Über vulkanische Bergpfade auf den Canaren

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VON M. M. BLUMENTHAL ( MINUSIO-LOCARNO )

Mit 19 Bildern und 4 Karten Ziel und Ort Betrachtet man eine nach Maßstab hinreichend grosse Karte Afrikas, so sieht man im Nordwesten, dort, wo die massige Rundung des Kontinents in den Atlantischen Ozean vorstösst, wie der wenig gegliederten Küste gruppenweise kleine - im Verhältnis zum Kontinent - Inselgruppierun-gen vorliegen. Es sind dies zwischen dem 27 ½ und 29 ½ Breitengrad der Archipel der Canaren, dann 430 km weiter nördlich Madeira mit einigen kleineren Anhängseln und weit über den Wendekreis hinausgreifend im Süden die Kapverdischen Inseln. Alle diese ozeanumspülten Eilande sind vulkanisch und haben ein mildes, fast tropisches Klima und sind deshalb in ihren entwickelteren Gebietsteilen der Zufluchtsort für manch einen, der ständigen Frühling und anregendes Naturer-fassen sucht. Und wer dabei die Bergfreude voranstellt, der kann auf den Canarischen Inseln Objekte finden, die seine Wissbegier oder seinen physisch-sportlichen Betätigungsdrang zu ständiger Weiterentwicklung anregen.

In den vorliegenden Blättern sollen insbesondere die Canaren zur Sprache kommen, die der Verfasser nebst Madeira während eines guten Winterhalbjahres ( 1957/1958 ) ziemlich ausgiebig beging. Beim Durchstreifen ihrer Höhen und Tiefen frugen wir uns, wie sie entstanden, emporgewachsen sind bis in die Schneeregionen, wie und welches organische Leben sie auf sich tragen, wie sie dasselbe mit ihren Lavaergüssen bedrängen und wie sie wieder zerfallen. Diesen Spürwegen setzen wir eine kurze Betrachtung über ihre Jahrmillionen zurückreichende Entstehungsgeschichte voran.

Der Werdegang der vulkanischen Inseln Wir gehen von dem eingangs zur Hand genommenen Kartenbild aus. Gewiss sieht es nicht viel anders aus, als ob die Inseln des Canarischen Archipels abgesprengte oder losgebrochene Stücke der Masse des afrikanischen Kontinents wären. Ohne Zweifel besteht eine ursprüngliche, nicht mehr feststellbare Bindung der lose verstreuten sieben Inseln mit dem zusammenhängenden Festland im Osten, dem sie sich in ihrem nächsten Glied bis zu 100 km nähern ( Fig. 1 ). Und denken wir uns in das Kartenbild die Topographie der untermeerischen Zusammenhänge hinein, den Verlauf der Tiefenlinien ( Isobathen ), dann zeigt sich ein Zusammenhang mit dem afrikanischen Kontinent noch deutlicher. Freilich müssen wir uns an die Tiefenkurve von 3000 m halten. Folgen wir dem Verlauf derselben, dann wird der Untergrund des Inselreiches zu einem weit nach Westen in den Ozean reichenden breiten Sporn. Erst an dessen Westrand, wo die Inseln La Palma und Hierro liegen, fällt dann dieser Inselsporn ( Canarensporn, s.Fig. 1 ) zu den grossen Ozeantiefen von 4000 bis 5000 m ab. Indessen bestehen zwischen den einzelnen Inseln, also im Rücken des Sporns, Senken von über 2000 m Tiefe.

Auf diesem afrikanischen Westsporn, der wohlverstanden erst in 3000 Meter Tiefe liegt und fast 500 km in den Ozean hinausreicht, lagern die einzelnen Inseln, aus dessen Rücken emporwachsend 6 Die Alpen - 1960 - Les Alpes8 1 und in ihrem Höhepunkt sogar noch 3700 m über Meer aufragend. Ein ganz respektables Relief ist hier also Afrika vorgelagert. Im Westen beginnend sind dies La Palma und Hierro, dann die fast kreisförmige kleinere Insel Gomera, von welcher man an luftklaren Tagen auf die grösste und an Hochgebirge reichste Insel Tenerife blickt, dann östlich von derselben die wie ein zugespitzter Schild sich ausnehmende Insel Gran Canaria und als östlichster Abschnitt die zwei fast zu einer Einheit verbundenen Inseln Fuerteventura und Lanzarote. ( Fig. 1. ) Alle diese Inseln sind aus vulkanischen Ergüssen und Auswürfen aufgebaut. Sie sitzen als vulkanische Gebilde dem genannten Sporn auf, der als tiefstes Aufbaumaterial sehr wahrscheinlich ein älteres Grundgebirge enthält, das geologisch dem afrikanischen Kontinent eng verwandt ist. In welcher Tiefe die vulkanischen Massen diesem Kern aufliegen, wissen wir natürlich nicht, vielleicht beginnt die vulkanische Aufschüttung in 2000, wahrscheinlich tiefer, in 3000 oder mehr Meter.

