Tour Noir-Grande Casse-Monte Viso

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Mit 1 Bild.Von Ernst Bader f

( Sissach ).

Mehr als zwei Jahrzehnte liegen zwischen jener sorglos schönen Zeit, da Freund Hans Graf, Bern, und ich Sommer und Winter zu vielen Erfolgen und köstlichen Stunden ins Gebirge zogen. Das Leben führte uns auseinander, aber die Erinnerung an das gemeinsam Verlebte in unsern Bergen hielt uns zusammen und liess den Wunsch, unsere gemeinsamen Fahrten wieder aufzunehmen, nicht erkalten. Über die in gereiftem Alter durchgeführte gemeinsame Fahrt, in Begleitung von Frau Graf, möge im Nachfolgenden berichtet sein.

Das erste Ziel, das wir uns steckten, war Le Tom Noir. Im Rahmen des Ganzen war ein Anstieg von der Schweizerseite nicht möglich. Wir fuhren daher nach Argentière. Ohne Erbarmen brannte die Sonne auf uns hernieder, während wir auf den nicht enden wollenden Kehren zum Pavillon de Lognan aufstiegen, um nach kleiner Zwischenverpflegung den Weg zum Refuge d' Argentière ( 2822 ) fortzusetzen. Der freundlichen Begrüssung daselbst durch die Wirtin entsprach auch die gute und, wie wir beim Abschied feststellen konnten, preiswerte Verpflegung und Unterkunft.

Es war noch finstere Nacht, als wir am andern Morgen dem Glacier du Tour zustrebten. An der gegenüberliegenden Wand blitzten dann und wann die Lichter einer Partie auf, die sich zum Col de l' Aiguille Verte hinaufarbeitete. Die gute Beschaffenheit des Gletschers erlaubte uns, an den jenseitigen, ungeheuren Steilabstürzen das Werden des kommenden Tages Schritt für Schritt zu verfolgen. Vorübergehend beanspruchte eine nur noch schlecht überbrückte Spalte unsere Aufmerksamkeit. Dann ging es wieder weiter durch den immer tiefer werdenden Neuschnee in den Col d' Argentière ( 3547 m ) hinauf. Nach wohlverdienter Rast und Zwischenverpflegung setzten wir die Besteigung über den Südgrat fort. Der viele Schnee liess uns von der Begehung der « Vire Javelle » Umgang nehmen. Wir suchten uns einen Weg über Platten und Gesimse durch die Wand, der uns wenige Meter unter die Scharte brachte. Diese selbst erreichten wir über eine verschneite Rippe.Von hier bis zum Gipfel ( 3844 m ) folgten wir der gewöhnlichen Route. Unsere Mühen wurden durch eine nach allen Seiten glänzende Aussicht belohnt. Am meisten fesselten unsere Blicke die kühnen Türme und Gipfel des Mont Balnc, ganz besonders aber die in jeder Beziehung imponierende Gestalt des Mont Dolent.

Verdächtige Wolken liessen uns unsere Gipfelrast vorzeitig abbrechen. Das Wetter wurde zusehends schlechter, und noch bevor wir unter Dach waren, prasselte ein ausgiebiger Regen auf uns hernieder. Zum Glück verzögerte er unsere Talfahrt nicht zu sehr. In langen aber interessanten Bahn- und Auto-carsfahrten gelangten wir am Abend des folgenden Tages nach Pralognan ( 1400 m ), dem touristischen Zentrum der Vanoise.Von hier führt ein guter Saumweg auf den Col de la Vanoise ( 2515 m ), auf dem das Refuge Felix Farne steht. Der einstöckige Steinbau enthält private Küche, Gaststube und Räume mit Betten und Massenlagern. Bei unserer Ankunft waren schon alle Schlafstätten vergeben, und wir mussten uns mit einem äusserst primitiven Lager in einem Anbau, der halb Waschküche, halb Keller zu sein scheint, begnügen. Obschon sich der Wirt redlich Mühe gab, uns vor Kälte und anderem Un-angenehmen zu schützen, harrten wir sehnsüchtig der Tagwache entgegen.

Als wir zum Lac long abstiegen, wölbte sich ein wolkenloser Sternenhimmel über uns. Trotzdem gefiel uns das Wetter nicht. Wir waren uns klar, dass Eile nottat. Unser Ziel war die Grande Casse ( 3852 m ). Der Glacier des grands Couloirs kam als Aufstiegsroute nicht in Frage. Wir entschlossen uns daher, durch die Wand zu Punkt 3677 aufzusteigen und von dort dem Westgrat zu folgen. Auf dem Frühstücksplatz wurden wir von andern Partien eingeholt.

