Streifereien in Adelbodens Bergen

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Von

W. J. Gyger ( Sektionen Leventina und Wildstrubel ).

Die C. Mannen scheinen das Exkursionsgebiet von Adelboden in den letzten Jahren für ihre Bergfahrten im grossen ganzen etwas zu vernachlässigen, und vom frühern Boom ist nicht mehr viel zu bemerken. Es mag dabei vielleicht auch nicht zuletzt etwas Mode mitgespielt haben, anderseits gilt ja heutzutage bei einem grossen Teile nichts, was unter 4000 ist, und doch kann man auch unter dieser Höhe noch abstürzen. Schon mancher, der von einem « Walliser » kam und sich etwa am Lohner-Westgrat erproben wollte, hat erst hier das Gruseln gelernt. Die Berge Adelbodens verdienen aber diese Vernachlässigung nicht, und die Mannigfaltigkeit an Exkursionen, die sie dem Kletterer bieten, ist es, die dem Schreiber die Feder in die Hand gedrückt hat, und wenn durch diese Zeilen etwas zu ihrer Ehrenrettung beigetragen werden kann, so ist ihr Zweck erfüllt. Die Betrachtung ist nicht in erster Linie für diejenigen geschrieben, die sich vom Führer auf Wildstrubel, Balmhorn, Alteis oder auf Wildhorn oder sonst irgendwo hinaufbringen lassen, sondern für den Naturfreund, der selbst etwas leisten will, für den Kletterer. Dieser findet hier ein Tätigkeitsfeld mit Aufgaben vom leichtesten bis zum schwersten, ja, hier kann sich der S.A.C.J.ünger geradezu zum Kletterer ausbilden. Wie oft habe ich schon Klubfreunde getroffen, die hier weder ein noch aus wussten; sie kannten die Gegend wohl dem Namen nach, im übrigen aber war sie ihnen terra incognita, was nicht zuletzt auf die notdürftige Literatur zurückzuführen sein dürfte.

Den vorstehenden Ausführungen dienen Blatt 463 ( Adelboden ) und Blatt 473 ( Gemmi ) des Siegfriedatlas als Grundlage; am einfachsten bedient man sich der Überdruckkarte Zweisimmen-Gemmi. Die trefflichen Schilderungen von August Walker ( Jahrbuch S.A.C. XXX, 1894/95, S. 135 ff. ) seien zur Vergleichung sehr empfohlen, seine Beschreibung der Rundsichten von den verschiedenen Gipfeln ist meisterhaft; im übrigen gibt der « Clubführer durch die Berner Alpen », Bd. I, eine Wegleitung. Es liegt in der Natur der Sache, dass frühere Arbeiten durch die Zeiten überholt werden, und dies ist mit ein Grund, weshalb im nachstehenden versucht werden soll, meinen Klubgenossen ein Vademeeum für ihre Fahrten im Gebiete von Adelboden mit auf den Weg zu geben.

Zum Ausgangspunkt meiner Betrachtungen mache ich das Gsür, beginnend mit der Nordwand, mit andern Worten, ich fahre dort fort, wo W. A. von Bergen mit seiner « Gratwanderung über die Niesenkette » ( Jahrbuch S.A.C. LI, 1916, S. 62 ff. ) mehr oder weniger aufgehört hat.

« Jäh schwingt sich der Gsür-Nordgrat auf. Eine genaue Betrachtung überzeugt uns von der Unmöglichkeit, ihn direkt zu überwinden », schreibt W. A. von Bergen.

Es war an einem Spätherbstmorgen, als wir unser drei, Phot. E. Gyger, seine rechte Hand, Führer A. Klopfenstein, und ich durchs Tschentental schlenderten und über Belmetsch die Gratrippe hinauf direkt dem Nordabsturz des Gsürs zustrebten. Auf dem kleinen Sporn davor hielten wir Rast und studierten zwischenhinein den Aufstieg über die teilweise senkrechte Wand, die hier, einer pyramidenförmigen Mauer gleich, das Gsür abschliesst. Das Studium, wenn man es überhaupt so nennen will, konnte uns nicht grosses Kopfzerbrechen machen, gingen doch andere vor uns hinauf. Jäger sollen die Wand schon früh passiert haben. Die erste vollständige Traversierung von Touristen glaubt v. Keil aus Österreich mit Führer J. Pieren im Jahre 1913 durchgeführt zu haben. Für uns hiess es also einfach: Die Wand hinauf! Ob man dabei bald etwas mehr links oder rechts hält, dürfte so ziemlich auf dasselbe hinauskommen. In vorsichtiger Kletterei, den Blick auf den jeweilen Kletternden gerichtet, erklommen wir die Wand in ungefähr gerader Fortsetzung zum Grate unter uns, einer rinnenartigen Vertiefung, die von oben etwas herunterreicht, zustrebend. Die Partie ist zeitweise senkrecht und gestattet gerade hier keine Sicherung; einer hängt über dem andern sozusagen in der Luft. Dagegen ist der Stein mehr oder weniger gut und nicht griffarm. Einen fast schaurigen Blick gewährt einem oben die Gratkante in die nordwestlichen Abstürze. Auf dem Grate des Klein-Gsürs geht es leicht vonstatten. Eine interessante Partie bietet der Turm, der den Gsür-Nordgipf el ( ohne Quote im Siegfried atlas ) bildet und vom Grate des Klein-Gsürs durch eine tiefe Scharte getrennt ist. Mit einem gehörigen Schritt schwingt man sich darüber, fasst gleichzeitig Griff am Wändchen und traversiert an diesem hinauf. Auch die weitere Gratwanderung bis zum Gsürsattel bietet manch schönen Moment, und gerade die Couloirs und Runsen nach der Ostseite nehmen sich interessant aus.

Einen andern Aufstieg als über die Nordwand hat A. W. von Bergen unternommen, d.h. durch eines der Couloirs links des Grates ( Ostseite ), der hier die Wand flankiert. Diese Route wird gewöhnlich als Abstieg benützt.

Die gebräuchlichste und leichteste Route aufs Gsür führt über die Schwandfehlspitze ( 2029 m ) dem Grate entlang; die Türmchen ( Höcker ), die sich gegen das Gsür zu aufstellen, werden dabei entweder umgangen oder traversiert. Den Grat verfolgt man so weit als möglich, um dann an seinem Ende links in die Flanke und damit in das grosse Couloir zu traversieren. Anstatt durchs Couloir, kann auch direkt über die Felsen hinauf zum Sattel geklettert werden. Die Kletterei durch das Couloir, das im Frühling gewöhnlich noch etwas vereist oder doch mit Schnee gefüllt ist, und auch die Felsen hinauf ist verhältnismässig leicht. Vom Sattel führt teilweise eine ausgetretene Trasse dem Grate entlang, der mit Gesimsen durchsetzt ist und deren Überkletterung Vergnügen bereitet, zum Gipfel ( 2712 m ). Der Geübtere balanciert gewöhnlich über allen Grat.

Für den Abstieg wird, wenn man hierzu von der Aufstiegsroute absehen will, der Grat nach Süden weiter verfolgt, bis zu einer grössern Verflachung, die in eine leichte Gegensteigung und damit zum grossen Gendarmen hinüberleitet. Dieser Gendarm, eigentlich ein doppelter, ist dem Kletterer sehr zu empfehlen; er bietet ihm, wenn er den gewöhnlichen Aufstieg heraufgekommen ist, eigentlich den einzigen Genuss. Die andern mögen die leichtere Abstiegsroute durch das Couloir direkt vor der vorerwähnten Gegensteigung hinunter wählen, um nachher unter der Felsbastion des Gendarmen durch zum Grate hinüber zu traversieren. Der Gendarm. Über plattige Felsenzinnen wird ein überhängender Absturz erreicht, der durch Abstieg rechts in die Westflanke und nachheriges Traversieren nach links in die Scharte überwunden wird. Der nächste, ebenfalls überhängende Absturz wird in ähnlicher Weise nach rechts durch Abstieg über die beiden, hier einen rechten Winkel bildenden, senkrechten, jedoch nicht hohen Wände und nachheriges Traversieren nach links bewältigt. Für das Auffinden dieses Abstieges merke man sich die deutlich sichtbare Lücke, durch die man an die Westwand gelangt; kurz unter dieser Lücke klettert man zur Südwand hinüber und steigt an dieser ab, um unter der Westwand und dem Absturz durch zum Grate zu queren. Der weitere Abstieg erfolgt, sofern man nicht über die Fermelkrinde zum Albrist will — die natürliche Fortsetzung des Grates —, über eine Rippe, dem Gegenstück des Grates von der Schwandfehlspitze, zur Schermtanne. Diese Rippe ist leicht zu unterscheiden ( über sie führt im untern Teile auch der Weg zur Furggialp ); um zu ihr zu gelangen, wird vorerst der Grat weiter verfolgt, wobei er teilweise umgangen wird.

Wenn auch äusserlich durch einen tiefen Sattel getrennt, so bilden die Türmlihörner mit dem Gsür eine Gruppe und dürften somit noch als zu den Bergen Adelbodens gehörig betrachtet werden. Der kürzeste Weg führt über die Schwandfehlspitze zum Gsürsattel. Von hier wird in die Flanke des Nordgrates des Gsürs gegen den Verbindungsgrat zwischen Klein-Gsür und Türmlihörner eingestiegen, und dann werden die Geröllbänder, die sich von den einzelnen Couloirs der Türmlihörner herunterziehen, traversiert.

