Über den Anderson- zum Lauteraargrat

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ÜBERSCHREITUNG VON SCHRECKHORN UND LAUTERAARHORN ( SEPTEMBER 1961 ) VON RICHARD KNECHT, ZÜRICH

Mit 3 Bildern ( 90-92 )

Überschreitungen sind schon immer unsere grossen Träume gewesen, und unter diesen Träumen nahm das Schreckhorn und das im Schatten seines grossen Bruders stehende, jedoch nicht minder grossartige Lauteraarhorn einen Sonderplatz ein. Dreimal versuchten wir, von der Schwarzegghütte aus das Nässijoch zu erreichen, dreimal machte uns der Wettergott einen dicken Strich durch die Rechnung. Nun beschlossen wir, von der andern Seite, vom Grimsel-Hospiz her einen Versuch zu unternehmen, obwohl ein sehr weiter Anmarsch zu bewältigen ist. Das Jahr 1961 war nicht so besonders günstig für unser Vorhaben, d.h. in der günstigsten Zeit waren wir im Wallis, und so hatten wir unseren Plan für dieses Jahr schon abgeschrieben. Die Woche vor dem 23./24. September zeigte jedoch plötzlich ein strahlendes Gesicht, und sofort war unser Entschluss gefasst, es doch noch dieses Jahr zu versuchen. Obwohl das Hochgebirge etwas Neuschnee erhalten hatte, konnte uns nichts von unserem Vorhaben abbringen, und so packten wir am Freitagabend unsere Säcke und fuhren noch in der Nacht zum Grimsel-Hospiz. Unzählige Male schon hatten wir von andern Gipfeln aus diese zwei Bergriesen betrachtet, und unsere Spannung und Hoffnung war fast greifbar, endlich an sie heranzukommen.

Nach kurzem Einnicken in unserem VW brachen wir am Morgen des 23. September 1961 vom Grimsel-Hospiz auf:

Als zwei dunkle Gestalten, vom silbernen Mondlicht schemenhaft beleuchtet, steigen wir von der grossen Staumauer am Grimsel-Hospiz dem Pfad entlang in die von den eiszeitlichen Gletscherströmen blankgeschliffenen Felsen. Es ist 2 Uhr 30. Beinahe wortlos nehmen wir das Auf und Ab dieses schmalen Wegleins entlang dem Grimselsee auf uns. Jeder ist mit seinen Gedanken schon irgendwo da vorne auf einem dieser schwach ausgeprägten Fels- und Firngrate. Am Juchlibach schauen wir kurz zurück, um darauf wieder erfolglos zu versuchen, den Lichtkegel unserer Lampen einzuholen. Am Ende des Stausees, wo die Zunge des Grossen Brandlammes sich mit dem Talboden vereinigt, machen wir einen Halt, um uns für die kommenden 1800 Höhenmeter bis zum Nässijoch fit zu machen. Das warme Getränk im Magen lässt für kurze Zeit den kalten Morgenwind vergessen, der über die unendliche Eiswüste uns entgegenweht.

Vor uns fallen die senkrechten Abbruche des gewaltigen Unteraargletschers in die von der Morgendämmerung schon in leichtes Silbergrau getünchten, dahinhuschenden Wellen des Sees. Auf dem Gletscher selbst, der in seinem untersten Drittel unter einer unübersehbaren Schuttschicht begraben ist und nur eine leichte Steigung aufweist, kommen wir schnell voran. Schon flammen die Zacken des Lauteraarhornes und des Finsteraarhornes wie Feuerzungen unter den ersten Sonnenstrahlen gegen den noch schwarzen Horizont auf. Für die Kamera ist damit der Startschuss gegeben. Nach einer guten Stunde auf dem Gletscher haben wir die Höhe der Lauteraarhütte erreicht, die wie ein altes Fort rechts oben auf einem Felssporn unter den Wänden des Rotstockes hockt. Hier verliert sich der gewaltige Eisstrom, der von den Höhen des Nässijoches herabfliesst, in den Seitenmoränen des Unteraargletschers. Wir sagen nun dem ermüdenden Geröll « Auf Wiedersehen bis morgen » und machen unsere Vibramsohlen mit dem harten, nackten Eis bekannt. Der Lauteraargletscher ist stark von Spalten durchzogen, welche uns fortwährend im Weitsprung üben lassen.

