Sterne über der Mischabel

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VON BRUNO BAUR ( LUZERN )

EINE TRAVERSIERUNG VON TÄSCHHORN UND DOM BEI WINTERLICHEN VERHÄLTNISSEN VON SAAS FEE NACH RANDA AM 1. UND 2. AUGUST 1957 Mit 1 Bild ( 86 ) Mitternacht ist vorüber, schlaftrunken sitzen wir in der schwach erleuchteten Küche der Langfluhhütte und warten auf unser Morgenessen. Ab und zu werden umständlich und tolpatschig die wichtigsten Vorbereitungen erledigt. Um 1 Uhr verlassen wir das schützende Haus und treten in die Nacht hinaus. Langsam bewegen wir uns in die Nacht hinein, die trotz ungetrübter Sternen-helle recht dunkel wirkt. Mit der Stirnlampe suche ich den Firnrand nach der Spur ab, die Hans und ich am Vorabend zwei Stunden weit vorgetrieben haben. Gespensterhaft eilt der Lichtstrahl der Taschenlampe den tief eingetretenen Spuren nach, die sich vor uns in der Finsternis verlieren. Sie führen uns an den richtigen Einstieg im Gletscherbruch, und glücklich schätzen wir den Vorteil der Vorarbeit in diesem bei Nacht nicht übersichtlichen Gelände. Bald ist der Lawinenkegel erreicht, der steil und über einen geradezu harmlosen Bergschrund zu den Felsbändern hinaufleitet, die ihrerseits den Zutritt zu den Eisbrüchen des obern Feegletschers gewähren. Leicht kletternd, halb gehend bringen wir diese Traverse hinter uns. Im Lichte unserer Laternen leuchten noch einige kleine rote Blümlein des Mannsschild auf, die letzten für über 40 Stunden. Beim kleinen Steinmann am Rande des Felsens und am Rande des Eises werden die Steigeisen angeriemt. Als stille Bedrohung fühlt man hoch über sich weisse, wild geschwungene Konturen des Gletschers. Misstrauisch blicke ich zu diesen Gebilden wackliger Eistürme und Glaszinken hinauf. Vom Eis weht ein kalter Wind herab und schlägt kühlend in erhitzte Gesichter. Die Nacht bereitet sich ihre kältesten Stunden vor. Nun sind es ins Eis geschlagene Stufen, die uns schnell und sicher aus der gefährlichen Schlag-zone herausführen. Die Kante einer Eiswoge, unter deren Krone man leicht durchqueren kann, gibt den Weg zur langen und steilen Firnmulde frei, die neben den gewaltigen Eiskaskaden des oberen Feegletschers in die Höhe führt. Nach drei Seillängen stehen wir am Ende der geschlagenen Spuren, die wir am Vortage mühsam hingesetzt haben. Jetzt gilt es, den Weg durch das Labyrinth eines zauberhaften Hochgletschers zu suchen. Vereinzelt schlage ich kleine Fusstritte, wenn die Steilheit dies erfordert, sonst greifen die Spitzen der Steigeisen fest in den gefrorenen Firn. Von nun an gibt es keine einzige Seillänge, die nicht des Sicherns entbehrt. Langsam kommen wir vorwärts, gewinnen aber rasch an Höhe. Ich bin so begeistert von dieser Eislandschaft, die im Kleide der Nacht vor uns auf bricht. Im Schein des Kopflichtes wird das kalte Glitzern reinen Schnees zurückgeworfen. Geräuschvoll schlittert Firnschnee den Hang hinunter, schiesst an meinen wartenden Kameraden vorbei, die unter mir im gelblichen Lichte ihrer Taschenlampen stehen. Gewaltige Abgründe tun sich auf und zwingen zu Manövern, die viel Zeit rauben. Aber immer lässt sich ein Durchlass durch den weissen Wirrwarr finden. Unermüdlich singt der Pickel über die Kanten eines erstarrten Wellenschlages. Aus der Tiefe der Spalten und Löcher höre ich das Raunen der Finsternis. Das Licht meiner Lampe leuchtet nur noch schwach rotgelb. Ich ersetze die Batterie, dann brennt die Birne aus, und ich muss auf Hans warten, der mir den gewünschten Ersatz bringt, dann schreite ich auf einen schlanken Eissteg hinaus, der ans andere Ufer führt. Vorsichtig setze ich, mit dem Pickel das Gleichgewicht haltend, Fuss vor Fuss. Um die Eisen besser setzen zu können, schlage ich mit dem Pickel den obersten Saum der