Sommerskiberge im Jungfraugebiet

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Josef Dahinden.

Grossfiescherhorn, Gletscherhorn und Ebnefluh sind die drei gepriesenen Sommerskiberge im Jungfraugebiet.

380 Aufbruch auf dem Jungfraujoch. Der Firn ist metallisch hart, spröde, scharfkantig wie zerbröckeltes Porzellan. Ein glimmendes Lämpchen führt uns hinauf durch die sternenhelle Nacht. Am obern Mönchjoch flammt der Tag auf und wirft seine erste Morgenröte über den Fieschergrat. Wir tauschen die scharfen Zacken der Steigeisen mit den glatten Hölzern der Ski. Wie ein Maschinengeratter poltern die langen Bretter über den wolligen Firn. In brausender Sausefahrt erjagen wir im ersten Morgendämmern das Ewigschneefeld und den Anstieg zum Walcherhorn. Wieder kratzen die Eiskrallen unter den Füssen, und in schimmernden Glastafeln zerbricht die feine Eishaut über dem Firn. Endlos weitet sich die Gletscherwelt. Gelassen lässt der Trugberg seine schimmernden Falten in das mächtige Eisbett herabgleiten, und hell leuchtet die Firnkappe des Mönchs. Die Morgenschatten am Fieschergrat verschwinden. Sonne blitzt und funkelt auf dem Firn wie in einem Spiegel. Lustige Morgenwölkchen stehen kugelig, ballig über den Felsschroffen des Kammes. Der Aufstieg zum Grat ist mühelos.

Hier lassen wir die Ski zurück, und nach geringer Pickelarbeit wird der Gipfel erreicht. Mächtig, erschreckend düster und zackig trotzt das Finsteraarhorn empor. Weniger wuchtig im hellen Firnmantel, aber nicht minder schön steht im Südwesten das breithüftige Aletschhorn.

Auf warmem Fels gekauert, recken wir unsere Glieder und atmen unermessliche Ruhe und Fernsicht. Von lieblichem Grün durchmustert, bricht das Eismeer jäh zu unseren Füssen schimmernd blau in den Talgrund von Grindelwald. Nach langer Rast beginnt der Abstieg.

Doppelte Freude ist es nun, nach der langsamen, behutsamen Gratwanderung flink und behend auf den Brettern zu gleiten. Die zartglasige Firnhaut ist in der Sonne locker geworden. Wie in einem Muschelregen klirren und singen die Ski. Von Bogen zu Bogen wiegen die Hüften, und über herrliche Firnkuppen fallen wir tiefer und tiefer herab. Die schöne Ornamentik unserer Spuren schillert in der Sonne. Sie sind das stolze Zeichen unserer berginnigen Gesinnung, die verhaltenen Jubelrufe unserer Seele, Ausdruck unserer inneren Bewegtheit und Ergriffenheit, in sauber geordnete Geometrie gedrängt. Sie bilden Einheitlichkeit mit der schönen Linienwelt des Firnes, sind abgestimmt nach dem Rhythmus der gewaltigen Landschaft, eingepasst in ihre wunderbare Feierlichkeit, Grösse und Andacht.

Die Abfahrt liegt etwas südlicher als der steilere Aufstieg. Durch wundervollen Sulzschnee fahren wir gegen 9 Uhr in schmiegsamer Kurve auf das Ewigschneefeld zurück. Nach kurzem Aufstieg wird uns die letzte herrliche Abfahrt vom obern Mönchjoch zum Sphinxstollen. Gefahrlos, sanft wie auf hingebetteten Matten läuft der Ski, und nur die Laune schwenkt ihn ungestüm im stiebenden Schwunge aus rauschender Fahrt, dass die Firnkristalle hoch-spritzen und in perlendem Regen den erhitzten Körper kühlen.

Nochmals ein Blick auf den in flimmernder Ferne entschwindenden Aletsch, ein Staunen in die Überfülle des Lichtes und der sommerlichen Wärme. Schäumende Gletscherbächlein springen von den Felsen des Mönchs. Ungeheuer arbeiten Fels, Eis und Firn in der Mittagsglut. In unseren Augen leuchtet die Firnwelt.