Es waren wieder Phot. E. Gyger, A. Klopfenstein und der Schreiber dieser Zeilen, die sich an einem kalten Novembermorgen hier herumtrieben. Die Orientierung für ein Aufstiegscouloir, das ungefähr zum Aufbau des Hauptgipfels führen dürfte, ist in dem Labyrinth von Couloirs äusserst erschwert. Etwa beim dritten Hauptgeröllstrom glaubten wir auf der Höhe der Mitte zu sein. Klopfenstein steigt zu Rekognoszierungszwecken hinauf, während Gyger und ich im Schütze von Felsnischen gespannt seines Ergebnisses lauschen und dabei gedörrte Zwetschgen verzehrten. Klopfenstein lässt, mit Ausnahme der Steine, die er gehörig « klopft », lange nichts hören. Das « Cho! » bringt auch in uns Bewegung. Das Couloir bietet keine besondern Schwierigkeiten; einige Vorsicht gebietet die Überwindung eines überhängenden Riegels, der das Couloir etwa im obern Drittel sperrt. Der weitere Aufstieg ist wieder leichter. Zur Orientierung strebten wir nach rechts dem Ostgrate zu, um hier mit Klopfenstein zusammenzutreffen, der uns durch Zurufe einigermassen die Richtung wies in dem Gewirr von Felsen. Es zeigte sich, dass wir das richtige, vielleicht beste Couloir getroffen hatten, indem sich dieses gerade zur Wand des Hauptgipfelaufbaus verflachte. Wir hätten also ruhig weiter aufwärts steigen können. Die Wand bietet zwei Angriffsmöglichkeiten auf den Gipfel, einen Kamin rechts und eine Scharte links. Da wir den Verlauf des Kamins nicht überblicken konnten — auf dem Gipfel wurden wir von seiner Begehbarkeit überzeugt — und dem Stein nicht recht trauten, wandten wir uns der Scharte zu, um das Weitere abzuwarten, und erst, wenn es hier nicht ginge, gedachten wir, es beim Kamin zu versuchen. Zur Traversierung der Wand in die Scharte seilten wir uns des infolge von Verwitterung und Verschüttung schlechten Steines wegen an. Die Scharte ist von Türmen umgeben, wo man hinblickt, streben solche empor, besonders imposant nimmt sich ein überhängender Geselle aus. Der weitere Aufstieg auf den Gipfel ( 2491 m ), an Wändchen und Türmen hinauf, ergibt sich von selbst. Wir haben auf verschiedene Türme unsern Fuss gesetzt und sind an Wändchen herumgeklettert; aber zu erobern gibt es da allem Anschein nach nichts mehr. Pfarrer Baumgartner, der hier in « seinen » Türmlihörnern nur allzufrüh den Bergtod fand, hat gründliche Arbeit geleistet. Geologisch dürften die Türmlihörner kein minderes Interesse erwecken als touristisch. Um sich ein Bild ihres Aufbaus zu machen, teilt man sie am besten in Gruppen. Wir haben etwa sechs Hauptgruppen zu je etwa einem halben Dutzend Türme gezählt. Berücksichtigt man auch die kleinen und kleinsten Türme und Türmchen, so dürfte man schon etwa auf 50 oder gar auf das Doppelte kommen. Der Hauptgipfel soll auch über allen Grat zu erreichen sein. Mir scheint diese Route weniger interessant, denn, abgesehen davon, dass man einmal ziemlich weit in eine Scharte abzusteigen hat, kann sie sicher nicht so abwechslungsreiche und dadurch schöne Momente bieten wie der Aufstieg durch eines der Couloirs und nachher in den Türmen selbst. Hingegen dürfte der oben erwähnte Kamin eine recht exponierte Kletterei erfordern.

Zum Abstieg kletterten wir zu unserer Scharte zurück, um dann auf meinen Vorschlag hin eine nächste Scharte zu überschreiten in der Absicht, von jener Seite die Aufstiegsmöglichkeit auf den oben erwähnten überhängenden Turm zu prüfen. Nach einem kurzen Abstieg in dem sich hier öffnenden Couloir folgten eine Traverse und ein Aufstieg in ein terrassenförmiges Seitencouloir und damit auf den Westgrat. Von hier aus glaubten wir den Schlüssel zum Aufstieg auf den überhängenden Turm gefunden zu haben. Leider erlaubte uns die Zeit nicht mehr, ihn in Angriff zu nehmen, vielmehr mussten wir bedacht sein, einen Abstieg in unserm Couloir zu finden und noch bei Tag aufs Gsür zu kommen, wollten wir nicht wieder hinaufsteigen und über die Aufstiegsroute hinabklettern. Wir hatten auch hier Glück und gewahrten, auf dem Geröll angelangt, dass wir gerade das Band herunter gekommen waren, welches dem von uns im Aufstieg benützten am nächsten liegt. In beschleunigtem Tempo gings dem Gsürsattel zu; die Sonne neigte sich bedenklich nach Westen, und über dem kurzen Imbiss brach die Dämmerung herein, doch sie reichte gerade noch aus, um den Abstieg durchs Couloir auch ohne Seil, das in einem Durcheinander im Rucksack wohl versorgt war, zu wagen; aber bereits in den Grattürmen überraschte uns die Nacht. Genaues über die ersten Besteigungen konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Soviel mir Führer und Lehrer D. Spori mitteilte, war in den 80er Jahren sein Vater D. Spori oben. Es wird wohl das unbestreitbare Verdienst Pfarrer Baumgartners sein, die Türmlihörner der Touristik erschlossen zu haben.

Wir kehren zurück zur Schermtanne. Wenn ich das Albristhorn in den Kreis meiner Betrachtungen ziehe, so geschieht es einmal wegen der schönen Aussicht — neben den Bernern, Mont Blanc, Grand Combin, Matterhorn —, die diejenige des Gsürs übertrifft, und dann wegen der prächtigen Gratwanderung nach dem Hahnenmoos, mit freiem Blick in die Triften zu beiden Seiten. Der Aufstieg zur Furggialp erfolgt entweder auf der kürzern Route direkt hinter dem Restaurant zur Schermtanne — die Schermtanne selbst existiert nämlich nicht mehr, der Sturmwind hat ihr ein Ende bereitet — oder auf dem weitern, aber schönern Weg über « Im Hörn ». Bis Furggialp kann man von Adelboden aus 2—2½ Stunden rechnen, in einer weitern halben Stunde erreicht man auf sichtbarem Weg die Fermelkrinde und in 1—1 ½ Stunden dem Grat entlang den Albristgipfel ( 2766 m ). Nicht weit unter dem Gipfel wachsen imposant Felsen, einer Welle des Meeres gleich, die sich im Kulminationspunkte bricht und als Gischt zurückfällt, aus dem Grate heraus, deren Überkletterung dem Kletterer, der ja sowieso « über allen Grat » geht, etwas « Arbeit » zuweist. Beherrscht der Blick vom Hauptgipfel mehr die Täler der Engstligen und ihrer Nebenbäche, so der vom zweiten, westlichen Gipfel die grünen Matten und Weiden des Simmentales. Vom Gipfel führt der Weg in zirka 2—2½ Stunden über Seewlenhorn, Tierberg und Laveygrat zum Hahnenmoosrestaurant. Dem Rüstigen sei die direkte Traversierung des Seewlenhorns und Tierbergs empfohlen, währenddem das ältere Semester besser tut, dem ausgetretenen Weglein zu folgen.

Von der Senke des Hahnenmoospasses führt die natürliche Fortsetzung der Niesenkette über den Metschstand ( 2098—2109 m ), über Regenbolshorn ( 2195 m ) und den Pommerngrat hinüber zum Ammerten ( 2615 m ) ( im Volksmund Ammertenspitz genannt ) und findet damit ihren Anschluss an die Hochalpen. Um sich den Aufstieg auf Metschstand und eventuell Regenbolshorn zu ersparen, wird der Weg direkt vom Hahnenmoos weg über das geringe Steigungen aufweisende Plateau den nördlichen Hängen entlang gewählt; das Regenbolshorn kann dabei ebenfalls nördlich oder südlich umgangen werden. Als Übergänge nach der Engstligenalp bzw. Ammertengrat kommen zwei Routen in Betracht: Über die « Vollen » oder das « Augi ». Bei ersterm wird vom Pommerngrat südlich zur Pommernalp abgestiegen und von hier das ausgetretene Weglein über Schafweiden betreten, das nachher über Runsen und « Schöpfe » hinauf auf den Grat führt. ( Vgl. hierzu auch den Hochgebirgsführer durch die Berner Alpen, Bd. I, pag. 90. ) Bei letzterm wird direkt über allen Grat aufgestiegen und durch die Felsenspalte, das sogenannte « Augi », geschlüpft. ( Vgl. ebenda pag. 90. ) Als Variante kann auch im untern Drittel nach rechts traversiert werden. Dieser Weg ist besser im Aufstiege als im Abstiege zu finden. Als dritter Übergang, allerdings mehr im Abstieg, kommt das Schaftäli in Frage, das am Ammertenspitz vorbei zur Bütschialp führt. ( Vgl. ebendaselbst pag. 90. ) Alle diese Übergänge sind als Varianten für Wildstrubeltouren sehr beliebt.

Vom Ammertengrat ( 2615 m ) zieht sich ein massiger Gebirgsstock in nordöstlicher Richtung hin, der im Rotstock ( 2637 m ) die höchste Erhebung und im Fizer ( 2548 m ) seinen Abschluss findet und hier steil und unvermittelt gegen das Engstligental abbricht, in tiefer Senke, über die die Wasser der Engstligen in zwei hohen Fällen zu Tale stürzen, einen Arm gegen den Lohner hinüberreichend, den andern Arm im verwitterten Nordgrate zum Höchst und Kuonisbergli aus- streckend. Dieser Gebirgsstock, der die weite, ebene Hochfläche der Engstligenalp in ziemlich gerader Linie nordwestlich abschliesst, ist diesseits der Engstligenalp ein steiler, bis weit hinauf mit Gras bewachsener Hang. Um so markanter treten die Felswände gegen das Bütschital hervor. Der Rotstock ( 2637 m ) ist touristisch weniger interessant und erhält meistens nur bei Traversierungen Besuch.

Grössere Bedeutung hat dagegen der Fizer- Nordgrat mit der sogenannten Fizerschneide erlangt. Aufmerksam wurde man auf den Fizer, als vor etwa 30 Jahren ein Hirtenbube Namens Gyger von der Alp Tronnegg sich daran versuchte und, als er sich nicht mehr zurückwagte, den Kelch bis zur Neige leeren, d.h. bis auf den Grat weiterklettern musste. Als erster touristisch hat ihn A. Amschwand im Jahre 1904 einzig erstiegen; von Touristen ist er erstmals durch einen deutschen Offizier mit Namen Weillemann mit Führer J. Pieren im Jahre 1907 und kaum einen Monat später durch F. Frey ( Luterbach/Solothurn ) mit Führer J. Pieren bezwungen worden.