Grate fort, deren Splitter links und rechts ins Bodenlose sausen und wie brechendes Glas in der Tiefe der Spaltennacht zerstieben. Mit dem An-dämmern des neuen Tages stehen wir vor dem letzten grossen Hindernis der langen Spaltenorgel. Eine gewaltige Kluft durchreisst die Mulde von einem Rande zum anderen. Links führt sie in die Felsen hinein, und rechts überdachen grüne, fahl erhellte Würfel über glatten ausgepressten Wänden von Séraceis sperrend den Durchgang. Die Ränder, an denen schwere Eiszapfen hangen, sind wie mit dem Lineal gezogen. Gesichert suchen wir die Spalte nach einem Übergang ab. Fast am Ende der Spalte, bei den auftürmenden Eisdächern, sehe ich die Reste einer eingestürzten Schneebrücke hangen. Uns trägt sie noch, und ganz knapp kommen wir auf die andere Seite hinauf. Die Taschenlampen verschwinden in den Rucksäcken. Im Licht des Morgens nimmt uns der strenge Rhythmus schweren Steigens über steile Firnflanken auf, während am Firmament die Sterne sachte verblassen. Über dem schattenhaften Gipfel des Laquinhornes leuchtet deutlich das seltene Licht eines Kometen, dessen sehr langer Schweif sich dem Fletschhorn zuneigt. Stumm betrachten wir diesen Boten des Weltalls. Ein kalter Wind rieselt lange Schneefahnen die Gletscherhänge des Alphubels herunter. Vorboten, die das Nahen der Sonne ankünden, die wir am gratigen Rande des obersten Firnbeckens bei unserer ersten Rast erwarten. Plötzlich umspielt ein zarter Hauch lebendigen Lichtes die höchsten Gipfel. Es stürzt die helle Flut die Couloirs hinunter, erobert Grate und Flanken und bemächtigt sich, tiefer und tiefer sinkend, Mulde um Mulde bis in den letzten Kessel der Gletscherarena. Geblendet von so viel Frühlicht keuchen wir schwitzend die letzte Schneewand zum Mischabeljoch hinauf. Vor uns öffnet sich das grosse Reich der Matter Visp, ein lärchengrüner Teppich, umrandet von den schönsten Bergen der Alpen, über denen der Dunst der blauen Ferne lockt. Ist das ein grosser Tag! Ein dichter Mantel von Wolken liegt über dem weiten Piémont. Endlich durchstösst hier nach dem ewigen Einerlei von Eis die erste Gneisklippe den Gletscherpanzer, und mit Freuden legen wir Hand an harten Fels. Nun haben wir den grossen Grat, an dem sich unsere Augen nicht genug sattsehen konnten! Es gibt kaum einen Ort in der weiteren Umgebung, von dem aus wir nicht unsere Gedanken an diese Himmelsstiege hängten.

Wir steigen. Hans übernimmt die Führung, der Fels ist seine Sache. Immer höher führt der Weg, und doch ist um nichts der grosse Gipfel näher gerückt, obwohl sich im Rücken unserer Spur der Grat des Alphubels so geduckt hat, dass sich schon auf seinen First sehen lässt. Der Fels weicht erneut dem Schnee, und nach herrlichem Klettern schnüren wir wieder die Steigeisen.

Bedrückt schauen wir aufwärts. Es hat Schnee, soviel Schnee, und gerade dort liegt er am höchsten, wo eigentlich der Grat am leichtesten sein sollte. Einzig an den steilsten und ausgesetztesten Grattürmen und Türmchen vermochte er sich nicht zu halten. Es ist harter, sturm-geblasener Schnee, aus dem die Vereisung durchsickert. Schneegrate mit messerscharfen Schneiden, Schnee, der in grossen Kronen eine fast ununterbrochene auf- und absteigende Perlkette von Baikonen ins Leere gebaut hat, bald links bald rechts. Mit zusätzlicher Hilfe des 40 m langen Reserveseiles gehen wir am Doppelseil, um dadurch die letzten Sicherungsmöglichkeiten auszuschöpfen. Ich übernehme die Führung. Aus den eigentlichen Gratklettereien werden Eisflankentraversen. Ab und zu durchstossen Felsbuckel die glattgefegte, verharschte Schneemasse, willkommene Rast- und Sicherungsplätze. Der Pickel wird zum nützlichsten Werkzeug! Mit steigender Höhe wächst die Tiefe wie ein unendlicher Hohlraum ohne Boden. Der