Aus flaumweichem Blaudunst erwacht der frühe Morgen. Mauspelzchen-graue Neblein zerfetzen über den aschfarbigen Silhouetten des nahen Fels-kranzes. Auf marmorhartgefrorenem Firn knirschen und kratzen die Steigeisen. Nach kurzer Abfahrt vom Sphinxstollen zum Ausläufer des Rottal-hornes haben wir die Ski mit den Steigeisen vertauscht und steigen jetzt in die Firnmulde zwischen Kranzberg und Rottalhorn ein. Herrliche Morgen- frische weht über das leuchtend weisse Firnkleid des leicht zerschrundeten Gletschers herab. Die spröde Glashaut klirrt und klingelt unter unseren Tritten. Das Steigen ist mühlos. Im Osten wirft die Sonne ihr jubelndes Morgenrot in die zerwirbelnden Wolkenfähnchen, der Himmel wird lichtgrün, dann gelborange. Die ersten Sonnenstrahlen beginnen in warmen Tönen an feinstrichigen Föhnwölkchen zu zupfen und zu klingen. Die Sternlein verbleichen, und der Tag rauscht daher wie ein mächtiger Vogel in Lichtfülle und Glanz.

Wir sind auf dem Firnplateau Kranzberg-Lauitor angelangt. Am Rottalhorn flattert eine duftigweiche, silbergraue Nebelfahne, darin sich das Feuer der Sonne entzündet. Wir lassen die Ski und den Rucksack zurück und nähern uns über einen weiten Firnrücken und nach einer kurzen, steilen Gratwanderung den schönen Felsen des Gletscherhornes.

In zartweichem Gegenlicht steht die Fiescherhorn-Grünhorn-Kette. Bauschige Kugelwölkchen ordnen sich in einer weiten Kette um die hohe Firnmütze des Aletschhornes. Im Westen badet und dehnt sich das wellige Firnhochland der Ebnefluh.

Und welch ein Kontrast! Dieser ungeheure Nordabsturz desselben Berges! Tief, tief unten die Wälder, Weiden und Hütten des hintern Lauterbrunnentales. Langsam gleitet der Blick über den riesenhaften Leib der nahen Jungfrau wieder empor, erschrickt ob der wilden Schönheit ihrer Rottalflanke und wundert sich über die dreieckige Spitze, die von hier aus so schlank und elegant in der Sonne leuchtet.

Nach kurzem Abstieg sind wir wieder bei den Brettern und schleifen sie vergnügt an unseren Füssen. Sind wir doch so viel schneller, flinker, behender als auf den bärenhaft langsamen Steigeisen. Die Abfahrt zum Jungfraufirn ist einzigartig. Wie ein Vogel auf seinen Schwingen lassen wir uns auf herrlich führigem Sulzschnee in den sonnigen Steilhang fallen, tiefer und tiefer stets auf blendend weissem Firn. Himmel, Firn, Ski und Körper schwingen ineinander, von einem Jubel getragen: diese Bergfreiheit!

Wir schauen rückwärts, und weit oben aus dunkelblauem Himmel sehen wir die weisse Spur in freudigen Zuckungen herniederschlängeln.

Die Bergsilhouetten werden duftig blau. Weite Schattenkegel wachsen über den Jungfraufirn. Die Sonne faltet ihre Schwingen hinter der mächtigen Jungfrau zur Ruhe. Der schwere, wassergetränkte Sulz des Tages wird an der Oberfläche knusperig. Eine dünne Glasperlenhaut wächst wie ein zartes Spitzengewebe in der Schattenkühle des Bergrückens. In wundervollen Kurven lässt sich 's jetzt schwingen auf dem Ski.