Die untern, abwärts gestuften Felsen sind schlecht, aber nur massig steil. Wir folgten den sie durchziehenden Rissen von einem zum andern übersteigend rechts aufwärts bis zu einer Schneekehle, die die Wand in zwei ungleiche Teile trennt. Jenseits der Rinne werden die Felsen steiler und wir steigen über Platten und Stufen direkt gegen P. 3677 an. Während des Aufstieges hatte sich der Himmel mehr und mehr überzogen. Es fing an zu schneien. Der Westgrat war erreicht, und die heikelste Stelle in demselben lag hinter uns. Über den Grat fegte ein heftiger Sturm, der uns Eisnadeln in Gesicht und Augen jagte und so jedes Sehen verunmöglichte. Die vor uns gehenden Partien kehrten um. So nahe am Ziel fiel es uns schwer, uns ebenfalls dazu zu entschliessen. Doch was blieb uns anderes übrig? Warten? Auf was? Und wenn wir uns auch hätten dazu entschliessen wollen, so hätten wir auf dem Grat ausharren müssen, bis die andern Partien die Wand verlassen haben und ausser Steinschlaggefahr sein würden. Bei der herrschenden Kälte kam das nicht in Betracht, und wir schlössen uns den andern an. Auf den Felsen lag schon reichlich Schnee, und der Abstieg erforderte die Aufmerksamkeit aller. In den tiefern Regionen wurde aus dem Schnee Regen, der jedermann, der sich in der Gegend befand, in die Hütte trieb. So fanden wir diese bei unserer Rückkehr über und überfüllt, und wir mussten froh sein, uns in den gestrigen Schlafraum hineinzwängen zu können, um nicht ganz der Witterung ausgeliefert zu sein. Endlich wagten sich die zuvorderst Stehenden hinaus ins Freie und brachten die frohe Botschaft vom allmählichen Aufhören des Regens. Obschon es immer noch nässte, schickten sich die meisten Touristen an, ihre unterbrochene Reise fortzusetzen oder den Rückweg anzutreten. So waren wir bald allein in dem geräumigen Haus. Zuerst sicherten wir uns ein Zimmer mit Betten. Das erwies sich als vorsichtig, denn bis zum Abend war das Refuge trotz des schlechten Wetters neuerdings bis unter das Dach besetzt.

Bei Anbruch des nun folgenden Sonntags liess sich zwar eine Aufhellung voraussehen. Gut war das Wetter aber noch lange nicht. Was tun? Die Grande Casse und ihre Trabanten hatten sich während des ganzen gestrigen Tages nicht mehr gezeigt. Auch heute hielten sie ihre Häupter noch verhüllt. Oben war viel Neuschnee gefallen. So bald war also nichts zu machen, und zur Belagerung des Berges fehlte uns die Zeit. Wir entschlossen uns, das Glück anderswo zu suchen. Nur ungern verabschiedeten wir uns von dem liebenswürdigen Hüttenwart, der sich als Meister in seinem Fach ausgewiesen hatte und bei dem wir aufs beste aufgehoben waren.

Vor der Hütte hatte sich eine Pfadfindergruppe aus Marseille, die ein Priester begleitete, zur Messe versammelt. Es war eine Freude zu sehen, mit welchem Ernst die prächtigen, jungen Leute, zu denen sich mit der Zeit fast alle Hütteninsassen gesellt hatten, die Zeremonie mitmachten und sich unentwegt zu ihrem himmlischen Vater bekannten. Obschon ich als Protestant dem Gottesdienst nicht in allen Teilen zu folgen vermochte, war er mir eine Erbauung, und die Einsicht dieser Jugend, dass idealer Bergsteigersinn, Unternehmungslust und Gottesfurcht zusammen gehören, freute mich im Innersten.

Vom Col de la Vanoise stiegen wir nach Entre-deux-Eaux ( 2100 m ) ab, einer Alp mit primitivem Wirtshaus, querten das Tälchen des Doron, folgten diesem auf dem jenseitigen Höhenzuge und gelangten um die Mittagszeit nach Termignon im Val de l' Arc. Auf dieser so recht sonntäglichen Wanderung, bei Regen und Sonnenschein, konnten wir uns überzeugen, dass sich die Vanoise vorzüglich zu Frühlingsskifahrten eignet.

