Über die Motivation zum Klettern

Martin René Maire, Schwarzenburg

Was macht den Klettersport trotz offenbarer Schwierigkeiten und Gefahren so reizvoll?

Die Fragestellung Man kann sich darüber wundern, wie viele Leute wie gern klettern.1 Obwohl dieser Freizeitsport beträchtliche Aufwendungen hinsichtlich Zeit, Geld und Energie erfordert, nimmt seine Anziehungskraft offenbar zu. Daraufweisen unzählige neue Routen, die in den letzten Jahren erstbegangen und ( immer besser ) ausgerüstet wurden, die zunehmende Zahl von Kletterern2 wie auch die steigenden Schwierigkeiten, die sogar in langen alpinen Routen bewältigt werden: Immer mehr Leute klettern mit immer besseren Führern in der Hand an immer besser ausgerüsteten Routen immer schwerer. Unausge-sprochen ist man sich dabei einig: Strapazen und Risiken der Kletterei sind lohnend -fragt man hingegen nach diesem Lohn schweisstreibender und fingerver-schleissender Mühsal in steilem Gelände, bleiben die Antworten merkwürdig diffus. Man klettert , weil man das hat, und was soll überhaupt die Frage, so ist 's nun einmal. Man ist auf der Suche nach schönen Aufstiegen und nicht nach tiefgründigen Antworten. Gut und recht; trotzdem sei hier einmal gefragt: Was macht den Klettersport trotz offenbaren Schwierigkeiten und Gefahren so reizvoll? Was motiviert Menschen, eine strapaziöse und mit viel Einsatz verbundene Tätigkeit auszuüben, die darüber hinaus kaum äussere Anreize oder Belohnungen wie Geld, Status, Macht verheisst? Welches sind elementare Motive, die Kletterer zu ihrer Tätigkeit antreiben, obschon kaum äusserer Gewinn winkt? Gibt es ein inneres Erleben, das Strapazen, Mühsal und Gefahren lohnend macht? Und wie ist es beschaffen?

1 Gemeint ist primär das Felsklettern: Erklimmen kürzerer oder längerer Routen nicht-kombinierten Charakters, bei denen häufig ein eigentliches Gipfelerlebnis entfällt, die Kletterei also um ihrer selbst willen betrieben wird. Die Überlegungen lassen sich aber ein Stück weit sowohl auf kombinierte Touren ( mit Gipfelbesteigung ) auf der einen Seite wie auch auf Wettkampfklettern auf der anderen Seite übertragen ( Wettkämpfe enthalten allerdings in ihrer Anlage kräftige extrinsische Motive wie Prestige, Geld usw. ).

2 Ich bitte die Leserinnen, die weibliche Form immer mitzulesen.

3 Gemeint sind hier vor allem Psychoanalyse und Behaviorismus.

4 Bergler, E.: The Psychology of Gambling. New York 1970 Alpinismus als Masochismus?

Die klassischen Theorien menschlicher Motivation aus der Psychologie sind wenig geeignet, den Antrieb zum Klettersport ( und zu anderen sportlichen Tätigkeiten ) in erfreulichem Licht zu zeigen.3 Nach Ansicht der Freudschen Psychoanalyse ist der grundlegende Zustand des Menschen defizitär: Es gibt nur eine begrenzte Anzahl lustvoller Zustände im Leben, und ihre Erfüllung ist zudem sozial und kulturell erschwert. Ihr Gegenüber bilden vitale Triebe ( vor allem Aggression und Sexualität ), die nie voll befriedigt werden können. Dies führt zu einer ( defizitären ) Grundfrustation, die sich auf verschiedenen Wegen Ausdruck verschafft, unter anderem durch sportliche Tätigkeiten, bei denen überschüssige Energien abgeführt werden können. Solche Tätigkeiten sind dann ( sublimierte Abarten anderweitig verhinderter realer Bedürfnisbefriedigung ) ( wie es in der Psychologen-Sprache etwa heissen würde ). Sind sportliche Tätigkeiten wie im Fall des Alpinismus gar mit einem Risiko verbunden, werden sie in dieser Deutung zur ( masochistischen Abreaktion sexueller und aggressiver Impulse)4. Eine Tätigkeit wie Klettern kann psychoanalytisch als Ausdruck eines Konflikts aufgefasst werden: desjenigen zwischen Grundbedürfnissen ( Bewegung, Erregung, kämpferische Impulse u.a. ) und den sozialen und kulturellen Zwängen, die diesen Grundbedürfnissen keinen Raum lassen ( und sie so - wie im Fall des Alpinismus - ins gesellschaftliche ( Niemandsland ) der Berge abdrängen ). Noch krasser dürfte das Urteil aus der Sicht des Behaviorismus ( Verhaltenstherapie ) ausfallen: Er erklärt menschliches Verhalten weitgehend als Ausdruck von Reiz- und Reaktionsverbindungen, wie sie der russische Forscher Pawlow Anfang dieses Jahrhunderts bei Tierversuchen festgestellt hat. Menschliche Antriebe drohen in dieser Sicht in automatenhafter Mechanik zu erstarren.

