Über das Brockengespenst

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Arthur Brack.

Mit viel Interesse habe ich die verschiedenen Berichte über das Brockengespenst in « Die Alpen » gelesen. Sie geben mir Veranlassung, zwei Photographien zu veröffentlichen, die ich im vergangenen Sommer von dieser Erscheinung habe machen können.

Es war das zweitemal, dass ich das Brockengespenst beobachtete. Das erstemal geschah es am Sexmoor im St. Galler Oberland, das zweitemal auf dem Säntis. Hier war die Erscheinung so gross und eindrucksvoll, dass ich darüber kurz berichten möchte.

Am 28. Juni erreichten mein Freund Jakob Hartmann und ich am Morgen um 61/2 Uhr, von der Kammhalde aufsteigend, den Hühnerberg-grat. Ein dichter Morgennebel auf der Nordwestseite des Grates verdeckte uns den Tiefblick über den zurückgelegten Aufstieg, während wir im warmen Sonnenschein unsere Rucksäcke ablegten. Da gewahrten wir plötzlich, im leeren Raum schwebend, unseren Schatten riesengross und verzerrt, umgeben von einem hell leuchtenden, regenbogenfarbenen Ring: das Brockengespenst. Die Erscheinung war so frappant, dass wir im ersten Moment nur Worte des Erstaunens fanden, und wir begriffen, dass das Gespenst schon mehr als einem nichtsahnenden Bergsteiger, der vielleicht noch mit erschwerten Umständen zu schaffen hatte, einen gewaltigen Schreck bereitet hat.

Als kritische Beobachter hatten wir sofort eine grosse Freude an der seltenen Erscheinung. Merkwürdigerweise sah jeder nur seinen eigenen Schatten und seinen eigenen « Glorienschein », wie wir uns ausdrückten, trotzdem wir nahe beieinander standen. Auffallend waren die enorm verlängerten Extremitäten, die, durch den leuchtenden Ring durchstossend, sich gespenstisch weit draussen im Nichts verloren. Die Erscheinung dauerte nur einige Augenblicke, da der Nebel stark auf und nieder wogte, kehrte aber mehrmals wieder zurück. Dank der raschen Aufnahmebereitschaft der Leicakamera gelang es mir, einige Aufnahmen zu machen, wovon die beste in diesem Heft wiedergegeben ist. Nach einiger Zeit zog sich der Nebel ziemlich weit zurück, und wir sahen ganz deutlich den Schatten unseres Grates in der Luft draussen mit dem Brockengespenst. Diesmal sahen wir uns beide gleichzeitig, umgeben von einem grossen Ring.

Es dürften dies meines Wissens die ersten authentischen Photographien des Brockengespenstes sein. Friedrich Frey schreibt in « Die Alpen » 1 ), er habe versucht, die Erscheinung photographisch festzuhalten, aber ohne guten Erfolg. Auch Valentino Balli 1 ) versuchte zu photographieren, doch es war zu kalt und die Erscheinung zu schnell wieder verschwunden. Aus der Literatur kenne ich nur die Zeichnungen in dem klassischen Werk « L' atmosphère » von Camille Flammarion. Auf diesen Zeichnungen, die natürlich eine subjektive Wiedergabe der Erscheinung darstellen, wurde, besonders was die Grösse betrifft, vielfach stark übertrieben. Nun ist ja allerdings eine Grössen-schätzung des Brockengespenstes ausserordentlich schwer, da die gewaltigen Dimensionen auf einer durch die Luftperspektive bedingten unbewussten Täuschung beruhen. Es ist nun interessant, diese Zeichnungen mit unseren Photographien zu vergleichen. Auf den letzteren zeigt sich der regenbogen-farbene Ring nur als ein einziger leuchtender Kreis, während die Vielfarbigkeit in den Zeichnungen meistens durch ein ganzes System konzentrischer Ringe wiedergegeben wird. Einige Beobachter haben auch die verlängerten Extremitäten ganz richtig festgehalten. Dass diese Erscheinung, die auch Valentino Balli in seinem Bericht erwähnt, nicht auf einer subjektiven Täuschung beruht, zeigt uns die eine Abbildung. Darauf können wir die Verlängerung der Beine und ferner des linken ausgestreckten Armes bis in die linke untere Bildecke deutlich erkennen ( der rechte Arm ist gebeugt zur Bedienung der Kamera ).

Ich hoffe, mit diesen Aufnahmen einen kleinen Beitrag zur Kenntnis des Brockengespenstes geliefert zu haben.

Anmerkung. Über die Beobachtung von Nebelbildern ( Brockengespenst ) in den Schweizer Alpen besteht eine für den C. Mann leicht zugängliche Literatur. Es sei hier auf folgende Aufsätze und Berichte hingewiesen:

Baltzer, A.: Brockengespenst ( beobachtet auf dem Dossenhorn 1875 ), im 11. Jahrbuch des S.A.C. und ergänzt im 12. Jahrgang.

Heim, Albert: Über Nebelbilder ( wissenschaftliche Erklärung ), 14. Jahrbuch, mit 3 Zeichnungen in den Beilagen und ergänzt im 16. Jahrbuch.

Gerwer, Ed.: Nebelbild am Urbachsattel ( 1885 ), 21. Jahrbuch.

Bosshard, E.: Ein Nebelbild auf dem Calanda ( 1888 ), 24. Jahrbuch.

Imhof, E.: Wanderungen im Rätikon ( Imhof erwähnt darin Nebelbilder, die er gesehen auf dem Kreuz bei St. Antonien, auf dem Gyr und der Scesaplana, 1890 ), 26. Jahrbuch, Seite 18.

Egger, C: In der Silvrettahütte. Er beschreibt sehr anschaulich die Erscheinung, die er bei der Fuorcla del Confin beobachtete, und gibt dazu eine interessante Zeichnung. 34. Jahrbuch, Seiten 32, 33.

Camenzind, Otto: Das Nebelbild auf dem Bürgenstock. Mit einer Zeichnung von Karl Anneler. Alpina 1923, Seite 132.

Whymper, Edward, beschreibt in seiner Erzählung von der ersten Matterhornbesteigung am 14. Juli 1865 ein höchst eigenartiges Nebelbild und gibt dazu 2 Zeichnungen. Er erwähnt auch, dass der Abbé Gorret, Führer Antoine Carrel und Begleiter bei der ersten Matterhornbesteigung von Breil aus am 17. Juli 1865 im Abstieg ein Brockengespenst sahen.

Es sei noch bemerkt, dass spanische Truppen unter Pizarro bei der Überschreitung der Kordilleren ( Südamerika ) im 16. Jahrhundert das Brockengespenst beobachteten. E. J.

Feedback