Sechs Kilometer taleinwärts liegt Lanslebourg. Dort trennen sich die Strassen nach dem Col d' Iseran und dem Mont Cenis. Im sorgfältig geführten Hotel « Valvoir » fanden wir freundliche und gute Aufnahme. In das Brausen der Arc mischte sich das Lispeln der Blätter eines Kirschbaumes, der vor dem Fenster des Speisesaales stand. Er war voll der herrlichsten Früchte. Ein Gefühl heimatlichen Geborgenseins kam in uns auf.

Unsere Körper warfen noch lange Schatten, als wir andern Tags auf der breiten und harten Strasse dem Mont Cenis zupilgerten. Aus photographischen Gründen folgte ich gewissenhaft allen Kehren der Paßstrasse. Ich tat es meistens in Begleitung eines Unteroffiziers, der mit drei Tunesiern und einem Maultierfuhrwerk von einer Besorgung im Tal zurückkehrte. Aus dem Gespräch ging hervor, dass er in Paris studiert. Sein Vater kommt schon seit 40 Jahren als Tourist in die Schweiz, und er selbst hatte in Zermatt schon Touren ausgeführt. Was ist aus dem prächtigen Menschen wohl geworden im Krieg? Die Tunesier sprachen geläufig französisch und gaben auf alle Fragen, wenn auch etwas scheu, Antwort.

Nicht ohne gewisses Unbehagen überschritten wir die Grenze nach Italien. Doch der Empfang war ein freundlicher, und die Grenzmannschaft begnügte sich mit dem Plombieren meines Stereos. Mit einem « Buon viaggio » gaben sie uns den Weg frei. Beim nahen Hospiz hofften wir Automobil-anschluss zu finden. Doch welche Enttäuschung. Der gespannten, politischen Lage wegen hatte der Verkehr fast vollständig aufgehört, weshalb auch die Wagen nicht mehr kursierten. Wir standen also vor der höchst unangenehmen Notwendigkeit, die fast 30 km lange Strecke nach Susa unter den sengenden Strahlen einer Julisonne auf der harten Strasse, auf deren losem Schotter man fast wie auf Rollschuhen hin- und herrutschte, zu Fuss zurücklegen zu müssen. Wohl oder übel mussten wir in den sauern Apfel beissen. Es schien hier schon Krieg zu sein. Überall Kanonendonner, zu dem das Geknatter der Maschinengewehre die Begleitmusik machte. Zerlumpte Gesellen besserten die Strasse aus. Etwas weiter unten wurden wir einer Kaserne ansichtig, die mit den zugehörigen Häusern und Schuppen ein ganzes Dorf ausmachte. Das Ganze war von einer hohen Mauer mit dekorativen Zinnen umgeben, was der Siedlung einen mittelalterlichen Anstrich gab. Dieser Eindruck wurde noch verstärkt durch ein kastellähnliches, altersgraues Mauerwerk, das sich unweit davon befand. In der Garnison herrschte ein Leben wie in einem aufgestörten Ameisenhaufen, das zu dem in friedlicher Ruhe daliegenden, schönen Mon-cenisiosee in argem Widerspruch stand. Um die Mittagszeit erreichten wir ein einfaches Wirtshaus. Nach einer kräftigen Minestra wurde uns ein nicht definierbares Gemisch von Fleisch und Gemüse aufgestellt, das aber ganz gut mundete. Die alte Wirtin schien uns schon mit einem gewissen Widerwillen zu bedienen. Als wir aber gar noch nach Kaffee begehrten, konnte sie sich nicht mehr beherrschen und liess ein Geschimpfe los über dieses « Getränk des Teufels ». Nicht einmal heisses Wasser gab sie uns zur Bereitung desselben.

Belustigt über den Vorfall traten wir noch rechtzeitig auf die Strasse, um einen fast leer zu Tal fahrenden Lastwagen anzuhalten. Nur sehr ungern entschloss sich der Führer, uns mitzunehmen, weil die Polizeivorschriften ihm die Beförderung von Personen verboten. Bei der Devisenkontrolle in Molaretto wurden unsere Angaben keiner Prüfung unterzogen. Weniger als diese entgegenkommende Behandlung freute uns die Weigerung unseres Chauffeurs, uns weiter mitfahren zu lassen. In der etwas dichter bevölkerten Gegend schien ihm das zu gefährlich. Nach einer langen geraden Strecke senkte sich die Strasse in vielen Kurven, die wir auf Abkürzungen abschneiden konnten. In Susa hatten wir bis zum Abgang des Zuges nach Bussolena-Torino eine Stunde Zeit, die uns willkommene Gelegenheit bot, uns zu restaurieren.