wächtenbelastete Grat wird zu einer schwindelnden Treppe. Unheimlich überfällt uns diese lautlose Spannung, die da am Grat ent-langschleicht und deren Gefahr mit jedem Schritt fühlbar durch die Dornen der Steigeisen das Bein heraufkriecht. Immer ist das Seil zu kurz, es ist zum Verzweifeln. Nach zwanzig Metern fehlen immer wieder 3, 4 ja 5 Meter bis zur nächsten Sicherungsmöglichkeit! Paul wird gezwungen, für die fehlenden Meter Hans ein Stück nachzunehmen, um selbst wieder die gewonnenen Meter unter schlechten Standbedingungen mir zu überlassen. So steigen wir schwer und langsam, in unablässige Seilmanöver verstrickt, den schwindelnden Abgründen entlang. Unmöglich, die Abstände zu verringern, unmöglich, schneller zu gehen, unmöglich, ganz nachzunehmen. Endlich ist es so weit. Ich schlage die letzten Kerben ins Eis und fasse die ersten braunen, steilen Felsentafeln. Die oberste Gipfelflucht der gewaltigen Täschhorn-Südwand ist erreicht. Nach einigen Stunden können wir erstmals wieder zusammengerückt eine Rast feiern. Wie fesselnd und doch befreiend diese Höhe wirkt, denn im Reich der Vertikalen gibt es nur noch oben und unten, nur noch Höhen und Tiefen. Hans übernimmt wieder das Klettern und steigt senkrecht über scheinbare Bänder, die sich, wenn man sie betreten will, als steilplattige Pultdeckel erweisen, der Gipfelspitze entgegen. Erst jetzt bemerke ich, dass mich Müdigkeit fasst, die ich nur mit äusserster Anstrengung zu überwinden vermag. Zur Sonne kann man schon hinüberschauen, deren Stand an die vorgerückte Zeit erinnert. Die frühen nachmittäglichen Stunden gehen ihrer Neige entgegen. Jetzt müssen wir uns schnell entschliessen, ob wir unser gestecktes Ziel weiterhin verfolgen wollen. Eine kurze Rechnung ergibt, dass wir noch Chancen haben, bei Einnachten den Domgipfel zu erreichen, wo das geahnte Biwak zur unumgänglichen Gewissheit wird. Oder sollen wir über den Schneeschild auf den Kiengletscher absteigen, die letzte Möglichkeit, aus dem Grat auszusteigen, dem Risiko und vor allem der Nacht auszuweichen. Kann man diese Verantwortung auf sich nehmen, das angebrochene Abenteuer weiter zu verfolgen, deren letzter Entscheid nur noch in der Sicherheit des beständigen Wetters liegt? Soweit ich auch alle hohen Gipfel der Alpen nach einem Anzeichen beginnenden Westwind-wetters absuche, finde ich nicht die geringste Andeutung eines gefährlichen Umbruches. Vom Mont Blanc bis zum Monte Rosa lässt sich nicht die kleinste Zirrusfeder blicken, und nirgends leckt die gefürchtete Hinderniswolke irgendeines der Häupter der vielen Viertausender. So ist bei diesem klaren Wetter der gewünschte Entschluss rasch gefasst, und ohne längeren Aufenthalt als den des Verschnaufens und Entschlussfassens beginnen wir gleich den Abstieg zum Domjoch. Glücklicherweise können wir jetzt den oberen Wächtenpartien ausweichen und in der verschneiten Felsflanke der Saaser Seite auf einem trümmerübersäten Band schnell absteigen. Der Schatten hat bereits von der ganzen Wand Besitz ergriffen und überfällt uns nun anstelle der grellen Strahlen mit bissiger Kälte, die sich brennend in unsere ausgeschwitzten und sonnenverdörrten Gesichter setzt. Aber verschwunden sind Müdigkeit und Bangen. Das Auffinden der günstigsten Abstiegsmöglichkeit 102 beansprucht uns wieder voll und ganz.B.ald wird das Geröll der Ostwand zunehmend ausgesetzter und gefährdet sicheres Klettern. Unvermeidlicherweise lösen wir unter dem flaumigen Flugschnee überfälliges Gesteinmaterial, so dass ganze Steinlawinen lärmend den Felsschluchten zujagen. Die Ungeborgenheit dieser unwirtlichen und zerborstenen, von Gesteinsscherben vollgehängten Flanke vertreibt uns wieder auf den Grat hinaus, der nun in seinen abfallenden Plattenschüssen