Wer selber gern klettert, wird an solchen Deutungsmustern keine Freude haben ( oder sie einfach als ( Unsinn ) ablehnen ). Ich will hier nur kurz einflechten, dass ich Freuds Sicht der Zusammenhänge von Trieben, die in uns wirken, und den sozialen Limiten, die gegeben sind, für faszinierend halte; dass Alpinismus auch eine Kompensation für berufliche, soziale und andere Frustration sein kann, mag mancher Alpinist in stiller Stunde für sich selbst bemerkt haben.

Dennoch vermag weder diese Deutung -und noch viel weniger jene des Behaviorismus - zu überzeugen, weil sie eine sozusagen notorisch negative Sicht menschlicher Motive entwirft. Wer so denkt, wird immer vom Verdacht ausgehen müssen: dem Verdacht, das eine werde nur getan, weil das andere, das Eigentliche, nicht möglich ist. Der Mensch ist hier Gefangener einer Trieb-und Sozialmechanik, die ihn ohne Perspektiven lässt. Demgegenüber lässt sich fragen: Gibt es nicht unverdächtig und tatsächlich so etwas wie Freude als Motivation für Taten im Leben? Und kann diese Freude nicht eine selbständige Realität sein, die nicht von ( unerfüllter Bedürfnisbefriedigung ) und dergleichen abgeleitet werden muss? Wie könnten dann die Motive einer Tätigkeit wie Klettern positiv gefasst werden? Und was wäre allenfalls aus dieser Tätigkeit in den Alltag übertragbar?

Den zwei letzteren Fragen wollen wir uns hier widmen.

Innen und Aussen - Spiel und Ernst I Unterschiedliche Lebensbereiche Die Motivationsforschung unterscheidet zwischen intrinsischen ( von innen kommenden ) und extrinsischen ( von aussen kommenden ) Motiven, die Menschen zu ihren Tätigkeiten bewegen. Intrinsisch sind z.B. Freude, Lust am Tun ohne Fragen nach Lohn usw., extrinsisch sind Motive wie Geld, Status, soziale Anerkennung, Prestige usw. Obwohl unser Leben stark von Gesichtspunkten der materiellen Sicherung und Wunscherfül-lung geprägt ist und die Gesellschaft ein wirksames Motivationssystem in ihnen geschaffen hat, gibt es ganz offensichtlich Lebensbereiche, denen vorwiegend intrinsi-sche Motivation unterlegt ist: Spielen gehört dazu und eben auch Sport in den Formen, die keinen äusserlich nützlichen Ertrag erkennen lassen. Dass Menschen überhaupt solche Tätigkeiten ausüben, hat Philosophen von Heraklit über Plato und Nietzsche bis zu Sartre zur Aussage gebracht, der Mensch sei nur dann im Vollbesitz seiner Freiheit und Würde, wenn er - spiele.

Etwas tun, nur um seiner selbst willen und nicht etwa, weil es andere wollen oder ich sogar muss: Dieser Gedanke hat offensichtlich einen grossen ( und spielerischen ) Reiz. Soll der Berggang demnach zu den Spielen gezählt werden, in denen der Mensch zu seiner eigentlichen Freiheit und Würde findet? Wie auch immer: Jedenfalls erscheint es reizvoll, einmal nach Tätigkeiten zu fragen, die, von gesellschaftlichen Zwängen und Belohnungen losgelöst freiwillig ausgeübt werden.

