Stein- und Gemswild am Pilatus.

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J.F. Wildhaber, Sempach

( Bilder 1 -6 ) In der Zoologie wird das Steinwild oder der « Steinbock » ( wie man merkwürdigerweise die Tiere beider Geschlechter dieser Gattung bezeichnet, obschon der « Bock » eigentlich nur für das männliche Exemplar sinngemäss ist, während im Gegensatz dazu das weibliche Tier, nämlich die « Steingeiss » stehen müssteAlpensteinbock = Capra Ibex/Capra Alpina - den ( Wild- ) Ziegen zugeordnet und damit der grossen Familie der Wiederkäuer, zu welchen auch die Gemsen zählen; doch geht aus der zoologischen Bezeichnung letzterer hervor - Antilope Rupicapra -, dass sie zu den antilopenartigen Tieren gehören; gleichzeitig deutet allerdings der Name auch auf ihre Ähnlichkeit mit den Ziegen hin ( lat. rupes = Fels, Kluft; capra = Ziege ).

Beide Gratkletterer bewohnten den Hausberg Luzerns vermutlich schon im Diluvium, also in der Zeit, als in unsern Gegenden Eiszeiten mit Zwischenwarmzeiten wechselten und sich Höhlenbär, Mammut, Nashorn, Eisfuchs, Schneehase - und schlussendlich auch die ersten Menschen einfanden. Wenn wir das Wandgemälde Ernst Hodels im Museum des Luzerner Gletschergartens betrachten, so entdecken wir links unten eine Gruppe Rentiere ( Rangifer taran-dusim Hintergrund wächst der Pilatus - der gespaltene Berg, Frakmont ( lateinische frühmittelalterliche Bezeichnung Fraktus monsaus einem Gletschermeer heraus, dessen Grenzlinie ungefähr 150 Meter unter dem vorgeschobenen heutigen Regenflüeli-Studberg—Ochs verläuft, wobei diese Vorgipfel, wenn wir die lokal begrenzten Fels-sturzgebiete im Südhang in Betracht ziehen, damals an die too Meter höher gewesen sein dürften. War nun in dieser Zeitperiode das Ren als typischer Nordzonen- und Bergbewohner bei uns heimisch, so ist anzunehmen und vielleicht sogar, in lokalem Rahmen einmal nachweisbar, dass auch die andern Wiederkäuer, wie Elch, Hirsch, Gemse und Steinbock, auf den weitläufigen, sonnigen und wildgrasbewachsenen Flanken, Terrassen, Bändern, in Tälchen und Falten des urzeitlichen Berges einen idealen Lebensraum fanden. Die Gemsen und Steinböcke « wanderten » mit den Eisströmen bis ins Mittelland und in den zwischeneiszeitlichen Warmperioden wieder zurück ins Gebirge.

Das Steinwild am Pilatus war schon vor dem I~.Jahrhundert ausgerottet. Sein gutmütiger Charakter, gepaart mit offenkundiger Neugierde, wurde ihm eben zum Verhängnis. Die Reichweite von Pfeilschuss mit Jagdbogen oder Armbrust übertraf die kurzen Fluchtdistanzen - zum Nachteil der Tiere. Leider finden sich nur spärliche Anhaltspunkte darüber. In einer Aufzeichnung des ehemaligen Stadtarchivars P. X. Weber heisst es: « ...das Vorkommen des Steinbockes ist nicht erwiesen, obwohl sich im Naturalienkabinett von Luzern ein von Oberst Felix Balthasar geschenkter skelettierter Kopf samt Hörnern mit der Angabe befand: geschossen am Pilatus... » Anderseits ist aus der römischen Geschichte bekannt, dass die früheren Eindringlinge in Helvetiens Gaue manchmal too bis 200 Steinböcke -nebst Luchsen und anderem Getier - einfingen und für die Kampfspiele in Rom ( Vindonissa? I ) verfrachteten. Vermutlich könnte auch das Studium alter luzernischer Apothekerrezepte auf gewisse Spuren führen, galt doch einst der Handel mit mysteriösen Arzneien aus Beozarkugeln, gemahlener Hornsubstanz, u.a. als einträgliches Geschäft.

DIE WIEDEREINBÜRGERUNG DES STEIN-WILDES AM PILATUS Heute zählt man einen Bestand von go Köpfen ( inkl. Nachwuchs ). Eine erste Gruppe wurde'Anmerkung v. Verfasser: Für Rom hätte man die Steinböcke wohl in den italienischen Alpen einfangen können?

i960 am Pilatus-Matthorn ( nicht zu verwechseln mit dem Augstmatthorn !) ausgesetzt. Es schien ihnen aber dort nicht zu gefallen, und sie verzogen sich bald in den Bereich des eigentlichen Pila-tuskammes. Die steilen Südosthänge am Esel, Steiglihorn, Windegg sind beliebte Wintereinstände; die sanft geneigten Grasflanken am Widderfeld dagegen werden ausgangs Frühjahr bis Mitte Hochsommer bevorzugt, wobei die heissen Tage vorwiegend in den feuchtschattigen Nordabstürzen vertrödelt werden.

