Tropeninsel La Réunion

Daniel Anker, Bern

Wandern im Regenwald und auf Vulkangestein Die Nähe und die Ferne Noch gibt es ein Ziel, einen Ort, wo gut zu wandern ist: Wo markierte Wanderwege vorhanden sind, ohne dass man gleich vor lauter Pfaden den richtigen Weg nicht mehr findet. Wo die Natur so ungewohnt, so exotisch, so kontrastreich ist, dass es immer wieder etwas zu staunen gibt, und dennoch die rot-weissen Farbmarkierungen am Wegrand Vertrauen schenken und spärliches Kuhglockengebimmel allfälliges Heimweh besänftigt. Wo aus einer Verwandten der Balkongeranie eine betörend riechende Par-fumessenz gewonnen wird. Wo Früchte, die wie Erdbeeren aussehen und an einem Busch wachsen, der demjenigen der Him- Blick von der Nordküste über Zuckerrohrfelder zum Massiv des Piton des Neiges ( 3069 m ), dem höchsten Gipfel der Insel Wer die

beeren ähnelt, einen ganz unbekannten Geschmack haben. Wo sich die Gipfel - und was für welche - bis 3000 Meter hoch erheben und der Indische Ozean trotzdem immer ganz nah scheint.

Tropisches Frankreich Das Wanderparadies liegt vor Afrika, 10000 Kilometer von den Alpen entfernt und 800 Kilometer östlich von Madagaskar. Es bildet zusammen mit den Nachbarinseln Mauritius und Rodriguez den Archipel der Maskarenen ( Mascareignes ) und heisst Réunion ( oder La Réunion ). Entdeckt wurde die 70 Kilometer lange und 50 Kilometer breite Vulkaninsel auf dem 21. südlichen Breitengrad zufällig im Jahre 1507, und so wechselvoll, wie die Geschichte ihrer Besiedlung und der Besitzansprüche auf ihr ist, sind auch ihre Namen: Santa Apolonia, Islas Mascarenhas, England Forest, Ile Bourbon, Ile de la Réunion, Ile Bonaparte und, seit 1848 endgültig, La Réunion.

Wichtiger als solche Namenswechsel ist freilich die Tatsache, dass die Tropeninsel im Indischen Ozean zur EU gehört ( zollrechtlich jedoch nicht !). Denn 1946 wurde Réunion zusammen mit den andern alten Kolonien Guadeloupe, Französisch Guayana und Martinique als Département Outre-Mer in die französische Republik eingegliedert. Wenn der in Paris gestartete Jumbo der Air France nach 13stündigem Flug in der Hauptstadt St-Denis landet, hat man die Hemisphäre gewechselt und bezahlt das Bier oder das Croissant trotzdem noch mit Francs français.

Kreolischer Schmelztiegel Das ist übrigens ein Grund, warum man fast unbesorgt nach Réunion fliegen kann. Die Insel ist keine Kolonie und kein Drittwelt-land, sondern Frankreich, wenn auch fernab von Europa. Trotz der abseitigen Lage ist Réunion ganz am Mutterland orientiert, Paris gibt Brot ( Wirtschaftsförderung, Arbeitslosenunterstützung ) und Spiele ( das Fernsehprogramm wird auf Kassetten eingeflogen ). Doch was es auf dem Eiland im Gegensatz zu Frankreich nicht gibt, ist Rassismus. Auf Réunion leben knapp 600000 Weisse, Schwarzafrikaner, Madegassen, Inder und Chinesen nicht nur miteinander, sondern auch durcheinander. Manchmal kann man die Abstammung erraten, oft auch nicht, aber immer wird man auf die entsprechende Frage die Antwort finden, dass das bunte Rassengemisch keine Probleme aufgibt.