besseres Abstiegsgelände bietet. Wieder an der Sonne ist es nicht mehr so kalt, obwohl ihre Strahlen schon sehr flach auf uns treffen. Je tiefer wir kommen, desto näher sinkt sie auf das Weisshorn ab. Uns wird langsam klar, dass wir den Dom heute nicht mehr erreichen werden. Die Rechnung auf dem Täschhorn ist nicht aufgegangen. Die Platten sind noch vom Neuschnee der letzten Woche verfilzt. Wie langsam wir vorwärtskommen, es ist kaum zu glauben! Griffe suchend und aus dem Schnee auskratzend, mit den Füssen die breiten Schneetafeln wegstossend, tasten und stemmen wir Meter um Meter den weissen, luftigen Felsgrat hinunter. Wie nah doch schon das Domjoch ist, und immer noch sind wir am Gratabstieg! Vergleichend schaue ich den zurückgelegten Weg hinauf. Erschreckend sehe ich am Täschhorngipfel Nebelschwaden aufsteigen, die den Gipfel immer mehr umbrodeln. Soll uns das Wetter doch noch zum besten halten? Wir sind beunruhigt. Ich suche die anderen Gipfel ab. Am Matterhorn hängt an der Ostseite eine grosse geballte Wolkenfaust, und ich bin erstaunt, wie schnell das geht. Mit einer kleinen Wandstufe, die uns fast zu einer Abseilung verleitet, deren leichter Abstieg wir aber zufällig doch noch entdecken, endet der abschüssige Fels und läuft in sanftem Gefälle gegen das Joch hinab aus. Frohlockend, in ein paar Minuten dort zu sein, nehmen wir den beginnenden Schneegrat in Angriff. Doch wiederum lassen wir uns von den ungewöhnlichen Distanzen ohne Grössenvergleich täuschen. Erst eine Stunde später werden wir das ersehnte Joch betreten. Überraschend stellt uns erneut das Gespenst der Überwächtung zum Abschluss vor einige harte Aufgaben. Am vollausgestreckten Seil turnen wir an den Schneekragen und Köpfen zum Joch hinunter.

Es ist 20.00 Uhr, wie wir den tiefsten Punkt betreten. Sofort wird uns klar, dass wir hier auf diesem günstigen Platz verbleiben müssen. Aber leicht und schnell lassen sich doch schwere Entschlüsse fassen, von denen allein unser Geschick auf Erfolg oder Niedergang abhängt. Hans beginnt mit seinem Pickel den am Domgrat angelehnten Schneekegel zu bearbeiten, so dass die Brocken und Schneeteller hinabkollern. Wir sichern ihn bei seiner Arbeit auf der schmalen luftigen Kanzel Während wir ablösungsweise an unserer kleinen Höhle, Wühlmäusen nicht unähnlich, mit der winzigen Pickelschaufel mühsam bohren, scharren und Schnee ausräumen, sinkt mit rotem Brand die Sonne zwischen weit entfernten, blumenkohlgleichen Wolkentürmen nieder. Lange stehen wir noch im milden Abendlicht, derweil die Taltröge von finsteren Dämmerwogen überfluten. Dann kommt plötzlich die Kälte auf, die wie ein unsichtbares Tier alles Gegenständliche überfällt. Zitternd, von Kälte durchdrungen ziehen wir rasch alles an, über das wir verfügen, und graben erneut am Schneeloch weiter. Langsam senkt sich der Hauch der tintigen Nacht auf die höchsten Zinnen und Burgen des Alpenbogens und umflutet unsere Gestalten. Aus den tiefen, bachdurchrauschten Tälern kriechen die dunklen, harten Schatten herauf, eilen über die Alpen und strecken ihre Finger an die endlos tiefen Plattenschüsse der steilen Wände und springen endgültig zu unseren Höhen hinauf. Auch bei uns auf einsamem Joch ist die Nacht hereingebrochen. Und wir graben immer noch weiter! Unter uns flimmern die Lampen der Siedlungen. Die Lichter spritzen wie kleinste Wunderkerzen und verebben zu Sternenstaub. Um die Lichtinseln herum, weit verstreut, flackern auf und ab, schwellend die roten Male offener Feuer. In Saas Fee und Zermatt feiert man den 1. August. Glücklich über unseren hohen freien Boden kriechen wir in unsere enge Stube auf nahezu 4300 Meter und verschliessen den Eingang mit dem Plastiktuch, mit den Steigeisen verfestigt. Es ist schon 11 Uhr abends.