Hier hat uns auch die Sonne eingeholt, die sich zuerst der Grate und Zinnen bemächtigte und dann unaufhaltsam durch die Dämmerung bis herab auf den Talboden vorgerückt ist. Der Tag hat endgültig das Regiment der Nacht ersetzt. Nach links wird der Blick frei zur majestätischen Pyramide des Finsteraarhornes. Doch schon bald schieben sich wieder Berge zwischen uns und dieses Wahrzeichen des Berner Oberlandes, die Spitzen der Kleinen Lauteraarhörner. Der Gletscher macht hier ein scharfes Knie nach rechts. Vor uns, das Tal abschliessend, zeigt sich das Lauteraarjoch als kleine, weisse Spitze. Unser Tempo wird nun etwas langsamer, die Steigung macht sich schon leicht bemerkbar. Mit erwartungsvollem Blick erschauen wir nun auch unser erstes Ziel: das Schreckhorn. Sein Anblick lässt uns einen Moment innehalten. Mit den Augen suchen wir den Verbindungsgrat zum Lauteraarhorn ab. Die Aussichten für den morgigen Tag sind vielversprechend, ja geradezu faszinierend. Vom Schrecksattel erstreckt sich das Schreckcouloir direkt vor unseren Füssen. Im Sonnenlicht aufglänzende Flecken lassen erkennen, dass hier mit Blankeis zu rechnen wäre.

Wieder auf unsere Route zurückkommend, müssen wir erkennen, dass von nun an nicht mehr alles so glatt gehen wird. Der Aufstieg zum Nässijoch ist auf seiner ganzen Breite mit grossen Spalten durchzogen. Von hier unten ist es schwer, die einzelnen Übergänge auszusuchen. Wir einigen uns auf einen ungefähren Routenverlauf.

Angeseilt, nehme ich, gefolgt von Berti, den ersten Steilhang in Angriff. Der Firn ist hier sehr hart und von einer dünnen Blätterschicht bedeckt. Mit jedem Tritt rieselt dieser harte Deckel wie Scherben den Hang hinunter. Kurz unter den ersten grossen Spalten bewehren wir uns mit den Steigeisen. Es zeigt sich in der Folge, dass uns grosse Umwege bevorstehen und unser Weg nach oben einem « Tasten im Dunkeln » gleichen wird. Es liegt immer eine prickelnde Spannung darin, so im Ungewissen einen Weg durch einen Eisabbruch zu suchen. Die ersten Spalten können, nach zeitraubenden Umwegen, über schmale Brücken beinahe « überlistet » werden. Aber plötzlich, nach einem sehr steilen Aufschwung, den wir dank den Frontalzacken unserer Steigeisen in kürzester Zeit hinter uns haben, stehen wir vor einem schwarzen, sich im Nichts verlierenden Loch. Nur ca. 4 Meter trennen uns vom gegenüberliegenden Sims, aber diese 4 Meter müssen eben zuerst zurückgelegt werden. Zuerst steigen wir links, dem Spalt folgend, leicht an. Nach 80 Metern ungefähr verliert sich dieses Hindernis in einem parallel verlaufenden Abbruch, der uns aber zum Rückzug zwingt. Nach rechts steigen wir nun leicht ab, bis wir wieder vor einem Abbruch stehen, ohne Aussicht, hier durchzukommen. Zurück, wieder links ansteigend, erblicke ich auf der gegenüberliegenden Seite, ca. 1 Meter unterhalb der Spaltenkante, eine kleine Abflachung, gerade genügend gross für zwei Schuhe. Hier ist die Kluft auch nur noch etwa 2 Meter breit, nach unten verliert sie sich jedoch ins Bodenlose. Berti macht den Vorschlag, mit einem Sprung diesen kleinen Erker zu erreichen. Nach einigem Zögern und Abwägen machen wir uns ans Werk. Berti geht zwecks Sicherung etwas weiter zurück, mir den Vortritt gewährend. Noch einiges « Treten an Ort », die Haue des Pickels in der rechten Hand, und schon klebe ich an der gegenüberliegenden Spaltenwand, den Pickelspitz als Halt an der oberen Kante eingehackt. Berti ruft mir ein « Bravo » zu, und sorgfältig ziehe ich mich hinauf. Er macht den Sprung seinerseits, gesichert durch das Seil, und schon geht es weiter, dem nächsten Hindernis entgegen. Der ganze Aufstieg gibt uns noch verschiedene Probleme zu lösen. Unter dem letzten Steilaufschwung zum Nässijoch schalten wir einen kleinen Halt ein, um eine Stärkung einzunehmen. Tiefblau ist der Himmel, aber ein eisiger Wind zwingt uns zum unverzüglichen Weitermarsch. Der erwähnte Steilaufschwung, den wir in senkrechter Linie anpacken, ist sehr hart, aber dank unserer Frontalzacken gewinnen wir schnell an Höhe und erreichen das Joch ( 3720 m ) in kurzer Zeit.

