Soglio, die Schwelle zum Paradies

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Hermann Kornacher, Unterpfaffenhofen ( Deutschland )

Gross schreiben sollte man jedes Wort, das mit diesem Dorf auf sonniger Bergterrasse, mit der Aussicht über das Bergell und über die Bondasca Riesen in Verbindung zu bringen ist.

Soglio liegt nicht hoch - logo Meter zeigt die Landkarte an; aber es liegt begnadet schön. Es hat jenes Fluidum des Südens, verbunden mit dem geheimnisvollen Reiz, den jede nahe Grenze kündet, wobei noch dazukommt, dass die freilich recht südlich angehauchte Herbheit des Schweizer Bodens erkennen lässt, wie auch hier das Postamt seinen dumpfen Geruch hat und der bäuerliche Mensch die Hände rühren muss, tagaus, tagein, um sich an die volle Schüssel setzen zu können. Zuviel Süden wäre zuviel Wärme und Müdigkeit. Zuviel Herbheit aber wäre eine nie sich schliessende Wunde auf der glatten Oberfläche bergfroher Ferientage.

Soglio ist die ruhevolle Mitte einer farbenprächtigen Landschaft, und der Gruss der dunklen Zypressen am Dorfeingang hinüber zum hellen Granit des Cengalo offenbart nur einen der zauberhaften Gegensätze, die dieses Fleckchen Erde in sich birgt. Wo kein Kampf, dort kein Sieg, wo keine Leidenschaft, dort auch keine Besinnung. Soglio braucht die dramatische Gigantenbühne der Bondasca gegenüber, wenn es uns als die Schwelle des Paradieses erscheinen soll; denn es war dieser Ausblick über die Wiesen von Soglio gegen die über den Bergen aufgehende Sonne, der den Maler Giovanni Segantini mit solcher Ehrfurcht vor der Schöpfung erfüllte, dass er ihn auf seinem ersten Triptychonbild « Werden » verewigte. So ist es auch begreiflich, dass der Künstler diesen Höhenbalkon, auf dem er die letzten Winter seines Lebens verbrachte, als eine Schwelle zum Paradies empfand und begeistert ausrief: « Soglio è la soglia del paradiso! » Drei Wege sind es, die den Wanderer auf die Hochterrasse von Soglio führen: Da ist der Autowanderer, der, vom Comersee herkommend, über Chiavenna dem Maloja- und dem Julierpass zustrebt oder - umgekehrt - vom Engadin her ins rasch absinkende Val Bregaglia hinunterfährt. Orte mit weltberühmten Namen fliegen vorbei: St. Moritz, Silvaplana, Sils-Maria. Und gleich am Malojapass öffnet sich eine so ganz andersgeartete Talschaft. Helles Licht strömt aus dem Süden herauf, als läge dort ein Abgrund. Unten, 400 Meter tiefer, liegt Casaccia, liegt das Bergell, und man fährt aus dem Wehen des Windes, in dem die Kühle der Gletscher zu spüren war, in den südlichen Wind hinein. In kaum einer Stunde hat sich die Welt verändert. Die Namen der Ortschaften, die man durchfährt, enthalten italienischen Wohllaut: Vicosoprano, Stampa, Promontogno, Bondo, Castasegna. Die Strassen sind eng wie im Süden, die Fenster in den hellen, farbigen Häusern nicht mehr die tiefen, geschützten Luken des Engadiner Hauses, sondern freundliche Öffnungen mit bunten Läden. Und der Wind rauscht im Oleander.

Beim Weiler Spino, am rechten Saum der fruchtbaren Ebene, aus der die ungebärdige Maira durch eine bewaldete Schmalrinne dem Grenzdorf Castasegna zufliesst, zweigt, sich rasch in Hanggebüschen und ersten Kastaniengruppen verlierend, das schmale Fahrsträsschen nach Soglio ab. Stundenweise jeweils zur Bergoder Talfahrt geöffnet, führt diese steil ansteigende Strasse durch den schönsten und wohl auch grössten Kastanienwald, den die Schweiz zu bieten hat. Da und dort ragen aus blühenden Disteln und wilden Nelken die grauen « Cascine », die steinernen Hütten, in denen die Bauern im Spätherbst ihre Kastanien in der Rauchwärme eines glimmenden Feuers dörren. Jetzt ist es freilich erst der scharfe Duft der Kastanienblüte, der sich mit dem herben Geruch des Holzes mischt.

Man sollte aussteigen und zu Fuss den abkürzenden Fusspfad zum Dorf hinaufwandern, um das alles sehen, riechen und fühlen zu können. Wo eine Lücke im grünen Gewölbe klafft, stehen die Berge jenseits des Tales im azurblauen Himmel. Noch hält der Winter die Zacken der Scioragruppe gefangen, den Cengalo, den Badile und den Piz Trubinasca. Als gewaltige Zackensäge scheinen sie diesen Himmel zu ritzen. Das Tal versinkt, immer mächtiger werden die Gipfel gegenüber. Die jähe Nordkante des Piz Badile zieht wohl die Augen des Bergfreundes am meisten auf sich. Nichts kann sich mit ihr messen, auch wenn man weiss, dass sie in Wirklichkeit gar nicht so überaus steil in den Himmel fährt.

