Über den Col du Lion zum Matterhorn

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von W. Diehn.

Wenn ich heute die Beschreibung der im Sommer 1932 ausgeführten Besteigung des Col du Lion unserer Monatsschrift übergebe, so geschieht es einmal, um diese herrliche und viel zu selten ausgeführte Fahrt allen Bergsteigern in Erinnerung zu bringen, andrerseits aber, um meinem jahrelangen Bergführer und Freunde Walter Risch noch einmal zu danken für viele Stunden grossen gemeinsamen Bergerlebens, zu denen seine nie versagenden Führerfähigkeiten und seine ernste und treue Kameradschaft mir verholfen haben. Schon bei unserer ersten gemeinsamen Unternehmung an der steilen Eiswand des Güssfeldtsattels ( Fuorcla Tschierva-Scerscen ) wurde mir klar, dass ich es mit einem der wenigen ganz Grossen seines Faches zu tun hatte. Und dieser erste Eindruck bestätigte sich immer wieder in den zehn Jahren gemeinsamer Bergfahrten: ob er in seinem Lieblingsgebiet, den Bergeller Bergen, an den exponierten Kletterstellen der Punta Rasica, der Badile-Nordkante und bei der erstmaligen Überschreitung des Torrone del Ferro Centrale und Occidentale seine unwahrscheinliche Kletterkunst erwies, ob er in dichtem Nebel und Schneesturm am Monte Rosa mit sicherem Instinkt die Richtung zur Capanna Margherita fand oder am Martlgrat des Ortler, wo Steinschlag ihm beide Unterarmknochen durchschlug, mit zäher Energie die schwierige Tur vollendete — in keiner Situation am Berge hat Walter Risch je versagt, weder als Führer noch als Mensch; denn dieser grosse Schweiger, der auch in heiklen Lagen ein Wort der Ermunterung oder der Anerkennung nur selten über die Lippen brachte, war mit seinem ganzen Wesen den Bergen verfallen. Er barg in Wahrheit unter einer rauhen Schale ein Herz, das in glühender Liebe für die Berge schlug. Trotz aller starken Freude an der Leistung war ihm die Überwindung von Schwierigkeiten nie Selbstzweck, ihm wurde jede grosse Tur aufs neue zum Erlebnis. Und dies innere Ergriffensein von den gewaltigen Wundern der Berge war es, was all die dort oben gemeinsam verlebten Stunden mir zu unvergesslichen Erinnerungen gemacht hat.

Der Sommer 1932 brachte kein gutes Bergwetter. Vom 5.23. Juli konnten wir nur einige Verzweiflungsturen auf Lyskamm, Dent d' Hérens usw. unternehmen, noch dazu meist bei Nebel und Schneesturm. Mit wachsender Ungeduld warteten wir auf den ersten schönen Tag, um unseren lange gehegten Plan, die Besteigung des Col du Lion, verwirklichen zu können. Wir glaubten, dass die gewaltigen Schneemengen, wie ich sie im Juli noch kaum je angetroffen habe, uns die Bezwingung des Col erleichtern würden. Endlich, am 25. Juli, schien der Wettergott ein Einsehen zu haben, so dass wir bei strahlendem Sonnenschein den vertrauten Weg nach Schönbühl wandern konnten. Aber schon am nächsten Morgen war das Wetter sehr unsicher. Wir brachen trotzdem auf, wurden aber nach zwei Stunden durch Nebel und Regen wieder zur Hütte zurückgetrieben. In der Nacht hellte es auf. Und so konnten wir uns um 1 Uhr bei schönem Mondschein aufs neue Die Alpen — 1936 — Les Alpes.34 auf den Weg machen und gelangten um 3 Uhr über den Tiefenmattengletscher an den Fuss des Col.

