilweise stark verschrundeten Gletscher auf seiner Nordseite. Am besten lässt man sich im Sportgeschäft -Route mit Beginn in Panther Meadows ( Südseite ) und um die -Route mit Beginn am North Gate ( Nordseite ). Für eine Winterbesteigung mit Skis sind die Monate April bis Juni zu empfehlen.

in der Cordillera Blanca

Daniel Santschi, Solothurn Der Huascaran vom Santa Tal aus

Huascaran Die idee

Eigentlich hat alles mit einem Buch begonnen: Bei meinen Vorbereitungen für eine Südamerikareise stiess ich auf einen faszinierenden Bericht von Borchers über die . Der Deutsche Alpenverein organisierte 1932 eine Forschungsexpedition in die peruanischen Anden, mit für unsere heutigen Begriffe geradezu einfachstem Material, dafür aber um so grösserem Engagement und einer beispiellosen Abenteuerlust. Das Unternehmen war denn auch ein voller Erfolg, wurden doch alle bedeutenden Gipfel der Cordillera Blanca bestiegen. Darunter auch der höchste Berg Perus, der Huascaran. Die Idee, einige dieser Gipfel zu versuchen, liess mich nicht mehr los. Ob ich aber die grosse Höhe verkraften würde? Sind doch dort die höchsten Gipfel zweitausend Meter höher als bei uns in den Alpen.

Die Cordillera Blanca Die Cordillera Blanca ist ein Teil der südamerikanischen Anden. Sie liegt in Peru, nördlich der Hauptstadt Lima, und erstreckt sich in Nord-Süd-Richtung ungefähr über eine Länge von hundert Kilometern. Zugleich bildet sie die Wasserscheide zwischen dem Atlantik im Osten und dem Pazifik im Westen. Ausgangspunkt für Bergtouren ist das Santa-Tal mit dem Hauptort Huaraz auf ungefähr dreitausend Metern über Meer. Beim Grossteil der Bevölkerung handelt es sich um Indios, deren Leben sich in den letzten fünfzig Jahren nicht entscheidend verändert hat. Sie bestellen ihre Felder mit Mais und Gerste, setzen Ochsen zum Pflügen ein und benützen Esel für Transporte von Gütern in die abgelegenen Weiler. Die Indiofrau trägt nach wie vor ihr Kind im Tragtuch auf dem Rücken, und der Junge spielt auf der Panflöte an der Strassenecke -genauso, wie ich es in einem Bildband aus dem Jahre 1930 gesehen habe. Jedoch hat der intensive Strassenbau schon einiges verändert und viele Pässe - zwar meist auf halsbrecherischen Strassen - mit Lastwagen passierbar gemacht. So betteln die Kinder auch im hintersten Bergtal nach -Kaugummis, und die Knaben tragen oft an Stelle der traditionellen Ponchos Leibchen mit -Aufdrucken. Hingegen hat der organisierte Tourismus nur in bescheidenem Masse Einzug gehalten. Es sind meist einzelne Wan- derer oder Bergsteiger, die die landschaftlichen Reize erkunden und die Ruhe suchen. Sie gehen ihre eigenen Wege und stören kaum das Alltagsleben.

Als ideale Zeit für Bergtouren haben sich die Monate Juni bis August erwiesen. Es ist dies die Winterzeit, da man sich ja auf der südlichen Halbkugel befindet ( und die Haupt-niederschlagsperiode fällt in den peruanischen Sommer ).

Traumziel Huascaran Zu meiner Südamerikareise bin ich alleine aufgebrochen. Um die Verhältnisse in den Bergen etwas kennenzulernen, mache ich meine ersten zwei Besteigungen zusammen Der Huascaran von Osten ( Punta Portachuelo ) Folgende Doppelseite: Blick vom Vallunaraju-Gipfel gegen Norden ( mit Huascaran und Copa ) mit einem einheimischen Führer. Dann lerne ich zufälligerweise Reinhard Fetz aus Österreich kennen. Auf einer gemeinsamen Wanderung zum traumhaften Bergsee Laguna Churup und zum 5600 Meter hohen Pisco sammeln wir weitere Erfahrungen und beschliessen, den Wunschtraum von uns beiden zu realisieren, nämlich eine Besteigung des Huascaran. Im Aufstieg zum erwähnten Pisco treffen wir dann mitten auf der Gletschermoräne auf zwei Bergsteiger aus Frankreich, Giles und Maurice. Auch sie haben sich den Huascaran zum Hauptziel auserkoren, und so sind wir plötzlich zu viert.

