Über den Piz Cavardiras

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Oskar Huber, Meggen

In Disentis vernehmen wir - eine Gruppe der Sektion Pilatus -, die Hütte auf Alp Run, in der wir zu schlafen planten, sei durch eine grössere Gruppe aus Zürich bereits voll besetzt. Durch den bewaldeten Steilhang südlich dieser Alp windet sich ein erst teilweise fertiggestelltes Strässchen bergwärts, überquert das Val Clavaniev und endet in der Gegend von Plaun Tir, wo an Lawinenverbauungen gearbeitet wird. Mit unsern Biwakhüllen und Schlafsäcken könnten wir hier in der Zwergstrauchheide annehmbar übernachten; die Mehrheit ist jedoch dafür, ins Val Acletta hineinzuqueren, um nachzuschauen, ob uns die Hütte beim Lag Serein Unterschlupf biete.

Was wohl die trüben Nebel, die beim Einnachten um die Kämme streichen und sich schwer ins Bergtal lagern, bedeuten mögen?

Die Hütte ist unverschlossen und birgt ausser einer kleinen leeren Holzpritsche und einem darunterliegenden kargen Strohlager keine Einrichtungen. Da dieses « Mobiliar » nicht für alle elf ausreicht, rupfen wir von nahegelegenen bewachsenen Felsklötzen Alpenrosenstauden, Erika, Flechten und in der Dunkelheit wohl auch etwas Humus, um mit diesem Polstermaterial den feuchterdigen Hüttenboden abzudecken, der so zu einer recht angenehmen Matratze wird, oder es in den Biwacksack zu stopfen. Robi und Martin haben unterdessen ihre Kocher surren lassen und spenden uns bei Kerzenlicht Suppe und Tee. Später lässt ein anderer eine Flasche Roten die Runde machen. Wo es nicht schon längst Brauch ist oder sich nicht auf dem Hinweg von selbst ergeben hat, wird das « Du » eingeführt. Die romantische Unterkunft gefällt uns, und die unterschiedlich feinen oder rauhen Schlaf bolster liefern heitern Gesprächsstoff und regen zu humorvollen Kommentaren an.

« Sag, Martin, wie oft hast du eigentlich diese Tour schon gemacht? » fragt Josef, der Vorfahren dabei war, als ein Wettersturz die Pilatusmannen aus dem Grat hinaustrieb.«Gelungen ist sie mir dreimal, und wenn es morgen schiefgeht, bin ich ebensooft abgeblitzt! » - Solche Worte, von einem anerkannt wetterharten Felsgänger gesprochen, sind allerdings keine gute Wetterprognose; aber Josef ist da zuversichtlicher: « Ich habe heute die Obergrenze der Nebelbildung beobachtet. So wie der Nebel sich bildet, bleibt er meistens über Nacht. Wir werden wahrscheinlich morgen nach kurzem Aufstieg an der Sonne sein! » - Die Seilschaften werden eingeteilt. Ich freue mich, den klettertüchtigen Alois als Seil- Die nach Norden überhängenden Felszacken im untern Teil des Cavardiras-Südgrates. Hinten der Oberalpstock mit seiner blendenden Firnfläche über dem Brunnigrätli Pholo Alois Lustenberger, Luzcrn 2Brunni firn gegen Piz Cavardiras. Im Aufstieg zum Oberalpstock Photo L. Gensetter, Davos-Dorf schaf'tsführer zu erhalten, denn ich erwarte, morgen grössere Schwierigkeiten anzutreffen als bei meinen bisherigen Kletterfahrten.

Nach dem Plan unseres Tourenleiters Martin werden wir den Südgrat samt dem vorgelagerten Rücken in der ganzen Länge überschreiten. Überdies wollen wir spät aufbrechen, um den Zürchern genügend Vorsprung zu lassen, damit wir einander am Grat nicht in die Quere kommen.

