Surettahorn

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Samstag vorher in düsterer Nacht nicht erkannt hatten, durch die « Hölle » abwärts fegten.

Erst jetzt konnten wir uns ein rechtes Bild machen von der grossen Gefahr, in der wir am warmen Samstagabend geschwebt hatten. Dutzende von kleinen und grossen bis zu den allergrössten Lawinen waren in jener Nacht vom Zavernaspitz niedergegangen, ihre Spuren redeten eine ernste Sprache. Wilde Trümmermassen zerstörter Bäume ragten überall aus gewaltigen Schneehaufen. Manchmal fanden wir kaum ein Durchkommen und mussten auf die Breit-fieler Bergseite ausweichen, denn die Ausläufer der Lauenen hatten meistens den Talgrund vollständig erreicht und die Schmelzwasser der jungen Ill, die sich aus dem nassen Schnee aufs neue bilden mussten, haushoch überdeckt.

Drunten beim Steinwerk in Partennen schlüpften wir aus den Bindungen und stellten die Latten an die sonnigen Träger des Abnahmegerüstes. Hier, wo vor wenigen Tagen der Schnee noch knie- und hüftetief gelegen hatte, schälte sich jetzt das feuchte und schmutzige Land aus den Fesseln des Winters.

Surettahorn 3031 m.

Eine Skifahrt im Frühling.

Mit 4 Bildern.

Von Georg Calonder.

Suvretta, Silvretta, Suretta — Bücklinge befrackter Kellner? Tiroler-knödel, Kaiserschmarren, überfüllte Hütten? Nichts von alledem. Unser Surettahorn ist mit diesen ihm klanglich ähnlichen Begriffen geographisch nicht in Zusammenhang zu bringen. Es ist ein bescheidener schweizerisch-italienischer Grenzgipfel und erhebt sich wenig östlich des ebenso alten als bekannten Splügenpasses.

29. Mai 1937. Mit der Abendpost verlassen mein Freund und ich Thusis. In Zillis blühen eben die Obstbäume in reinem Weiss, sie halten aber trotzdem keinen Vergleich aus mit dem sanft geneigten weissen Felde des aus dem Hintergrund des Tales leuchtenden Surettagletschers. Nur kurze Zeit können wir etwas von unserem Berg erblicken, aber schon geht es uns fast wie den Kindern im Theater, die neben dem Vorhang durch etwas von der Bühne entdecken und nun nicht mehr ruhig sitzen können, bis die Märchenvorstellung beginnt. Zudem verspricht uns der kühle, klare Abend einen schönen Morgen und mein Freund weiss das Surettahorn von einer letztjährigen Fahrt her begeistert zu preisen.

In Splügen verlassen wir die weichen Polstersitze und durchschreiten den holprigen Dorfplatz. Über die vielbekrittelte Eisenbrücke verfolgen wir die Splügenpasstrasse bis über den Häusernbach, kürzen dann an dessen linkem Ufer durch ein romantisches Tobel dem alten Passweg nach ab, bis dieser wieder in die neue, heute mehr als hundert Jahre alte Strasse einmündet. Bald erweitert sich das Blickfeld, die Passhöhe taucht auf, wir erkennen den für uns wichtigen Westabfall des Surettahorns und der Schwarzhörner. So gibt es bei der Schwarzhütte einen Halt, wir wühlen Karte und Kompass aus dem Innern des Rucksacks heraus und machen uns an die Festlegung des Weges für den nächsten Tag. Bald sind wir einig, und ein kurzer, steiler Stutz bringt uns zum Splügen-Berghaus hinauf. Grad sind wir noch zur rechten Zeit angekommen, denn der Bergwirt und seine Familie wollen eben zu Bette gehen. Nach kurzem Plauderstündchen verschwinden wir im Heustall, stellen den Wecker auf halb 4 Uhr und wickeln uns in die reichlich vorhandenen Decken ein. Der sternklare Himmel lässt keine Wettersorgen aufkommen, bald sinken wir in ruhigen Schlaf.

Pünktlich stellt sich am frühen Morgen das bestellte Geklingel ein. Gähnen, Strecken der Glieder nach allen Richtungen, ein starkes Wort, und schon stehen wir auf den nachtsteifen Beinen. Vor die Heustalltüre tretend, sehen wir, dass es eben tagt. Am Himmel ziehen zwar ein paar Wölkchen von Nordwesten her, aber irgend ein meteorologisches Fingerspitzengefühl sagt uns, dass das für uns ohne grössere Bedeutung ist und wir selbstverständlich losziehen werden. Vorerst bemühen wir uns, ein paar Bissen durch denverstaubten Hals hinunterzuwürgen, dann wird der Heustall verschlossen, Ski, Sack, Stöcke, der ganze Frühlingsbergsteigerplunder auf die Schultern geladen, und bald tasten wir uns durch die dunkle Galerie der Passhöhe zu. Dort schläft noch alles, und auch ein übermütiger Jauchzer vermag die Guardi nicht auf die Beine zu bringen.