Auf den sich uns hier bietenden Ausblick haben wir uns auf dem ganzen Aufstieg schon gefreut! Er hat uns nicht enttäuscht! Wir deponieren die Säcke und machen noch einen kleinen Abstecher aufs nahe Nässihorn, von wo aus der Tief blick überwältigend wirkt. Tief unten trägt der Untere Grindelwaldgletscher seine Moränenlast zu Tal, und die ständig dröhnenden Eislawinen in den Wänden der Grindelwaldner Fiescherhörner geben dem Ganzen einen urweltlichen Anstrich. Über dem Dreigestirn Eiger-Mönch-Jungfrau ballen sich dunkle, wie drohende Fäuste wirkende Wolkenballen. Berti ruft zum Aufbruch und stürmt voraus, zurück durch den knietiefen weichen Schnee zu den Rucksäcken.

Vor uns zieht sich in fein geschwungener Linie der Firngrat der Kastensteinhörner hinauf zum Andersongrat. Die rechte, felsige Seite dieser kleinen Türme ist leicht zu ersteigen, und bald stehen wir am Fusse des sich steil aufreckenden Nordwestgrates des Schreckhornes. Endlich sind wir an unserem Berg! Zwölf Stunden sind vergangen, seit wir über die Mauer am Grimselsee die noch in der Nacht liegende Grimselstrasse verlassen haben.

Die ersten Seillängen sind stark vereist, und ununterbrochen schwirren kleine Steine und Eisteile durch die Luft. Leider sind wir nicht allein, kalter Wind und dicker Nebel sind die « zweite Mannschaft » am Berg. Infolge der Vereisung kommen wir nur langsam voran. Das Gestein ist ziemlich locker. Auf halber Höhe des ersten Steilaufschwunges queren wir weiter nach rechts hinaus und finden trockenere Felsen. Der Nebel wird immer dicker und verhängt uns vollständig die Sicht. Ist ein Wetterumsturz zu befürchten? Wir treiben das Tempo etwas an; durch den weiten Anmarsch sind uns jedoch Grenzen gesetzt. Zeitweise ist der Nebel so dick, dass wir einander nicht mehr sehen und das Seil, das uns verbindet, im Nichts zu verschwinden scheint.

Aber dank der Steilheit des Grates gewinnen wir unglaublich schnell an Höhe. Ein Guckloch im Nebel zeigt uns das Nässijoch wie eine ferne Insel. Aber schnell schiebt sich wieder die graue Masse zwischen sie und das « Festland ». Weiter oben flacht sich der Grat etwas ab. Auch liegt wieder etwas Schnee auf den Felsen. Ganz sachte und fast unbemerkt kommt die Dämmerung über uns. Wenn uns der Nebel doch nur einen kurzen Blick nach Westen freigeben würde! Durch die Wolkenan-sammlungen am Eiger und hinten am Finsteraarhorn, die uns wie eine leise Drohung vom Nässijoch her in Erinnerung stehen, sind wir etwas beunruhigt. Wir prägen uns daher die Route genau ein, um bei einem wetterbedingten Rückzug gewappnet zu sein.