Französisch ist offizielle Landes-, Amts-und Unterrichtssprache, doch gesprochen wird hauptsächlich kreolisch. In dieser Sprache heissen die französischen Beamten und die Touristen

Morne de la Fourche zwischen den Cirques de Mafate und de Salazie Aussicht vom Col des Bœufs in den Cirque de Mafate mit dem wolken-umhüllten Le Grand Bénard ( 2896 m ) Land der Gegensätze Steile Berge, aktive Vulkane, tropische Wälder, starke Brandung: Auf einer Fläche ungefähr von der Grösse Luxemburgs entfaltet sich hier, östlich von Afrika, eine bizarre Landschaft. Vor drei Millionen Jahren tauchte ein Vulkan aus den Ozeanfluten auf und wuchs so hoch hinauf, dass er den Namen Piton des Neiges erhielt. Aber Schnee fällt auf dem seit 20000 Jahren erloschenen Vulkan nicht, nur manchmal, nach bitterkalten Tropennächten, überzieht sich der höchste Gipfel ( 3069 m ) von Réunion mit Reif, der in der Morgensonne glänzt. Was aber fällt auf Réunion, das ist Regen, vor allem zur Sommerszeit, also von Dezember bis März. Im Lauf der Jahrtausende haben sintflutartige Regen 750 Gräben und Schluchten, sogenannte Ravins, in die Berghänge gerissen. Vielleicht hat das Wasser sogar die drei 10 Kilometer breiten Talkessel rund um den Piton des Neiges gegraben, vielleicht handelt es sich bei ihnen aber auch um abgesackte ehemalige Vulkanschlote: Eindrücklich sind die Cirques allemal, mit ihren unzugänglichen, meist grün überwucherten bis zu 1000 Meter hohen Wänden, über die zur Regenzeit unzählige Wasserfälle herabstürzen.

Regen fällt auf Réunion allerdings während des ganzen Jahres, dafür sorgen die stetigen Passatwinde.Vor allem die Ostküste ist mit 8000 mm Niederschlag pro Jahr immer nass, im Gegensatz zur Westküste mit weniger als 750 mm. Im Gebirge muss man auch zur Trockenzeit mit Regen rechnen. Doch schlimm ist das nicht: Die Nässe verleiht der Vegetation noch einen zusätzlichen Reiz, weil dann die Bartflechten und Orchideen des tropischen Regenwalds im plötzlich einfallenden Sonnenlicht glitzern. Eine üppige Vegetation mit spitzblättrigen Agaven, lieblichen Tamarinden, bedrohlich wirkenden Riesenfarnen. In der Höhe aber, am Piton des Neiges, spriessen nur noch stachlige, weiss-gelbe Gebüsche aus dem schwärzlich-rötlichen Vulkanuntergrund.

Im Cirque de M afate; auf La Réunion sind alle Weltreligionen vertreten.

Fast gar nichts mehr wiederum wächst am Piton de la Fournaise, dem andern Vulkan auf Réunion. Er entstand vor 500000 Jahren und bricht immer wieder aus, da er über einem

Grosse Wanderrouten 600 Kilometer markierte Wanderwege stehen auf Réunion zur Verfügung, mit zwei speziellen mehrtägigen Wanderstrecken, so- 1 Vgl. QH 1/92, S.2ff.: Hawaii-wo Feuer und Wasser sich vereinen; Kap.: Hawaii - ein

Welcher der drei Cirques, die den höchsten Gipfel der Insel kleeblattförmig umgeben, am schönsten ist, bleibt ungewiss; als abgelegenster, weil bis heute nur zu Fuss oder aus der Luft erreichbar, erweist sich der Cirque de Mafate. Allerdings hat eine Forststrasse schon den Rand des Talkessels erreicht; bis sie zur Siedlung La Nouvelle vorgedrungen ist, wird es nicht mehr lange dauern. Die französische Regierung unterstützt die Menschen, die im Cirque de Mafate wohnen. Sie betreiben etwas Ackerbau, beherbergen die Wandererer und lassen die touristischen Helikopterflüge über sich ergehen. Der Cirque de Mafate kommt einem fast wie ein gewaltiges bewohntes Freilichtmuseum vor, eingebettet in eine beinahe beängstigend wilde Szenerie, die im Gros Morne ( oder Grand Morne ), dem zweithöchsten Berg der Insel gipfelt. Er ist Wanderern unzugänglich, im Gegensatz zum Piton des Neiges, der von drei Seiten angegangen werden kann.