Hans entzündet die dicken Kerzen, die uns im kalten Grau Licht und Wärme spenden. Brandgeruch würzigen Wachses verbreitet sich im zuckerhellen Zwergpalast. Es ist eng in der Höhle, so dass man sich kaum drehen und strecken kann. Mit Mühe und Not lassen sich die restlichen kleinen Arbeiten verrichten, die durch die beengende Unbeweglichkeit unglaublich erschwert werden. Schulter an Schulter, eingeklemmt zwischen zwei dünne Schneemauern, erwarten Paul und ich den ersten Ansturm der Kälte. Unsere Knie stossen Hans, der quer vor uns kauert, in die Seite, und die Köpfe stossen in den Deckenschnee ein, beim Versuch, den krummen und versteiften Rücken ein wenig zu strecken. Alles, was wir noch an Essbarem besitzen, wird mit grossem Hunger verschlungen, bis der Rucksack leer ist. Es war bedenklich wenig - das Resultat gewichtsverleugnen-der Vorbereitungen. Hans spielt mit seiner Mundharmonika. Währenddessen versuche ich angestrengt die angefrorenen Gamaschen zu lösen. Endlich gelingt mir nach vielfachen Pausen und Anläufen die Befreiung aus den steifen Schalen, nachdem ich zwischen Zerren und Rütteln die Kerzenflamme als Verbündete an der Schnalle zum Einsatz gebracht habe. Fast eine Stunde dauerte dieser Schinder, bis ich die Füsse, mit Papier umwickelt und in frische Socken gestülpt, vorsorglich im Rucksack versenken kann. Paul und Hans geht es nicht besser. Wir singen zur Abwechslung und sind fröhlich. Aber noch zufriedener macht uns die Tatsache, dass das gefürchtete Schreckensgespenst Kälte und die Endlosigkeit des Wartens nicht so schlimm ausfallen, wie wir es auf dieser Höhe erwartet haben. Trotzdem schleicht die Nacht langsam dahin. Unangenehm bemerke ich, wie halbstündlich mein Luftkissen, das ich als Sitzgelegenheit benutze, aus irgendeinem Grunde platt wird. Ausgerechnet dann, wenn es am angenehmsten wäre. Aufgeblasen gebe ich es Paul hinüber, bis die Reihe der Runde wieder an mir ist. Von der Decke beginnt geschmolzener Schnee zu tropfen. Ein Tropfen fällt ausgerechnet auf eine der Kerzen und bringt den Docht zischend zum Verlöschen. Wie mühsam ist es doch, den einmal wässrig genetzten Docht wieder zum Brennen zu bringen. Erst das Freikratzen der unverkohlten Schnur mit dem Messer führt zum gewünschten Erfolg. Hans versucht, mit primitivsten Mitteln zu kochen: Vom Pickelschnabel, aufgehängt an einem Faden baumelt sein kleines flachgedrücktes Aluminiumfläschchen über den beiden Kerzen, gefüllt mit schmelzpflüdrigem Deckenschnee. Seine Geduld ist bewundernswert. Immer wieder füllt er Schnee nach. Dann kommt das lange Warten, bis das Wasser heiss ist. Dazwischen schwatzen wir von unseren Ferienerlebnissen in Venedig. Dreimal gelingt es ihm während der ganzen Biwaknacht, heisses Wasser zu bereiten. Dreimal zwei volle Schlucke Nescafe und warme Limonade. Es war sehr wenig, aber unvergleichlich kostbarGegen Morgen können wir alle mit kurzen Abständen etwas schlafen. Einmal bin ich dösend eingenickt und habe meinen Kopf über die Knie hangen, da sehe ich vor mir einen unglaublichen, zähnebewehrten Wächtenbalkon schroff über den Grat hinauswachsen. Wir können nicht ausweichen und müssen das Ungeheuer betreten. Sekundenschnell durchreisst ein schwarzer Riss den tückischen Schnee. Ich höre den berstenden Knall und springe auf die andere Seite - schlage Paul in die Rippen und erwache.Verduzt schauen wir einander an, dann müssen wir beide über den unfreundlichen Vorfall lachen. Das war ein böser Traum. Jetzt erst bemerke ich das saphirblaue Licht von allen Seiten durch die dünnen Schneewälle schimmern. Draussen ist es bereits Tag geworden. Den Uhren nach dürfen wir also doch eine geraume Weile geschlummert haben. Wir rüsten uns für den Aufbruch und kriechen etwas steif aus der Schneegrube. Aber die Kälte, die uns nun entgegentritt, schlägt ins Gesicht, so dass es uns schüttelt und schlottert. Rasch kriechen wir wieder in die schützende Höhle zurück, die uns nun geradezu angenehm warm dünkt. Noch einmal dösen wir dahin und warten die wärmende Sonne ab, die unsern eingefrorenen Unternehmungsgeist zuerst auftauen und beleben muss. Unterdessen aber entwächst der froststarren Nacht ein wolkenlos strahlender Sommertag. Hans schiebt den Plastik - verschluss knisternd zur Seite. Ich sehe, wie eine purpurrot glühende Feuergarbe über den Grat des Täschhorns schiesst. Der Berg brennt in einem lohenden Flammenbad, wie ich es in dieser Eindrücklichkeit noch nie erlebt habe! Beeindruckt von diesem Feuerspiel schlüpfen wir das zweite Mal aus dem Schneeloch und stehen im blendenden Frühlicht der Sonne! Der goldene Himmelsball steigt ins Firmament. Die Luft mit der trockenen Kälte schmeckt nach Frische und gutem Wetter. Ein ungewöhnliches Gefühl von Glück und Gehobenheit, von Kraft und Tatenlust durchrieselt mich. Benommen von der Grossartigkeit dieses einmaligen Morgens an diesem einmaligen Orte können wir kaum sprechen. Wir staunen und schweigen!

