Studentische Arbeitskolonien in den Alpen

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Ferdinand Elsener.

Das Amt für Arbeitskolonien des Verbandes Schweizer Studentenschaften ( V. S. S. ) veranstaltet alljährlich während der Universitätssommer-ferien Arbeitslager in armen Berggemeinden. In der Regel werden Alp- und Forstwege gebaut. Mancher Leser von « Die Alpen » wird in den letzten Jahren von solchen Studentenkolonien in den Tageszeitungen vernommen haben oder ist ihnen auf seinen Bergwanderungen schon begegnet. So waren Lager im Walliserdorf Ausserberg, in Lü im Bündner Münstertal, in Duvin ( Lugnez ), in Dagro und Chiavasco ( Val Malvaglia, ein Seitental des Blenio ), in Camperio bei Olivone, in Grünenwald bei Engelberg usw. Einige Male haben die Studenten auch geholfen bei den Aufräumungsarbeiten nach Brandunglücken, so in Blitzingen und Bovernier.

Gearbeitet wird in drei Etappen zu drei Wochen, d.h. während neun Wochen. Jeder Teilnehmer verpflichtet sich, mindestens eine Etappe zu bleiben. Er erhält freie Fahrt, Kost und Unterkunft, er wird vom V. S. S. auch versichert. Teilnahmeberechtigt ist jeder an einer Schweizer Hochschule immatrikulierte Student, ferner die Techniker von Winterthur und Burgdorf und in beschränkter Zahl Mittelschüler und ausländische Studenten.

Als schönste Kolonie lebt Lü 1933 in meinen Erinnerungen fort. Es war meine erste. Ich war damals ein junges Semester, dazu noch Jurist, mit andern Worten während meiner Ferien zur Arbeitslosigkeit verurteilt. So entschloss ich mich, meine Kräfte einer idealen Sache zu widmen, und meldete mich beim Amt für Arbeitskolonien.

Bei meiner Anmeldung standen mir drei Kolonien zur Auswahl: Camperio bei Olivone, Ausserberg im Wallis und Busen im Calancatal. Ich wählte Busen. Anfangs Juni sandte mir der V. S. S. das Aufgebot für Lü im Münstertal. Die Gemeinde Busen hatte die Studentenhilfe abgelehnt. Die Sage ging um, der Herr Pfarrer habe keine Studenten in seiner braven Gemeinde gewollt, die es wagten, den Bundesrat anzugreifen. Tatsächlich wehte damals ( 1933 ) in unsern Hochschulen ein scharfer politischer Wind, aber schlechte Patrioten waren wir wohl deswegen nicht!

Am 13. August, einem wolkenlosen Sonntag, im späten Nachmittag, fuhren unser fünfzig Mann auf zwei uralten Saurerlastwagen der Sesa über den Ofenpass nach Cierfs, dem obersten Dorf des Münstertales. Von dort stiegen wir in einer knappen Stunde nach Lü hinauf. Ob unserm Standquartier wehte weithin sichtbar eine sturmzerfetzte Schweizerfahne. Lü liegt 1923 Meter hoch, auf der linken Talseite. Der Gemeindepräsident hat mir einmal mit berechtigtem Stolze gesagt, Lü sei die höchstgelegene selbständige politische Gemeinde Europas. Es ist ein kleines Bergnest, ein Dutzend Häuser, ein protestantisches Kirchlein, zwei Dorfbrunnen. Die Einwohner sprechen romanisch. Aber herrlich gelegen ist dieses Dörfchen, hoch ob dem Talboden auf einer Terrasse, gerade gegenüber dem mächtigen weissen Haupt des Ortlers im Süden.

Unsere Kantonnemente lagen im Schulhaus. Ich bezog Parterre, im Zimmer, wo zu regelmässigen Zeiten die Gemeindekanzlei sich befand. Zwanzig weitere fanden Unterkunft im Schulzimmer Lüs, wo noch immer die klassischen Schiessbudenbilder vom Rütlischwur und von General Dufour mit seinem Stabe hingen. Die Berner, die zuletzt ankamen, mussten mit dem Estrich vorlieb nehmen. Jeder bekam einen Strohsack, zwei Leintücher und Militärdecken. Man schlief etwas hart, aber deswegen nicht schlecht.

Abends wurde die Kolonie feierlich eröffnet: Lift, der Kolonieleiter ( modern ausgedrückt: der Führer ), begrüsste uns, hielt eine Moralpäuk über das Thema « Ferienkolonie-Arbeitskolonie », erklärte die Tagesordnung, führte das offizielle « Du » ein und mit dem traditionellen Kolonistenruf, einem dreimaligen, dröhnenden Tschewalahoi, fand die erhebende Szene ihren Abschluss.