Fliessen Der ungarisch-amerikanische Soziologe Csikszentmihalyi ( in der Folge als C. abgekürzt ) hat genau dies getan: menschliche Ak-'tivitäten untersucht, die keiner äusseren Notwendigkeit unterliegen und dennoch mit Leidenschaft ausgeübt werden: Klettern, Schachspiel, Rock-Tanzen.5 Sein Interesse galt der Frage: Welchen inneren Gewinn ziehen diese Menschen aus ihrer Tätigkeit? Das Ergebnis seiner Untersuchungen lässt sich für Kletterer in folgenden Punkten zusammenfassen:

- Menschen klettern gerne, weil sie in diesem Sport die Verschmelzung von Handlung und Bewusstsein erleben. Das heisst: Die Tätigkeit ist so intensiv und fordert den Kletterer so stark, dass er völlig in ihr aufgeht und sich selber dabei sozusagen vergisst ( damit dies gelingt, müssen allerdings Schwierigkeit der Route und Fähigkeit des Kletterers aufeinander abgestimmt sein -jeder erlebt dieses ( Verschmelzen ) auf seinem eigenen Niveau ).

- Durch das Klettern wird die Aufmerksamkeit auf einen eingeschränkten Bereich mit klarer Aufgabenstellung konzentriert. Das heisst: Die störende und verwirrende Vielfalt von Gedanken, Eindrücken, Wünschen, Informationen, Anforderungen im Alltag ist angenehm reduziert; es geht ums Hier 5 Csikszentmihalyi, M: Das Flow-Erlebnis. Stuttgart 1987 6 Alle Interview-Zitate stammen aus Csikszentmihalyi, Das Flow-Erlebnis.

7 Allen voran Huizinga, J.: Homo Ludens. Reinbeck 1987 und Jetzt - und darum, den nächsten Griff zu erreichen. Die Anforderungen sind klar, und auch die Rückmeldung über Erfolg oder Misserfolg kommt sofort und unmissverständlich.

- Beim Klettern kann der Kletterer ( immer vorausgesetzt, Schwierigkeiten und Fähigkeiten stehen in einem guten Verhältnis ) die Kontrolle über die Umwelt und über die eigenen Handlungen bewahren. Dies wiederum im angenehmen Kontrast zu Alltagssituatio-nen, die oft von einer Menge unvorhersehba-rer und unbeeinflussbarer Faktoren mitbestimmt werden. So beschreiben viele Kletterer den Strassenverkehr als gefährlicher als das Klettern - auf der Strasse sind zahlreiche nicht beeinflussbare Faktoren für die Sicherheit entscheidend.

- Kletterer haben bei ihrem Sport die Freiheit und Möglichkeit, den Grad der Ernsthaftigkeit oder spielerischen Leichtigkeit von Fall zu Fall selber festzulegen und dabei Freiraum und Selbstbestimmung der Ziele zu erleben - wiederum in Abgrenzung zum Alltag, der mit starren Forderungen und festen Rol-lenzuweisungen Freiräume einzugrenzen droht.

Soweit die Zusammenfassung der Motive, die die von C. befragten Kletterer geäussert haben. In diesen vier Punkten ist zusammengefasst, was C. als bezeichnet: Konzentration auf eine klar umgrenzte Aufgabenstellung eigener Wahl, in der eigene Kompetenz erprobt und erlebt werden kann und Denken und Tun zu einem einzigen Fluss verschmelzen. Dieser findet -wenn er sich einstellt - seinen Ausdruck dann im realen Fluss der Bewegungen, die sich aneinanderreihen wie ohne Absicht, sozusagen eine intuitive Bewegungsantwort auf die Aufgabe, die stets wechselnde Felsstrukturen stellen.