Der Aufbruch ist kurz und entschlossen und beginnt so, wie er am Vorabend geendet hat, mit der Arbeit an den Wächten. Über das Dach unserer Höhle erklimme ich die steile und gerillte, windseitige Flanke des spitz in den Himmel ragenden Schneeflügels. Stufe um Stufe geht es über den scharfen Grat, als steige ich ins Blaue hinein. Der Fels rückt näher. Kurz davor verbindet ein horizontaler messerscharfer Schneekamm die ersten Gratstöcke. Genötigt, auf die Saaser Seite auszuweichen, kommeich im weichen Schnee rasch vorwärts. Doch kurz vor dem Felsen wird der Schnee faul und dünner und liegt auf Eis. Der Quergang wird immer heikler und ausgesetzter. Auf den Felsen suche ich in der lichten, aber brüchigen Flanke einen günstigen Sicherungsplatz und schlage in einen feinen Spalt einen Haken, um meinen Kameraden den Aufstieg über die vereisten Felsen zu sichern. Hans übernimmt wieder die Führung und steigt langsam, Schnee und Fels, Fels und Schnee abtastend, einige Meter unter dem Gratsaum haltend, der Flanke entlang. Paul folgt seine Seillänge nach, während ich sichere. Wir steigen über den zähnereichen Bruchgrat, der an einem Aufschwung, einer glatten Mauer mit überdräuendem Kopf, endet. Die Bastion mit der Falte lässt sich zu unserer unangenehmen Feststellung direkt nicht erklettern. Das bedeutet wiederum ausweichen in die steilen Plattenschüsse hinaus. Paul und ich sitzen sattelfest im Kragenschnitt unmittelbar unter der grossen Schulter und bedienen das Seil, das zu Hans läuft. An der vorzüglichsten Stelle sichern wir ihn. Behutsam und ruhig tastet er sich die Traverse hinüber, Griff und Tritt vom Schnee und Eis räumend. Mit dem Pickel kletternd erreicht er die Einstiegstelle zum Couloir, dann ist das Seil zu Ende. Paul muss nachfolgen, um Hans weiterzulassen. Dann verschwinden beide um die Ecke, und Paul sichert Hans ausserhalb meines Blickfeldes weiter. So bin ich plötzlich ganz allein und fühle alle äusseren und inneren Erlebnisse und Empfindungen doppelt tief auf mich einwirken. Wie verlassen hocke ich am Fusse des plumpen, uneinnehmbaren Felspilzes, im Winde, der kalt und unablässig mich bis auf die Haut durchdringt. Ich starre dem Seil nach, das still im Winde zittert. Ich rufe vergeblich, der Wind übertönt alles. Endlich kommt etwas durch, das den Gratwind schwach übertönt. « Es geht vorwärts. » Aber ich sehe nichts davon! Aus der Rinne hüpft ein Schwärm Steine und Schneekugeln, dann ist es wieder lange still. Unter mir beginnt eine Naßschneelawine aus dem Couloir zu zischen. Sie schwillt zur donnernden Lawine an und fährt zum Feegletscher ab. Dann kann ich das Klopfen des Pickels hören. Während ich ins Schauen vertieft bin, zupft und rüttelt es am Seil. Paul gibt mir zu verstehen, dass er nachnehmen will. Endlich kann ich, mit steifen Knien, erlöst dieses elende Zugloch verlassen, um wieder einen Kameraden zu Gesicht zu bekommen. Ich löse die Seilverankerung unter dem Nollen und traversiere zur Kante hinüber. Der Quergang ist infolge der Vereisung gefährlich und schwierig. Die Steigeisen, die wir zu Beginn des Felshöckers verpackt haben, wären jetzt gut. Trotz den Tritten und Griffchen, die Hans in die buckligen Eisschwarten gesetzt hat, gehe ich mit etwelchem Unbehagen diesen Weg. Wir sind uns dieser Gefährlichkeit ganz bewusst, ohne dass wir ein Wort darüber sprechen. Ein Blick in die Augen genügt, um zu wissen, um was es geht, was gemeint, was zu tun ist. Paul steht im Grunde des schmutzigbraunen, steinschlaggezeichneten Couloirs. Für mich gibt es keinen Standplatz mehr, und ich weiche in die gegenüberliegende Flanke des scharfen V aus. Vergeblich suche ich eine Sicherung für die Seilschaft. Es ist einfach unmöglich. Ansprechende Steinpiers versagen