Sonnige Tage auf Nagiens

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»»Von Armin Rühl

Mit 2 Bildern ( 43, 44Zürich ) An einem erwachenden prächtigen Vorfrühlingstag ging die Fahrt längs des silbern glitzernden Zürichsees Chur zu. Der kurze Aufenthalt in Ziegelbrücke erlaubt, vom Zug aus ein paar alte Glarner Bekannte wie Schild, Kärpf, Glärnisch und Rautispitz zu grüssen. Der Wallensee zu Füssen der von dieser Seite aus recht trutzig aussehenden Churfirsten nimmt einem mit seinem meist tiefblauen Wasser und seinem romantischen rechten Ufer immer wieder von neuem gefangen. In den schon sattgrünen Wiesen der Bündner Herrschaft blühen verstreut die Frühlingsprimeln, und in den Auenwäldern des Rheins leuchten silbern die Weidenkätzchen in der Morgensonne. Sonnseits gegen den Calanda hinauf ist es schon bis an die 2000-Meter-Grenze aper, und grosse, rote Flecken, herrührend von Erica carnea, beleben die Hänge.

Im bequemen Polster des grossen gelben Postautos geniesse ich so recht die Fahrt nach Flims. Waldhaus Flims: geschlossene Läden, geschlossene Hotels, keine Gäste, ein « bisschen pauvre », das ist der erste Eindruck. Da Die Alpen - 1944 - Les Alpes13 SONNIGE TAGE AUF NAGIENS ich keine Karte von meinem geplanten Exkursionsgebiet habe auftreiben können, mache ich mich daran, an Hand eines vom Verkehrsverein Flims herausgegebenen Prospektes, der mit seinen verlockenden Bildern Anlass zum Besuch des Skigebietes von Nagiens gegeben hat, den Weg auszukundschaften. Einmal auf dem Laaxer Alpweg, kann man nicht mehr gut fehlgehen. Ein herrlicher Tag mit viel, recht viel Sonne! Nach etwa 2% Stunden ist die Waldgrenze erreicht, bald darauf sieht man die Alphütten von Schleuis und ca. 150 m höher die Nagienshütte, 2200 m.

Zwei braune Gestalten, die auf dem Dach der Sonnenterrasse lagen ( wo gibt es sonst noch eine C. Hütte mit spezieller Sonnenterrasse ?), blinzelten ein wenig, sagten dem neuen Ankömmling « Grüezi » und fielen dann in ihre Lethargie zurück. Auch das sollte ich hier oben noch lernen, so faul zu werden, um nicht einmal die Augen richtig öffnen zu können. Nachdem der Hüttenwart mich begrüsst und ich mich häuslich eingerichtet hatte, gab ich mich für den Rest des Tages einem süssen Nichtstun hin und liess die Sonne auf mein Fell brennen, bis Schatten und mit ihnen eine frische Brise kamen. Scharf traten die Gräte und Kanten der gegenüberliegenden Signinagruppe beim scheidenden Sonnenlicht hervor, und während die Schatten höher und höher stiegen und ein Gipfel nach dem andern verblasste, färbte sich der Himmel im Osten von hellblau zu einem lichten Gelb, das dann in violette Töne überging. Als letzten trafen die goldenen Strahlen der untergehenden Sonne den Piz Roseg. Die empfindliche Kühle trieb einen in die Hütte, und bald stand ein feudales Nachtessen vor mir. Nicht umsonst war Hüttenwart Meiler Küchenchef in grossen Hotels gewesen, wie ich mich auch an den folgenden Tagen überzeugen konnte.Vor dem Schlafengehen trat ich nochmals vor die Hütte, ein scharfer Wind blies, unzählige Sterne funkelten, schwarz hob sich der Grat vom Crap St. Gion bis zum Crap Masegn vom helleren Himmel ab. Jede Nacht erlebte ich diesen wunderbaren Sternenhimmel, in keiner Kirche hatte ich je solche Andacht, die Grosse des Schöpfers und meine eigene Kleinheit so tief empfunden.