Wie sieht ein Kolonietag aus? Morgens 430 Uhr trampelt Vontobel, der populäre Obmann, mit schwergenagelten Bergschuhen in die Bude hinein: « Tagwacht, ufstah, guete Morge! » — Stimme: « Schifft's na nöd?»— Vontobel: « Nenei, wunderbars Wetter, mer chönd de ganz Tag schaffe. » Das Wetter ist schön zum Verzweifeln, morgens um halb 5! Wie beruhigend wirkte es doch, wenn draussen der Regen niederprasselte, da konnte man doch weiter schlafen, und zu essen mussten « sie » einem doch geben. Allerdings hiess es dann an schönen Nachmittagen: Nacharbeiten.

Unterdessen wird draussen das Koloniegrammophon « losgelassen ». Sechseläutenmarsch, schaurig schön. Das Gequietsche geht durch Mark und Bein. Den alten Reiseapparat hat einer von zu Hause mitgebracht, auf Abbruch. Dazu ein paar ausgeleierte Tangos und Fox, den Berner- und den Sechseläutenmarsch natürlich noch dazu, um den Lokalpatriotismus der Zürcher und Berner zu befriedigen.

Nach fünf Minuten steht die Mannschaft vor dem Schulhaus, die einen in blaugestreiften Arbeitshosen wie Gasmonteure, andere in Turnhosen oder sonstigen abgetragenen Kleidern. Im Gänsemarsch trottet die Kolonne die neue Strasse hinauf, stumm, den Schlaf noch in den Augen, Pickel und Schaufel auf der rechten Schulter, die linke Hand in der Hosentasche. Ein düsteres Bild, wie in einem Konzentrationslager. Gestern abend war man spät heimgekehrt, drei Stunden Schlaf! Die Arbeitsbegeisterung gleicht der eines Sträflings, doch nach ein paar Pickelhieben ist man wieder in Form.

Gearbeitet wird von 5-7, von 8-1030 und von 11-13 Uhr. Wir bauten eine Fahrstrasse von Lü nach der Alp Champatsch. Die grosse Alp Champatsch, die der Gemeinde Valcava gehört, war bisher direkt nur durch einen schmalen Fussweg erreichbar. Stellenweise mussten an Felspartien zur Sicherung Drahtseile angebracht werden. Heute ist Lü und damit auch Valcava durch eine 1200 m lange und 2 m breite Strasse mit der Alp verbunden.

Die Arbeitsleistung eines Studenten darf natürlich nicht mit der eines Berufsarbeiters verglichen werden. Immerhin zeigen die Statistiken des Bundes, dass die Leistungen unserer Kolonien mehr als befriedigend sind.

Eigenartig ist die Organisation eines solchen Lagers. An der Spitze steht Lift, der Kolonieleiter. Er wird vom Amt für Arbeitskolonien ernannt. Lift ist ein alter bewährter Kolonist, cand. chem. Ihm obliegt in erster Linie die wirtschaftliche Leitung. Die technische Leitung hat Herr Dalbert inne, der Vertreter des Kulturingenieurs des Kantons Graubünden. Der Dritte im Bunde der Koloniegewaltigen ist Vontobel, der Obmann. Er wird demokratisch von den Kolonisten gewählt. Seine Pflichten sind: Wecken, Arbeit abblasen, Organisation der Freizeitunterhaltung und der Wochenendausflüge, ferner muss er als Volkstribun die Wünsche des arbeitenden Volkes der Leitung beibringen, was nicht immer dankbar ist.

Mein lieber Leser, du fragst, wie wir Studenten die ungewohnte Arbeit ertragen haben? Ich gebe zu, die ersten zwei Tage waren für manchen hart. Da musste oft ein altes Kolonieschwein einem Neuling beibringen, wie man eine Schaufel zweckmässig in die Hand nimmt. Und die Schwielen? Ja, da hatten wir probate Mittelchen. Die einen schmierten die Hände mit einer fürtrefflichen Fussalbe ein, die der Koloniearzt freigebig verteilte ( offenbar, weil sie billig war ), andere trugen zur Arbeit abgetragene Lederhandschuhe. Erdarbeiter in Glacehandschuhen? Freilich nicht alltäglich. Ich vermute, ich habe gar wunderlich dreingeschaut in meinen blaugestreiften Überhosen, den Handschuhen, der Brille auf dem typischen Denkergesicht, mit dem Pickel in der Hand: fast ein Grock!

