Über die Germann-Rippe auf das Wildhorn

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Mit 1 Bild ( 18Von Werner Moser

( Zweisimmen ) Wir wanderten taleinwärts, während die sinkende Sonne ihr blasses Rosalicht in die Nordwände warf. Totenstille hielt uns umfangen. Bequem hatten wir die Iffigenalp erreicht. In letzter Minute hatte sich noch Freund Hans zu uns gesellt, und das bewirkte, dass wir den zweistündigen Marsch von der Lenk hierher gegen eine Jeep-Fahrt eintauschen konnten. Es war ein satanisches Vergnügen, zuzusehen, wie das Vehikel in die vielen Serpentinen längs des Iffigenfalles hineinfuhr.

Lampenschein erhellte die Hütte, der wir uns näherten. Und bald setzten wir unsere Füsse unter ihr schützendes Dach. Kerzenduft und Lampenschimmer und der altbekannte Hüttenqualm gaben die heimelige Atmosphäre, die jeder Klubhütte eigen ist wie Hüttenbuch und Holzschuhe I Kurzer Hock, und dann schoben wir uns beizeiten zwischen Strohsack und Wolldecke.

Wie erbarmunglos Wecker sein können! Die schönsten Träume raffen sie einem dahin. Es ist 5 Uhr. Mit Ächzen und Pusten erweisen wir dem Morgen die Reverenz. Gerade früh ist es ja wiederum nicht. Aber wir haben Zeit, Zeit im Überschuss. Wir wollen gerne der Sonne einmal den Vorrang lassen. Mag sie nur ihre wärmenden Strahlen herüberschicken und die Kälte und den Frost aus den Rissen und Scharten nehmen und uns Vorarbeit leisten.

Es ist 6 Uhr, wie wir den wohlbekannten Räumen den Rücken kehren. Wir stolpern über das Geröll aufwärts, queren eine Mulde und vertrauen uns dem Pfade an, der uns nach kurzer Marschzeit auf den Kamm der Moräne führt. Diese verlassen wir an ihrem obern Ende, um seitlich über die Schuttkegel den Rand des Gletschers zu erreichen. Eine dünne Schneeschicht scheint ein gutes Gehen ohne Steigeisen zu gewähren. Bequem, wie wir nun einmal sind, ziehen wir einen Gehversuch mit unsern Vibram-Sohlen einem neuerlichen Rucksacköffnen und Auspacken vor. Am Anfang geht es ganz ordentlich. Bald aber verschwindet diese willkommene Decke, und blankes Eis und vermehrte Abschüssigkeit des Gletschers lassen es ratsam erscheinen, doch zu den Vielzackern zu greifen, wollen wir nicht Gefahr laufen, auszugleiten und in den tief erliegenden Dürrensee zu rutschen! Mit den Steigeisen geht es gut, so dass wir rascher vorwärts kommen. Bald sind wir am andern Ende des Gletschers, und die Eisen können wieder im Innern der Rucksäcke verstaut werden. Die Morgensonne ist schon kräftig in den Himmel gestiegen. Noch geht es über ein Geröllband rechts hinauf, und dann stehen wir am Fuss der « Gennann-Rippe », die eine einzigschöne Kletterei zu werden verspricht. Ein kurzes Seilstück verhältnismässig leichten Kletterns führt zu einem Einschnitt. Die « pièce de résistance » erwartet uns gleich am Anfang. Rechts über eine Platte querend gewinne ich einen Riss, wo sich noch verhältnismässig gute Standmöglichkeiten bieten. Über eine abschüssige, griffarme Platte quere ich waagrecht nach links hinaus auf die Kante. Der Fels ist fest, aber sehr kalt anzufühlen, so dass man gehörig an Die Alpen - 1949 - Les Alpes7 die Finger friert und fast jegliches Gefühl für den Fels verliert. Auf der Kante angelangt, schalte ich eine kleine Erwärmungspause ein. Die Sicherungsmöglichkeiten für den Führenden sind sehr schlecht, und ein halbwegs gekrümmter Haken lässt vermuten, dass man diesem übel begegnen wollte, aber erfolglos. Direkt über mir führt der Weg senkrecht aufwärts. Nach einigen Metern ist die grösste Schwierigkeit überwunden. Es zeigen sich einige Sicherungsmöglichkeiten, so dass ich meinen Kameraden das Nachklettern etwas erleichtern kann. Fritz folgt direkt über die Kante, nachdem er mit Hilfe eines Achselstandes eingestiegen ist. Für den Dritten unserer Seilschaft, den Mediziner Hans, bedarf es keines solchen Manövers, da seine doppelmetrige Recken-gestalt ihm weites Abgreifen und leichteres Herausfinden guter Griffe erlaubt.