Leichtes Schneegestöber und ein bissiger Ostwind empfingen mich am Morgen, als ich vor die Hütte trat. Acht Tage lang hatte das schönste Wetter geherrscht, nun sollte es aus sein, gerade jetzt, wo ich ein paar Tage in Sonne zu schwelgen gedachte? Nach einem kräftigen Z'morgen spannte ich die Felle auf die Bretter, steckte Wachs, Photokasten und ein paar dürre Zwetschgen in den Rucksack und machte mich auf, Richtung Vorab. Hin und wieder stahl sich ein Sonnenstrahl durch ein Wolkenloch und liess immer noch auf besseres Wetter hoffen.

An die zwei Stunden stieg ich immer über leicht gewelltes Terrain bis zum « Z'nünistei », einem Felsenriff am Fusse des Bündner Bergfirns. Da Wind, Nebel und Schneetreiben immer stärker wurden und ein Sonnenstrahl immer seltener, beschloss ich umzukehren, besonders weil Hüttenwart Meiler abgeraten hatte, den Firn bei Nebel zu forcieren. Eine schwache halbe Stunde später lehnten die Bretter wieder an der Hüttenwand. Da nachmittags das Wetter sich noch verschlechterte, wurden alle Tourenpläne fallen gelassen und wieder neue geschmiedet, derweil das gemütliche Hüttenleben zu seinem Rechte kam.

Und dann geschah das Wunder: als ich vor dem Schlafengehen wie üblich vor die Hütte trat, hatte es aufgehört zu schneien. Noch pfiff der Wind um die Hüttenecke, aber in der Wolkendecke zeigten sich grosse, breite Risse, durch welche die Sterne schimmerten, für morgen einen bessern Tag verheissend.

Etwas spät wickelte ich mich aus den vielen Decken; blauer Himmel, lachende Sonne und ein bissiger, scharfer Ostwind grüssten im Freien. Nur im Rheintal unten lagerte dichter Nebel und machte Miene, gelegentlich heraufzusteigen. Aufräumen, Essen und dann los: eine hohe Pulverschneeschicht liess auf eine flotte, stiebende Abfahrt hoffen. Der Nebel aus dem Tal stieg langsam auf und brachte leichtes Schneefallen, aber Wind und Sonne wurden dann endgültig Sieger. Prachtvolles Wetter, das die ganze Woche anhalten sollte, setzte ein. In anderthalb Stunden erreichte ich den « Z'nüni-stei », ohne Rast ging 's weiter unter Punkt 2726 durch auf den Bündner Bergfirn und in leicht geschwungener Linie bis in den Vorabsattel. Die Skis wurden hier deponiert, und in 10 Minuten erreichte ich zu Fuss den Gipfel des Glarner Vorab. Von der Aussicht fesselte vor allem der Blick auf das 2000 m tiefer gelegene Elm. Der kalte Wind, der vom Sernftal herauf strich, zwang zu baldigem Verlassen des Gipfels. Eine schwache halbe Stunde später war ich auf dem 10 m höheren Bündner Vorab, wo ich im Windschatten eine einstündige Gipfelrast gemessen konnte. Die Aussicht ist dieselbe wie auf dem Glarner Vorab, nur fehlt der wunderbare Tiefblick ins Sernftal, dafür sieht man auf die ausgedehnten Schneeflächen der Alpen von Nagiens, Schleuis und Laax. Die Bündner Berge waren bis auf ein paar überragende Spitzen im Nebel.

Im Sattel zurück wurden die Felle abgeschnallt, gewachst, und dann ging 's in einem Zuge durch stiebenden Pulverschnee in grossen Bogen den Firn hinab und weiter in massigem Tempo bis zur Hütte, wo ich nach einer guten halben Stunde prachtvoller Abfahrt tiefbefriedigt die Federstrammer löste.