Wir sind bereit zur Abfahrt nach der südlichen Kranzbergecke, um von dort nach der Egon von Steiger-Hütte aufzusteigen, wo wir nächtigen wollen, um morgen früh die Ebnefluh zu erreichen. Hei, wie rauschen die Bretter die steile Wächte am Jochplateau hinab! Die Firnkristalle spritzen wie frischer Tauregen auf. Der Körper legt sich weich wiegend, kraftvoll zurück-liegend in die Kurve, elastisch federnd trägt im spitzen Winkel das vor- gebeugte Knie und reisst den Schwung durch. In schlanker Linie verklingt unsere stiebende Fahrt. Wieviel schneller erreichen wir unser Ziel als der mühsam watende Fusswanderer! Der Gletscher öffnet sich mächtig, weitet sich zum Zirkus des uferlos scheinenden Konkordiaplatzes. Wie Mücklein auf der See sind wir Skifahrer hier. Feurig warm glüht der Fels drüben am Trugberg in der ersterbenden Sonne. In mächtigen Lichtkegeln und zart-duftigen Goldfächern zerstrahlt der Tag über den Felszacken des Finsteraarhorns. Lautlos ziehen wir die weiten Firntafeln des Grossen Aletsch hinauf. Zur Linken die mächtigen Firnabbrüche des Aletschhorns, zur Rechten die Ausläufer der Kranzberg- und Ebnefluhfirne. Nach einstündigem Aufstieg erscheint die Egon von Steiger-Hütte in zarten Umrissen am Horizonte. Rhythmisch gleiten die Ski über den fester gefrorenen Firn. Kein Tierlein, kein Pflänzlein, kein organisches Wesen als wir. Eine kosmische Landschaft. Sterne erstehen am Himmel, der Mond geht auf. Eine unendliche, sanft aufsteigende Alm, deren Wiesen und Matten Firne sind, erhebt sich vor uns, auf der über Tag eine verschwenderische Sonne weidet und nachts flimmernde Sterne in den Schneekristallen blitzen. Wir durchschreiten unter gold-grünem Abendhimmel die Lötschenlücke und betreten bald die schattige Hütte. In lautloser Stille beginnt draussen eine kühle Nacht.

Die Morgenfrische hat den Firn vollständig gehärtet, so dass wir auf den Eisen steigen und die Ski an der Leine ziehen.

Mit der ersten Morgensonne stehen wir am Ahnenjoch. Und die Ebnefluh? Eine weite sanft aufsteigende, arktische Gletscherwelt, mit einem welligen Firnhügelzug zum Abschluss, also ein ganz auserlesenes Skiparadies. So menschenverlassen und doch so sehr einladend zu längerem Verweilen! Nach mühelosem Marsch erreichen wir die breite Firnkuppe des Gipfels. Wie nahe steht sie dem Himmel, wie ergreifend ist ihre Fernsicht!

Die Abfahrt ist unvergleichlich schön. Der Ski nimmt die mächtigen Weiten in stiebender Schussfahrt. Leichte Silberwölklein mögen bei Neuschnee aus der fliegenden Skispur aufsteigen und den Himmel loben, der solche Skiheimat mit gütigem Blau überdeckt. Die Abfahrt ist für den Gletscherkundigen kinderleicht. Wie wenn man in einen sicher gesteuerten Wagen einsteigt, so etwa steht man auf seinen treuen Latten und lässt sich fahren, wohin man nur will. Ein kleiner Richtungszug, und die Ski laufen gehorsam die sanften, weiten, weiten Firnhänge hinab, zur Steigerhütte, zur Kranzbergecke in einem endlosen Zug. Die Berge ziehen in wundervollem Licht- und Schattenwechsel vorüber. Die Bergluft raunt, und die Sonne spielt in den lustigen Schneewolken über der Spur. Wenn die Beine ermüden, schwingen wir, wie ein Vöglein, dem es in geradem Fluge zu rasch geht, auf und nieder, her und hin, so den Himmel und das Leben mannigfach trinkend. O Luft und Licht!

Nach zweieinhalb Stunden Aufstieg vom unteren Kranzberg zum Jungfraujoch sind wir wieder zurück bei den Menschen und dem Getriebe um das Haus über den Wolken.

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