Wir haben reichlich lange geschlafen, weil der schwere, graue Nebel die Tageshelle verdunkelte.Von Plaun Tir, wo wir auf einem Felsbuckel das Biwakmaterial als roten Haufen zurückgelassen haben, streben wir in nördlicher Richtung über Rasen und Schroffen aufwärts. Plötzlich beschleunigen wir von selbst die Schritte, da der Nebel leuchtend hell wird und bald darauf als wogendes Nebelmeer zurückbleibt, wie eine Hydra mit langen Armen in viele Seitentäler hin-eingreifend. Eine unendliche Bergwelt liegt im südlichen Halbrund. Durch Einschnitte und Lücken naher Massive kommen weiter entfernte zum Vorschein, und das setzt sich in voller Klarheit fort bis zu den letzten Gipfeln. Neben uns erheben sich nach Norden ansteigende, felsige Rampen aus der Nebelmasse, werden nach oben gezackter und stossen, Gipfel bildend, an die lange Felsmauer zwischen Piz Ault und Piz Alpetta. Eine gleichartige, jedoch mächtigere Rampe liegt vor uns, steigert sich vom Schroffen-rücken zum wilden Klettergrat und gipfelt im Piz Cavardiras ( 2964 m ). Die hochliegende Nebeldecke unterstreicht die begeisternde, grosszügige Linie unseres Anstiegsweges, und seine Länge wird deutlich durch die Zürcher Kletterer, die hoch oben an wandartigen Aufschwüngen nur noch als Farbpunkte auszumachen sind. Nach einer Abseilstelle binde ich mich zum erstenmal ans Doppelseil. Schon klimmt Alois über einen kegelförmigen Wandvorbau zu einem senkrechten Rissystem; denn wir zwei sollen als erste Seilschaft sofort losziehen. Eine griffarme Traverse 2 leitet anschliessend links um die Kante, wo wir nach einer hohen Stufe gleichzeitig weitergehen können und rasch an Höhe gewinnen, so dass der Oberalpstock mit seiner blendenden Firnfläche zunehmend höher über das Brunnigrätli hervorschaut. Der Grat wird schmal und biegt kurz nach links, wo lanzenartig spitze Zacken nach Norden überhängen, von denen wir freischwebend zu schattenkühlen Trümmerblöcken abseilen. Sofort erfreuen uns die nächsten steilen und griffarmen Wandstellen, bis sich ob dem ungestümen Steigen Durst und Hunger bemerkbar machen. Weil uns all die andern Seilschaften dicht nachfolgen, rasten wir nicht auf dem erstbesten Absätzchen, sondern suchen wählerisch einen geräumigen Platz. Ein längeres Stück in leichtem, rasendurchsetztem Fels mit sicheren, quarzsandbedeckten Trittflächen führt zu einer Reihe von Grattürmen, deren grobkörniger, kan-tigblockiger Granit mit Einzelgriffen kargt, uns aber mit seinen groben Rissen, grosszügigen Gesimsen und sicheren Abstützflächen zu turnerischen, weitgreifenden Kletterbewegungen einlädt. Einmal benützen wir ein ellenbreites, sauberes Band links eines massiven Turmes und stehen bald darauf an der Abbruchkante über einer weitern Scharte, der ein Steilaufschwung folgt, den vielversprechend zwei Haken mit gelben Nylon-schlingen zieren. Wir seilen im Dülfersitz ab, und es reicht diesmal aus, die Mitte unserer Partieseile um ein Felsköpfchen zu legen. Die Scharte bietet genau zur Mittagszeit einen Rastplatz « nach Mass ».

Die Nebeldecke ist bis auf einen dünnen, rauchfarbigen Dunst verschwunden. Die vielen Verkehrsflugzeuge, welche hier die Alpen überqueren, malen dicke, wollig zerfranste Spuren an den Himmel, und dieser überzieht sich selbst gebietsweise, vor allem im Westen, mit feinen Federwölklein. Oben an der Turmkante, im harten Gegenlicht, erscheinen unsere Kameraden, sehen sich jeweils kurz um und gelangen dann, dieselbe Abseiltechnik wie wir benützend, zu uns.