Der kürzeste Weg auf den Schneevulkan-kegel, so die wörtliche Übersetzung, geht von Cilaos, dem Chamonix von Réunion, aus: Knapp 1900 Höhenmeter und einige Kilometer sind es vom Dorf auf den Dreitausender, der Rekord beim alljährlich stattfindenden Bergrennen steht auf 84 Minuten. Wanderer werden ein paar Stunden länger brauchen.

Die Seidenspinne IMe-phila Inaurata hat ihr Netz in eine Agave gespannt. Sie ist ein paar Zentimeter gross, aber harmlos.

können sogar im Gîte de Cavarne Dufour auf 2478 m übernachten, was allerdings nicht nötig ist. Wichtig ist bloss, dass man kurz nach Sonnenaufgang oben ist, wie man auf Réunion überhaupt früh aufstehen muss, weil im Verlauf des Tages Wolken aufziehen. Und es wäre schade, wenn man vom Piton des Neiges nur diese sähe. Wir starteten um 3 Uhr 40 bei Le Bloc, wohin uns ein Taxi von Cilaos gebracht hat. Im Zickzack ging 's anschliessend 1000 Meter fast gerade hinauf, durch einen undurchdringlichen Dschungel, in dem sich ohne Pfad nur die madegassi-schen Igel zurechtfinden. Nach gut zwei Stunden lag der Regenwald unter uns, die Nacht auch. Wir standen vor einer gestrüpp-bedeckten Hochfläche, in der die Dufour-Hütte liegt, und tief in der Ferne glänzte sanft der Indische Ozean. Den weissen Markierungen folgend erreichten wir den 3069 m hohen Gipfel mit der verlassenen Wetterstation. Nebelschwaden verhinderten die Weitsicht, ein kühler Wind blies: sehr alpine Witterungsbedingungen auf dem tropischen Piton des Neiges.

Heiss war 's dafür am nächsten Tag auf dem Piton de la Fournaise, insbesondere und in jeder Hinsicht im Cratère Brûlant, wo man wie auf Eierschalen über das junge, noch warme Gestein geht, wo ausgespuckte Lavabrocken ein gläsern-kieselieges Geräusch erzeugen, das durch Mark und Bein geht, wo Schwefeldämpfe in die Nase steigen. In diesen Krater darf man nur mit einem Führer absteigen. Aber auch ohne die ungewohnte Geherfahrung im rauchenden Krater ist der Piton de la Fournaise eine Wanderung wert.

Ungewohntes Hüttenleben Damit Wanderferien auf Réunion erfolgreich verlaufen, muss einiges beachtet werden, vor allem jedoch das besondere System der Hütten, der gîtes de montagne. Sie müssen im voraus beim Maison de la Montagne de la Réunion in St-Denis ( Tel. 00262/21 7584 ) gebucht werden; in der Hauptreisezeit, also im Juli und insbesondere im August, mehr als zwei Monate zuvor. Auf der Insel müssen dann bei dieser Stelle die Hüttenübernachtungen bezahlt und dort auch die Nachtessen reserviert werden. Das tönt etwas kompliziert, hat aber den Vorteil, dass die Hütten nicht überbelegt werden. Daneben gibt es noch Biwaks und Nothüt-ten, für die allerdings mehr Ausrüstung er- Tropischer Regenwald beim Abstieg vom Col du Taïbit ( 2083 m ) in den Cirque de Cilaos. Blick auf Les Trois Saluzes und den umnebelten Gros Morne forderlich ist. Auch für die gîtes de montagne empfiehlt sich die Mitnahme eines Schlafsacks. Gekocht wird in der Hütte, wobei das Geschirr beim Hüttenwirt bezogen werden kann; empfehlenswerter ist jedoch, in seinem Restaurant zu essen. Ein carri, das kreolische Nationalgericht von Réunion mit Reis und verschiedenen Fleisch- und Gemü-sesaucen, schmeckt hervorragend und gibt die nötigen Kalorien für die steinigen, steilen Pfade. Zum carri ( worin nicht immer Curry zu finden ist ) gibt 's Wasser, es sei denn, man habe sich in den Läden, den sogenannten épiceries, mit einer Flasche