Die Besteigung In Huaraz zeigt sich das Wetter nicht von der besten Seite. Starke Bewölkung ist aufgezogen, und am Vortag hat es sogar leicht ge- schneit. Reinhard und ich würden gerne noch etwas abwarten, doch die beiden Franzosen drängen zum Aufbruch. Sie haben ihren Rückflug schon fix gebucht und müssen in sechs Tagen wieder in Lima sein. Mit etwas ungutem Gefühl willigen wir schliesslich ein. Ein altes Taxi bringt uns nach Mancos ( ebenfalls im Santa-Tal ). Dort verlassen wir die Hauptstrasse und erreichen über einen sehr holperigen Weg einen kleinen Weiler mit Namen Musho. Wir wollen den Südgipfel des Huascaran auf der Westseite über die Normalroute besteigen. Da man den grössten Teil der Cordillera Blanca zum Nationalpark erklärt hat, müssen wir dem Parkwächter, einem Bergfüh-rer-Aspiranten, eine Gebühr entrichten. Er ist es dann auch, der uns die Lasttiere für unseren Transport ins Basislager organisiert. Auf dem gemütlichen Marsch bestimmen die schwerbepackten Esel das Tempo. Den Weg durch die dank des reichlichen Gletscherwassers erstaunlich grüne Gegend säumen unzählige Eukalyptusbäume. Im Basislager hat sich bereits eine deutsche Expedition komfortabel eingerichtet. Da steht eine Kiste Bier, und hinter dem Zelt gackern gar einige Hühner. Die Gruppe besteht aus acht Teilnehmern, zwei einheimischen Trägern, einem Koch und gleich zwei Bergführern - einem Peruaner und einem Deutschen. Daneben wirken wir vier Neuankömmlinge trotz prallgefüllter Rucksäcke geradezu unscheinbar. José, so nennt sich der peruanische Bergführer, schliesst uns auch sogleich ins Herz. Er spricht ganz gut Englisch, doch freut es ihn natürlich, uns auf Spanisch mit guten Ratschlägen überschütten zu können.

Vom Basislager, wo die Lastesel zurückbleiben, führt uns der Anstieg mit schweren Rucksäcken weiter über Felsplatten und schmale Grasbänder empor. Die Baumgrenze lassen wir hinter uns, und auf dem nassen Gras an den steilen Hängen ist das Gehen nicht ungefährlich, so dass wir es vorziehen, uns mit dem Seil zu sichern. Kurz vor der Dämmerung finden wir einen einigermassen ebenen Platz zum Biwakieren. Da sich Peru nahe am Äquator befindet, bricht die Nacht sehr schnell herein, und dies bereits um sieben Uhr. Wir haben eine Höhe von etwa 4700 Metern erreicht, befinden uns aber immer noch unterhalb der Schneegrenze.

Die Nacht ist angenehm und nicht allzu kalt. Am andern Morgen aber gibt es ein böses Erwachen: Vor dem Zelt liegt Schnee! Zwar nicht sehr viel, der Nebel jedoch ist derart dicht, dass wir kaum von einem Zelt zum andern sehen können. Ein Weiteraufstieg wäre unter diesen Umständen sinnlos und zu ge- Morgenstimmung am Huascaran Eisformationen am Huascaran Indiofrau auf dem Markt fährlich. Wir müssen warten. Faulenzend, Kaffee kochend, Witze erzählend und mit Rate-spielen vertreiben wir uns die Zeit. Wie wird sich das Wetter weiterentwickeln?

Nach der zweiten Nacht - dasselbe Bild. Immer noch stockdichter Nebel. Giles und Maurice sind sehr enttäuscht. Für sie reicht die Zeit nun einfach nicht mehr. Da man im Minimum zwei weitere Tage für eine Gipfelbesteigung einrechnen muss, hat es für sie keinen Sinn mehr zu warten. Wohl oder übel müssen sie umkehren. Reinhard und ich verfügen hingegen noch über genügend Zeit, und da unsere Freunde ihren restlichen Proviant zurücklassen, werden wir auch nicht so schnell verhungern. Die Herausforderung ist da, und wir wollen sie zusammen anpacken.

Etwas später tauchen aus dem Nebel plötzlich Gestalten auf. Es sind drei Bergsteiger. Völlig durchnässt und erschöpft erzählen sie, unter welchen Schwierigkeiten sie den Gipfel erreicht hätten. Die alten Spuren seien verwischt gewesen, zudem habe der dichte Nebel die Orientierung enorm erschwert. Unsere Stimmung sinkt. Zweifel plagen uns. Setzt in diesem Jahr die Regenzeit plötzlich früher ein? Es ist August, und die ersten Niederschläge werden normalerweise erst Anfang September erwartet.

Die Zeit verrinnt und es wird Nachmittag. Um zwei Uhr lichtet sich jedoch plötzlich der Nebel, und wir können den Gipfel schemenhaft erkennen. Bis zum Einbruch der Dunkelheit sollte sich das Hochlager auf 5200 Metern noch knapp erreichen lassen. Schnell ist das Zelt abgebrochen und sämtliches Material verstaut. Eine halbe Stunde später kommen wir zum Gletscher. Noch einmal füllen wir alle Wasserbehälter, da wir von nun an Schnee schmelzen müssen. Steigeisen montieren, anseilen - und schon geht es weiter. Das Hochlager ist von hier aus gut zu sehen, liegt es doch in direkter Linie über uns. Die deutschen Bergsteiger haben dort am Vortag ein Materialdepot eingerichtet. Allerdings täuschen wir uns in der Distanz. Obwohl wir ausgeruht sind und schnell marschieren, brauchen wir das Tageslicht bis zum letzten Sonnenstrahl.