Es war nach einer regnerischen Nacht, als Führer Fritz Hager und ich in der Frühe des folgenden Tages durch den Hochwald der « Böschen » zustrebten, um uns hier anzuseilen und den verwetterten Grat in Angriff zu nehmen. Die Nebelschwaden strichen an den Felsen hin und beschränkten die Aussicht, und nur wenn der Wind die Nebel zerriss, war für Momente etwas von der Aussenwelt sichtbar. Der Stein ist äusserst schlecht, und die Besteigung ist wegen der von den Vorangehenden gelösten Steine am besten für Zweierpartien geeignet. Im untersten Teil noch von etwas Humus trügerisch zusammengehalten, brechen bald darauf die Steine, die als Griffe dienen, allenthalben aus. Hinter einer mächtigen, senkrecht aufstehenden Platte, vor dem beissenden Winde geschützt, wärmen wir unsere, durch den noch in den Felsen haftenden Schnee steif gewordenen Hände in den Hosentaschen. Mit neuem Lebensgeist setzen wir über die kleine, schartenartige Traverse, die die steile Steigung unterbricht. Die Kletterei geht fast immer über die Kante des Grates, und wo sie etwa einen Meter daneben, sei es in der Flanke links oder rechts, hinaufführt, ist es entweder ein verriegeltes Couloir oder plattiger Fels, durch das bzw. den man sich hinaufarbeiten muss. Sobald der Neigungswinkel etwas geringer wird, bricht der Stein buchstäblich auseinander. Eine längere Folge von schräg geschichteten, nach rechts überhängenden, morschen Platten muss kriechend überwunden werden. Alsobald türmt sich der faule Fels pyramidenförmig auf, rechts ein breites Couloir bildend, das in senkrechte Flühe ausmündet. Dieses wird schräg aufwärts, einem deutlich erkennbaren Satze ( Scharte ) als Stützpunkt zu, tra versiert. Von hier hat man die Wahl, entweder über den Grat weiterzuklettern, oder das nächstfolgende Couloir rechts zum sogenannten « Fizerplätz » zu traversieren, wo, wer Glück hat, etwa äsende Gemsen antrifft, um von hier über Grasflecken zum ersten Vorgipfel zu gelangen. Diese Abkürzung wird, weil leichter, unter Umständen der weitern Kletterei über die Gratkante vorgezogen. Letztere ist hingegen viel interessanter und setzt vom vorerwähnten Stützpunkte über zerrissenen, etwas überhängenden Fels vielversprechend ein. Vom ersten Vorgipfel verläuft der Grat etwas wagrecht. Wie er immer schmäler wird, ist ihm ein etwa 3 m hohes Gesimse dachartig aufgesetzt. Die Überkletterung der senkrechten Wandstufe kann bei Steinschlag etwas heikel sein. Vom neuerlichen Gipfel läuft der Grat, leicht geschweift, « messerscharf » zum Hauptgipfel. Dieser Grat wird im Volksmunde die « Fizer- schneide » genannt und hat tatsächlich etwas davon; denn die Traversierung ist schon mehr ein Balancieren, ein Seiltanzen, kein Gehen mehr. Beidseitig fällt der Grat in glatten Wänden steil ab. Vom Gipfel ( 2548 in ) erfolgt der Abstieg über die Grasrippe hinunter auf Engstligenalp. Bis jetzt ist, soweit bekannt, der Fizer-Nordgrat im Abstieg noch nicht begangen worden.

Auf dem Gipfel des Fizers erregt bald ein schräg abgeflachter Turm, der wie ein Zapfen aus dem Hang herauswächst, die Aufmerksamkeit. Der Volksmund nennt ihn Tschäristock. Er scheint mit dem schon im Hochgebirgsführer durch die Berner Alpen, Bd. I, S. 90, sub Kessisteinpass erwähnten « Felsblock von der Form eines halben Zylinders » identisch zu sein. Der unscheinbare Geselle harrt noch seines Bezwingers. Es wurden schon verschiedentliche Versuche gemacht, um ihm beizukommen. Ob aber dabei immer mit Ernst dahintergegangen wurde, ist zu bezweifeln; denn seine Besteigung scheint keine solchen Schwierigkeiten zu bieten. Darin scheint man einig zu sein, dass sie nur vom Kessisteinpass aus gelingen kann, wenn sie überhaupt gelingt, und zwar im Abstieg, um nachher über die Abdachung zur Spitze zu gelangen.

Wir kehren zurück auf Engstligenalp, aber nicht auf dem prächtig angelegten Weg, der sich in schönen Schleifen in die Felsbänder legt, sondern, bevor wir beim Birg in diesen einschwenken, über den alten Kuhweg nach Hinterengst-ligen, den wahrscheinlich nur noch die Altherren des S.A.C. kennen, wenn sie etwa auf den Lohner gingen, oder dann durch den sogenannten Kehl i(e)-Gang, jenes Band links vom untern Wasserfall ( von unten gesehen rechts ). Dieser Weg soll früher den Sennen als Aufstieg zur Engstligenalp gedient haben, bildet aber heute mehr oder weniger eine exponierte Kletterei. Eine kurze Beschreibung sei deshalb hier angebracht. Da, wo der Weg, der vom « Boden » zum untern Engstligenfall führt, scharf nach links abbiegt, um über den Steg unmittelbar unterhalb des Wasserfalles zu leiten, tritt man in der bisherigen Richtung geradeaus in das Unterholz.B.ald stösst man auf mit Sträuchern überwuchertes Geröll und auf ein Schuttkar, herrührend von Wildbächen. Diesem folgt man etwas mehr rechts, gegen die aus Hang und Fels herauswachsenden Lärchen haltend. Damit ist der Einstieg in das Band gefunden, das sich zur Rinne entwickelt. Bald führt der Weg durch ein schmales Felscouloir, über Rasenstellen, über überhängende Felsen, die, teils äusserst exponiert, direkt über dem tosenden Wasserfall überklettert werden, über Platten und wieder über Rasen. Nicht selten wird aus Scheu vor der Kante fälschlicherweise versucht, in der plattigen Rinne der Wand entlang emporzukommen. Vom Knie des Wasserfalles hält man rechts eine Rasenkehle hinauf. Hier ergibt sich der weitere Weg von selbst und führt zur gebräuchlichen Route über den obern Engstligenfall.

In dem von der Familie Müller geführten Berghotel auf Engstligenalp findet der Wanderer bei zivilen Preisen gute Unterkunft, vom Bett bis zum Heulager, und die Familie gibt sich redlich Mühe, den Touristen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Sozusagen die ganze Nacht hindurch findet man Einlass und erhält zu jeder Zeit noch etwas Warmes, morgens in aller Frühe bereits den Kaffee komplett; auch ein guter Keller ist vorhanden. Wer da glaubt, ein solcher Komfort passe wenig zu einem wahren Bergfreunde, der ist in der Klubhütte von Bergführer F. Hari willkommen. Die Tarife bewegen sich da im Rahmen derer der C. Hütten. Im Vorfrühling und im Spätherbst, da weder das Berghotel noch die Klubhütte geöffnet sind, ist der Schlüssel zu letzterer beim Eigentümer, Bergführer F. Hari, Hirzboden, erhältlich.

Bekanntlich wird der Wildstrubel wegen der wunderbaren Aussicht, speziell auf die Walliser Alpen, die vielleicht nur noch vom Balmhorn übertroffen wird, aufgesucht und dann auch wegen der Gletscherwelt, die er nach Süd und West offenbart. Sollten aber den Niederschlagsminima des Winters 1920/21 und des Sommers 1921 weitere und im Sommer gar noch Hitzeperioden, wie die vergangene, folgen und dadurch die Gletscher weiter zurückgehen bzw. innerlich zerfallen und zusammenschmelzen, so dürften die Touren auf den Wildstrubel noch recht interessant werden, und schon deswegen ein grösseres Kontingent von Bergfahrern anziehen, die sich sonst anderm zuwenden. Ein äusserst anschauliches Bild eines innerlich in sich zusammenfallenden Gletschers erhielt ich im Sommer 1921, als ich dem Gletscherrande des Strubelgletschers von der äussersten nordwestlichen Zunge bis zum Einstieg über die Flischwäng hinauf entlang traversierte. Die Exkursion war aber nicht weniger gefährlich als interessant, denn ständig flogen von dem mit Seraks gespickten Hängegletscher Steine und Eisblöcke herunter.