Beim Aufstieg zum Piton des Neiges: Die Gîte de la Caverne Dufour und die Plaine des Cafres. Am Horizont der flache Kegel des Piton de la Fournaise Mehr als nur wandern Die Franzosen haben ihre Tropeninsel als Tourismusziel natürlich schon längst entdeckt. Die Compagnie des Guides de la Réunion bietet Trekkings und Wanderbegleiter an. Auch deutsche Reiseorganisationen wie die Hauser-Exkursionen aus München nahmen das Eiland in ihr Programm auf; nur die Badeveranstalter nicht, da die Küste mit ihren Korallenriffs dafür nur schlecht geeignet ist. Sind die Tour zum Piton des Neiges und die Grande Traversée de l' île bald so überlaufen wie die Montblanc-Runde? Wohl kaum, dafür liegt Réunion zu weit weg. Und wenn auch immer mehr Wanderer die Cirques und die Krater erkunden, so kann man die gebirgige Insel noch anders erleben: beim Sportklettern über dem Indischen Ozean, beim Gleitschirmfliegen über Zuckerrohrfelder und Regenwald oder bei einer der jüngsten Bergsportarten, dem Canyoning, dem Waten-Klettern-Abseilen-Schwimmen durch unzugänglich scheinende Ravins. Dafür ist Réunion ebenfalls ein ( hot spot ).

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Remember these moments Inhalt 62 Ueli Mosimann, Utzigen ( be ) Abseilen, kein Problem?

75 Dominique Roulin, Croix-de-Rozon ( ge ) Mont Dolent: der vergessene Grat 82 Emil Zopfi, Obstalden ( gl ) Ikarus, der Alte 88 Emil Zopfi, Obstalden ( gl ) Zeit der Sanduhren Herausgeber Redaktion Schweizer Alpen-Club, Zentralkomitee, Helvetiaplatz4, Postfach, 3000 Bern 6, Telefon 031/351 3611, Telefax 031/3526063 Etienne Gross, Thorackerstr. 3, 3074 Muri, Telefon 031/951 57 87, Telefax 031/951 1570 ( verantwortlich für den deutschsprachigen Teil ). François Bonnet, Eplatures-Jaune 99, 2304 La Chaux-de-Fonds, Telefon 039/267364, Telefax 039/266424 ( verantwortlich für den französischen, italienischen-und rätoromanischen Teil ).

Graphische Gestaltung Gottschalk+Ash Int'l Layout Andreas Gossweiler, G+A Markus Lehmann, Stampf li + Cie AG Anzeigenverwaltung Künzler-Bachmann AG, Geltenwilenstrasse 8a, Postfach 1162, 9001 St.Gallen, Telefon 071/235555, Telefax 071/2367 45. Anzeigenleiterin: Monica Givotti.

Druck und Expedition Stämpfli + CieAG, Postfach 8326, 3001 Bern, Telefon 031/3006666, Telefax 031/3006699, Postscheck 30-169-8.

Erscheinungsweise Monatsbulletin in der zweiten Monatshälfte, Quartalsheft in der zweiten Hälfte des letzten Quartalsmonats.

Umschlagbild:

Auf den letzten Metern am Gipfelgrat des Mount Vinson, des höchsten Berges der Antarktis Photo: Romolo Nottaris 61 97 Veronika Meyer, Uettligen ( be ) Begegnung mit Stein- und Eiszeit 108 Gianni Caverzasio, Lugaggia ( ti ) Mount Vinson ( m 5194 ) Preis Abonnementspreise ( Nichtmitglieder ) für Monatsbulletin und Quartalsheft zusammen ( separates Abonnement nicht möglich ): Schweiz, jährlich Fr. 42-, Ausland, jährlich Fr. 58..

Quartalsheft einzeln für SAC-Mitglieder Fr. 1 -, für Nichtmitglieder Fr. 10.; Monatsbulletin Fr. 2..

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Beglaubigte Auflage: 71 176 Exemplare.

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