Der Jahreszeitenwechsel ist stets auch das Signal fur die Alters- und Geschlechtsumgruppie-rungen in den Herden. So verziehen sich anfangs Juni die tragenden Muttertiere mit ihrenjährlin-gen in unzugängliche nordöstliche Felsbänder; die ausgereiften Böcke bilden « Altherrenklubs », und auch die « Halbstarken » treiben sich in abgesonderten Gruppen umher. Beim Pilatus-Stein-wild sind aber die bekannten Frühjahrsabstiege zur Zeit der Schneeschmelze weit weniger ausgeprägt als diejenigen in einem bedeutend höher gelegenen Lebensraum, wie z.B. am Piz Albris im Engadin. Dort enden die Abstiege in den « Blasen » auf Dorfhöhe Pontresinas, was der durchschnittlichen Kammlage am Pilatus entspricht! Darum scheint sich hier das « Vagabundieren » mehr in der Horizontalen zu entfalten, eine Erscheinung, die wohl mit dem jeweiligen Nahrungsangebot und dem Zustand der Gräser zusammenhängt. Im Sommer erfolgt der eigentliche Weidetrieb erst gegen Abend, und zwar am Pilatus stets von unten nach oben, wobei die Wasseraufnahme durch die taureichen Dämmer- und Nachtstunden begünstigt wird. Die verbrannten Südhänge werden gemieden. Auch beginnt die Aufteilung in kleinere Bockgruppen ( 3 bis 8 Tiere ) in der Länge des gesamten Scheitels von der Windegg bis zum Risettenstock. Ob dabei auch eine Verschmelzung mit der bernischen Kolonie am Augstmatthorn bereits stattgefunden hat, ist eine offene Frage. Das sonst stark beaste Widderfeld bleibt in einer bestimmten Herbstperiode vollkommen verlassen. Folgen dann noch aussergewöhnlich kühle, regenreiche Wochen, so werden manchmal die Strauch- und Buschzonen der Oberalp und sogar die tief gelegenen Böden im Eigental aufgesucht. Im Vorwinter vollzieht sich dann die grosse Versammlung aller, und während der kalten Monate bleibt « Kind und Kegel » einträchtig auf den Höhen beisammen. Wenn nun Ende November die Feistzeit unserer Langhörner endet, ist ihre Scheu den Touristen gegenüber gering. Die fast kugelrunden « Könige der Berge » sind nun buchstäblich faul, und der « angefressene » Notspeck von bis zu 35 Kilogramm hindert sie an rasanten Fluchten...

Das Steinwild meidet im allgemeinen frisch verschneite abschüssige und vereiste Stellen, im Gegensatz zu den Gemsen! Besonders im Frühjahr sind die übermässig gewachsenen Klauen im Griff beeinträchtigt und weit weniger den Verhältnissen angepasst als die « stählernen » Schalen der Gemsen.

Am Pilatus wie anderswo ist zu beobachten, dass immer während der gefährlichen Umstellungen im Herbst und Frühjahr ( Neuschnee bzw. Schneeschmelze ) regelmässig die Steinadler auf Fallwild lauern ( gilt auch für die Setzzeit !), wobei hier der Anflug meist vom Entlebuch her erfolgt und das Tomlihorn als Wendepunkt angenommen werden kann ( auch bei eingestelltem Bahnbetrieb lässt sich kein Adler im Bereich des « Esels » sehen !).

Die Äsbezirke der Steinböcke und Gemsen überschneiden sich gelegentlich, werden aber nie gemeinsam aufgesucht. « Sichtweitenkontakt » ist möglich, aber dann in der Regel hier « abge-schrankt » durch das « Grotzlifeld » der obersten Waldgrenze. Man duldet, aber liebt sich nicht!

DIE GEMSEN AM PILATUS2 Diese sind in den Schriften schon viel häufiger vertreten. So entnimmt man dem Werk von 2 Auszug aus einem Aufsatz des Verfassers: Luzerner Neueste Nachrichten, Frühjahr 1974.