Wurde in den letzten Jahren kaum eine andere als die äusserst angenehme Route: Rosspferch-Schönbühl und von hier durch die breite Kehle hinauf oder über die Seitenmoräne zur Gletscherzunge eingeschlagen, so war dies im Sommer 1921 nur noch bis etwa im Juni möglich. Die grossen Schrunde und Spalten etwa beim Buchstaben S von Strubelgletscher waren in der ganzen Breite aufgerissen. Erst konnte noch in die Hauptspalte eingestiegen werden, hernach hörte auch das auf. Der Gedanke an die Legung einer Leiter musste wegen der rapiden Veränderung des Gletschers aufgegeben werden. Der Aufstieg ganz am Rande des Ammertensattels ( Bezeichnung des Hochgebirgsführers; die Adelbodner bezeichnen dagegen diesen als Ammertengrat und den im Siegfriedatlas mit Ammertengrat angegebenen Punkt Ammertenspitz; vgl. weiter oben ) kam des Steinschlags wegen nicht in Frage. Schliesslich wäre auch dieser Aufstieg nur vorübergehend gewesen, da sich dort teilweise ein Bergschrund auftat. So blieb nichts anderes übrig, als die alte Route, wie sie schon im Hochgebirgsführer durch die Berner Alpen, Bd. I, pag. 86, Abs. b, erwähnt ist, d.h. über die Flischwäng, zu benützen. Doch auch dieser Route scheint ein Ende beschieden zu sein; davon konnte sich der Schreiber dies im Spätherbst 1921 überzeugen. Bereits trennt auch hier eine Spalte den Gletscher in der ganzen Breite, die nur noch knapp am äussersten nördlichen Ende überschritten werden konnte. Der Strubelgletscher macht gewaltige Veränderungen durch, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass man wieder auf den ganz alten Weg via Ammertenpass zurückkommt. ( Vgl. Hochgebirgsführer durch die Berner Alpen, Bd. I, pag. 86, sub a. ) Der verhältnismässig lange Aufstieg von der Engstligenalp die Flischwäng hinauf wird durch das vom Führerverein Adelboden angelegte Weglein erheblich erträglicher gemacht, als wenn man pfadlos das Geröll hinaufsteigen müsste. Gleich nach dem Einstieg zum Gletscher wird in einem spitzen Winkel der Gletscherhang traversiert, und zwischen zahlreichen Spalten durch führt der Weg zum Frühstücksplatz, P. 2833. Um diesen Felskegel tut sich allmählich ein Bergschrund auf, eine Erscheinung, die ihre Ursache in der Veränderung der Gletscher als Folge des geringen Niederschlages hat. Es war am 24. Juli 1921, als Kunst- maier W. Fink und ich vom Frühstücksplatz den mit Neuschnee bedeckten, steilen Eishang des Ammertengletschers gegen den Felskamm hinauf traversierten. Beim Abstieg, den wir, entgegen der frühern Absicht, des Witterungsumschlages wegen über die Aufstiegsroute einschlugen, waren wir nicht wenig überrascht, hier in der Trasse nach zwei Stunden ein schwarzes Loch anzutreffen, das wahrscheinlich von einem Teilnehmer einer vorhergehenden Partie herrührte, der mit einem Bein in die Spalte einsank, eine Spalte, die man hier nie vermutet hätte und wo vielleicht auch nie eine war. Auf dieser Tour passierte es auch Fink, dass er trotz Sondierens mit dem Pickel auf gleiche Weise einsank. Diese Erscheinung bewog uns denn auch nachher, zusammen mit dem Umstände, dass die Mittagszeit der Erweichung des Schnees Vorschub leistete, vom Versuche, einen Abstieg durch das Spaltengewirr des Strubelgletschers in der frühern Aufstiegsroute zu forcieren, abzustehen. Zum Kapitel der Veränderung des Gletschers gehört auch, dass man die Flanke des oben erwähnten Felskammes viel weiter hinauf verfolgt als ehedem, um dann gegen das Strubeljoch aufzusteigen. Der frühere Besucher des Wildstrubels kann sich wohl kaum das gewohnte, glatte Firndach, nun mit Spalten bis zum Gipfel hinauf durchsetzt, vorstellen. Das Abschmelzen hatte zwar anderseits den Vorteil, dass die sonst immer nördlich überhängenden, grossen Gwächten verschwunden sind, wodurch die Wanderung der Kante entlang mit freiem Blick auf Engstligenalp und Adelboden ermöglicht wurde.

Die Strubelegg ( 2930 m ) wird als Aufstieg zum Wildstrubel oder auch als Abstieg von diesem wie überhaupt als Durchgang wenig mehr überschritten; sie ist auch selten begehbar. Ein grosses Hindernis bilden dabei der Bergschrund und die langwierige Hackarbeit über die vereisten Felsen. Wie dies früher ein gebräuchlicher Pass gewesen sein soll, kann man sich heute gar nicht vorstellen; die Struktur des Gebirges und der Gletscher muss sich da gewaltig geändert haben.

Statt dessen wird der WTeg über das Steghorn gewählt. Der Aufstieg auf den Grossstrubel von dieser ( Ost- ) Seite bzw. der Abstieg erfolgt durch eines der drei Couloirs. Diese bieten keine besondern Schwierigkeiten, sondern sind einzig äusserst steinschlaggefährlich. Den Ostgrat selbst zum ersten Male erklettert zu haben, beansprucht Herr Schwer aus Bern mit den Führern Chr. Bärtschi und A. Klopfenstein, die hier am,12. September 1920 über allen Grat heraufgekommen sind. An Versuchen, den. Grat zu bezwingen, hat es nie gefehlt, doch wurden noch alle Partien gezwungen, früher oder später ins Couloir einzusteigen. Klopfenstein bezeichnet den Grat schwieriger als den'Lohner-Westgrat; Gspaltenhorn und Schreckhorn seien nichts dagegen. Wie mir Chr. Bärtschi mitteilte, sind darin zwei besonders schwierige Stellen, so eine in der Mitte, die direkt senkrecht ist und etwa 10 m hoch keinen eigentlichen Griff bietet, die andere fast zu oberst, die mehr oder weniger überhängend ist.

Den Wildstrubel direkt über die Nordwand bezwungen hat bis jetzt einzig Chr. Aellig ( Bern ) mit Führer F. Hager am 13. August 1911. Sie brachen dazu nach den Angaben von F. Hager um 2 Uhr morgens von Engstligenalp auf und stiegen die grosse Moräne hinan. Von den Felsen traversierten sie in das grosse Couloir rechts, folgten diesem, um nachher s/4 Stunden lang über die linke Rippe aufzusteigen. Nachdem sie wieder in das Couloir rechts eingeschwenkt hatten, gelangten sie bei ausserordentlich schlechten Steinverhältnissen auf das Kalkband, das die ganze Wand durchzieht. Durch einen schmalen, vereisten Kamin erreichten sie schlechte Platten, über die sie auf dem Bauche nach rechts um den Fels herumkrochen und von wo es ihnen gelang, die Terrasse zu gewinnen. Hier errichteten sie einen Steinmann und hackten sich nachher den zweimal Seillänge betragenden, überhängenden Firn hinauf; 80 m westlich der Spitze traten sie auf die Kante. Für den ganzen Aufstieg brauchten sie 6 Stunden. Ein neuerlicher Versuch wurde im Jahre 1920 von zwei Berner Herren unternommen. Jedenfalls kann der Aufstieg nur unter ganz günstigen Verhältnissen gewagt werden, wie z.B. im Sommer 1921. Erstes Erfordernis ist, dass die Wand schneefrei ist und dass man keine Überhänge fürchten muss.

Einen Abstieg, der, soweit bekannt, bis jetzt nur einmal ausgeführt wurde, unternahmen im Juli 1910 W. Fink und Ramseyer, indem sie vom mehr südlichen Gipfel des Grossstrubeldoppelgipfels direkt durch Couloirs und Wandstufen zum Lämmerngletscher abstiegen; sie gebrauchten dazu 5 Stunden.

Eine Wildstrubeltour hohen Genusses bietet die Route: Gewöhnlicher Aufstieg von der Engstligenalp mit Abstieg zum Lämmerngletscher und über Lämmernboden zur Gemmi, wobei man aber dort nicht zu sehr dem Fendant frönen darf — was nur allzu verlockend ist —, wenn man nachher etwa noch über die Rote Kumme zur Engstligenalp zurückkehren will.

Zum Schönsten, das der Wildstrubel bietet, gehört die Traversierung der beiden Mittelgipfel ( 3210 m u. 3248 m ) zum Westgipfel ( 3251 m ) über den teilweise scharfen Firngrat, der zur Rechten in Gwächten über die senkrechten Felswände hängt und zur Linken in einer Eiswand 200 m tief abfällt; vom Westgipfel Abstieg zum Wildstrubelgletscher und über die weite Plaine Morte zur Wildstrubelhütte bzw. zum Rohrbachhaus; als Variante vom Westgipfel: Abstieg zum Rätzligletscher und Fluhseeli nach Siebenbrunnen oder Rätzli-gletscher-Ammertengletscher-Ammertengrat-Äugi-Hahnenmoos.

Der östliche Nachbar des Wildstrubels, das Steghorn, wird meistens zusammen mit dem Tierhörnli vom Kindbettipass ( 2600 m nach Hochgebirgsführer, Bd. I, pag. 94 ) bestiegen. Von der Einsattelung südlich des Tierhörnlis wird der Grat zum Steghorn durch eine nicht direkt zu überwindende Felsbastion unterbrochen. Diese Bastion wird, da sie westlich gewöhnlich vereist ist, am besten östlich gegen den Ueschinentäligletscher umgangen, wobei einzig in einem etwas vereisten Couloir eventuell gehackt werden muss, anstatt über eine ganze Wand, wie auf der Westseite.Von einer weitern Einsattelung führt der Weg leicht über den Schuttgrat bis ihm ein etwas überhängender Felsabsturz, der sich südwestlich als Wandstufe weiterzieht, östlich aber in ein Couloir zum Ueschinentäligletscher abfällt, Halt gebietet. Fink und ich versuchten am 17. Juli 1921 erst über diesen Felsabsturz hinaufzukommen; als er aber mehr Arbeit gab, als wir im ersten Moment annahmen, glaubten wir einen « bequemern » Aufstieg durch eines der Couloirs in der nach Südwesten verlaufenden Wandstufe wählen zu sollen, zu welchem Zwecke wir unter gehöriger Sicherung die Eiswand, die sich unter dieser Wandstufe hinabzieht, tra versierten. Durch das erste Couloir floss Wasser herunter, und im zweiten sah es nicht besser aus. Fink machte zwar einen Versuch hinaufzukommen; da wir aber nicht sicher waren, ob da ein Aufstieg überhaupt möglich sei, und die Sicherung des schlechten Steines wegen nur mangelhaft war, beschlossen wir Rückzug; denn zusammen auf die Eiswand fliegen wollten wir nicht. Es muss vorausgeschickt werden, dass wir über den Aufstieg nur wenig orientiert waren. Es war schon spät am Nachmittag, etwa 5 Uhr, und Fink glaubte deswegen, eher zum Abstieg raten zu sollen. Von dem wollte ich aber nichts wissen, und waren wir einmal so weit, so mussten wir hinaufkommen. Vor dem Steghorn gab es doch kein Kapitulieren, und wenn es auch spät war. So probierte ich denn, wieder beim Felsabsturz angelangt, allein. Ich kam auch vorwärts, doch oben über die überhängende Partie konnte ich bei der grifflosen Abplattung nicht hinaufrecken. So schickte ich den langen Fink hinauf, ihm noch meine Schultern als Stütze anbietend. Hiervon machte er denn auch ausgiebig Gebrauch und beanspruchte gar noch meinen Kopf, darauf einen schönen « Tricouni » abzeichnend. Wie er oben war, konnten die Rucksäcke hinaufgehisst werden, und schliesslich konnte ich nachkommen. Doch, als wir weiter wollten, vermisste Fink seinen Pickel, den er unten zum Klettern in eine Felsennische gelegt hatte. Um keine Zeit zu verlieren, anerbot ich mich gern, den Pickel für ihn zu holen, und liess mich zu diesem Zwecke « ab- » und teilweise « hinaufseilen ». Bevor wir weiter wollten, sahen wir nach der Aufstiegsmöglichkeit über die Wandstufe und konstatierten, dass wir schon beim nächsten Couloir nach den zwei, die wir untersucht hatten, leicht hätten hinaufkommen können, und zwar in trockenem Fels. Über die aus brüchigem Schiefer bestehende Westwand kletterten wir zum Grat und folgten diesem bis zum Gipfelaufbau, suchten hier das beste von den zwei sich vereinigenden Couloirs aus und gelangten durch das letzte Couloir um 6 Uhr abends auf den Gipfel ( 3152 m ). Der Aufenthalt war nur kurz, und nach 20 Minuten kletterten wir bei untergehender Sonne rasch die Couloirs und über allen Grat hinunter, um erst ganz kurz vor dem Felsabsturz ( unserer Aufstiegsstelle ) in die Westwand auszubiegen. Bei dieser Gratwanderung erkannten wir auch die Traverse in die Ostwand, die nachher zu den gleichen Couloirs beim Gipfelaufbau führt. Über den überhängenden Fels waren wir rasch — noch einmal bearbeitete Fink meinen Kopf —, rannten den Schuttgrat hinunter, flugs und doch vorsichtig, nicht, dass einer auf den Ueschinentäligletscher hinunterfliegt, gings das vereiste Couloir rechts hinab und um die Felsbastion herum auf den Sattel, wo wir bereits kurz nach 7 Uhr unserm Freunde, der hier wartete und bei der abendlichen Kühle anfing, zu frieren, die Hand drücken konnten. Westlich unterm Tierhörnli vorbei, zwischen den Felsblöcken das Geröll hinunter, erreichten wir um 9 Uhr Engstligenalp und um 11 Uhr Adelboden.