Motive zum Klettern Im besonderen nennen Kletterer als Gewinn, den sie aus ihrem Lieblingssport ziehen:6 ( Man ist dermassen in der Tätigkeit'drin-nen ', dass einem kein davon unabhängiges Ich in den Sinn kommt ...> olle Orientierungspunkte die ich als Individuum im Leben habe verschwinden beim Klettern vorübergehend... wenn ich dann zurückkomme erlebe ich vieles wie neu ...> olles wird automatisch... sozusagen eine Ich-lose Sache... irgendwie wird das Richtige getan, ohne darüber nachzudenken... es geschieht einfach, und doch ist man ausserordentlich konzentriert; man ist sozusagen eins mit dem Fels. ) ( Wenn man klettert, sind einem andere problematische Lebenssituationen nicht bewusst. Es entsteht eine eigene Welt, die nur für sich selbst Bedeutung hat. ) ( Konzentriert klettern heisst die Welt ausschliessen. Wenn diese dann wieder in Erscheinung tritt, stellt sie eine neue Erfahrung dar, fremd und wundervoll in ihrer Neuheit. ) ( Als Anfänger macht man sich während des Kletterns viele Gedanken über die eigene Fähigkeit. Aber nach einiger Zeit tut man es, ohne sich dabei solche Dinge zu überlegen. Man widmet sich völlig den Bewegungen. Es ist ein Sport äusserster Beteiligung. ) ( Manche Passagen benötigen vielleicht nur Augenblicke... und doch verliert man sich aufgrund totaler Beteiligung darin, und der Augenblick ist vom Wind der Ewigkeit durchweht. ) Klettern lohnt sich> Unsere erste Frage war, ob sich die Motive fürs Klettern nicht positiv fassen lassen. Wir können sie jetzt beantworten: Klettern ( lohnt sich ) und macht Freude, weil Menschen in dieser Tätigkeit eine Mischung von Distanz zur Alltagswelt, Konzentration auf ein klar umgrenztes Aufgabenfeld mit körperlichem Lösungsbedarf, Erfahrung von eigener Kompetenz und Selbstbestimmung, aber auch die klare Abhängigkeit von ihren Partnern erleben können. Dieses Gesamterlebnis nährt einen inneren Gesamt-Zustand, den C. als ( Flow-Erlebnis> bezeichnet: Tiefe Zentrierung im gegenwärtigen Tun und Sein und Überschreitung der normalen Ich-Grenzen.

Einen entscheidenden Anstoss zur konzen-trativen Einstellung liefert dabei die Gefahr; wir werden darauf weiter unten noch ausführlicher eingehen.

Eine Zusatzbemerkung: Es fällt auf, wie geradezu poetisch die Äusserungen mancher Kletterer klingen. Kommt darin einfach ihre verborgene Dichterader zum Vorschein? Vielleicht, aber wohl auch noch mehr. Beschreibungen von ( Flow-Erlebnissen> sind nachträgliche Übersetzungen grosser Emotionen - in Ruhe erinnerte Gefühlsstürme, wie man sagen könnte. Das Erlebte in Sprache zu übersetzen ist dabei schwer; wahrscheinlich bleibt bei jedem Bericht über solche Erlebnisse mehr zurück, als die Grenze der Sprache überquert.

Sport und Alltag - Spiel und Ernst II Spielen als Experimentierfeld für das Alltagsleben?

Wenden wir uns jetzt der zweiten Frage zu: Welchen Gewinn können Kletterer aus ihrem Sport für das Alltagsleben ziehen?

Einige Theoretiker'haben schon vor längerer Zeit den Gedanken formuliert, Spielformen menschlichen Lebens ( zu denen ich hier auch das Klettern zähle ) seien unter traditionellen Gesichtspunkten zwar zu ( nichts nütze ), könnten jedoch allem nützen, weil sie als Experimente für neue Lebensformen dienten. Viele Äusserungen menschlicher Kultur haben in dieser Sicht spielerische Ursprünge, und nachdem sie sich im Spiel als erfreulich und gar nützlich erwiesen hatten, wurden sie allmählich auch im ( richtigen ) Leben angewandt. Von diesem Gesichtspunkt aus können Aktivitäten wie Klettern und andere Spielformen menschlicher Existenz gewissermassen Laboratorien sein, in denen neue Erfahrungsformen ausprobiert werden, die später ins Alltagsleben übertragen werden.

Unterschiedliche Stellungnahmen von Kletterern Für unsere Frage gilt es zunächst festzuhalten: Einzelne von C. befragte Kletterer haben an einer solchen Übertragung von Sport-erfahrungen ins Alltagsleben kein Interesse. Einer meint:

( Ich glaube nicht, dass so etwas für mich wichtig ist. Ich klettere nicht deswegen. Mein Hauptgrund für das Klettern ist die körperliche Ertüchtigung. ) Andere dagegen haben ihr Leben aufgrund ihrer Kletter-Erlebnisse ganz verändert. Zwei Männer haben gut bezahlte berufliche Positionen aufgegeben, um als Schreiner in Bergregionen zu arbeiten. Einer davon erklärt:

( Ich hätte im geordneten Leben jede Menge Geld gemacht, aber eines Tages stellte ich fest, dass mir das keine Befriedigung brachte. Ich habe dabei nicht die Art von Erlebnis, die das Leben lebenswert macht. (... ) Ich bin gern Schreiner: Ich lebe jetzt da, wo es ruhig und schön ist, und gehe fast jeden Abend klettern. Ich denke, dass meine Entspanntheit und die Tatsache, dass ich mehr Zeit habe, meiner Familie mehr gibt als die materiellen Vorteile, die ich ihr jetzt nicht mehr verschaffen kann. ) Eine weitere Gruppe von Kletterern bezieht aus dem Erleben als Kletterer einen Anstoss zu einer Art von

Tiefer flow beim Klettern am Fels Normales Leben Kletter-Erlebnis Informationslärm: Zerstreuung und Konfusion der Aufmerksamkeit Nebelhaftigkeit der Grenzen, Anforderungen, Motivationen, Entscheidungen, Rückmeldungen Trennung von Handlung und Bewusstsein Versteckte, unvorhersehbare Gefahren; unbeein-flussbare Ängste Angst, Sorgen, Konfusion Leben nach Stundenplan; Phasen hektischer Anstrengung Zuckerbrot und Peitsche: Wichtigkeit exotelischer, extrinsischer materieller und sozialer Belohnungen; Zweckorientiertheit Dualismus von Geist und Körper Fehlendes Selbst-Ver-ständnis; falsches Bewusstsein seiner selbst; Kampf zwischen verschiedenen Fehlkommunikation mit anderen; Masken, Status und Rollen in einer Hierarchie; falsche Unabhängigkeit oder Abhängigkeit am falschen Ort Unklarheit bezüglich des Ortes des Menschen in der Natur oder im Universum; Abgetrenntheit von der natürlichen Ordnung; Zerstörung der Erde Oberflächlichkeit der Anliegen; Seichte Bedeutungen im Flachland Zuspitzung der Aufmerksamkeit Klarheit und Steuerbarkeit der Grenzen, Anforderungen, Entscheidungen, Rückmeldungen Verschmelzen von Handlung und Bewusstsein Offensichtliche, einschätz-bare und kontrollierbare Gefahren Glück, Gesundheit, Vision Leben ausserhalb der Zeit: Zeitlosigkeit Prozessorientiertheit; Beachtung autotelischer, in-trinsischer Belohnungen; Eroberungen des Nutzlosen Integration von Geist und Körper Verstehen des wahren Selbst; Selbstintegration Direkte und unmittelbare Kommunikation mit anderen in einer Ordnung der Gleichberechtigung; wahre und beidseits akzeptierte Abhängigkeit von anderen Sinn für den Ort des Menschen im Universum; Einheit mit der Natur; Kongruenz der psychologischen und der weltlichen Ökologie Dimension ( dort oben>; Begegnung mit tiefsten Anliegen dem Gewöhnlichen. Ist dieses Kletter-Erle-ben einmal eingetreten, liegt der Vergleich mit dem Alltags-Erleben nahe, und in ihm liegt sicher eine relativierende Perspektive hinsichtlich der Welt, in der man alle Tage lebt.

Muss nun also jedermann klettern, um dieses erlesene ( Flow-Erlebnis ) zu haben? Mit Sicherheit nicht. Was C. nennt, kann auch in alltäglichen und beruflichen Verrichtungen erlebt werden, die eine entsprechende Struktur aufweisen: Konzentrations-anreiz, begrenztes Handlungsfeld, Kompe-tenzerfahrung, Spannung, Handlungsfreiheit. Wem es gelingt, solche Elemente in seinem Beruf oder Alltagsleben zu verankern, der kann auch dort ins kommen.

Politik der Freude Man kann aus C.s Untersuchung weitreichende Postulate für die Veränderung von Gesellschaft und Arbeitsleben ableiten. C. zögert nicht, dies zu tun, und betitelt den betreffenden Abschnitt in seinem Buch mit ( Politik der Freude>. Seine Hauptaussagen: Zunächst müsste anerkannt werden, dass es so etwas wie positive Freude überhaupt gibt - und nicht nur die ungünstige Aufspaltung zwischen dem ehernen Gefängnis der ( normalen Arbeitswelt ) und einer ( Freizeit ), die mehr mit Freiheit zum Konsumverhalten als mit persönlicher Zufriedenheit zu tun hat.

Weiter sollten wir nicht länger glauben, dass nur irrelevantes ( am Fels oder wo immer ) Freude bereiten kann, während das ernste Geschäft des Lebens als schweres Kreuz getragen werden muss. Überhaupt ist für C. die Unterscheidung zwischen Arbeit und Spiel irreführend: Vielmehr gilt es zu unterscheiden zwischen Tätigkeiten, die ( Flow ) ermöglichen, und solchen, die dies nicht tun.