unter der leisesten Berührung. Hoch über uns spreizt Hans, um sich auszuruhen, auf einem Bändchen lockerer Tafeln — an einem möglichst ungemütlichen Orte! Das bedeutet: ausgeklettert, ohne Sicherung. Paul muss, auf sich selbst angewiesen, nachsteigen. Nach ein paar Metern versucht er sorgfältig einen Sicherungshaken zu schlagen. Nach vielen Versuchen gelingt ihm, etwas abseits der Route, eine passende Ritze zu finden und einen Haken zu schlagen. Dann lässt er Hans die gewonnenen Meter weiter, bis er gut stehen kann. Ich steige vorsichtig zu Paul nach und lasse ihn, durch den Haken gesichert, von Hans nachnehmen. Dann folgt für Hans das schwierigste Kletterstück auf den Grat hinauf, das zu unserem grössten Glück, der ausgesetzten Steilheit wegen, nur noch schwach vereist ist. Hin und her kreuzend, den leichtesten Bändchen und Rissen folgend, steigt Hans ruhig und sicher höher, bis er katzenhaft über uns im azurblauen Licht auf dem Grat sitzt. Er hat 's geschafft! Zum letzten Male stäubt kalter, im Himmelslicht flattrig blinkender, in Farben des Regenbogens schillernder Schnee herab. Ein ungewöhnliches Gefühl der Dankbarkeit durchrieselt uns, und Freude steigt nach diesen Seillängen erneut in unser Gemüt. Noch bevor wir alle oben sind, rufe ich Hans die verdienten Glückwünsche hinauf! Wir sind zufrieden, unversehrt durch die schlimmsten Stellen des Weges gekommen zu sein. Aber dieses Stück vom Joch herauf kostete uns einen undenkbaren Zeitverschleiss. Erschreckend stellen wir fest, dass wir für diesen Drittel des Aufstieges bis zum Domgipfel fast bis zum höchsten Sonnenstand gearbeitet haben.

Vor uns steigt nun der schwarzgrüne Felsgrat zum Dom hinauf. Wir erreichen die warmen, fast schneefreien Felsen und sind froh, wieder einmal fliessend klettern zu können. Im viel gefestigteren, knotigen Stein kommen wir nun rasch vorwärts und können sogar zu unsererÜberraschung miteinander steigen. Schnell kommen wir auf die oberste Schulter. Zwei Seillängen horizontaler, verwächteter Schneegrat trennen uns noch vor dem letzten Aufschwung des Gipfels. Wie staunen wir da vor diesem jäh aufschiessenden Hindernis. Ein Pfeiler voller Schlankheit und gotischen Strebens, der erst jetzt uns den Namen dieses grossen Berges auf seine eindrücklichste Art zu verstehen gibt. Beeindruckt von dieser übersteilen Himmelsleiter, die wie eine steinerne Kerze in dem dünnen Raum nach oben zu schweben scheint, suchen wir den Aufstieg. Wir nähern uns dem Überhang und weichen, in die rechte Schlucht einsteigend, aus. Hans entdeckt in der begrenzenden Wand ein unscheinbares, unübersichtliches Band, das den Strunk umwindet und wie auf einer Empore das Dach mit dem Eis-speier im Wandelgang treppig überwindet. Einmal auf dem Balkon stehend, überblicken wir den ganzen Gneispilon. Und wieder eine Überraschung: die ausgesetzte Steilheit beschenkt uns mit einem Felsen, überreich an Griffen und Tritten. Dachreitern gleich sitzen wir auf der Firstkante des höchsten Domes und rücken nun in immer grössere Höhen vor, umgehen Klippen und Erker links und rechts, über warme Plattenwülste empor, stemmen und spreizen durch Verschneidungen und Sockel und hangeln über schuppige, mit Blättergriffen reich versehene Überhänge. Die Lust des Kletterns pulsiert durch Arme und Beine, und was wir weiter unten an unaussprechlichen Mühsalen erduldet, schenkt uns hier oben die freie Felskante. Wie anders, beglückend ist doch dieses himmelnahe Steigen! Nicht zu Unrecht steht der treffliche Ausdruck « jolie varappe » für diesen Gipfelbissen im Führer von Marcel Kurz. Aber eine steinerne « Forelle », die ihre kühne schmalrudrige Flosse keck in die Höhe aufrichtet, bereitet unserem Eifer ein klägliches Ende und zwingt uns noch einmal, den