Zum Tierhörnli führt der Weg vom Kindbettipass steil dem Grat entlang. Der leichtere Aufstieg zum Gipfel ( 2900 m ) führt beim Gipfelaufbau in die Ostwand, ein kleines Couloir hinauf und schliesslich in einer Traverse zum Steinmann, der andere direkt über allen Grat das kaminartige Couloir hinauf. Die Aussicht auf die Walliser Alpen ist etwas beschränkt, dagegen hat man einen schönen Blick auf die Gemmi; Rinderhorn und Balmhorn-Altels befindet man sich direkt gegenüber.

Vom Kindbettipass, d.h. von der Südseite zum Kindbettihorn, P. 2696, ist nichts Besonderes, und es ist deshalb zu verwundern, dass man hier an dieser leicht zugänglichen Stelle noch Edelweiss und gar Bergwermut findet. Eine schöne, steile und exponierte Kletterei ist hingegen der Aufstieg vom Engstligengrat ( Nordseite ) aus zu P. 2657. Was aber dem Kindbettihorn ein grösseres klubistisches Interesse einträgt, ist die Traversierung des äusserst scharfen Grates. Diese dürfte, soweit bekannt, zum ersten Male von Prof. Dr. König ( Bern ) mit Führer J. Pieren vor zirka 10 Jahren erfolgt sein. Dieser Grat, wenn auch kürzer als die Fizerschneide, ist in der Hinsicht um so exponierter, als die Westwand direkt vom Grate senkrecht abfällt. Er darf deshalb nur von ganz sichern Leuten stehend tra versiert werden.

Die Zacken des wild zerrissenen Tschingelochtighorns haben von jeher die Aufmerksamkeit der Besucher Adelbodens und insbesondere der Kletterer erweckt. Von Engstligenalp steigt man direkt über den Artelengrat ( Kristalle ) gegen den kurzen Aufbau des Berges empor, quert dann südöstlich in die Flanke bis zur Wand und dieser nach links ( nordöstlich ) entlang in die Scharte. Die Adelbodner unterscheiden beim Tschingelochtighorn nur drei Zähne, den nördlichen Gipfel zählen sie nicht. Das einzige « Wagnis » bei diesem besteht im Überspringen einer 1 ½ m breiten, tiefen Spalte. Der interessanteste Gipfel ist der höchste ( 2740 m ), dessen Erkletterung direkt von der Scharte aus erfolgt. Die ganze Kletterei ist bis zum obersten Kamin exponiert. Erst wird in die senkrechte Ostwand hinausgestiegen, an dieser und bald darauf in einer rechtwinkligen Ritze hinaufgeklettert und durch Spreizen auf den Felssporn rechts hinaufgestemmt. In dem hier ausmündenden, grossen und engen Kamin, der den Fels bis weit hinein teilt, wird am besten am Rande emporgestiegen, da er innen griffarm ist und man oben sowieso genötigt wäre, wieder an den Rand zu kommen. An seinem Ende gelangt man durch Kriechen auf ein Bändchen hinaus und von hier durch den zweiten Kamin leicht auf den Gipfel; in zwei bis drei Sätzen wird der Steinmann erreicht.

Von der Scharte absteigend, um den Hauptgipfel herum, wird durch ein Couloir der Einstieg zum dritten und zweithöchsten Zahn gefunden. Im Gegensatz zum höchsten Gipfel, zu dessen Erkletterung Rucksack und Pickel in der Scharte zurückgelassen werden, können diese Utensilien bis hierher mitgenommen werden. Über einen Felssporn rechts wird zu einem zweiten, etwas zerfallenen Couloir aufgestiegen. Von diesem wird auf einem kaum fussbreiten Bändchen, das jeden Augenblick zusammenzubrechen droht, in die senkrechte Westwand tra versiert. Die Traverse ist nur kurz; denn in Mannshöhe befindet sich der Einstieg in das Steincouloir, das zum Gipfel führt. Dieser Einstieg ist immer etwas Heikles, besonders für die Nachfolgenden. Der Stand auf dem schmalen Bändchen ist nicht gerade der sicherste; klettert man dann an dem etwas überhängenden Einstieg empor, so ist man nie sicher, ob einem ein Stein aus dem schmalen Couloir, das eher ein Kamin genannt werden kann, an den Kopf fliegt. Hat man gar das Pech, dass eine ganze Schuttladung ins Rutschen kommt, so mag man sehen, was sicherer ist, sich irgendwo in der Eile am Fels anklammern oder rasch zum Bändchen absteigen. Glücklich der, der heil ins Couloir kommt. Mit den Händen an beiden Wänden emporgreifend, bei Steinschlag die Beine beidseitig stemmend, wird die Höhe des Couloirs erreicht, das hier ebenso steil und ähnlich auf die andere Seite abfällt. An der äussern Wand emporkletternd, überspringt man vom Gesimse die Scharte, die das Couloir bildet, womit der Gipfel erreicht ist. Von sämtlichen Zähnen wird dieser als der schwierigste betrachtet, welches Urteil sich auf diese Traverse in die Westwand und dem nachherigen Einstieg in das Couloir stützen dürfte. Die Hauptschwierigkeit beim südlichen Zahn für den direkten Aufstieg besteht in der Überkletterung eines überhängenden, glatten Felsblockes. Eine schöne, genussreiche Kletterei bietet die Traversierung aller Gipfel, wenigstens der drei Hauptgipfel, angefangen vom südlichen, der direkt erklettert wird und von dem nachher auf den zweiten aufgestiegen wird. Das Tschingelochtighorn bietet so viel Schönes, dass seine Besteigung von keinem Besucher Adelbodens unterlassen werden sollte.

Der mannigfaltigste Kletterberg Adelbodens ist das Gross-Lohner massiv; dieses bietet aber dem Kletterer auch Aufgaben, die zweifellos zu den schwierigsten im Berner Oberland gehören. Noch verschiedene Probleme gibt er hier zu lösen.

Der gewöhnliche und im übrigen leichte Aufstieg auf den Gross-Lohner ( 3055 m ) führt von der Engstligenalp über den Artelengrat, nördlich am Tschingelochtighorn vorbei zum Ortelengrat. Von hier wird nach der Ostseite abgeschwenkt und durch eines der zahlreichen Couloirs hinaufgestiegen, am besten durch das sechste. Nach kurzer Traverse an der Wand nach rechts ( nördlich ) kann bei guten Griffen über diese selbst geklettert werden bis zum Grat; eine interessante Partie führt dabei über eine grosse Platte, die alsbald in Sicht kommt, aber auch über den sie nördlich flankierenden Sporn. Der weitere Aufstieg führt etwas mühsam, besonders bei brennender Sonne, auf ausgetretenem Pfade der Gratkante entlang zur Spitze, einzig kurz vor dieser durch eine Traverse unterbrochen. Der Hochgebirgsführer gibt hierfür vom Artelengrat aus 1 Stunde 20 Min. an, doch dürfen dafür ruhig 3 Stunden gerechnet werden; es läuft einer gut, wenn er von der Engstligenalp aus in 4 Stunden auf dem Lohner ist. Der Abstieg erfolgt auf gleicher Route, wobei man am besten dann das fünfte Couloir wählt, da man in dessen Steintrümmern rasch abwärts kommt. Hat man es eilig, so ist der Abstieg das grosse Geröllfeld der Südwand hinunter anzuraten, d.h. die frühere Aufstiegsroute, wobei man einzig darauf achten muss, dass man nicht zu tief in die Felsabstürze gerät, ansonst man den weitern Weg über die Eisengriffe nicht finden und überhaupt nicht hinunterkommen kann.