P. X. Weber, « Der Pilatus und seine Geschichte », allerhand über die Tierwelt daselbst: « ...schon Konrad Gessner hat auf seiner Pilatusreise im Sommer 1555 eine Reihe von Tieren beobachtet, u.a. Gemsen, Schneehuhn und Alpenfasan ( evtl. Birkhuhn? Verf. )... Gepirscht freilich wurde am Pilatus auf hohes und niederes Gewild schon in frühesten Zeiten... » Und es kommt wahrlich nicht von ungefähr, wenn Scheffel einen schweizerischen Hellebardier bei den Petersdom-Kolon-naden in Sehnsucht nach der Heimat sprechen lässt:

Könnt ich wieder am Pilatus Durch Lauisturz und Felsen Auf des Gamstiers flücht'ger Fährte Als verwegner Weidmann ziehn!

Weiter lesen wir: « Auch Renward Cysat gedenkt mehrmals der Jagd am Pilatus oder des dortigen Gewildes, dessen es grosse ville da hat, sonderlich aber gemsen... So war auch Dr.Kappelers Führer und Begleiter im Sommer 1717 ein Gemsjäger. Gewisse Wildinen und Bergreviere waren ganz vorzüglich belebt. Auf der Obwaldner Seite genossen die entlegenen und geschützten Gründe um die Musfluh und auf den nahen Stock bis in die neueren Zeiten den Ruf eines Lieblingsaufenthaltes für Gemsen und Auerhähne... » Erst das Aufkommen der Hinterlade-Feuer-waffen führte ziemlich sicher auch am Pilatus zu einer empfindlichen Dezimierung des Gemsbe-standes. Wenn wir die Literatur über die damaligen Verhältnisse durchstöbern, so findet man tatsächlich nur andeutungsweise Bemerkungen über unsere Grattiere. Stadtschreiber Anton Schürmann ( 1832-1920 ), der eifrige Laienfor-scher und Pilatusliebhaber, hinterliess in seinen Notizen sozusagen nichts darüber, was um so be-fremdlicher tönen mag, als er doch auf seinen vielen Streifzügen über kleinste Erlebnisse Buch führte. Im Erinnerungsband von Hugo Nünlist: « Anton Schürmann und der Pilatus » ist darüber festgehalten: « ...am 8.Oktober 1854 versuchte sich Schürmann, wie schon am 16. Nov. 1853, als Gemsjäger. Die Jagd mit Heinrich Haas im Räume der Kastelenalp verlief wiederum völlig ergebnislos. Kein Wunder übrigens, wie wir im folgenden sehen werden, wenn man Felstrümmer über die Flühe rollen lässt! » Aus weiteren Aufzeichnungen geht aber auch hervor, dass die letzten Wildgrasplanken ausgenutzt wurden, entweder durch Weidegang von Schafen und Ziegen oder durch Grasschnitt. ( Solch übertriebener « Raubbau » wird schon Jahrhunderte zuvor auch am Aussterben der Steinböcke mitschuldig gewesen sein !) Dann heisst es: « Die leichter zugänglichen Stellen dieses Berghanges werden alle zum Wildheuen benutzt. Glatt rasiert waren die Grasflanken, und die Wurzeln sehnten sich nach einer Decke vor der brennenden Sonne, die seit 5 Wochen die Keime versengte... » Auch in Heinrich Federers Erzählung « Pilatus » findet man herzlich wenig über eine Begegnung mit Gemsen. Hingegen — wenn wir seinen Ausführungen Glauben schenken wollen herrschten damals unkontrollierte Jagdmetho-den und zügellose Wilderei. Ein wesentliches Merkmal jener Zeiten war eben eine heillose Begriffsverwirrung. Romantik, naturwissenschaftliche Eiferei, skrupelloser Raubbau an Fauna und Flora, herrschaftlicher Jagdanspruch und bauernstämmige Freibeuterei, falsch verstandene Freiheit und betonter Kastenegoismus verhinderten jede geordnete Wild tierhege. Man beginnt ja auch erst heute die naturgewollte Trilogie « Fauna—Flora—Mensch » allen Überlegungen voranzustellen. Der Jäger wird zum Diener an Wald, Wild und Leben. Das alleinige Verfügungsrecht wird ihm aber mit aller Deutlichkeit abgesprochen! Für die modernen Wildforscher, wie Dr. Bubenik u.a., sind wir ohne wissenschaftliche Forschung und eine Umkrempelung mittelalterlicher Jagdmythen nicht mehr in der Lage, eine harmonische Entwicklung zu gewährleisten. Gewiss, heute ist der Bestand an Gemsen am Pilatus wieder zahlreich. Ob und wie weit die Altersklassen einer gesunden Populationspyramide ( das ist die natürliche gegliederte Zahl an Jung-und Alttieren im Verhältnis der Geschlechter zueinander ) entsprechen, überfordert den Rahmen unserer Orientierung. Tatsache aber ist, dass bei der heutzutage noch gültigen Trophäenjagd der « kapitale Bock », also das männliche Tier in der Reife, das Abschussideal darstellt, was jeder vernünftigen Einsicht widerspricht... Die Lebensweise der Gemsen am Pilatus wird ( wie beim Steinwild, aber in anderem Rhythmus !) von den Jahreszeiten bestimmt. Im Frühjahr suchen sie in losen Grüppchen und einzeln tiefer gelegene Waldblössen auf bis hinunter auf goo oder sogar noch weniger Meter. Hier wird den ganzen Tag über geäst und gebummelt. Der Haarwechsel ist im vollen Gange, und bis Mitte Juni schimmert das braunrötliche Sommerkleid. Eigentlich ist Färbung und Dichte des rauhhaarigen Gemspelzes in ununterbrochenem Fluss. Winter- und Sommerkleid sind nur eigentliche Fixpunkte in einer langen, dem Jahreslauf parallel folgenden Stufenleiter zahlloser Zustände und Übergänge. Der Grundton des Winters ist die schwarze Farbe und diejenige der warmen Jahreszeit das Rötlich-braune. Zugleich aber gibt es alle möglichen Varianten und auch örtlich bedingte Eigenheiten. Die Gemsen am Pilatus wechseln auch in Nord- und Südhänge, je nach Jahreszeit. Findet man sie im Frühjahr noch überall, so verziehen sie sich im Sommer mit Vorliebe in die Schattenhänge. Besonders die altern Böcke sondern sich ab und verbringen die heissen Tage in unzugänglichem, nassem und verfilztem Legföhrengestrüpp.