Inzwischen haben wir bereits hart nördlich der Grenze zu Fuss einen steilen Grat erstiegen und queren nun nordöstlich zu einem kleinen überfrorenen Seelein hinüber. Von diesem ziehen wir zwischen dem mittlern und innern Schwarzhorn gegen den Sattel zwischen Surettahorn und Punkt 2927 hinauf. Schnee hat es nunmehr zur Genüge, aber trotz bescheidener Neigung stehen unsere Felle der glasigharten Schicht machtlos gegenüber, so dass wir die Bretter tragen müssen. Auch in den Skischuhen streckt noch oft genug einmal der eine oder andere plötzlich ein Bein linkisch rückwärts, als wie vom bösen Krampf befallen. Erleichtert aufatmend betreten wir nach diesem unangenehmen Tälchen den sonnigen Sattel. Zwar ist es erst 7 Uhr und bis zum Gipfel sind noch wenig mehr als hundert Höhenmeter zu überwinden, aber wir halten nur kurze Rast. Wir ersteigen einen nach Süden hinanstrebenden Schneegrat. Auf der Ostseite ist dieser von der schon kräftigen Sonne stark aufgeweicht, auf der steil abfallenden Westseite aber steinhart. Wie soll man hier besser anpacken? Mein Gefährte sucht sein Heil auf der sonnigen Ostseite, ich kratze in der Westseite aufwärts. Schwitzend und pustend treffen wir uns auf dem Westgipfel. Dies wäre der eigentlich höchste Punkt und auch der Hauptgipfel. Da wir aber von hier aus nur eine sehr ruppige, wenn überhaupt freiwillige Abfahrt hätten, so ist unser Ziel der etwas niedrigere Ostgipfel. Im Sommer ist der Übergang ein bergsteigerisches Kinderspiel, heute bei den weitausladenden Wächten, mit den hinderlichen Brettern auf den Schultern und in den glatten Skischuhen mehr ein Seil-tänzerstück und heikles Unterfangen. Doch ist der Grat schon ordentlich verfirnt, und mit dem Pickel lassen sich solide Stufen kerben, wo es notwendig ist. Und so sitzen wir schon nach kurzer Zeit auf der östlichen Warte in herrlicher Maiensonne auf unseren Säcken und bewundern die prachtvolle Aussicht. Weit über das Gipfelmeer unserer Bündnerheimat hinaus erkennen wir immer noch Berge und Berge. Das Schönste ist aber der nördlich abfallende spaltenlose Surettagletscher mit seinen sanften Linien, über den das Auge geniesserisch hinunterstreift bis in den dunklen Arvenwald.

Um 9 Uhr schlüpfen wir in die Bindungen. Noch fliegt ein Jauchzer ils Gruss den auf der Gratschneide aus Val Emet auftauchenden Freunden zu, und dann kommt die Abfahrt. Zuerst verfolgen wir in engen Kehren den Gratrücken, bald können wir nach links abschwenken, und nun hinein in den herrlichen Sulzhang. Links, rechts in rauschenden weiten Bogen dem fast ebenen Gletscherkessel Richtung Piz Por zu. Ganz unerwartet fahren wir plötzlich erschreckt auf einer holperigen, von Rillen durchzogenen Hartschneeschicht auf, aber nur für kurze Zeit, und schon pflügen wir wieder vorzüglichen Sulzschnee. Wie in einem Traum winden wir uns ins Tal hinab und erwachen erst, als wir im ebenen Surettatal stillestehen. Suchend gleitet der Blick wieder das Tal hinauf und findet Gerade und Bogen, die herrlichen Hänge, die jetzt in der Vormittagssonne gleissen, hoch oben, 1100 m über uns die verschneiten Gipfelfelsen und darüber einen tiefblauen Himmel: ein Bild, zu dessen Darstellung nicht Pinsel, nicht Film, nicht Feder ausreichen werden. Und kommt zu der Pracht der Farben und Formen noch erhabene Bergruhe, dann verfällt der Bergsteiger in seliges Schauen und Sinnen.

Noch das schöne Bild vor Augen, wandern wir dem rauschenden Bach entlang das Tal hinaus. Bald haben wir ein Weglein erwischt, das in schalkhafter Anlage um haushohe Granitblöcke, an standhaften Arven vorbei, über Buckel und durch Mulden hinauszieht zu den Hütten der Alp Suretta. Zwischen Alpenrosenbüschen setzen wir uns in warmem Sonnenschein zu langer Rast hin. Wir haben ja Zeit, ist es doch erst 10 Uhr und noch sieben Stunden bis zur Abfahrt des Postautos in Rofflaschlucht. Es beginnt ein sorgloses Zigeunerleben: skiwaschen, schnabulieren, faultun, schlafen.

Dann ist es aber schon Nachmittag und für uns Zeit zum Aufbruch. Auf dem steinigen Alpweg schreiten wir rüstig bergab, bis uns ein ganz märchenhaftes Schauspiel nochmals anhalten lässt: der tosende Surettabach stürzt sich hier in polterndem Fall über einen hohen Granitsatz. Im hochaufspritzenden Gischt wölbt sich ein Regenbogen, der mit dem Grün der erwachenden Natur, dem blauen Himmel und dem grobgezimmerten, schmalen Brücklein ein herzerfreuendes Bild ergibt, voll Farben und Ursprünglichkeit. Durch schattigen Tannenwald erreichen wir die Landstrasse und Rofflaschlucht, von wo uns die Post wieder nach Thusis bringt. Waren wir heute morgen noch im Winter, im Rheinwald und im Schams ist Frühling, und ausserhalb der Viamala wiegt sich bereits das reife Gras im kühlen Nordwind, der Sommer ist ins Land gezogen.

Herrliche Eindrücke haben wir auf der ganzen Fahrt, besonders aber im stillen Surettatal aufgenommen. Und kommt einmal der Tag, wo es heisst: Nach Suvretta, Silvretta oder Suretta? wir wissen wohin.

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