Ein Aufstieg, der bereits nicht mehr ein so harmloses Aussehen hat, führt über den Westgrat. Gewöhnlich wird er ebenfalls von der Engstligenalp aus über Hinter-Engstligen ( Artelenalp ) unternommen. Hier nimmt man sich die grosse Moräne, die zur Lohner-Südwand führt, zum Ziel. Über verschütteten Fels wird bald die bekannte Traverse mit den Eisengriffen über das Felsband erreicht. Ein Bächlein, das vom Lohner herunterkommt, wird überschritten, worauf in wechselseitigem Auf und Ab die Rippen, die in steile Flühe abfallen, nach Westen überquert werden. Immer neue Momentbilder wechseln in angenehmer Reihenfolge, die mächtig zu der Arbeit von Beinen, Herz und Lunge kontrastieren. Die letzte Rinne, sozusagen an der Kante von Süd und West, wird der « untere Wagen » genannt. Von hier beginnt nun der eigentliche Aufstieg in die untere oder obere Rinne zur Schulter des Westgrates hinauf. Als F. Hager und ich am B. August 1920 da hinaufgingen, wählten wir die untere Rinne, die interessanter, aber dafür nicht weniger mühsam ist, ging doch der Aufstieg fast ausschliesslich über schräg aufgeschichtete, zertrümmerte Platten und Geröll. Die Schulter heisst hier der « obere Wagen ». Über eine Felsbastion hinauf wird zur obern Rinne geklettert, und der Kante entlang über loses, verschüttetes Gestein gelangt man zum eigentlichen Westgrat. Damit setzt gleichzeitig eine exponierte Kletterei über den scharfen und gezackten Grat ein. Rechts fällt der Blick 1000 m tief die fast senkrechte Wand auf Hinter-Engstligen hinunter und links noch tiefer ins Bondertal; selbst das Mittaghorn liegt tief zu den Füssen. Ein Gendarm nach dem andern wird in luftiger Kletterei überwunden und über messerscharfe Traversen gesetzt, was oft mehr ein tollkühnes Balancieren genannt werden kann. Der Eisenring, der noch durch einen Seilring gesichert ist, kündet die Abseilstelle. Ganz luftig geht es nun die etwa 15 m hinunter in die Scharte. Wenn es auch nach der Abseilstelle nicht mehr das gleiche ist wie vorher — wenigstens hat man so das Gefühl, dass man nun das Schönste genossen hätte —, so ist der Grat auch bis zum Gipfel nichtsdestoweniger noch recht interessant und exponiert.

Als erster bestieg am 1. Juli 1906 Führer A. Amschwand allein via Mittaghorn vom sogenannten « Fleckli » aus den Westgrat, wobei er die Abseilstelle, da er kein Seil bei sich hatte und von ihr nichts wusste, umging. Von Touristen wurde er erstmals durch M. Zurbuchen mit Führer A. Amschwand ebenfalls anfangs Juli im Jahre 1908 und via Mittaghorn bezwungen, führerlos auf derselben Route durch Höhn und Berchtold aus Zürich Ende Juli/anfangs August des folgenden Jahres. Berchtold hat darüber und über ihre Abseilübungen von der Laube ihrer Pension in Adelboden in der Alpina berichtet. So recht der Touristik zugänglich gemacht wurde der Westgrat erst, als ihn Führer J. Pieren 1911 von der Engstligenalp aus auf der oben erwähnten Route beging. Nun war es möglich, auf der Engstligenalp zu übernachten; denn via Mittaghorn kam man noch bei Nacht und mit Laterne in die Felsen, so dass diese Route nur im Hochsommer an hellen Tagen unternommen werden konnte. Zweifellos ist der Aufstieg via Mittaghorn anstrengender, anstrengender deshalb, weil an einem Tage zum Westgrat noch der steile Aufstieg auf das Mittaghorn ( Aufbruch in Adelboden morgens 2 Uhr ) dazukommt. Diese Variante kann daher auch nur von ganz Rüstigen unternommen werden. Der weitere Aufstieg vom Grat ( Sattel ), der vom Mittaghorn zum Lohner ( Flanke des Westgrates ) führt, erfolgt durch eines der vier Couloirs und bietet keine besondern Schwierigkeiten.

Es sei gestattet, hier eine Unklarkeit im Hochgebirgsführer, Bd. I, pag. 100, Abs. a, über den Westgrat richtigzustellen. Die im zweitletzten Satze erwähnten Eisengriffe befinden sich nämlich nicht auf dieser Seite, sondern, wie wir gesehen haben, in dem Felsengürtel am Fusse der Südwand, die in die Alp Artelen abfällt. Der ganze Abschnitt von « Längs... etc. bis... zum Gipfel ( 4 Std. ) » dürfte eher auf den veralteten Aufstieg zutreffen, der heute als Abstieg benützt wird. ( Vgl. hierzu auch Dr. A. Walker: « Adelboden und seine Berge », Jahrbuch S.A.C. XXX, 143, letztes Alinea. ) Über den Aufstieg zum Mittaghorn sei weiter unten berichtet.

Der etwas niederere zweite Gipfel ( 3005 m ) des Lohners, von den Adel-bodnern Ostgipfel genannt, im Gegensatz zu Dübi, der ihn als Nordgipfel bezeichnet, wird gewöhnlich über den Hauptgipfel ( 3055 m ) erstiegen. Der Verbindungsgrat bietet keine besondern Schwierigkeiten und weist erst gegen den Gipfelaufbau einige exponierte, scharfe und brüchige Stellen auf, die erklettert werden müssen. Für seine Traversierung brauchten Fink und ich am 2. September 1921 genau 1 Stunde 20 Min., bis zur Scharte ( 2862 m ) genau 30 Minuten. Über den West-Ostgrat ( ebenfalls ein Westgrat, der fast parallel zum andern Westgrat verläuft ) via Zürchertritt-Schwarze Bleike ( steiles Gand)-Weite Kumme erstieg ihn erstmals A. E. Sorel aus Paris am 24. August 1894 mit Führer J. Pieren.

In diesem Zusammenhange sei auch eine Bemerkung zu der im Hochgebirgsführer, Bd. I, pag. 100, sub c, über den Nordostgrat erwähnten Scharte ( 2862 m ) gestattet. Aus dem dort beschriebenen Aufstieg von der Westseite durch einen Felsenschlupf neben dem Mittaghorn, über Platten und ein Felscouloir, werde ich nicht recht klar. Das Mittaghorn ist vom Lohner Westgrat ( Gipfel 3055 m ) durch einen breiten Grat ( Sattel ) in der Länge von zirka 200 m getrennt. Die Flanke des Grates, d.h. die Nordwand des Westgrates, ist äusserst steil, zu einem grossen Teil etwa 800—900 m senkrecht, wenn nicht überhängend. Von einem Durchschlüpfen ( Traversierenneben dem Mittaghorn kann somit keine Rede sein; im Gegenteil, vom Mittaghorn führt der Weg über die Moräne der durch Gletscher ausgefüllten Kehle hinunter. Anstatt ganz zur Weiten Kumme hinab, kann weiter unten der Gletscher nicht ohne schwere Hackarbeit im blanken Eise überschritten werden, und durch Traversierung an steinschlaggefährlichen Bändern gelangt man zum Gletscher in der Weiten Kumme, der hier an der Nordwestwand des Lohners hängt. Von hier wird die Scharte im Aufstieg erst durch Ausweichen nach links ( der Gletscher weist grosse Spalten auf und ist von dem etwas überhängenden Felsengürtel durch einen Bergschrund getrennt ), dann durch Couloirs und Platten über die Wand hinauf erklettert. Als Fink und ich am 2. September 1921 vom Ost- bzw. Nordgipfel zurückkamen, wählten wir von dieser Scharte ( tiefster Punkt des Grates ) die Westwand zum Abstieg, mieden infolge der Zerrissenheit des Gletschers diesen und wichen deshalb in diesem Falle ( Abstieg ) ganz nach rechts aus gegen den West-Ostgrat, der zum zweiten Gipfel führt.

Vom Ost- bzw. Nordgipfel können die beiden nächsten, kleinern Gipfel ( ohne Quote im Siegfriedatlas ), dem Grat folgend, leicht erreicht werden.

Über den Nordostgrat von der Alp Alpschelen aus hat der Lohner noch wenig Besuch erhalten, ein halbes dutzendmal dürfte hoch gegriffen sein ( Müller, Kandersteg ). Einen neuen Aufstieg glaubte Chr. Ällig ( Bern ) mit Führer F. Hager zu finden, als sie vom Nünihorn, wo sie am 1. August 1921 biwakierten, direkt über allen Grat den gewaltigen Turm erkletterten. Dieser ist tatsächlich insofern neu, als Ällig und Hager, wie bemerkt, über allen Grat aufstiegen und die drei sich darin erhebenden Felstürme direkt überkletterten, wogegen W. R. Caesar mit Abr. jun. und Gottfr. Müller diesen Grat umging, das Couloir rechts hinaufkletterte und dann erst den ersten Gratturm erstieg ( vide Hochgebirgsführer, Bd. I, pag. 101 ). Diese drei Grattürme werden von Hager gerade- als das Schwierigste der ganzen Tour bezeichnet. Auf dem ersten Gipfel nach Traversierung des Nordostgrates fanden sie in einer Flasche die Karten von Bäschlin ( Bern ) mit Begleiter, die im Jahre 1915 die Tour als erste von der Alp Alpschelen aus führerlos unternahmen, wegen grossem Zeitverlust infolge Wahl eines falschen Couloirs dann aber genötigt waren, hier zu biwakieren.

Noch unbezwungen ist dagegen der Nordostgrat von der Bonderkrinde her mit den beiden gewaltigen Scharten, die heute noch als unüberwindlich gelten.

Als Abstiege vom Lohner fallen, wie bereits erwähnt, der über den Südgrat und der von der Scharte in die Weite Kumme in Betracht. Ein Abstieg über den Westgrat erfolgte, soweit bekannt, bis jetzt nicht wegen der Abseilstelle, und doch ist nicht einzusehen, warum man sich nicht die Umgehung von Amschwand zunutze ziehen soll. Amschwand empfiehlt sie wegen der Exponiertheit und dem schlechten Stein nicht; er hat nur aus der Not eine Tugend gemacht. Fink und ich haben aber eine Stelle rekognosziert, die von der Amschwands abweicht und weniger Schwierigkeiten bieten dürfte.