Nach ungefähr dreistündigem Klettern zeigt uns der Höhenmesser, dass der Gipfel nicht mehr fern sein kann. Vor uns zeigt sich jetzt ein kurzes Firngrätchen, auf dessen linker Seite die vereiste Nordwand fast senkrecht ins Grundlose des Nebels abfällt. Aus der felsigen Westwand treiben uns die Nebelschwaden wie aus einem Kamin entgegen, die die kleinsten Härchen an Kleidung und Körper wie mit Puder überziehen. Meine Schnauzhaare sind ganz eingefroren, ich sähe aus wie ein Seehund, ruft mir Berti grinsend zu!

Nach ein paar weiteren Seillängen stehen wir plötzlich am Ende der Himmelsleiter: der Gipfel des Schreckhornes ( 4078 m ) ist erreicht! Fast im gleichen Augenblick, auf uns fast wie ein Wunder wirkend, schiebt sich der graue Vorhang, wie durch Zauberhände gefasst, etwas zur Seite und zeigt uns gerade noch den oberen Rand des glutrot versinkenden Sonnenballes. Ein kalter, aber trotzdem fester Händedruck, und wortlos sehen wir dem gewaltigen Farbenspiel zu.

Rund um uns spielen dicke Wolkenballen. Von unserem Weiterweg zum Schrecksattel und über den Lauteraargrat zum Lauteraarhorn ist nichts als eine russigschwarze Küche zu sehen. Gegen den Eiger hinüber hat uns der Wettergott noch etwas Licht gelassen, und so hoffen wir, dass unsere Überschreitung doch noch fortgesetzt werden kann Fürs erste beschliessen wir, hier auf dem Schreckhorngipfel unser Biwak einzurichten. Der Wind kommt von Westen, also suchen wir zuerst auf der Nordflanke nach einem geeigneten Plätzchen. Hier fällt die Nordwand jedoch so steil ab, dass wir weiter zum Grat gegen den Schrecksattel hin gehen. Auch hier findet sich nichts Einladen-des. Ebensowenig gegen den Südgrat hin. Der Gipfelkopf selbst scheint uns etwas zu ausgesetzt, sollte ein eventueller Wetterumsturz mit Blitz und Donner über uns kommen. So gehen wir etwas den Andersongrat zurück, wo uns ein kleines Plätzchen bequem genug erscheint, die Nacht hinter uns zu bringen. Ich beginne, das Biwak herzurichten, während Berti besorgt ist, etwas zu kochen. Sein Benzinbrenner zischt bald vertraut in der Stille und verspricht ein « feines » Nachtmahl. Alle metallenen Gegenstände werden weitab deponiert, und dann geniessen wir unser Abendessen im Scheine der Taschenlampen: Tee und Suppe mit Zutaten und Suppe und Tee mit Zutaten. Mittlerweile haben uns die Wolkenballen mitten in ihr Kampfgewühl miteinbezogen, und unser Biwakplätzchen gleicht einer Insel in wogender See. Angeseilt und an einem Felszacken gesichert, vor der bissigen Kälte durch Daunenjacken und Daunenfinken etwas geschützt, beginnen wir, in dieses nasse Grau hineinzudösen. Leichter Niederschlag überzieht unseren Nylonsack, und die Kälte dringt langsam bis an die Knochenhaut. Trotzdem verlieren wir unseren Humor nicht, alles ins Ulkige zu ziehen. Eine weitere unvergessliche Nacht im Hochgebirge bleibt uns fürs Leben in Erinnerung und lehrt uns erneut die Nichtigkeit des Menschen in der gewaltigen Natur.