Der nächste Tag beschert uns endlich Sonne, und nichts erinnert noch an die eben durchgestandene Schlechtwetterperiode. Der Weiteranstieg beansprucht viel Zeit, nicht zuletzt, weil der Gletscher stark zerklüftet ist und wir uns mühsam einen Weg zwischen den vielen Spalten suchen müssen. Endlich gelangen wir zur Schlüsselstelle, einer senkrechten Eiswand. Ohne Rucksack, dafür mit dem Pickel von Reinhard als zweitem Eisgerät, arbeite ich mich hoch. Das Eis erweist sich als griffig, und ein paar von unseren Vorgängern gehackte Stufen erleichtern die Passage. Das Aufziehen der Rucksäcke und das Nachsichern meines Kameraden ist dann nur noch eine Kleinigkeit.

Bereits gegen Mittag erreichen wir unser Tagesziel, die Garganta auf 6000 Metern, den Sattel zwischen den beiden Gipfeln. Unser Kocher spuckt. Er entwickelt nur Rauch, aber keine Hitze. Und als die Brühe in der Pfanne endlich lauwarm ist, hat sie einen derart starken Rauchgeschmack angenommen, dass wir sie nicht essen können.

Trotz der Höhe schlafen wir recht gut. So fällt es uns schwer, bereits morgens um vier Uhr aus unseren warmen Schlafsäcken zu kriechen. Mit klammen Fingern schnüren wir die Schuhe, montieren die Steigeisen und würgen etwas Müesli hinunter. Zum Glück ist die Nacht sternenklar. Das Gelände ist zu Beginn ziemlich flach, und trotz des letzten Schneefalls sinken wir kaum ein. Etwas weiter oben sind dann aber doch zwei heikle Stellen zu bewältigen. Dann wird das Gelände wieder flacher und weniger anspruchsvoll, so dass wir uns losseilen. Reinhard befindet sich in hervorragender Form, mir hingegen setzt die Höhe ziemlich zu. Trotzdem kann ich während der Verschnaufpausen noch die umliegenden Berge bestaunen. Klein sind sie geworden. Meine Augen schweifen nochmals zum benachbarten Chopicalqui und wandern dabei seinen Gratlinien entlang, bis zu dem Punkt, wo wir kurz unter dem Gipfel wegen zuviel Schnee umkehren mussten.

Einige Zeit nach meinem Freund erreiche auch ich den 6768 Meter hohen Gipfel. Es ist elf Uhr. Trotz der intensiven Sonneneinstrahlung ist es kalt, ein kräftiger Wind weht. Schnell knipsen wir einige Gipfelphotos und machen uns dann an den Abstieg. Leider kann ich den Moment auf dem höchsten Punkt, den ich je erreicht habe und vielleicht je erreichen werde, gar nicht richtig geniessen - zu sehr drängt die Zeit.

Rasch kommen wir tiefer und erreichen das zweite Hochlager, wo wir das Zelt gelassen haben. Bei unserem Freund, dem peruanischen Bergführer, der inzwischen mit der deutschen Expedition eingetroffen ist, erbet- Laguna Llanganuco teln wir uns etwas Wasser, da unser Kocher nun endgültig den Geist aufgegeben hat. Nach kurzer Rast und einer Stärkung brechen wir das Zelt ab. Wir wollen heute noch aus dem Bereich des Schnees gelangen, um so mehr, als die Sonneneinstrahlung äusserst intensiv geworden ist, so dass an windstillen Hängen die Hitze sich fast nicht mehr ertragen lässt. Sobald aber die Sonne hinter den Wolken verschwindet, wird es sofort wieder empfindlich kalt. Die kleinen Gegenanstiege machen uns - nun wieder mit schwerem Gepäck - zu schaffen. Dennoch passieren wir das erste Hochlager ohne Halt und erreichen bei schönstem Abendlicht schliesslich das Gletscherende. Das Santa-Tal liegt wie verzaubert unter uns, und das über die flachen Steine fliessende Wasser glänzt wie im Märchen.

Müde, aber zufrieden verbringen wir die letzte Nacht in unserem kleinen Zelt. Wir haben fast nichts mehr zu essen, und ein Zivili-sierter würde vor unseren Ausdünstungen wohl Reissaus nehmen. Das ist aber alles unwichtig. Für uns zählt im Moment nur eines: Wir waren ganz oben auf dem Berg und sind heil wieder unten angekommen. Die Tatsache, dass ich am nächsten Morgen auf einer vereisten Felsplatte ausrutsche und mitten in einen Bergbach falle, wird dabei nicht in Betracht gezogen. Ein Bad ist ohnehin überfällig.

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