Zum Inventar einer Kolonie gehört nicht zuletzt der Doktor. Jener Lüer Doktor war ein Original: ein Kind des Dritten Reiches, flotter Korpsstudent und strammer SS, im fünften klinischen Semester. Über seine Qualitäten stritten sich die Geister. Ich mochte ihn wohl leiden, er war ein lieber Kerl, andern soll er das Heftpflaster in die Hand gedrückt haben mit der Weisung, sie mögen es selber auf den wunden Finger kleben. Das Koloniebüro diente als Wart-und Operationszimmer. Im Scheine der Stallaterne wurden hier die blutigsten Schnetzlereien vollführt. Das Kantonsspital Zürich versieht jeweilen die Kolonien mit einer Kiste voll Instrumente, Medikamente, Verbandstoff usw.

Die primärste Grundlage eines gedeihlichen Kolonielebens ist die Kost. Bei den knappen Mitteln, die zur Verfügung stehen, ist sie natürlich frugal, spartanisch. Zum Frühstück gibt es Kaffee oder Kakao mit Käse oder Butter und Konfitüre, um halb 11 zum Znüni Tee und Brot, zum Mittagessen Suppe, Gemüse, nicht immer Fleisch; ebenso zum Nachtessen. In Lü leitete Fräulein Susi vom Studentenheim an der E. T. H. die Küche.Vier Studentinnen, Kitchengirls genannt, halfen mit. In Ehren seien genannt: Yvonne und Helvetia, die beiden Töchter eines Schweizerkonsuls in Frankreich, die manche Jahre in die Kolonien kamen, um, wie sie sagten, für ihre Schweizer Studenten zu kochen und Strümpfe zu flicken.

Um 1 Uhr wird die Arbeit abgepfiffen, der Nachmittag ist frei. Die einen legen sich schlafen, andere klopfen einen Jass. Die Umgegend Lüs ermunterte zu mancherlei Ausflügen. Eine Viertelstunde oberhalb des Dörfchens standen die Edelweiss fast so dicht wie bei uns im Tal die Margritli. Der Piz Terza, ein knapper Dreitausender, war zwischen Mittag- und Abendessen gut zu machen. Die einzige Wirtschaft steigerte ihren Umsatz gewaltig.

Die Flaschen des Celerinabieres kamen uns bedenklich klein vor, so stärkten wir uns lieber am Veltliner. Eine Polizeistunde gab es da oben nicht, diese Errungenschaft unserer Afterzivilisation störte unsere Zechgelage nicht.

Unser Lebensstil war entschieden grosszügig. Eiserne Gesetze des gesellschaftlichen Lebens wurden kaltlächelnd gebrochen. Kragen und Krawatte waren so verpönt wie etwa Schillerkragen zum Smoking. Ein Basler Chemiker trug während der ganzen Etappe das gleiche blaue Polohemd, mit der Zeit wurde es allerdings stellenweise gelblichgrün, aber niemand hat sich aufgeregt. Morgens, auf dem Gang zur Arbeit, sind wir mit stoischer Verachtung am Brunnen vorbeigeschritten, haben höchstens die linke Hand ins Wasser getaucht und damit die Augen und die Ohrläppchen angenetzt, um frisch zu werden. Die ersten paar Tage hatte ich noch das Bedürfnis, mich täglich mit Seife zu waschen, aber alte, erfahrene Kolonisten rieten mir ab, und tatsächlich, nach zwei Tagen war es mir ungewaschen so wohl wie früher gewaschen. Ich sagte mir, die Höhlenbewohner auf dem Wildkirchli und im Drachenloch haben auch keine Seife gekannt und sind doch alt geworden. Um das Rasieren möglichst einzuschränken, schrieb der Obmann eine Bartkonkurrenz aus. Eine sympathische Siegestrophäe wartete dem struppigen Sieger: eine Büchse Ananas und, nach gutem französischem Brauch, ein Kuss von der Helvetia.

Eine besondere Note gibt dem studentischen Arbeitslager seine Inter-nationalität. Neben deutschen und welschen Schweizern waren in Lü drei Deutsche, ein Deutschtscheche, ein Leipziger Jude, zwei Amerikaner, ein Ungar, ein Wiener, ein Franzose und ein Spanier. Wie war das doch jeweilen ulkig, wenn der deutsche Doktor der Yvonne oder der Helvetia seinen Göbbels oder Hitler menschlich näher bringen wollte! Die beiden Mädchen waren französisch « orientiert » und hielten sich an Havas und Quai d' Orsay und blieben dabei.