Turin verliessen wir mit dem ersten Morgenzug. Nach kurzer Fahrt durch das flache Land begannen am Horizont Berge aufzutauchen, die von einer ebenso schönen wie kühnen Pyramide weit überragt wurden. Es war das Ziel des dritten Teiles unserer Reise, der Monte Viso. Der Anblick des in der Morgensonne erstrahlenden Berges muss einer der bezauberndsten in der Alpenwelt sein, und es ist mir ein Rätsel, warum dieser Gipfel so wenig Besuch erhält, trotzdem Zugang und Unterkunft die denkbar günstigsten sind. In Bricherasio wechselten wir in die Nebenbahn nach Barge, wo uns ein Kursauto durch schöne Gegenden und romantische, enge Täler nach Crissolo ( 1300 m ) brachte. Da wir nicht wussten, was unser in dem Grenzgebiet warten könnte, meldeten wir uns bei den militärischen Instanzen, die uns die Ausführung unseres Vorhabens gegen Hinterlage der Pässe gestatteten. Nach dem Mittagessen stiegen wir auf gutem Saumpfad zum Rifugio Quintino Sella ( 2640 m ) auf. Wir waren die einzigen Gäste in dem zweistöckigen, gut eingerichteten und geführten Gasthaus.

Vom Rifugio führt ein bequem angelegter Weg zuerst hinunter zu zwei Seelein und dann hinauf bis zur Runse, durch die man über Geröll, Eis und Schnee und schliesslich auf gutem Pfad rechtsansteigend den Colle delle Sagnette ( 2991 m ) erreicht. Von hier aus kann man sich gut über den Aufstieg durch die Südwand orientieren. Um an den Fuss derselben zu gelangen, steigt man etwa 100 Meter ab. Dort angelangt, benützten wir den sich gegen den Sattel zwischen Monte Viso und Valanta hinaufziehenden Firn. Ungefähr in halber Höhe zweigt ein Arm desselben Richtung Punta Sella ab. Diesem folgten wir bis zu einer Rinne, durch die wir die erste Felsstufe überwanden. Im Abstieg war diese Passage durch Einsturz sehr gefährdet, und wir stiegen über die Felsen selbst ab. Der Weiterweg ging nun über leichte Felspartien und Schneeflecken in der Mitte der Wand empor, bis wir auf einem Band den Ostgrat erreichen konnten. Das brüchige Gestein desselben erforderte grosse Vorsicht, bot aber keine besondern Schwierigkeiten.

Der erste Eindruck auf dem Gipfel ( 3841 m ) war Enttäuschung. Das war nicht das Bild, das ich erwartet hatte. Es fehlte eine nähere Umgebung, die entzückenden oder abweisenden Gebilde aus Fels, Eis und Schnee, die grünen Weiden, die silbern dahinfliessenden Wasser und die verträumten Seen. Das alles gibt es beim Monte Viso nicht. Rücksichtslos hat er alle Brücken mit der Umwelt abgebrochen und herrscht erhaben und allein mit seiner Gefährtin, der Valanta, über sein unermessliches Reich. Nur ganz, ganz fern lässt er den Besucher seine ungefährlichen Rivalen, die Alpen vom Monte Rosa bis zum Mont Blanc schauen, die über dem Rand der undurchsichtigen Dunstschicht über der Po-Ebene wie Wolken zu schweben scheinen. Deutlich erkennbar grüssten die kühnen und imposanten Formen der Vanoise und der herrlichen Dauphinéberge zu uns herüber. Den Kreis schliessen die Seealpen, deren monotones Grau nur da und dort durch das Weiss eines Schneefleckens unterbrochen wird.

War es wirklich Enttäuschung, was ich am Anfang da oben empfunden hatte? Während des längern Aufenthaltes auf dem Gipfel wurde mir klar, dass es nur das Unvermögen war, die gewaltigen und neuartigen Eindrücke in mir zu verarbeiten, die das Bild auf mich machte, in das ich so plötzlich und unvermittelt hineingesetzt wurde und wie es uns wohl kein zweiter Berg der Alpen zu vermitteln vermag.

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