Piz Grisch und Laaxerstöckli hiess die Losung für den nächsten Tag. Von der Hütte weg unter Punkt 2363 durch führt die Anstiegsroute über massig steile Halden gegen die Einsattelung zwischen Laaxerstöckli und Ofen. \y2 Stunden hatte ich bis dicht unter den Sattel gebraucht, 40 bis 50 m Höhendifferenz trennten mich aber noch davon, als ich einsehen musste, dass für einen Alleingänger hier kein Durchkommen war: weit ausladend und drohend stach eine Gwächte in die Luft hinaus, die sich vom Sattel bis auf den Nordostgrat des Stöckli hinzog. Der seit Tagen herrschende Nordostwind hatte grosse Mengen von Flugschnee an den Hängen angehäuft. Vorsichtig traversierte ich fast horizontal in die Lücke, zwischen Grisch und Laaxerstöckli hinüber ( 2739 ). Erleichtert atmete ich auf, als dieses Stück geschaffen war. Die Skis in der Lücke zurücklassend, gewann ich in wenigen SONNIGE TAGE AUF NAGIENS Minuten über den Grat den Gipfel des Grisch. Während der einstündigen Rast machte ich es mir im Windschatten bequem und liess die Blicke ringsum schweifen, die heute namentlich von den in voller Sonne leuchtenden Bündner Gipfeln gefangen genommen wurden. Tief unten lag die Hütte in den weiten, glitzernden Flächen der Nagiensalp. Im Sattel zurück, ging 's gleich noch auf das Laaxerstöckli. Der Tiefblick ist ähnlich wie im Vorab, ein paar Häuser von Matt sieht man noch. Segnes und Sardona bieten von hier einen prächtigen Anblick.

Die Abfahrt von der Lücke gegen den Fuss des Bündner Bergfirns über die verharschte Südwestseite war kein reines Vergnügen, doch die letzte Strecke zur Hütte entschädigte vollauf für dieses Stück. Der Rest des Tages war einem « dolce far niente » gewidmet.

Und wieder zog ich an einem herrlichen Sonnenmorgen auf dem nun bekannten Pfade gegen den Bündner Bergfirn hin. Ich stieg aber nur auf den Crap Ner, Punkt 2726, wo ich 1% Stunden lang an der prallen Sonne lag. Dann ging 's, fast immer die gleiche Höhe haltend, zur Sagenser Furka hinüber. Die Skis in der Furkel zurücklassend, erreichte ich über den Nordwestgrat den Gipfel des Crap Masegn. Oben bereute ich es bitter, die Skis nicht mitgenommen zu haben. Die Abfahrt nach dem Crap St. Gion wäre gar so schön gewesen.

Nach kurzem Aufenthalt kehrte ich in die Furkel zurück. Bei der Abfahrt zur Hütte hielt ich mich zu tief, geriet in Runsen und Rinnen und musste eine längere Gegensteigung überwinden. Ein wenig schlapp in den Knien hielt ich Einzug in der Hütte und legte mich früh zur Ruhe nieder.

Der letzte Tag meiner Bergfahrt war angebrochen; gegen Mittag musste ich talwärts. So stieg ich noch einmal auf Punkt 2363 ob der Hütte, schaute in die freie, weite Landschaft und fuhr dann in prächtiger, kurzer Schussfahrt zur Hütte zurück, um mit dem Hüttenwart Meiler zu plaudern, die Sonne zu trinken und dann nach einem kräftigen Händedruck wieder hinunter ins Tal zu wandern.

Unten, in den Runcawiesen, wo der braune Stadel steht und der Sulzschnee endete, hielt ich letzte Rast. Dunkle Fichtenwälder, weisse, glitzernde Flächen mit den verstreuten, samtbraunen Hütten und ein tiefblauer Himmel ein schönes Bild! Schwer war es, von hier Abschied zu nehmen, aber es musste sein. An einer warmen, sonnigen Halde pflückte ich mir ein Sträusschen der schönsten roten Erika und ein paar Föhrenzweige dazu. Zwei Wochen stand das Sträusschen auf meinem Schreibtisch, dann fand es ein klägliches Ende im Ochsnerkübel. Die Erinnerung aber an die sonnigen, frohen Tage auf Nagiens wird bleiben.

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