Es ist fünf Uhr. Pausenlos peitscht der Wind dicke Nebelschwaden um den Berg. Der Fels ist mit einer dünnen Eisglasur überdeckt, und unsere Glieder fühlen sich wie Eiszapfen an. Zum Glück hantiert Berti wieder mit seinem Benzinbrenner, und schon bald verbrenne ich mir ganz gehörig den Mund an dem heissen Metallbecher. Der Tee dringt langsam bis in die Zehen hinaus, und schon bald döse ich wieder in den Morgen hinein, nicht ohne Bedenken über die Wetterentwicklung. Kaum bin ich etwas eingenickt, reisst mich Berti am Kragen und zeigt in den Nebel hinein! Gerade über unseren Köpfen ist ein kleiner Fleck Himmel zu sehen. Sofort steigt unsere Stimmung wieder an. Wir beginnen sogar zu jauchzen, als sich der Nebel immer mehr verflüchtigt. Punkt 6 Uhr ist der ganze Gipfel wolkenfrei. Das Finsteraarhorn und die ganze Kette bis zum Eiger sind aber noch hinter einer schwarzen Wand verborgen. Unser nächstes Ziel, das Lauteraarhorn, ist auch erst ganz schwach auszumachen. Wir packen unsere Sachen zusammen, um raschmöglichst aufzubrechen. Auf dem Gipfel nehmen wir die deponierten Steigeisen und Haken auf, und schon sind wir am Südostgrat, dem Verbindungsgrat zum Schrecksattel. Die dünne Eisschicht, die besonders die Westseite der Felsen vollständig überzieht, zwingt zu äusserster Vorsicht. Der ständig wehende, kalte Wind hilft auch nicht, unsere immer noch steifen Glieder zu erwärmen. Nach der Abseilstelle traversieren wir in die Nordflanke hinüber. Hier liegt eine dünne Schneeschicht auf dem steilen Firn, die sofort abgleitet, sobald man sie betritt. Darunter kommt blankes Eis zum Vorschein. Hackarbeit! Unablässig fahren kleine Eisschollen durch das Schreckcouloir hinunter auf den tief unter uns liegenden Lauteraargletscher. Noch einige Seillängen und der Schrecksattel ( 3919 m ) ist erreicht.

Vor uns liegt nun der lange Lauteraargrat, dessen Türme in der Morgensonne wie zum Leben erwachte Gespenster zu uns herüberstarren. Ohne Zeit zu verlieren, nehmen wir die ersten Steigungen in Angriff und erkennen, dass uns eine herrliche Kletterei bevorsteht. Wenn nur die Sonne noch mehr Kraft hätte! Meine Schnauzhaare sehen immer noch aus wie Spitzgras im Rauhreif, was Berti wieder zu spitzen Bemerkungen reizt. Zurückblickend zum Schreckhorn gehen wir nochmals den ganzen Abstieg mit den Augen zurück. Mit seinem bernsteinfarbenen Gestein, dessen Farbe durch die morgendliche Sonne noch vertieft wird, wirkt er auf uns wie ein Gebilde aus einem fernen Planeten.

Doch wieder zu unserem Grat, dessen Turmreihe unabsehbar erscheint. Der Aufstieg auf die einzelnen Türme ist meistens fast senkrecht, wogegen die andere Seite flacher, doch sehr plattig ist.

Die aufsteigende Sonne bringt Wärme, und unsere Stimmung wächst mit jedem überstiegenen Turm. Wie geduckt verziehen sich die Wolkenballen vor dem tiefen Blau des Himmels, der bald das Zepter in der Hand hält. Diese Gratkletterei ist grossartig, der ständige Tief blick und die überwältigende Rundsicht machen sie zu einem wahren Erlebnis. Die vordem noch eisigen und glitschigen Felsen trocknen und lassen das Klettern zum Genuss werden. Trotzdem macht sich der gestrige Tag mit der langen Kletterei bemerkbar, aber kurz vor 11 Uhr erreichen wir den Gipfel des Lauteraarhornes ( 4042 m ). Hier erlauben wir uns eine ausgiebige Rast. Uns gegenüber erhebt sich das Finsteraarhorn fast zum Greifen nahe, und weiter hinten stossen die Spitzen der Hochgebirgsriesen wider die sich drohend zusammenballenden Wolkenmassen. Der Ausblick nach Osten ist nicht minder eindrucksvoll mit den abwechslungsreichen Gebirgszügen und dem langen Strom des Unteraargletschers im Vordergrund.