Die Wechsel der Gemsen am Pilatus sind « traditionell ». Man könnte ohne weiteres eine topographische Karte darüber zeichnen, die ein aufschlussreiches Bild vermitteln würde. Es gibt ganz bestimmte Verzweigungen, welche an den Knotenpunkten sozusagen Tore für Vor- oder Rückmarsch bilden. Selbstverständlich heisst das aber nicht, dass sich die Tiere -je nach Lust, Laune oder Gefahr - nur darauf beschränken.

Das vorsichtigste Glied unter dem Gemsrudel ist die Leitgeiss. Sie stellt Wachtposten auf, sichert, weist zurecht und gibt das Zeichen zur geordneten Flucht. Ihr bestes Sinnesorgan ist der Riecher ( Nase ), an zweiter Stelle folgen die Lauscher ( Ohren ) und erst an letzter Stelle die Seher ( Augen ).

Der Warnpfiff der Gemsen ist ein eigenartiges, langgezogenes und heiser anzuhörendes Signal. So schrieb einst Friedrich Schiller darüber im Vers: « - das Tier hat auch Vernunft; Das wissen wir, die wir Gemsen jagen. Die stellen klug, wo sie zur Weide gehn ,'ne Vorhut aus, die spitzt das Ohr und warnet Mit heller Pfeife, wenn der Jäger naht... » Die Zahl der Gemsen am Pilatus, im Bereich seiner Nebengipfel vom Pilatus bis zum Risettenstock ( Stäfelifluh),ist schwer zu schätzen; bestimmt aber müssen es einige Hundert sein. Wer jahraus, jahrein die Winkel und « Krachen » dort oben durchstreift, wird diese Feststellung nicht in Zweifel ziehen.

Der inselähnliche Biotop ( Lebensraum ) des Pilatusgebirges ist zweifellos ein geradezu ideales Gebiet zur Erforschung möglicher Eigenheiten von Flora und Fauna.

Literaturhirwveis:

Der Steinbock/Capra Ibex - Schriften des zoologischen Museums der Universität Zürich.

* Wenn der Wandertrieb das Steinwild erfasst/Dr. Marco Schnitter in Neue Bündner Zeitungv. 26.8.63.

* Der Steinbock wieder in den Alpen/Andrea Rauch.

* Wo der Adler haust/Friedrich vonTschudi.

Der Pilatus und seine Geschichte/Alt Stadtarchivar X. Weber.

*Brehm, 2. Originalausgabe 1876. Anton Schürmann und der Pilatus/Hugo Nünlist. Die Tierwelt in Obwalden/Kant. Natur- und Heimat-schutz-Kommission Obwalden.

* Tiergeschichten vom Pilatus/J.F. Wildhaber.

* Die Gemsen/Vortrag mit einigen grundlegenden Erkenntnissen, gehalten in der Sektion Basel des SAC von Prof. Zschokke, ungefähr im Jahre 1900.

Die Verbreitung des Steinbocks in prähistorischer und historischer Zeit/Peter Ziegler/Schweiz. Stiftung f. Alpine Forschung ( Capra Ibex6 ).

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