herrlichen Kamm mit einem kurzen Ausholer zu verlassen. Über Galerien, Platten und Blockterrassen holen wir das begehrte Rückgrat wieder ein. Ungefähr um 1 Uhr höre ich Hans jubeln. Ein Jauchzer steigt befreiend in die schweigende Stille. Der hart gewünschte Gipfel ist erreicht! Zuerst, als ich nachklimme, sehe ich das eiserne Kreuz, dann geht Paul zu Hans hinüber, der bereits seinen Pickel in die Gipfelwächte eingetrieben hat. Ich folge ihnen nach, vom Kranze der geweihten Rundsicht des Gipfelheeres umgeben. Welch ein Glanz, überschwenglicher Freude und Frieden schwebt über diesem einmaligen und mit keinem vergleichbaren Gipfelglück, auf das Innerlichste getragen vom Abenteuer zuverlässigster Kameradschaft Gerührt, demütig reichen wir uns die aufgerauhten Hände.Vor einer Woche noch schmeckten wir das salzige Wasser Venetiens, das in ruhig rhythmischen Wogen auf den umbrabraunen Sand rollte, schlenderten durch die Wunder der Lagunenstadt mit ihrem Hauch prachtvoller Vergangenheit. Dann trainierten wir uns, um dieser Tour gewachsen zu sein, begeistert am Rothorn, das wie ein monolithischer Pfeil im Kreis der stolzen Nachbarn steht. Jetzt haben wir diesen grossen Wunsch verwirklicht und haben nichts Höheres vor uns. Zu essen haben wir nichts mehr. Also können wir nach dem kurzen, andächtigen Genüsse des Verweilens, ergriffen über das glückhaft Erlebte und stolz ob dem Geleisteten, berauscht absteigen. Neben der Biwakhöhle, in der Führer Zurbriggen mit belgischen Kunden das Nationalfest feierte, steigen wir befriedigt in die Tiefe, nachdem wir die Steigeisen wieder angeschnallt und uns aller unnötigen Kleider befreit haben, die wir seit dem Biwak noch auf uns trugen. Von den warmen Aufwinden genarrt, flattert ein einsamer, zerbrechlich zarter Schmetterling vorüber. Wie ein hilfloses Geschöpf irrt schaukelnd der Todgeweihte ziellos an uns vorbei. Während wir auf den ausgetram-pelten Touristenpfaden in den von heisser Luft angefüllten Gletscherzirkus hinuntersteigen, wachsen alle die tiefen, abgeplatteten Gipfel des Nadelgrates zu neuen, wuchtigen Obelisken und Spitzen auf, die schnell unser Gesichtsfeld überragen. Pappiger, stollentückischer Schnee rät uns, die einst so nützlichen Eisen zu versorgen. Erneut waten wir durch den zähen Schneestumpf, um dem Glühen, das hier lautlos und mörderisch lagert, zu entfliehen. Im schwankenden Stelzschritt queren wir Richtung Festigrat. Im Schatten der Felsklippen von Festijoch finden wir für kurze Zeit Ruhe. Dann steigen wir tiefer, erreichen das erste sprudelnde Gewässer. Aus dem klaren Strudel löschen wir erquickend den brennenden Durst. Übermütig fast, laufen wir über die Moräne und in den grünen Garten einer Bergwiese, voll Erdgeruch und duftender Blütenpracht, und zur Domhütte hinunter. Hans eilt weiter. Eine halbe Stunde nur verweilen Paul und ich bei Hüttenwart Brantschen, der uns eine kräftige Suppe kredenzt. Dann spurten wir über die sonnendürre Trogschulter die Fluh hinab, stolpern über die ersten knorrigen Wurzeln in die Hallen des leichten, über und über mit moosigen Sturzblöcken verstellten Bergwaldes, voll Schwaden von harzigem Duft, gemischt mit den Gerüchen modernden Holzes. Müde springen wir über den wirbelstrudelnden Bach, dringen in die Gesellschaft dunkler Chalets ein und streben dem Bahnhof Randa zu, wo uns Hans strahlend mit einem bereitgestellten währschaften Nachtmahl erwartet. Essen, nur essen! Seit unserem Aufbruch auf Lange Fluh sind wir 42 Stunden am Berg geblieben. Zweifelsohne die längste und unvergleichlichste Tour, die wir zusammen zu Ende geführt haben. Später rattert uns der rote Zug hinauf nach dem lichtüberschwemmten Zermatt zurück.

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