Alois und ich essen tüchtig; denn der Rucksack soll leichter werden. Darauf lehne ich mich ge- niesserisch in eine sonnige Nische. Wirklich, wir haben die reinste Märchenscharte erwischt! In Fugen, auf Platten und Blöcken, ja selbst im Schutt glänzen Bergkristalle. Steinschlag und wohl auch Kletterhammerhiebe haben sie leider stark verunstaltet. Damit es aber an Glanz und Pracht nicht mangelt, schickt ein Luftzug ganze Wolken von wcissbepelzten Pflanzensamen, die hoch über dem schattigen Turmabsatz am sattblauen Himmel einen lebhaften Lichterreigen tanzen, bald aber durch ein Spiel in allen Regenbogenfarben, das durch feine Dunstschleierchen über der lichtumfluteten Felskante entstanden ist, abgelöst werden.

Der Aufschwung mit den gelben Schlingen verlangt eindeutig mehr als die steilsten Gratteile vor der Rast, ist aber noch nicht die Schlüsselstelle. Diese erhebt sich wenig später vor uns als hohe, rötlichbraune, ungegliederte Turmwand, die nach oben spitz zusammenläuft. Das zu ihr hinführende breite, waagrechte Gratstück trifft sie nahe bei der linken Begrenzungskante. Sowohl diese wie auch der rechtsliegende Wandteil schiessen seitlich in unverminderter Steilheit zur Tiefe. Alois tastet sich geradewegs die Wand hinauf. Nein, so geht es nichtJetzt wendet er sich der linken Wandkante zu. Atemberaubend ausgesetzt klettert er dort aufwärts, kann nur in grösseren Abständen seine Karabiner in Hakenösen einklinken und gelangt unter einen sperrenden Vorsprung, der die Kante abriegelt und sich quer durch die halbe Turmwand nach rechts zieht. Jetzt benützt der Vorauskletternde einen weitern Sicherungshaken, traversiert sachte unter dem Dachvorsprung nach rechts und schickt sich dort an höherzusteigen. Da - welch lausige Pflichtvergessenheit von mir! Ich habe ob dem angespannten Beobachten nicht mehr auf den Seilvorrat ge-achtet«Das Seil ist aus; Entschuldigung! » -Die Antwort folgt nach kurzem Hantieren: « Es ist gerade günstig, du kannst nachkommen! » Ich nehme mir vor, den Fels fortlaufend gut zu beobachten und langsam und beherrscht zu klettern. So geht es tatsächlich. Bald finde ich für die Füsse ein paar Rauheiten auf der Felsfläche rechts, während die Hände an einer schlanken Stelle die Kante umklammern können, bald bietet diese selbst in ihrem welligen Verlauf dürftigen Tritt. Oben ist sie stumpfer, gleichzeitig aber auf ihrer linken Seite profilierter. Die Querung nach rechts folgt der Andeutung eines Bandes. Die eckige Nase, die sperrend vom Dachvorsprung herabhängt, kann ich an den Vertikalkan-ten packen und mich an ihr vorbeidrücken, worauf ein « Schlich » auf feinen Leisten zu Alois führt. Der steht auf dem Prunkstück der Bandan-deutung, einem genau schuhgrossen Tritt unterhalb eines Vertikalrisses, in dem zwei Haken stecken. Wir wechseln die Sicherungsschlaufen, ich biege mich etwas zur Seite, Alois hisst sich mit ein paar kraftvollen Bewegungen zu einem nächsten Haken, worauf ich vom Standplatz Besitz ergreife. Ich tue dies nicht mit beiden Fussspitzen, sondern abwechselnd mit einem ganzen Fuss, um den lästigen Knieschiotter zu vermeiden - der einem in solcher Umgebung auch falsch ausgelegt werden könnte! Während ich mich derlei Vorsorge hingebe, kann mein Seilkamerad lange Zeit nie mehr als ein daumengrosses Flecklein seiner Vibramsohlen vor meinen himmelwärts gerichteten Blicken verbergen. Jetzt krallt er sich bald nur noch an einzelnen Felskörnern fest. Ich mache ihn auf einen dicken, rostigen Ringhaken ein paar Meter rechts von ihm aufmerksam. Er antwortet seelenruhig: « Natürlich, ich bin ja schon hoch genug und kann jetzt rechts halten! » Tut's, lässt einen Karabiner einschnappen, folgt einem handbreiten Riss aufwärts und verschwindet durch eine Kerbe der rechten Wandkante. Gedämpft vernehme ich die Aufforderung nachzukommen. Kletterfreudig überwinde ich die erste bauchige Stelle. Jetzt muss ich eine Weile warten, da sich die Seile anscheinend nur langsam und mühevoll einziehen lassen. Alois hilft dem ab und erscheint wieder bei der Kerbe. Erneut spreize und drücke ich mich ein paar Meter höher und glaube nun, den entscheidenden Teil hinter mir zu haben; da will mir auf einmal keine Bewe- gung mehr richtig weiterhelfen. Soll ich Seilhilfe verlangen? Das ist aber nicht ohne weiteres möglich, weil die Seile seitwärts weggehen und abgewinkelt durch Karabiner laufen.Jetzt nur nicht nervös werdenNach zwei tiefen Atemzügen gelingt es mir, die Füsse geschickter hinzustellen, und damit gewinne ich wieder das Vertrauen auf Halt an den Rauheiten des prächtig festen Granites. Wie ich bei der Kantenkerbe die Turmwand verlasse, sehe ich noch, wie Franz auf dem fuss-grossen Tritt seinen Gefährten nachsichert und wie tief unten am Grat die letzten Seilschaften nachrücken.