Auf der Baustrecke arbeiteten nicht nur Studenten, sondern auch Fach-arbeiter aus der Umgebung. Sie besorgten die fachmännische Arbeit: Brücken, Trockenmauern, Kanalisationen usw.

Samstag um 11 Uhr wird die Arbeit abgebrochen. Über das Wochenend ist man frei bis Montag morgens 5 Uhr. Auf einer Liste muss jeder angeben, wohin er über den Sonntag gehen will. Ist einer in die Berge gegangen und bis Montag früh nicht zurückgekehrt, so wird eine Rettungskolonne des S.A.C. aufgeboten. Die Küche ist über das Wochenend auch frei, jeder erhält jedoch Proviant, um vom Hungertod bewahrt zu werden.

Während meiner Kolonistenzeit in Lü hatte ich Gelegenheit, ein abgelegenes Tal unserer Heimat kennen zu lernen. Freilich blieben diesem Kennenlernen enge Grenzen gezogen, denn die Sprache des Tales, das Romanische, beherrsche ich nicht.

Unten in Valcava wohnte als Pfarrherr ein gelehrter Kapuzinerpater, der sich in seiner Musse mit der Geschichte und der Kultur des Münstertales beschäftigt. Er erzählte uns Studenten manches aus der Vergangenheit des Tales, erklärte uns romanische Ortsnamen und machte uns auf alte schöne Häuser aufmerksam. Fast in jedem Dorf fand ich massive, reich verzierte Patrizierhäuser mit mächtigen Toren, die Front mit dem Familienwappen geschmückt. Den Inhalt romanischer Inschriften ob den Haustüren konnte ich in der Regel bloss vermuten, soweit ich für ihre Wörter verwandte lateinische oder italienische finden konnte.

Diese stolzen Sitze stammen jedoch aus einer bessern Zeit. Damals blühte noch der Handel mit dem Südtirol und brachte Wohlstand ins Bergtal. Heute hat sich alles verändert. Das angrenzende Tirol ist italienisch, die Grenzen sind abgeriegelt, der Handel unterbunden. Von der übrigen Schweiz ist das Münstertal durch den weiten Ofenpass getrennt, der jeden Handel hemmt. So ist es denn nach dem Kriege immer mehr verarmt. Dazu kommt noch all das Elend, das ohnehin schon das Dasein unseres Bergvolkes bedroht.

Aber in all der Not besitzt das Münstertal doch eine herrliche Gottesgabe: viel Sonne. Man denke: Lü, das während des ganzen Jahres bewohnt ist, liegt 1923 m hoch! Etwas weiter talauswärts liegt auf 1842 m der Weiler Terza, der höchstgelegene Kornacker Europas.

Turistisch ist Lü wundervoll gelegen. Über den Scarlpass erreicht man in drei Stunden Scarl, mitten im Nationalpark, über Santa Maria in vier Stunden das Stilfserjoch und in einer weitern Stunde den Piz Umbrail. War einer zu faul, in die Berge zu steigen, so bummelte er das malerische Münstertal hinunter, am uralten Kloster Münster, das aus der Karolingerzeit stammt, vorbei, über die Grenze nach dem burgbewehrten Tirolerdörfchen Taufers, das die Italiener in Tubre umgetauft haben, weiter an den Calven vorbei ins Vintschgau, hinauf nach Burgeis und St. Valentin am Heidersee oder von Mals aus mit der Vintschgaubahn in zwei Stunden hinunter nach Meran.

Allwöchentlich ein- oder zweimal wurde am freien Nachmittag Holz zusammengetragen zu einem Lagerfeuer. In einer Mulde, wo in alter Zeit ein Kalkofen gestanden hatte, wurde unter Leitung des Obmannes ein gewaltiger Haufen aufgeschichtet. Nach Einbruch der Dunkelheit lodern mächtige Flammen empor, Funken stieben zum Himmel. Im Kreis, rings ums Feuer herum, sitzt die ganze Kolonie beisammen, die Dorfjugend hat sich auch eingefunden, auch unsere Arbeiter und mancher Mann aus dem Dorfe. Wir singen Soldaten- und Studentenlieder, Späck hat seine Laute bei sich, Karpf macht den Conférencier. Da wird geplaudert und gelacht, gesungen auf deutsch, französisch, italienisch und englisch, die Lüer singen uns romanische Lieder vor. Die Yankees geben Songs zum besten, Helvetia stimmt das Lied an von der Gilberte de Courgenay und kommt sich dabei selbst fast wie eine Gilberte de Courgenay vor. Pick intoniert das Kolonistenlied: « Kann's was Schönres geben, als das Kolonistenleben auf der Avenue des soupirs? » ( Avenue des soupirs stand auf einem grossen Schild am Anfang unserer Strasse. ) Gegen Mitternacht, wenn wir die letzten Äste ins Feuer geworfen haben, stehen wir auf, schliessen um die Glut einen Kreis, fassen einander um die Schultern und singen nach altem Koloniebrauch das Beresinalied, über uns ein eiskalter Sternenhimmel, klar, wie er nur in solchen Höhen sein kann.