Der Übergang über den Bergschrund gestaltete sich durch eine gut tragende Schneebrücke sehr einfach. Dann ging es im Couloir bei herrlichem Firnschnee rasch aufwärts, so dass wir, nachdem das erste Drittel hinter uns lag, schon mit einer aussergewöhnlich schnellen Aufstiegszeit rechneten. Doch diese Hoffnung war verfrüht, denn bald hörte der Firnschnee auf, und wir trafen auf unangenehm vereiste Felsen. Hier wurde die Sache schwer und gefährlich, denn die dünne Eisauflage auf den Felsen bot keinerlei sichere Standmöglichkeit. Manchmal ergriff mich denn auch ein leises Grauen, wenn ich vor mir die stumpfen und abgenutzten Steigeisen von Risch sah, die neben meinen Eckensteinern wie Museumsstücke anmuteten. Dazu kam die immer wachsende Sorge, dass die Tête du Lion bald Steine herunterschicken würde, die nur das Couloir und damit unsere Köpfe beglücken konnten. Sehr deutlich stand vor meiner Erinnerung die anschauliche Schilderung von Güssfeldt über seine Erlebnisse beim Abstieg durch das Couloir. Hier aber konnten wir wirklich von Glück sagen, denn nicht ein einziger Stein löste sich während unseres ganzen Aufstieges.

Nach grandioser siebenstündiger Eisarbeit von Risch standen wir vor dem letzten und heikelsten Abschnitt des heutigen Tages. Der oberste Teil des Couloirs ist von ausserordentlicher Steilheit und wird dadurch besonders gefährlich, dass dort beträchtliche Schneemengen lose auf Eis liegen. Es schien uns nicht ratsam, wie bisher fast senkrecht aufzusteigen, weil wir fürchten mussten, mit der ganzen Schneemasse abzustürzen. Wir querten deshalb nach rechts, um dann, auf festeren Firn stossend, wieder senkrecht anzusteigen bis unterhalb der Wächte, die von Risch mit grosser Schnelligkeit durchbohrt wurde. Nach 9stündiger schwerer Arbeit war der Col du Lion unser.

Dort oben empfing uns eisiger Wind. Wir zogen alle vorhandenen Wollsachen an, assen etwas von unseren spärlichen Vorräten und beratschlagten, ob es im Hinblick auf den Sturm und die ungünstigen Schneeverhältnisse nicht ratsamer sei, nach Breuil abzusteigen, anstatt die ursprünglich geplante Überschreitung des Matterhorns durchzuführen. Nach wenigen Worten waren wir darüber einig, auf alle Fälle zum Rifugio Luigi Amadeo di Savoia aufzusteigen und dort die Entwicklung des Wetters abzuwarten.

Auf der Hütte gab es sehr wenig Holz; und da wir auch unseren Proviant zur Erleichterung unserer Rucksäcke auf ein Minimum beschränkt hatten, schien es uns das beste, bald unter die feuchten Decken zu kriechen und Schlaf zu suchen. In der Nacht brauste und tobte der Sturm so gewaltig, dass ich immer dachte, wir würden mit unserem Hüttchen bald auf dem Tiefenmattengletscher landen. Das Matterhorn hatte ich innerlich schon aufgegeben und rollte mich fester in meine Decken, um mich durch die entfesselten Naturgewalten nicht in meinem wohlverdienten Schlummer stören zu lassen.

Als ich morgens um 8 Uhr erwachte, rüttelte der Sturm mit unverminderter Gewalt an den Stahltrossen der Hütte. Trotzdem hatte ich den Eindruck, dass die Sonne scheine. Rasch warf ich die schweren Decken ab und richtig — herrlicher Sonnenschein begrüsste mich, als ich das Türlein der Hütte öffnete. Welch ein Anblick! Sonne — Berge — Gletscher — im Süden das Tal von Breuil — Italien — fern der Mont Blanc, die Sehnsucht mancher Jahre! Aber jetzt war keine Zeit mit Schauen zu verlieren. Rasch weckte ich Risch, der auf meinen Vorschlag, doch noch das Matterhorn anzugehen, mit jenem unverständlichen Knurren antwortete, das bei ihm ebensowohl Zustimmung wie Zweifel oder Ablehnung bedeutete. Ich nahm es als Zustimmung und begann in Eile Feuer zu machen und Rucksack zu packen. Gesprochen wurde nichts mehr, bis wir um 10 Uhr bereit waren zum Abmarsch.

Der italienische Grat des Matterhorns ist allen Bergsteigern bekannt, so dass eine Beschreibung sich erübrigt. Aber in diesem Sommer war infolge der durchaus winterlichen Verhältnisse der Schweizer Grat erst einmal und der italienische noch gar nicht begangen worden. Und so fanden auch wir Schnee und immer wieder Schnee, wo sonst trockene Felsen waren. Kein Griff, kein Tritt, von dem wir nicht den Schnee abputzen mussten! So kamen wir nur sehr langsam vorwärts, und ich fürchtete schon, dass wir den Gipfel vor Abend nicht mehr erreichen würden, zumal die zunehmende Dämmerung doppelte Vorsicht beim Klettern erforderte.