Der nichtvulkanische Sockel oder Kern - im Vergleich zu Afrika ein paläozoischer oder prä-paläozoischer - ist für sich ein gegliederter, versunkener Rumpf, zerschnitten durch ein Bruchsystem, das eben seine Tiefenlage bedingt, und eine enorme Schwächung des Zusammenhalts dieses Teiles der Erdkruste mit sich gebracht hat. Diese Schwächung ist es, die entlang gewissen « wunden Stellen », vielleicht an Kreuzungspunkten obgenannter Bruchlinien oder in deren Nachbarschaft, erlaubte, dem unter gewaltiger Spannung stehenden Schmelzfluss, dem Magma tieferer Erdscha-len, nach oben durchzubrechen. In an Stärke wechselnder Folge, erst untermeerisch, brachten die vulkanischen Eruptionen den magmatischen Stoff zur Höhe, die Laven und die durch Explosion aus ihnen hervorgehenden Lockerprodukte, die um einen zentralen Förderkanal herum stets anwuchsen, sich erhöhten, Kegel, Rücken oder weite Flächen formten, kurz ein vulkanisches Massiv aufbauten. Wie einmal diese Aufhäufung aus der Tiefe die damalige Meeresoberfläche erreichte, war die Geburt einer Insel vollzogen, und der Prozess ging über das Meeresniveau hinaus weiter. Im Kampf mit dem angreifenden Meer und dem alsbald beginnenden Abtrag, dann aber wieder gestärkt durch neue Zufuhr erwuchs das heutige Relief der Inseln und über Jahrmillionen hinweg die heutigen Vulkanberge. Dieses Spiel der Kräfte dauert bis heute an, wenn auch die Potenz des Anwachsens arg ins Hintertreffen geraten ist und der Abtrag bei weitem vorherrscht.

Seit Hunderten von Jahrtausenden hat organisches Leben von diesen aus dem Meer geborenen Inseln Besitz ergriffen '. Auf die noch heute jeweilen zuerst sich ansiedelnden Flechten kam die weitere Vegetation und, im Laufe des Zerfalls der geförderten Produkte, der Laven, als Nachzügler zuletzt dann auch der Mensch, ihm vorangehend Tiere, beide gewiss von Afrika her und nicht von einem sagenhaften, unbewiesenen atlantischen Kontinent, der Atlantis, herkommend.

Die Inseln « gestern » und heute Der abweisende, lebensfeindliche Zustand vulkanisch gewordenen Bodens ist den aus dem Meere erstandenen Inseln schon seit vielen Hunderten von Jahrtausenden verlorengegangen. Wann der Mensch kam, wissen wir nicht, und die vorhistorische Zeit beginnt für die Canaren in einer relativ wenig weit zurückliegenden Epoche, weil archäologische Funde fehlen. Als die Ureinwohner der Inseln gelten die zu den Stämmen der Guanchen zusammengefasste Bevölkerung, die bereits an- 1 Das Quartär, während welchem die letzte starke Tätigkeit auf den Inseln sich vollzog, wird in seinem Beginn bis auf eine Jahrmillion zurückdatiert. Die einzigen geologisch-stratigraphisch genauer feststellbaren, bergauf bauenden Lavaergüsse ( auf Gran Canaria ) gehen auf das Mittelmiozän zurück. Das Miozän wird in eine Vorzeit von 12-29 Jahrmillionen verlegt - und dabei sind wir erst in der jüngsten geologischen Vergangenheit.

wesend war, als die Spanier kamen. Woher diese Ureinwohner herkamen, ist eine noch eher unentschiedene Frage. Man glaubt, es handle sich um einen berberisch-mauretanischen Stamm aus Nordafrika, wofür auch die Ähnlichkeit der Sprache mit dem Schlehu des Atlas einen Hinweis abgibt. Die Guanchen waren, wie die anthropologisch-ethnologischen Forschungen erzählen, langschädelige Menschen ( Dolychocephalen ) von meist grossem Wuchs und eher heller Hautfarbe, deren Merkmale aber schon, weil vermischt, im allgemeinen uneinheitlich waren. Die meist echten Punktlinie = Tiefenlinie ( Isobathe ) von -3000 m Ca. Sp. = Canarensporn ( untermeerisch ) Guanchen bevölkerten Tenerife und standen kulturell auf dem Stadium des Neolithikers; sie kannten noch kein Metall und wurden dem Cro-Magnon-Menschen, der am Ende der Eiszeiten in Mitteleuropa lebte, anatomisch-kulturell ungefähr gleichgestellt. Auffällig ist, dass diese übers Meer hergewanderten Menschen ganz die Beziehung mit dem Wasser verloren und ein ausgeprägtes Binnenvolk wurden, das in Lavahöhlen oder ausgegrabenen Höhlenbehausungen lebte; sie besassen aber schon eine ausgebaute Stammesorganisation mit Fürsten an der Spitze. Zur Erinnerung an diese mit Stumpf und Stiel ausgerotteten oder dann mit dem Eroberer verschmolzenen Guanchen braucht man heute gerne Guancho-Namen für moderne Einrichtungen, wie Hotels etc.