Etappenschluss. Nach drei Wochen hat man gewöhnlich genug. Man ist gern gekommen und geht auch wieder gern. Wenige fuhren von Lü geradewegs nach Hause. Einige kletterten noch ein paar Tage im Unterengadin herum, andere fuhren nach Venedig hinunter, Karpf, unser Kolonieoriginal, unternahm mit zehn Gleichgesinnten eine Reise nach Rom, irgendwie mit 70% Fahrpreisermässigung, mit Wolldecken auf den Rucksäcken, um im Freien zu schlafen. Wie einst vor hundert Jahren die Prager Studenten in die Ferien zogen, mit dem Bündel auf dem Rücken, so zogen auch diese Vagantes scholastici des zwanzigsten Jahrhunderts hinunter ins ewige Rom. Ich blieb noch einige Tage. Eines Morgens hatte auch ich genug, nahm Abschied und fuhr mit dem Kirchenchor von Cierfs, auf dem gleichen alten Saurer, mit dem ich gekommen war, nach Bozen hinunter. Drunten am Gardasee klangen die herrlichen Tage aus, dort schwemmte ich mir den dreiwöchigen Dreck vom Leibe..Die Kosten der studentischen Kolonien werden gedeckt durch Subventionen des Bundes und der betreffenden Kantone, durch den « Koloniefranken », der in den allgemeinen Gebühren der meisten Hochschulen inbegriffen ist, ferner durch Beiträge von Gönnern. ( Dies meist in Naturalien: Lebensmittel, die unvermeidliche Ovomaltine usw. ) So zahlte der Bund 1934 rund 19,000 Franken, die betreffenden Kantone 7000, der Koloniefranken ergab 12,000 und die Beiträge der Gönner den Wert von 6000 Franken. Der Bund zahlte pro Mann und Arbeitstag Fr. 2.50. Beteiligt waren 1934: 395 Studenten, davon 59 Ausländer. Die Verpflegung und Küchenleitung besorgt immer der Schweizer Verband Volksdienst, der auch das Studentenheim an der E. T. H. leitet. Die Verpflegung erforderte 1934 pro Mann und Verpflegungstag je nach Kolonieort Fr. 1.75—2.. Der Unterschied rührt von den verschiedenen Milch- und Brotpreisen und den Transportspesen her.

Der studentische Arbeitsdienst hat dem freiwilligen Arbeitsdienst für Arbeitslose den Weg gewiesen. Aus dem Amt für Arbeitskolonien des Verbandes Schweizer Studentenschaften ist die Zentralstelle für freiwilligen Arbeitsdienst hervorgegangen. Ein ehemaliger Leiter des studentischen Amtes ist heute ihr Vorsteher.

Neben den eigentlichen Studentenkolonien unterhält das Amt für Arbeitskolonien noch den Heuerdienst. Es schickt Studenten als Hilfsheuer ins Bündnerland und Berner Oberland. Sie erhalten vom Bauer Unterkunft und Verpflegung und vom V. S. S. freie Fahrt. 1934 waren 76 Studenten beteiligt.

Zum Schluss sei noch hierher gesetzt, was Bundesrat Minger im Vorwort zum Jahresbericht 1933 des Amtes für Arbeitskolonien schrieb: « Die innere Befriedigung, zu einem guten Werk Hand geboten zu haben, und die Kräftigung des Körpers durch gesunde Arbeit sind bei weitem nicht der ganze Gewinn, den der Student aus Arbeitskolonie und Heuerdienst mit nach Hause nimmt. Er lernt die innern und äussern Lebensbedingungen unserer Gebirgsbevölkerung kennen, die in innigem Kontakt mit der Natur und in täglichem Ringen mit ihr um das tägliche Brot kämpft. Er lebt sich ein in ihr Tun und Denken und erhält dadurch für sein ganzes Leben unschätzbaren Gewinn, nicht zuletzt im Hinblick auf die führende Rolle, zu der er als Akademiker später berufen ist. Das gegenseitige Verständnis, das unserem Volk in heutiger Zeit besonders nottut, erhält durch das Zusammenspannen von Bergbauer und Akademiker wertvolle Förderung. »

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