Noch ein letzter Gruss hinüber zum Schreckhorn, und schon sieht man uns im Abstieg über den Südostgrat. Der obere Teil bietet noch einigermassen kompakten Fels; je weiter wir absteigen, desto fauler wird das Gestein, bis es zu einem regelrechten Schutthaufen wird. Wir queren direkt in das Südwandcouloir, das über Schutt- und Geröllhänge und schliesslich über mittelsteile Schneehänge direkt zum Strahleggletscher hinunter abfällt. Hier erreichen uns die wärmenden Sonnenstrahlen schon nicht mehr, und ein kühler Wind stellt sich uns wieder in die Quere.Vor uns erstrahlt das prächtige Oberaarhorn noch im vollen Tageslicht, während sich in den Gletschermulden schon die früh einbrechende Dämmerung zeigt.

Ein kräftiger Handschlag besiegelt diese gut gelungene Überschreitung, und voll innerer Genugtuung nehmen wir den weiten Weg zurück zum Grimsel-Hospiz unter die Füsse. Zuerst geht 's über den Strahleggletscher bis zu seiner Einmündung in den Finsteraargletscher, dann auf diesem, wieder mühsam über die vielen Spalten springend, zurück zum mächtigen Strom des Unteraargletschers. Die untergehende Sonne erreicht gerade noch die auf dem Felssporn stehende Lauteraarhütte, als wir die Stelle erreichen, wo wir tags zuvor den Unteraargletscher verliessen, um über den Lauteraargletscher hinauf zum Nässijoch zu steigen.

Bei einbrechender Nacht erreichen wir den Gletscherrand, der im jähen Abbruch in die gestauten Wasser des Grimselsees abfällt. Noch 7 Kilometer Weg längs dem See! Doch auch er nimmt ein Ende, und nach gut 42 Stunden schreiten wie im Scheine unserer Taschenlampen über die Staumauer dem Grimsel-Hospiz zu.

Matterhorn

i DER GIGANT VON ZERMATT VON FRITZ LÖRTSCHER, BERN Mit 1 Bild ( 9J> Schon die Fahrt in die gewaltige Bergwelt des Zermattertales war ein Erlebnis. Die meisten Viertausender der Schweizer Alpen türmen sich hier als ragender Wall aus Fels und Eis zum Himmel, wie wenn sie sich schützend um dieses Tal stellten. Nachdem die rote Bahn in die « Gare » von Zermatt eingefahren war, schritten wir vorerst die Front der vielen Hotelboys, die sich in einer langen Reihe aufgestellt hatten, ab. Doch keiner wollte uns den schweren Rucksack abnehmen! Es wäre nett gewesen, sich unter die internationale Schar der Kurgäste zu mischen. Allein, wir konnten nicht verweilen, wir mussten weiter, der Berg der Berge lockte und zog uns in seinen Bann. Beim Kirchplatz ging es vorbei, wo noch eine schlichte Erinnerungstafel das Haus bezeichnet, wo die Taugwalder gewohnt haben, die Edward Whymper bei der Erstbesteigung des Matterhorns am 14. Juli 1865 begleiteten.

Nach der Brücke, ennet der Vispa, sahen wir unser Ziel, den kühnen Obelisken am Horizont, dessen Silhouette zum Symbol des Hochgebirges geworden ist.