Noch eine grosse Wegschleife, noch ein erstaunter Blick auf die Caroggiafälle und noch ein kleiner Plausch mit dem « Wegmacher », dann hat man die Pforte vor sich, von der Segantini meinte, dass hinter ihr das Paradies liegen müsse. Jetzt kann man das Auge heben und erblickt droben einen hellen, schlanken Campanile, daneben die schwarze Flamme einer Zypresse. Sobald man aus dem Wehen der Kastanien heraus ist, umgibt einen die Luft grosser Höhen, und in beschwingender Freiheit schweift nun der Blick erneut hinüber ins offen daliegende Bondascatal. Man geht oder fährt auf graue Steinhäuser zu, vorbei am weissen Riesenwürfel der Post, und steckt plötzlich in einer beängstigend schmalen Gasse: man ist in Soglio.

Ein anderer Weg hinauf nach Soglio führt über die « Himmelsstiege ». Von Stampa aus, aber auch vom Schloss Castelmur her führen Pfade zum Beginn dieser die Felswände überwindenden Treppe, von deren Granitstufen der Weg auch den Namen « La Plotta » hat. Beinahe senkrecht flieht der Blick hinab auf das Geröllbett der Maira, aui Turm und Mauerzüge der Ruine Castelmur, und immer höher und klarer steigen über den Schrunden und Forsten der linken Talschranke die Spitzen der Bergeller Berge. Endlich aber besänftigt sich der Pfad zwischen Wiesen und Feldern und nähert sich dem Dorf, dessen graues Häusergeflecht, beherrscht vom barocken Helm der Kirche, sich auf einer Höhenterrasse am Sonnenhang des Pizzo Marcio ( Piz dal Märe, 2909 m ) vorschiebt.

Und von dort herunter kommt auch der dritte Weg, vom Duanpass herab, der den einfachsten Übergang aus dem Hochtal des Averser Rheins vermittelt. Ihn wird der erfahrene Wanderer wählen, der Bergsteiger, dessen Auge nach der unwirtlichen Nacktheit der Gipfelregion das schwellende Grün dieser Hochterrasse geniesst. Unter sich sieht er die Herde der grauen Häuser, geschart um den schlanken Hirten, ein Gewimmel von steinernen Dächern, die das Vorhandensein von engen Gassen und schmalen Durchgängen nur ahnen lassen. Und er taucht hinein in dieses Gewirr von silbergrauen, verwitterten Mauern, durch das ein Geruch schwebt von Tieren, Geruch von Heu und Schafwolle. Wie in einer engen Schlucht geht er nun in der Gasse fort und glaubt sich in einen der Schattenkanäle italienischer Bergstädtchen versetzt.

Wohin er schaut, tun sich Winkel und Wege auf, sonnenbeleuchtete Häuserstufen und graugrüne Dorf brunnen, schmutzige Kindergesichter und vollbärtige Bauernköpfe, ineinandergescho-r ene Dachgiebel und blumenübersäte Fensterstöcke, verwitterte Scheunentüren, leere Ziegenställe und uralte, schmiedeiserne Familienzeichen. Hinter dem bunten Dorfpolizisten stolziert eine « Miss Europa », und ihr Kleid schlägt sogar die grellgelbe Farbe des Postomnibusses k. o. Und das e lies zusammen ist ein Stück Welt in einem verträumten Zustand, der den Besucher schliesslich dorthin bringt, wo er selbst den einfachen Poststempel Soglio als Geschenk empfindet, als würde er ein wertvolles Autogramm bedeuten oder den grossen Entwurf für ein seltenes Landschaftsbild.

Wer über Nacht in Soglio bleiben will oder gar einen längeren Aufenhalt nehmen möchte, der wird auf die Pension Willy, die Casa Battista, verwiesen. Hinter den Toren in vornehmen Fassa- den öffnen sich hohe Gewölbehallen; das Speisezimmer für die Gäste nimmt sich aus wie ein Refektorium, und steinerne Treppen führen hinauf in stilvolle Gemächer mit vielfältigem künstlerischem Schmuck. Es sind die im iy.Jahrhundert entstandenen Paläste der vor rund tausend Jahren aus dem Süden eingewanderten Patrizier-familie Salis-Soglio, die hier einen weiten Lichthof unter freiem Himmel umsäumen.

Längst sind die heimkehrenden Ziegen in dämmerigen Gassen und dunklen Ställen verschwunden, nachdem sie aus dem steinernen Brunnen, der mitten auf dem Platz steht, noch einen Schluck genascht haben. Eine grosse Ruhe kehrt ein in Soglio. Der Brunnen freilich wird nicht zur Ruhe kommen, und das Geräusch des Windes wird um so klarer hervortreten. Ein paar Katzen werden maunzend über die granitenen Dächer streichen, hin und wieder wird der Schritt eines Mannes, der auf einer der Steinbänke des Platzes gesessen, in den Gassen verhallen. Und vielleicht wird der Nachtwind wieder einmal ein Grollen und Knattern durch die hohen Fenster hereintra-gen, wenn sich droben am Marcio Felsbrocken gelöst haben und in die einsamen, weiten Schuttkare hinunterpoltern.

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