Ein auf dem Spiel aufbauendes Leben könnte genauso normal und erfüllend sein wie eins, das um Arbeit und Leistung kreist. Arbeit sollte in gewissem Sinn spielerische Züge annehmen und so ( Flow> ermöglichen, umgekehrt müsste die Ernsthaftigkeit, die in allen Spielen liegt, mehr Anerkennung finden. Die Aufspaltung der Gesellschaft in eine Leistungs- und eine Freizeitabteilung verheisst nichts Gutes: Während sich die einen in Leistungsstress und Überforderung selbst bestätigen, haben die Freizeitkünstler heimlich ein schlechtes Gewissen, weil sie die Anforderungen des ( richtigen Lebens ) ausschliessen, statt sich ihnen zu stellen. Weder ist Arbeit wichtiger als Spiel noch Spiel unbedingt erfreulicher als Arbeit: ( Was sowohl wichtig ist als auch Freude bringt, ist dies: Ein Mensch sollte seine Fähigkeiten voll in eine Situation einbringen können, wo die Anforderungen das Wachstum neuer Fähigkeiten stimulieren. Ob es sich um eine Ar-beits- oder Spielsituation handelt, ob es um Produktion oder Erholung geht, ist unwichtig. Beide sind gleich produktiv, wenn sie jemand zum'Flow'-Erleben verhelfen.)9 Was man auch immer von C.s Gedanken halten mag, eins scheint sicher: Sport braucht nicht nur die ( wichtigste Nebensache ) zu sein, die sich dem Diktat der hauptsächlichen Lebensbereiche zu beugen hat, sondern kann zum Spiel- und Experimentierfeld werden, auf dem Menschen wichtige Züge ihrer Existenz entdecken und beleben können -wenn sie dies wollen. Es gibt, so C, im täglichen Leben für jeden Menschen viele Möglichkeiten herauszufinden, ob darin mehr Freude möglich ist. Die beispielsweise beim Klettern erlebte Freude kann dabei Leitbild und Vision sein; und es ist doch tatsächlich schade, seine Visionen und Träume nur auf das ( Jenseits der Freizeit ) zu beschränken, statt ihnen im Alltagsleben den Raum zu gewähren, den sie einnehmen können. Freude, das lehrt uns das Klettern am Fels, ist durchaus nicht nur ein genüssliches, irrationales Gefühl - sondern Freude hat entschieden mit Härten und Gefahren zu tun. Umgekehrt sollte die Arbeit nicht nur die Härte der Existenzsicherung an sich tragen, sondern auch ein Stück spielerische Freude für sich in Anspruch nehmen.

Schliesslich gilt es zu bedenken: Sport verliert, wenn er durch Leistungs- und Konkurrenzdenken zu weitgehend versachlicht wird, genau diesen Spiel- und Experimen-tiercharakter und wird selber ( wie immer wieder beklagt ) zum ( Spiegel der Leistungs-gesellschaft ). Nicht umsonst kämpfen viele Spitzensportler auf der mentalen Ebene darum, ihren ( Spass ) an der Sache zu haben - einen Spass, der ihnen zu entgleiten droht, weil viel zuviel ( auf dem Spiel ) steht...

Archaische Bezüge Aufsuchen von Gefahrensituationen Nur am Rand haben wir bisher ein Erle-bensmoment gestreift, das den Alpinismus mehr bestimmt als andere Sportarten: Das Element der Gefahr. Auf dieses Element möchte ich hier noch eingehen.

Man könnte sagen: In der Tatsache, dass Kletterer und Alpinisten sich willentlich und bewusst in einen Gefahrenbereich begeben, zeigt sich so recht die Irrationalität dieses Tuns. Denkt man diesen Gedanken im anfangs erwähnten Sinn des weiter, kommt man zu einer Aussage, die nicht selten Kletterer selber laut oder leise machen und dabei ein Stück Distanz zu ihrem Sport in der Selbstironie entwickeln: Kletterer sind alles Spinner. Denn ihr Vergnügen, ihre Sucht geradezu, ist es ja, sich in den Bereich zu begeben, den jeder vernünftige Mensch meidet: in den Gefahrenbereich. Lasst uns auch hier sehen, ob sich diesem Element Gefahr nicht auch eine positive Deutung abgewinnen lässt.