Dann stiegen wir mit der silbernen Kabine in lautloser Fahrt über die verträumten Weiler Winkelmatten und Blatten, zur Zwischenstation Furi, dann nach dem Umsteigen über Hermettje nach Schwarzsee an den Fuss des Matterhorns hinauf, das da so nahe steht, dass man ehrfürchtig-staunend es mit der Hand zu berühren glaubt. Bescheiden klein wird der Mensch, wenn er den eindrucksvollen Kranz der majestätischen Viertausender betrachtet.Die Luftseilbahn Zermatt-Schwarzsee machte es uns möglich, die 980 m Höhendifferenz zu Fuss zu überwinden zu ersparen. Besonders beim Abstieg ist mancher über diesen Lufttransport froh.

Es war ein heisser Sommertag. Unversehens traten wir aus der schattig-kühlen Endstation hinaus ins warme Licht, das wundersam von den Gletschern zurückstrahlte. Nach der langen Bahn- und Kabinenfahrt war männiglich froh, den breiten Hüttenweg, vorbei am idyllischen Schwarzsee mit der Kapelle « Maria zum Schnee », unter die Füsse zu nehmen. Auffällig war, dass an diesem vielbegangenen Höhenweg zur Hörnlihütte fast keine Blumen mehr anzutreffen sind. Schon waren wir am kleinen Kreuz vorbei, kamen auf das « Hirli » ( 2872 m ), wo wir gerne eine Rast einschalteten.

Während die Schatten länger wurden und dem Talhang entlang krochen, erreichten wir im Dämmerlicht die Hütte auf 3260 m, wo uns Hüttenwart Mäthaus Kronig nicht gerade mit offenen Armen empfing, denn es waren noch andere Sektionen angemeldet und für die zwanzig Schlafstellen allzu viele Anwärter. So entschieden sich einige Kameraden für eine Unterkunft im nebenanstehenden Berghotel « Belvédère », das von der Gemeinde Zermatt geführt wird.

Gewaltig stand der schattenblaue Dreikant über den Gletschern, und bedrückend wirkte die vor uns stehende Ostflanke im Halbschatten. Eine Spannung lastete auf dem Gemüt, wie vor jeder grösseren Bergfahrt. Die Sterne stiegen empor. Matt schimmerten sie aus der Tiefe des Raumes. Je kälter es wurde, desto klarer traten ihre Bilder aus dem dunklen Nachthimmel Der Nordwind wurde stärker und trieb uns in die Hütte, in die Wärme.

Kaum war man eingeschlafen, flüsterte irgendwo eine Stimme: « Es ist Zeit ». Und dann war die Wirklichkeit da! Im Halbschlaf suchte man nach den Schuhen, Eisen klirrten leise. Der schwache Schein einer Lampe gab den sich in der Hütte bewegenden Gestalten ein phantastisches Aussehen. Dann traten wir fröstelnd vor die Hütte. Bei hellem Mondschein seilten wir uns in Zweierpartien an. Allgemeiner Aufbruch! Das Tageswerk begann auf 3260 m. Um den andern Gruppen zuvorzukommen, hielt unser Führer Stephan von Anfang an auf Tempo. Beim Einstieg musste man fast befürchten, sich gegenseitig auf die Hände zu treten, so gross war der Andrang. Aber der Berg ist breit. Pickel schlugen gegen die Felsen. Gesprochen wurde fast nichts, bis plötzlich welsche, führerlose « Gipfelstürmer » beim zaghaften Dämmern des Tages über uns nach dem Aufstieg suchten und uns mit heruntergetretenen Steinen das Leben sauer machten. Als mein Oberländer Seilgefährte einen Brocken an die Wade erhielt, hättet ihr seine im akzentfreien Französisch hinaufgerufenen Anweisungen hören sollen!

Wir stiegen auf dem längsten, technisch aber leichtesten Nordostgrat auf. Noch leuchtete uns der Vollmond beim Queren des untersten, mit lockerem Schutt bedeckten Couloirs. Dann versteckte er sich hinter dem Furgengrat. Vom Osten her drang fahles Licht über die Mischabel und den Monte Rosa und verscheuchte die Nacht aus allen Winkeln. Schon glühte die Spitze der Dent Blanche in einem zarten Rot. Über die drei Couloirs, Elw Fatt, die Eselstritte, vorbei an den Überresten der alten Hütte, dann über die untere Moseleyplatte, kamen wir prächtig aufwärts. In nicht sehr solidem Fels, in wechselnder Folge auf dem Grat, dann wieder in die Ostflanke hinausquerend, ging es in ansprechender Kletterei in die Höhe. Die aufgehende Sonne wärmte Fels und Herzen, und manch munteres Wort wechselte von Mann zu Mann.