Imposant sind der Felsenburg des Lohners zwei Bastionen vorgelagert, das Nünihorn ( 2715 m ) links und das Mittaghorn ( 2680 m ) rechts.

Auf das Nünihorn, den nördlichen Ausläufer des Lohners, dürfte als Erster, abgesehen von Gemsjägern, der alte Zürcher, genannt « Lohner-Zürcher », gegangen sein, der im Jahre 1874 mit einigen Kameraden den Aufstieg gewagt hatte. Die ersten Touristen dürfte Bergführer F. Hari in den 90er Jahren hinaufgeführt haben. Aber erst verhältnismässig spät haben führerlose Touristen das Nünihorn zu ihrem Ziele gewählt, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass Kunstmaler W. Fink im Jahre 1909, dem Jahre, da er sich in Adelboden niederliess, der Erste war.

Der gewöhnliche Aufstieg führt durchs Bondertal und den Bonderwald zur Bonderalp und den sogenannten Schreckmatten. Von der Felsenkante, die hier herabreicht, legt sich der vom « Lohner-Zürcher » erstellte Weg, genannt « durchs Bonderli » oder « Krachli », wie ein Band in und über die Flühe, die hier vom Lohner als breites Wandgesimse senkrecht ins Bondertal abfallen, und führt in einer halben Stunde zu Zürchers Hütte. Zweimal hat Zürcher zwischen hohen Felsenmauern Leiterstufen angebracht, um den Aufstieg zu ermöglichen. Die ganze Anlage ruft höchste Bewunderung hervor ob solcher « Hochbaukunst », und ein Tea-Room oder auch nur ein Wirtschaftsbetrieb könnte wahrscheinlich für Zürcher ein glänzendes Geschäft bedeuten, wenn der Weg zu ihm hinauf nicht für nur ganz schwindelfreie Kurgäste wäre. In der breiten Rippe, auf der Zürchers Hütte steht, wird vorerst weiter aufgestiegen, und zwar von der Hütte ab direkt halbrechts an der Kante hinauf, um dann nach links in die Flanke zu der tiefen Rinne einzubiegen. Diese verfolgt man, immer in der Rinne bleibend, bis zu der kurzen, glatten und fast senkrechten Felswand, dem « Zürchertritt ». Der Name rührt von einem Gemsjäger dieses Namens aus dem Stiegeischwand bei Adelboden her, der vor hundert Jahren hier das staunenerregende Stücklein vollbracht haben soll, dass er eine Gemse über die Wand hinuntertrug. Unser jetziger « Lohner-Zürcher » brachte dann zu Abseilzwecken einen Eisenstift an. Der Aufstieg über die Wand bietet keine besondern Schwierigkeiten; an ihrem obern Ende öffnet sich eine kehlenartige Mulde, an der links hinaufgestiegen wird, wodurch man in die Untere Tierkumme gelangt. Der Aufstieg über das Felsenband in die Obere Tierkumme wird etwas über der Mitte, in der tiefsten Einsenkung, gewählt; gewöhnlich liegt dort noch alter Lawinenschnee. Bei dieser Felsenritze wird links in die Wand hinaustraversiert bis zu der Kante des Felssporns und über diesen hinaufgeklettert. Man ist sehr versucht, das Couloir vor diesem Aufstieg zu benützen, wie es am 17. Oktober 1920 Phot. E. Gyger, A. Klopfenstein, Kieser und der Schreiber dies taten. Dieses ist aber wegen des unausgesetzten Steinschlages und des etwas umständlichen Kletterns in der engen Felsenspalte nicht zu empfehlen. In der Obern Tierkumme wird am besten rechts gehalten, da dort das Geröll für den Aufstieg etwas fester ist. Am obern Ende der Kumme führt eine Traverse in schlechtem Fels der Wand entlang ( Steinschlag !) und von da über die mit Schutt überdeckte Wand zum Grat des Nünihorns. Über den plattigen Grat ist der Hauptgipfel leicht erreichbar; der kleine Gipfel rechts ( von unten gesehen links ) daneben ist dagegen noch nicht bezwungen worden. Das Nünihorn kann auch direkt von der Bonderkumme aus erstiegen werden. Als Variante vom Bonderli oder Krachliweg sei der weiter oben durchführende Geissweg empfohlen oder, wenn man den « Zürchertritt » meiden will, der Übergang von der Bonderkumme direkt in die Untere Tierkumme über die sogenannten Sesseln. Direkt von vorne ist das Nünihorn bis jetzt nicht bezwungen worden, doch scheint es nicht ausgeschlossen zu sein, dass man hier hinaufkommt, wodurch gleichzeitig auch der Schlüssel für die Besteigung des kleinern Gipfels gegeben sein dürfte.

Der südliche Ausläufer, das Mittaghorn ( 2680 m ), nimmt sich in der Form, obwohl niedriger als sein Nachbar und auch weniger imposant, schöner aus, was wohl darauf zurückzuführen sein mag, dass es für sich dominiert. Der Lohner-Zürcher dürfte auch hier, wenn man von den Gemsjägern absieht, der erste gewesen sein, der seinen Fuss auf die Spitze des Mittaghorns setzte; es war dies ebenfalls ums Jahr 1874 herum. Seine um 1896/97 herum mit zwei Berner Gymnasiasten, den HH. Paul Lips und Heinrich Tanner, erfolgte Besteigung des Mittaghorns scheint den ersten touristischen Besuch darzustellen. Führerlos war vielleicht auch hier W. Fink im Jahre 1909 als Erster oben. Zürcher wählte für seine Aufstiege die Route von der Weiten Kumme aus. Anderseits suchte sich Fink seinen Weg von der Westseite her.

Der gewöhnliche Weg führt vom Laueli zum Tristlistein, von hier das Schuttkar hinauf und rechts von hinten über den Felskopf hinauf zum Grashang, der hier in eine Rinne abfällt. Diesem Grate folgt man nach links bis zum Hauptgrate, der ins Bondertal abfällt; dieser wird traversiert bis zu einem Felsabsatze, der durch ein Couloir rechts mit Rechtstraverse überwunden wird. Von hier wird halbrechts aufwärts der nächsten Rippe zugesteuert und über diese hinauf zur senkrechten Wand des Mittaghorns hinangestiegen. Diese Wand wird fast ständig in gleicher Höhe nach rechts traversiert bis zum ersten Couloir, das jedoch nicht als Aufstieg benützt werden kann, sondern erst das zweite, am besten jedoch das dritte.Vom Sattel ist es ein leichtes, zu der mit einem Steinmann gekrönten Spitze zu gelangen.

Einen bessern Aufstieg, was den untersten Teil anbelangt, hat Fink herausgefunden, den ich am 24. September 1921 mit dem jungen Zürcher auf Grund der mir von Fink übergebenen Skizze suchte und auch fand. Er führt vom Laueli anstatt rechts nach links dem Graben entlang hinauf bis zu dem Felsgesimse ( wir gingen zwar auf der Krete ). Der Durchschlupf der Tannen über das Wändchen ist auch für den Aufstieg gegeben. Rechts des nächsten Felsenbandes vorbei, das sich in der Nähe als einzelne Hörner präsentiert, wird in einem Bogen nach rechts traversiert und über ein schmales Grasband zu dem obern horizontalen Grasband aufgestiegen. Hier hat sich Fink ein gewisses touristisches « Verdienst » erworben, indem er den weitern Aufstieg durch das richtige Couloir mit Pfeilen in Ölfarbe markiert hat; auch weiter oben finden sich solche Pfeile zur Orientierung vor. Wir hatten eben die Kante des untern Felsbandes passiert und wollten im Bogen nach rechts traversieren, als uns Steinschlag aufmerken liess. Eine Gemse setzte in grossen, flinken Sätzen über Grasbänder, Schuttkar und Felsen und erkletterte mit der grössten Sicherheit ein äusserst steiles Felshorn. Oben stand sie, etwas verdeckt, gemütlich hin und schaute auf uns herab, und erst, als wir den Zeiss einpackten und weitergingen, verschwand auch sie auf Nimmerwiedersehen. Zürcher rechts über eine Rippe ansteigend, ich direkt im verbreiterten Couloir, erreichten wir, wieder zusammen über die Felsen kletternd, den Grat da, wo die gewöhnliche Aufstiegsroute auf ihn stösst. Den Grat verfolgten wir bis zu dem Felsabsturz mit dem Couloir und der Rechtstraverse. Statt nun Jahrbuch des Schweizer Alpenclub. 5C. Jahrg.

II aber zur Rippe hinüberzuqueren, kehrten wir zum Grate zurück und stiegen nach Überwindung eines weitern Felsabsturzes über ihn hinan bis zur senkrechten Wand des Mittaghorngipfels. Dieser folgten wir, wie üblich, an ihrem Fusse bis zu dem zweiten Couloir ( direkt nach dem ersten ). Das erste schien uns nicht gangbar und soll es auch nicht sein. Im Zweifel, ob wir noch um den Felskopf herum sollten, probierten wir im zweiten. Dieses ist gerade zu Beginn sehr steil, und die Griffe sind durch den Steinschlag abgeschliffen. Nach Aufstieg in einer durch überhängenden Fels etwas engen Rinne und über schlechten Fels weitet sich allmählich das Couloir; Zürcher suchte wieder rechts, zwischen Blöcken hindurch, die Höhe zu gewinnen, ich links, um auf dem Sattel angelangt, zum Gipfel und Steinmann anzusteigen.

Noch unten auf dem Grate rekognoszierte ich seine Beschaffenheit im untern Teil, und ein Aufstieg schien mir möglich, wenn ich auch über eine Partie, die mir, von oben gesehen, überhängend schien, im Zweifel war, und ich hatte grösste Lust, den Grat im Abstieg zu versuchen. Erst nachher erfuhr ich, dass für das Mittaghorn bis zur Wand über allen Grat aufgestiegen werden kann, mit eben der einzigen Ausnahme, die ich von oben erkannte und welche Stelle links ( von unten ) umgangen wird. Vom sogenannten Fleckli ( Beginn des Grates ) sind auch, wie weiter oben angeführt, über allen Grat via Mittaghorn alle frühern Aufstiege zum Lohnerwestgrat erfolgt.