Vorausgeschickt sei: Wir wollen hier nicht Zeit und Raum mit der Unterscheidung zwischen objektiven und subjektiven Gefahren verlieren. Ich setze sie als bekannt voraus. Hier geht es uns ja einzig um das Erleben von Kletterern bei ihrem Sport, und dieses ist immer subjektiv geprägt. Natürlich hat die objektive Gefährlichkeit einer Route einen Einfluss auf das subjektive Erleben. Über diesen Einfluss will ich mich hier jedoch nicht verbreiten. Es geht mir einzig um das subjektiv immer irgendwie vorhandene Bewusstsein einer Gefahr und um die Frage, was das aktive Aufsuchen einer solchen Gefah-rensituation für Bedeutungen haben mag.

Zwei Wege zum Umgang mit der Gefahr Es gibt zwei Wege, auf denen der Mensch den Umgang mit Gefahren pflegt.10 Sie sind einander genau entgegengesetzt, und ihre Ergebnisse sind darum auch verschieden. Er hat einmal die Gefahr von sich zu entfernen gesucht, grosse und abgesicherte Räume zwischen sich und sie gelegt, die überschaubar sind und sich bewachen lassen. ( Dieses Verhalten prägte die Menschen in der Zeit vor dem Aufkommen des Alpinismus, als die Berge ihrer Gefahren wegen nur lokal betreten wurden. ) Auf diesem Weg schützt sich der Mensch vor der Gefahr, er bannt sie soweit möglich mit allerlei Schutzvorrichtungen.

Der andere Weg ist der, auf den der Mensch immer stolzer war, und die Überlieferung aller Zeiten ist voll des Prahlens und Sichrühmens über ihn: Er hat die Gefahr aufgesucht und sich ihr gestellt. Er hat sie so nahe wie möglich an sich herankommen lassen und alles auf die Entscheidung gesetzt. Von allen möglichen Situationen hat er diejenige der Ausgesetztheit herausgegriffen -und zuweilen auf die Spitze getrieben. Wie es auch im einzelnen dabei zuging, die Absicht war immer auf Gefahr gerichtet und auf Unaufschiebbarkeit der Entscheidung. Dies ist, um es ein wenig archaisch auszudrücken, der Weg des Helden. n Was will der Held, für unseren Fall gegürtet mit Magnesium und Expressschlingen, sehnig und athletisch, Entschlossenheit im Blick? Worauf ist er wirklich aus?

Der innere Gewinn aus dem Weg des Helden Zunächst, wie wir gesehen haben, auf ein inneres Erleben, das wir nach C. genannt haben, das sich durchaus positiv fassen lässt und sogar Anstösse für die Umgestaltung von Arbeits- und Alltagsleben liefern kann; und nicht einfach, wie es eine Betrachtungsweise unter dem Vorbehalt des nahelegen könnte, auf Ruhm und Ehre.

Und dann geht es ihm, wie ich glaube, noch um etwas Weiteres, Tieferes... Um das Gefühl der Unverletzlichkeit, das sich im Überstehen von Gefahren in rascher Steigerung gewinnen lässt.

Die Situation, in der sich der Held nach bestandener Gefahr befindet, ist die des Überlebenden. Dieses und jenes hat er während seines Aufstiegs durchgestanden und überstanden, und es ist ihm nichts geschehen. Er hat die Gefahren aktiv bewältigt und dabei an Macht, Kraft und Kompetenz gewonnen. Und gestärkt wird er sich an das nächste Problem wagen, wieder und wieder, schwerer und schwerer. Wer die Augenblicke des Überlebens häuft, der kann das Gefühl von Unverletzlichkeit erlangen. Und er hat dabei die Entscheidung um die anstehende Gefahr nicht hinausgeschoben, indem er sich hinter allerlei Schutzmechanismen barg, sondern er hat sie aktiv bewältigt.

Natürlich lässt sich fragen: Warum denn diese Härte und Selbsthärte? Doch das ist wieder die Frage des Verdachts. Ihr wollen wir hier nicht nachgehen. Statt dessen vergleichen wir mit Verhaltensweisen von sogenannt primitiven Völkern, wie sie mangels besserer Bezeichnung genannt werden; man könnte sie auch ( archaische Menschen ) nennen.