Da - die Solvayhütte! Ein Refugium für Notfälle im Abstieg, 4003 m ü.M., duckt sie sich wie ein Schwalbennest an die felsigen Strebepfeiler. Im Jahre 1916 wurde sie eingeweiht, nachdem man die Bretter für deren Bau in 50 Pfund-Bündeln hinaufgetragen hatte.

Nun war die obere Moseleyplatte an der Reihe, worauf wir nach dem Schnee-und Eishang den Schneegrat betreten konnten. Gewaltig fällt die Nordwand, weissverkleidet und unnahbar, in die Tiefe.

Über die Wand ob der Schulter und die Kettenplatte ging es bergan. Hinter Stephan, unserem « guide », turnte Dölf, der Senior unserer heutigen Bergfahrt, am ersten Fixen Seil in den Roten Felsen, die mit einer dünnen Eisglasur überzogen waren, empor. Das Tempo liess nach, denn die dünner werdende Luft und die Anstrengungen eines auf Sicherung bedachten Steigens machte sich bemerkbar; auch hatten wir seit dem Einstieg praktisch keine Verpflegungspause eingeschaltet. Nach 414 Stunden sahen die Dohlen, die den Matterhorngipfel kreischend umflogen, eine Gruppe glücklicher und entspannter Kameraden beim wohlverdienten Rasten auf dem Schweizergipfel!

Alles was die Hochgebirgswelt an Schönem zu bieten hat, lag vor unseren Augen. Es war ein ungewöhnlich schöner Tag, einer jener ruhigen und heiteren Tage, denen schlechtes Wetter zu folgen pflegt. Wir waren still, ohne Gleichgültigkeit, ernst, ohne Melancholie, nur mit offenen Augen und offenem HerzenAuch der 1,1 m weniger hohen « Becca », dem Italienergipfel mit dem Kreuz, das die Führer der Valtournanche errichtet haben, machten wir noch einen Besuch.

Die Steigeisen wurden angeschnallt. Der Abstieg begann, vorbei am Kreuz, das die Bergsteiger an die Absturzstelle erinnert, an die Mittagsstunde jenes unheilvollen Tages, als sich der schon errungene Sieg bei der Erstbesteigung des Horns so plötzlich in Unheil verwandelte. Unerfreulich war das lange Warten, auf schmalen, vereisten Standplätzen, bei den Fixen Seilen, als wir die vielen noch im Aufstieg begriffenen Seilschaften kreuzen mussten. Lang ist der Weg zurück! Bei der Solvayhütte teilten wir brüderlich den letzten Rest aus den Teeflaschen. Plötzlich ein metallenes Sirren in der Luft! Ein glänzender Pickel wirbelte in tollen Sprüngen die Ostwand hinab. Er war einem Teilnehmer entglitten, welcher ihn erst vor zwei Tagen erstanden hatte.

Gewaltigen Eindruck machte ein alles mit sich reissender Steinschlag, der sich in einer Rinne der Ostflanke gelöst hatte, und polternd, Staub aufwirbelnd an uns vorbeischoss, bis er in der Randkluft sich verlor.

Peter überliess mir beim Abseilen das Material und beeilte sich beim Hüttenwart noch, eine Portion Tee für die Nachkommenden herrichten zu lassen. Dann begann der beschleunigte Rückmarsch über die 42 Kehren hinunter nach Schwarzsee, um die letzte Fahrmöglichkeit nach Zermatt nicht zu verpassen.

Drunten in Zermatt, über dem bei unserem Einzug schon die abendlichen Schatten lagen, fand eine einzigartige Bergfahrt, bei einem kameradschaftlichen Hock ihren beglückenden Abschluss.

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