In fast völliger Dunkelheit klopften wir die Eiszacken von der Echelle Jordan und mussten uns dann entschliessen, die Laterne anzustecken, wenn wir überhaupt weitergehen wollten. In ihrem unsicher flackernden Licht tasteten wir uns vorsichtig in den Felsen aufwärts. Und um 10 Uhr standen wir endlich auf dem italienischen Gipfel des Matterhorns und querten bei Laternenschein zum Schweizergipfel hinüber.

Phantastisch war die Nacht in 4482 m Höhe, unvergesslich unser Biwak in der von Risch kunstvoll geschaffenen Eishöhle, in der wir es uns, so gut es ging, gemütlich machten, unseren letzten Proviant verzehrten und unseren letzten Tropfen Wein tranken. Immer wieder suchten meine Blicke das Tal von Breuil, das mit seinen vielen kleinen Lichterchen aus der Tiefe vertraut zu unserer grenzenlosen Einsamkeit hinaufgrüsste. Während wir den Mondaufgang erwarteten, durchlebten wir noch einmal gemeinsam in der Erinnerung jede Stunde, jede Situation des vergangenen Tages. Doch langsam verstummte unser leises Gespräch, denn das Dunkel hatte sich gelichtet, und mit einem Male erschien der gewaltige Schatten des Matterhorns gespenstisch im Mondlicht auf den Gletschern.

Stunde um Stunde verrann. Immer schneidender wurde die Kälte, in immer kürzeren Abständen sprangen wir auf, um uns durch gegenseitiges Rückenklopfen zu erwärmen, immer sehnsüchtiger erwarteten wir den Morgen. Endlich streifte der erste Goldstrahl den Gipfel des Monte Rosa. Und ein Sonnenaufgang von so glanzvoller Schönheit, wie ich ihn noch nie erlebt zu haben glaubte, liess uns in andächtigem Schauen versinken. Nur ein grosser Maler oder Dichter vermöchte all die einzelnen Phasen dieses langsamen Tagwerdens zu schildern: vom ersten zarten Rosenschimmer über Violett und flammenden Purpur, bis dann endlich all die Firngipfel, Gletscher, Eiswände und Grate ringsum im strahlenden Goldglanz des erwachten Tages schimmerten. Schwer wurde es uns, die Blicke von diesem einzigartigen Schauspiel zu lösen, das durch die isolierte Lage des Matterhorns noch grossartiger, noch umfassender wurde.

Um 6 Uhr trennten wir uns endlich vom Gipfel und begannen den Abstieg, nachdem wir unseren letzten Schluck Kaffee am Eispickel über einem Kerzen-stümpchen gewärmt hatten. Dieser Abstieg war der einzige Wermutstropfen in dem Freudenbecher der letzten Tage. Jetzt erst merkte ich, dass das Biwak nach den beiden strengen Turen mir doch noch in den Knochen steckte, denn nie zuvor ist mir der Hörnligrat so lang und ermüdend vorgekommen. Etwa auf halbem Wege begegneten wir Adolf Schaller aus Zermatt, einem prächtigen Führer und Menschen, mit dem ich im Vorjahre — als Risch durch seinen Unfall am Martlgrat gezwungen wurde, nach Hause zu fahren, um seinen Arm auszukurieren — die Monte Rosa-Ostwand bestiegen hatte. Wir begrüssten uns freudig; dann stieg er mit seinem Turisten dem Gipfel des Matterhorns zu, wir aber wandten uns talwärts, das Herz erfüllt von Dankbarkeit für all das Grosse und Schöne, das wir dort oben in den Höhen schauen und erleben durften.

Wenn ich an die vielen und glückvollen Gipfelfahrten zurückdenke, welche die Schweizer Alpen mir alljährlich während meiner fast 25jährigen Clubzugehörigkeit geschenkt haben, so wird die Besteigung des Col du Lion immer zu meinen eindrucksvollsten und grossartigsten Bergerlebnissen gehören.

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