Sammeln von Macht-Potential Als Mana bezeichnet man in der Südsee eine Art von übernatürlicher und unpersönli-cher Macht, die auf Menschen übergehen kann. Sie ist sehr begehrt und lässt sich in einzelnen Individuen anreichern. Ein tapferer Krieger kann sie ganz bewusst erwerben. Das Mittel zu ihrem Erwerb ist der überlebte Kampf. Ein Mann, der sich zum Kampf stellt, weiss, was er riskiert; wenn er sich keiner Überlegenheit bewusst ist, riskiert er am meisten. Der das Glück hat zu siegen, fühlt einen Zuwachs an Kraft und stellt sich um so eifriger dem nächsten Gegner. Nach einer Reihe von Siegen wird er das gewinnen, was dem Kämpfenden das Kostbarste ist: ein Gefühl der Unverletzlichkeit.

Nun ist ihm, als hätte er einen anderen Leib, nicht mehr nackt und anfällig, sondern durch die Augenblicke der durchstandenen Gefahren gepanzert. Schliesslich kann ihm nichts mehr etwas anhaben, er ist ein Held. Er hat in überwundenen Gefahren all die Macht gesammelt, deren er habhaft werden konnte.

Auch in der Welt des Alpinismus sind solche Helden bekannt, denen offenbar kein Berg der Welt etwas anhaben kann ( eine der letzten Publikationen R.M.essners heisst übrigens - kaum zufällig - Überlebt ). Um sie ranken sich allerhand Mythen, und begegnet man einem von ihnen leiblich, so ist man erstaunt, wie ( normal ) sie aussehen. Doch man weiss es: Ihr Leib enthält eine Sammlung von Macht-Taten, von denen man selber träumen könnte, wenn man es wollte.

Nun: Es scheint mir nicht verfehlt, auch in uns modernen Zeitgenossen und in unseren alpinistischen Taten archaische Momente anzunehmen. Sie bestehen zusammengefasst darin, dass im Überleben gefahrvoller Situationen ein Macht-Potential gesammelt wird, das einerseits Ausdruck aktiver Auseinandersetzung mit Gefahr ist und andererseits zu immer neuen und schwereren Aktionen befähigt. Der ( Kampf mit dem Berg ) ist dabei ein elementares Laboratorium des Überlebens. Tritt diese Situation des Überlebens gehäuft ein, entsteht ein Gefühl der Unverletzlichkeit. Hier mag ein Moment eines ( Hel-denweges ) liegen, der für uns moderne Zeitgenossen noch zugänglich ist.

Selbstüberschätzung und ihre Grenzen beim Klettern Begriffe wie ( Unverletzlichkeit ) und Ausdrücke wie ( durch Gefahr gepanzerter Leib> wecken allerdings auch ungute Assoziationen: die an Literatur faschistoider Provenienz, in der der Mensch ( vorzugsweise Mann ) aus ( Stahlgewittern gestählt ) hervortritt... In solchen Wendungen liegt nach meinem Gefühl mindestens auch die Note einer rauschhaften Selbstüberschätzung. Das Erleben von Gefahr erscheint mir beim Klettern weitaus ambivalenter. Da kommen Widersprüche zusammen wie etwa - Erleben der eigenen Grösse und Kleinheit zugleich - Erleben von Mut und Angst im Wechsel oder sogar durchmischt - Erleben von Kompetenz und Ausgeliefertsein und ähnliches.

Der eigentliche ( Heldenweg ) könnte dann auch darin bestehen, diese ( Widersprüche ) des Erlebens in die eigene Persönlichkeit zu integrieren und dabei zu einem Stück neuer Identität zu finden, die Demut und Stolz zugleich umfasst.

10 Zu den folgenden Überlegungen vgl. Canetti, E.: Das Gewissen der Worte, Frankfurt 1989; ders.: Masse und Macht, Frankfurt 1992 " Dieser

Nicht umsonst kämpfen viele Spitzensportler/in-nen auf der mentalen Ebene darum, ihren an der Sache zu haben.

Zum Schluss sei darauf hingewiesen: Diese wie jede Deutung hat Modellcharakter - und keine kann beanspruchen, die ganze Realität wiederzugeben. Die Wirklichkeit unserer Welt und unseres Erlebens ist immer wesentlich komplexer, als solche Modelle wiedergeben können. Zum Abschluss und Anstoss deshalb hier ein Zitat, das nochmals einen ganz anderen Rahmen der Deutung alpinistischer Tätigkeit eröffnet:

12 12 Canetti, E.: Das Gewissen der Worte, 25

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