Wir bewegen uns jetzt nahe der Turmspitze auf einem ostseitig gelegenen Felsbalkon, an dessen Nordende hakengesichert der Ausschlupf zur Höhe möglich ist. Alois mustert das kurze, aber steile und glatte Wändchen und schlägt vor: « Du, da machen wir doch einen Schulterstand; man denkt eigentlich zuwenig an dieses einfache Hilfsmittel !» - So kommt es, dass wir auf der Turmplattform das Trittleiterchen, ohne es gebraucht zu haben, versorgen können. Jenseits einer tiefen Kluft zeichnet sich der Weiterweg wieder in anderer Felsart ab: hell ockerfarbig, weniger steil und vor allem stärker gegliedert, wenn auch vorwiegend in der Vertikalrichtung. Das zweite Seil wird somit entbehrlich und kann hier für alle Nachfolgenden zum Abseilen in die Kluft zurückgelassen werden. Rechts unten auf dem grossen Trümmerfeld stehen schon die Zürcher Kletterer. Sie haben den Gipfel, wie wir es auch tun werden, ostwärts verlassen, sind eine Weile hinter der langen Felsmauer über nackte Plattentrümmer gegangen, durch eine Gratlücke geschlüpft, anschliessend südseitig über gestuften Fels abgestiegen und schauen jetzt zu uns herauf. Dabei erleben sie wohl in der Erinnerung ihre eigenen Kletterfreuden nochmals. Vielleicht photographiert einer von ihnen, und dann kann es sein, dass wir an einem gemütlichen Winterabend im Kreise von Bergbegeisterten irgendwo in Zürich als Pünktchen am Grat auf einer Leinwand auftauchen werden.

Jetzt gehen die da unten weiter. Der neue, wohl von ihnen geschlagene Holzkeil führt das im Hintergrund verankerte Seil an passender Stelle über den Plattformrand und ermöglicht uns so einen klettergartenmässigen Einstieg in die Abseilstelle. Alois nimmt mir den Rucksack ab, was mich ermuntert, später wenigstens wechselweise auch etwas vorauszuklettern. Eine Seillänge scheint mir über alle Massen weit zu führen. Scheinbar reicht das Seil auch noch über diese schöne Platte - sogar noch bis zu jener Stufe -nein, besser gleich noch etwas höher- bis ich endlich ungläubig zurückschaue. Da entdecke ich einen lächelnd mitkletternden Alois, der witzelt: « Gelt, das hättest du dir nie träumen lassen, dass vierzig Meter so weit reichen !» - Er hat recht, wir können zu zweit gehen; die Schwierigkeiten sind vorbei. Aber noch bleibt genussvolle Turnerei an groben Klötzen urgesunden Granites. Die Steilheit nimmt ab, und damit weiten sich die Ausblicke in die herbstlich mild beleuchtete Gebirgslandschaft. Der Gipfel mit seinem schlichten Holzkreuz liegt erhaben ruhig vor uns, und die reichen Freuden dieses Bergtages verdichten sich zur Feierstunde.

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