Die Sonne hat sich unterdessen zu uns gesellt, und aufmunternd dringt die Wärme ihrer Strahlen durch unsere Kleider. Das Weiterklettern geht durch gutgriffigen, rauhen Fels. Fast übermütig turnen wir von Stufe zu Stufe, halten uns meist direkt an die Kante, da deren Überklettern besonders verlockend ist. Wohl laden die seitlichen Flanken ab und zu zum Ausweichen ein, die Gratkletterei scheint uns aber herrlicher! Langsam, aber stetig gewinnen wir an Höhe und schauen von unserer luftigen Warte aus zu, wie verschiedene Seilschaften über den Wildgrat, der von seiner Wildheit wohl nur noch den Namen hat, ansteigen. Auf dem Gipfel des Wildhorns haben sich die Frühaufsteher schon Rendezvous gegeben. Die Konturen ihrer Gestalten heben sich schemenhaft gegen den mit Zirrusschleiern bedeckten Himmel ab. Wir jauchzen ihnen zu und vernehmen ihr Gegengrüssen.

Platten wechseln mit Steilaufschwüngen und Risse mit Quergängen. Besondere Vorsicht erheischt eine kurze, griffarme Traverse nach rechts über eine abschüssige Platte. Freund Hans reizt der direkte Anstieg; mit seinen langen Armen vermag er weit vorzugreifen und beste Griffe zu finden. Ein breiter Platz mit einem Steinmann, der « Balkon » genannt, lädt zum Rasten ein und die weite Aussicht zu kosten. Wohlbekannte Spitzen und Zacken grüssen zu uns herüber.

Die vorrückende Zeit mahnt wieder zum Aufbruch. Einem Steilaufschwung folgt eine dünne, aufgestellte Platte. Ihr folgt ein besonders luftiges und ausgesetztes Gratstück. Zuerst halten wir uns an dessen rechte Flanke, wechseln dann aber auf die linke über. Zwischen den Beinen durch sehen wir in der Tiefe den Dungelgletscher. Der Fels wird brüchig und ist mit Schutt belegt. Nach einigen Seillängen erreichen wir den Wildgrat, dessen oberes Stück uns zur eigentlichen Nordflanke des Wildhorns führt. Hier seilen wir uns ab, um bequemer und forscher ansteigen zu können. Und bald stapfen wir im weichen Schnee aufwärts durch die Mulde und erreichen über den letzten Anstieg wohlgemut den Gipfel!

Eine herrliche Rundsicht öffnet sich dem Auge: vom Monte Leone bis hinüber zum Mont Blanc stehen sie alle vor uns, diese Bergriesen. Die erhabene Mischabelgruppe, das stolze Weisshorn, das Obergabelhorn mit seiner abweisenden Nordwand, Dent Blanche, Dent d' Hérens und eine ganze Perlenkette von Gipfeln. Montana mit seinen Seen liegt direkt unter uns, das Val d' Anniviers, Val d' Hérens und Hérémence mit dem Stauwehr der Dixence uns gegenüber.

Gewaltsam müssen wir uns von diesem Anblick erhabener Grosse losreissen. Wir steigen durch den weichen Schnee wieder talwärts gegen Gelten. Eine rostige Drahtschlinge, die an einem wackeligen Block hängt, weist uns den Weg über den Felsabsturz hinunter. Mit meinen 86 kg mache ich eine kleine Belastungsprobe. Sie hält. So benützen wir sie und steigen gesichert durch einen Kamin ab und erreichen dessen Ende unversehrt. Wir klettern durch den sehr brüchigen Fels weiter und steigen über den Gletscher ab, oft in lustigem Gleiten, so dass wir rasch den Talweg erreichen, auf den der Herbst schon die ersten bunten Blätter streut.

Für Kletterer bietet der Aufstieg zum Wildhorn über die Germann-Rippe eine befriedigende Bergfahrt. Sie bringt mancherlei Abwechslung, so dass selbst der « verwöhnte Bergsteiger » auf diesem Wege sein ganzes Können einsetzen kann.

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