Da Zürcher noch in die Hütte seines Vaters einzukehren wünschte, wählten wir den Abstieg in die Weite Kumme.Vom Sattel hält man am besten mehr links als rechts, um nicht auf den mit blankem Eis überzogenen und mit Querspalten durchzogenen Gletscher absteigen zu müssen, sondern durch irgendein Couloir über die Moräne links. Vom Sporn, auf den man gelangt, hält man rechts und steigt am Rande des Gletschers hinunter, da über die Wand nicht hinunterzukommen ist. Gleich unterhalb der Felswand, die man nun zur Linken hat, traversiere man nach links, um aus der Steinschlagzone zu kommen. Anstatt die Route Schwarze Bleike-Zürchertritt zu wählen, die, abgesehen von der Abseilstelle beim Zürchertritt, bei der Schwarzen Bleike ( steile, ein paar Meter fast senkrechte Runse aus schlechtem Fels und Schutt ) Vorsicht erfordert, wählten wir den Weg untendurch, der, gleich überm Gletscherbache die Schluchten hinab, an steilen Graswänden entlang führt. Als Richtung diene möglichstes Linkshalten ( im Abstieg ) an der Wand der Schlucht, da die scheinbar bessern Abstiege rechts durch Grascouloirs nicht hinunterführen. Nach der zweiten heiklen Graswand wird rechts in den sichtbaren Weg eingeschwenkt, den Zürcher bis hierher gezogen hat. Wie schon im vordem Teile, im sogenannten Krachli, so zieht sich auch hier der Weg sehr exponiert den Felsbändern entlang, eingesprengt am überhängenden Fels und in tiefe Schluchten einbiegend, und man wundert sich nur, dass der alte Zürcher hier wildheuen geht. ( Zeiten: Säge bei Adelboden-Laueli 1 Stunde; Laueli-Mittaghorn 4 Stunden 40 Min.; Mittaghorn-Weite Kumme zirka l½ Stunden; Weite Kumme-Zürcherhütte 1 Stunde. ) Ich möchte nicht unterlassen, hier einer Anregung — das C. C. braucht nicht zu erschrecken, ein Subventionsgesuch gedenke ich nicht zu stellen, und es dürfte auch nirgends eines in Vorbereitung sein — Raum zu geben, die, wenn auch nicht jetzt, so vielleicht später einmal Aussicht auf Verwirklichung haben dürfte. Der Lohner ist ein so ausgedehntes Klettergebiet mit äusserst lohnenden Touren, wo es noch manches zu « machen » gäbe — ich habe da vor allem das Gebiet zwischen Mittaghorn und Nünihorn vor Augen —, aber mangels geeigneter Unterkunft ist man darin stark behindert. Will man an die Lösung eines grössern Problems gehen, so ist man genötigt, zu biwakieren, wie es Ällig und Hager getan haben; denn mit einem Aufbruch von Adelboden aus am selben Tage versäumt man viel kostbare Zeit. Nun liesse sich aber mit wenig Mitteln ( Stroh und Decken ) erreichen, dass man beim Zürcher übernachten könnte, etwa 10-14 Mann könnte man « hineinbeigen »; das Beste wäre ja natürlich, wenn man eine Vergrösserung von Zürchers Hütte vornehmen könnte, und ich glaube, dass Zürcher nicht abgeneigt wäre, seine Zustimmung zu geben. Wenn dadurch die Unterkunft auch nicht auf der idealen Höhenquote wäre ( Zürchers Hütte liegt 2000 m hoch ), so wäre aber doch viel erreicht. Bei Zürcher wäre man gut aufgehoben, und zu jeder Zeit — wenn er oben war — hat er einem ein warmes « Chächti Caffi » mit Ziegenmilch gemacht. Dass die Hütte überlaufen würde, ist kaum anzunehmen, denn wer nicht schwindelfrei ist, kommt nicht zum Zürcher hinauf, und der wahre Bergfreund würde sie sicher nur für ernste Arbeit aufsuchen.

Neben dem Gross-Lohner nimmt sich der Felsenkranz des Klein-Lohners ( 2591 m ), der gewissermassen das Verbindungsglied zwischen dem Hauptgrat des Gross-Lohners und dem Grate von der Bonderspitze bis zum Eisigfirst bildet, ganz unscheinbar aus. Wie aber schon im Hochgebirgsführer erwähnt, erschweren der bröckelige und schlechte Stein und die Steinschlaggefahr seine Besteigung. Die gebräuchlichste Route von Adelboden aus ist die von Westen ( Hochgebirgsführer Bd. I, S. 103, Nr. 4 ). Von der Bonderalp aus wird der Passweg weiter verfolgt bis zu dem vom Klein-Lohner herunterkommenden Schuttkar. Anstatt nun dem Weg weiter nach rechts zu folgen, wird links über den Grashang aufgestiegen, wie wenn man auf die Bonderspitze wollte, immer dem Rande des Schuttkars entlang. Etwa auf der Höhe des Einstiegscouloirs wird das Kar tra versiert; eine Trasse darin weist mehr oder weniger den Weg. Von der Felsenkante wird zum eigentlichen Couloir aufgestiegen. Über vom Steinschlag abgeschliffenen Fels geht es das ziemlich steile, jedoch keine besondern Schwierigkeiten aufweisende Couloir hinauf. Kurz vor seiner Verbreiterung wird durch eine Rinne aufgestiegen. An der Wand wird rechts traversiert und durch die letzte enge Felsenrinne zum Grate geklettert. Über diesen führt der Weg über plattiges, ausbrechendes Gestein zur höchsten Erhebung, die jetzt ein Steinmann krönt.

Um dem Steinschlag auszuweichen, wird nicht selten der Abstieg, anstatt durch das Aufstiegscouloir, über die etwas exponierte Ostseite genommen. Zu diesem Zwecke wird nicht ganz zu der Stelle, wo man auf den Grat gelangte, zurückgekehrt und in eine Ausbuchtung abgestiegen. Am 21. Oktober 1920, als A. Klopfenstein, Kieser und ich diese Route einschlugen, liessen wir uns unterhalb des Grates in einer Rinne über einen etwas überhängenden Felsblock hinunter. Bei einem spätem Abstieg zeigte es sich aber, dass man statt dessen auch rechts, und zwar besser, hinunterkam, obwohl es dort, von oben gesehen, den Anschein hat, als ob man nicht über das überhängende Zeug komme. Unterhalb des Felsblockes traversierten wir nach rechts gegen den Grat und von hier mehr oder weniger im Zickzack die Wand hinunter zur Rippe, die die Alp Allmen von der Alp Alpschelen trennt. Nach Traversierung einer Rinne kletterten wir die letzten Felsen ab und wandten uns am Fusse der Felsenmauer zur Bonderkrinde.

W. J. Gyger.

Als wir hier anlangten, senkte sich der Abend hernieder. Wir genossen eine märchenhafte Abendstimmung. Die Sonne war untergegangen, doch längs des Horizontes zog sich ein gelber Streifen als letztes Leuchten hin, der vom satten Orange ins Zitronengelbe und schliesslich ins Grüne und damit allmählich in das Stahlblaue des Himmels verlief. Schwarz und scharf hoben sich von dem wunderbaren Gelb die Spitzen der Niesenkette ab, und davor in der Talschaft lag ruhig das graue Nebelmeer, das noch vor kurzem hell leuchtete und wogte und ebbte. Auch um uns in den Wänden des Nünihorns und in den Couloirs des Klein-Lohners war es schwarz.

Eine luftige Gratwanderung, verbunden mit Kletterei, wenigstens im ersten Teil, gewährt der Allmengrat von der Bonderspitze. Die Partie mochte verwunderte Augen gemacht haben, als sie am 9. Oktober 1921 unserer zwei, Meyenberg und mich, an einen Strick gebunden, auf dem Gipfel der Bonderspitze sah, wie wir eben in zwei bis drei Sätzen zum Grat übersetzten. Über schlechten Fels gelangten wir zweimal an Wändchen, über die wir direkt hinunterkletterten, ohne zu umgehen. Bis etwa zum A von Allmengrat bei P. 2530 ist der Grat oft sehr scharf, nachher zeigen sich die exponierten Stellen nur noch zeitweise. Die ganze Wanderung bietet äusserst interessante Tiefblicke in die Felspartien auf der Adelbodnerseite. Einen eigenen Reiz hat der sozusagen gleichzeitige Blick in die Täler der Engstligen und der Kander, mit Adelboden auf der einen und Kandersteg auf der andern Seite. Wie ein Kleinod nimmt sich zur Linken der in der Sonne glitzernde Eisigsee aus. Wird die Wanderung vom First ( 2552 m ), zu dem man auf alle Fälle muss, will man nicht bei Punkt 2530 nach der Alp Allmen oder auf der andern Seite über den Grat zum Metschorn ( 2233 m ) absteigen, über Hohwang ( 2525 m ), Stand ( 2315 m ) und Elsighorn ( 2345 m ) fortgesetzt, so gibt dies eine Tagesarbeit, die sich sehen lassen darf. Diese Tour bietet mancherlei Genüsse: Kletterei, Grat und Wanderung über ein ausgedehntes Plateau von Weiden. ( Zeiten: Adelboden ab 5 Uhr; Bonderspitze an 8 Uhr 15, ab 9 Uhr 15; Eisigfirst an 12 Uhr, ab 1 Uhr; Hohwang an 1 Uhr 15, ab 1 Uhr 23; Stand an 1 Uhr 45, ab 1 Uhr 52; Elsighorn an 3 Uhr, ab 4 Uhr; Adelboden an 6 Uhr 20. ) Ich bin am Schlüsse meiner Betrachtungen angelangt, möchte aber die Berge Adelbodens nicht verlassen, ohne der reichen Alpenflora zu gedenken, die mein Herz noch auf über 3000 m erfreute und die sicher eines Urteils von berufener Feder würdig zu sein scheint.

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