Sonnigwichel
Unterstütze den SAC Jetzt spenden

Sonnigwichel

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

aVon A. Pfäffli

Mit 1 Bild ( 128).Zürich, Sektion Am Albis ).

Es fehlte mir ein passender Begleiter, deshalb zog ich allein aus mit dem Ziele: Sonnigwichel! Da mir das Fellital bekannt war, fuhr ich guten Mutes mit dem Nachtzug in die Innerschweiz. Schon auf der Reise aber trat unvermutet die Versuchung einer Planänderung an mich heran. Eine junge, nette Urnerin pries mir lebhaft Anmut und Reiz des Meientales. Allen Schönheiten zum Trotze liess ich mich aber von meinem Vorhaben nicht abbringen und verliess in Gurtnellen den Zug. Ein flatterndes Tüchlein aus er- helltem Wagenfenster grüsste und enteilte, und mit ihm verliessen mich Geselligkeit und Wärme. Ohne grosse Lust marschierte ich über die harte Asphaltstrasse, die mir dunkler und langer als je erschien, und ich verwünschte die einzelgängerischen Pläne. Dann ;iber ging 's steil bergan, über Stock und Stein hinauf zum stotzigen Felliberg. Dabei verflogen die sonderlichen Überlegungen, und hungrig und guter Di ige erreichte ich die: Treschhütte. Nach einem kurzen Frühstück nahm ich den Weg zur Pörtlialp unter die Füsse. Ein frischer Wind brachte den neuen Tag. Ich ernpfa.id jenes Gefühl von Gesundheit und Freude, wie nur das Bergsteigen es uns schenkt.

Beim grossen Gendarmen erreichte ich den Matteriberggrat, womit ich ein paar Kletterpartien überholt hatte und mich bald als Erster am Fusse des Aufschwunges zum Sonnigwichel befand. Man klettert allein leicht und bequem und wird recht aufgeräumt dabei. Doch nun stand ich vor jenem abweisenden, steilen und exponierter; Grat. Leise Zweifel stiegen in mir auf. Der untere Teil freilich liess sich bezwingen, und bald sah mich die steile Kante, die von einem kleinen abweichenden Gendarmen gekrönt ist, kleinlaut an ihr herumstudieren. Die zehn Meter über diese grifflose, nach Norden sehr steil, nach Süden senkrecht abfallende, den Grat bildende Plattenkante, die sich jäh zum erwähnten Gendarmen aufschwingt, brachte mich in arge Verlegenheit. Zwei Mauerhaken in einem dünnen Riss liessen auf den Weg schliessen, der die Platte links unter dem Gendarmen durch quert. Mit all meiner Kraft versuchte ich mich über die Kante unter den lästigen Höcker hinaufzustemmen, fühlte aber dann die Unmöglichkeit, die Platte, an den Fingerspitzen beinahe hangend, zu queren. Ich rutschte vorsichtig auf meinen Standplatz zurück. Der Durchschlupf schien rechts um den den Aufstieg versperrenden Gendarmen, wo der Grat senkrecht abfällt, ausgeschlossen. ( Ein Jahr später stand ich zu dritt an der gleichen Stelle, freilich nun diesen richtigen Weg kennend. ) Ich sann verbissen am Weiterkommen herum, als mir unverhofft Hilfe von oben zuteil wurde. Zwei Touristen, die den Berg auf einer andern Route bestiegen hatten, erbarmten sic'i meiner und warfen mir ihr Seil zu. Froh war ich, obwohl ich 's so gerne allein geschafft hätteMit kräftigem Seilzug half man mir über die Platte auf den Grat hinauf, von wo der Gipfel bald erreicht war.

Glücklich war ich nun oben und freute mich mächtig der Gipfelrast. Mein Blick schweifte auf nahe und lerne Berge, hinunter in tiefe Täler mit glitzernden Bächen, deren Rauschen bald stärker, bald schwächer zu hören war, über sonnige, grüne Matten aufwärts zu unwirtlichen Felszacken und zu silbernen Firnen.

Hinunter, möglichst direkt ins Etzlital, war nun mein Trachten. So einfach wie dies schien, brauchte es doch eine gehörige Mühe. Weil ich kein Seil bei mir hatte, kosteten mich diu ersten 30 Meter schon einiges Kopfzerbrechen. Bald befand ich mich dann auf abschüssigen Rasenbändern zwischen tiefen, steilen Couloirs. Zum Schlüsse blieb keine andere Wahl, als in ein solches Tobel einzusteigen, was ohne Seil allerdings sehr heikel war. Arg bedrängt wusste ich mir nicht ändert zu helfen, als behutsam aus dem Rucksack zu schlüpfen und diesen dem Couloir anzuvertrauen. Er fiel und fuhr alsogleich, mit den Steinen um die Wette lärmend und polternd, in die Schlucht hinab. Verbissen erreichte auch ich den Grund des steinschlaggefährdeten Couloirs. Mit aller Vorsicht stieg ich ab, hin und wieder fand ich auf einem Vorsprung etwas aus meinem Rucksack, bis ich endlich einen letzten Absatz erreichte, drei Meter über einer in die Schlucht hereinragenden Schneezunge. Nochmals grinste mich die Gefahr an, denn es galt nun, auf diese Zunge zu gelangen, die den senkrechten Couloirwänden entlang weggeschmolzen und äusserst schmal war und einem Ende eines abgebrochenen Steges glich. Lange stand ich zaudernd, wagte endlich den Sprung, setzte auf der Zunge auf und drehte mich blitzschnell, mich im Schnee mit beiden Armen verankernd. Es war gelungen! Ich stieg nun unter die Schneezunge und suchte dort den Rucksack und die verbliebenen sieben Sachen zusammen und machte mich eilig aus der tückischen Schlucht. Die Spannung wich, als ich auf sicherm Boden stand, ich mochte lachen, und es kam mir vor, als hätte ich dem Berg ein Schnippchen geschlagen. Ich freute mich am guten Gelingen, war recht zufrieden mit der Welt und mir, woran auch der lange Abstieg nach Bristen nichts änderte. Alleingänger sein ist eine gefahren-volle Sache. Aber: sind wir nicht da, gerade heute, um vor uns selbst mutig und kraftvoll zu bestehen?

Feedback