Diese Guanchen waren die Herren der Inseln, als das Römerreich seine Fühler nach Westen ausstreckte. Die Römer mussten von dieser fernen Welt die besten Eindrücke aufgenommen haben, da sie von den « insulae fortunae » sprachen. Aber auch der Name Canaria ( Hundeinsel ) war schon dem älteren Plinius bekannt, was vielleicht auf die starke Hundehaltung der Guanchen zurückzuführen sein könnte. Mit dem Niedergang des Römerreiches kamen die « Inseln der Glückseligen » in Vergessenheit, und nur die Besuche der Genueser und schottischer Missionäre und besonders der Araber werden aus dem Mittelalter gemeldet. Wie dann aber das Jahrhundert der Entdeckungen herannahte, wurden die Spanier gewissermassen Neuentdecker und so die Herren des Landes. Die Inbesitznahme durch die « Conquistadores » im Verlaufe der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts ging aber nicht ohne Gegenschläge vor sich; denn die Guanchen waren wachsame und ausdauernde Gegner - der Ort MatanzaSchlächterei ) an der Nordküste und Victoria erinnern an spanische Niederlage und endgültigen Sieg. Im Jahre 1496 war die Eroberung abgeschlossen, und das Land wurde ein Gebietsteil Spaniens. Seine völlige Hispansierung bewirkte, dass im Westrand Afrikas ein vollkommen assimiliertes Stück Mutterland besteht, das heute durch seine grossen Pflanzungen, seine entwickelte Fremdenindustrie, durch seine Textilproduktion und vieles andere einen guten Ruf besitzt. Die 7615 km2 Oberfläche umfassende Inselgruppe ist heute eine autonome Provinz ( Malcomunidad = Commonwealth ) und hat Freihäfen, was dem Fremden den Eintritt ohne Devisen- und Zollplackereien ermöglicht.

Ausgerüstet mit einem bescheidenen Schriftensack über das Wesen der Canaren, ergreifen wir nun den Wanderstab ( der Eispickel mag ruhig zu Hause bleiben ), der uns über vulkanische Berge und Täler führen soll.

Gezackte Berge und tiefe Schartentäler auf der Halbinsel Anâga ( Tenerife ) Fast jeder der vielen Nordländer ( und dazu gehört jeder Europäer ), der auf diesen ozeanischen Inseln Licht und Sonne oder bergsteigerische Betätigung sucht, setzt den Fuss in einer der beiden Hafen- und Großstädte, Sta. Cruz de Tenerife oder Las Palmas ( Gran Canaria ) an Land, von wo er bei den wöchentlich mehrmaligen Schiffsverbindungen leicht alle andern Inseln in sein Programm aufnehmen kann. Wenn er in Tenerife landet, so bleiben während des letzten Stückes Meerfahrt die landhungrigen Blicke an einer schroffen, von tiefen kleinen Tälern zerschnittenen Küste haften: diese gehört mit ihren zackigen kleinen Bergen zur Halbinsel Anâga ( Fig. 2 ).

Die Insel Tenerife ist die grösste unter den Inseln ( 2350 km 2, ca. das Gebiet der Kantone St. Gallen und beider Appenzell ) und gleicht in ihrem Grundriss einer knorrigen Keule. Den Stiel dieser Keule bildet die östliche, schmale Halbinsel, die Landschaft Anâga, die einen Guancho-Namen trägt. Ganz anders ist hier die Geländegestaltung, als man sie sich in einem vollkommen vulkanischen Land etwa vorstellen würde. Keine grossen Kegelberge ragen in den Himmel. Tiefgehender Abtrag hat hier in eine viele hundert Meter dicke Aufeinanderfolge von basaltischen, alten Lavadecken und ihre bunten zwischengelagerten Lapilliserien tiefe, schartengleiche Täler eingeschnitten, zwischen denen oft mauergleiche Zacken und Grate stehengeblieben sind. Platz für ebenes Land und breitflächigen Kulturenanbau gibt es mit Ausnahme einiger schmälster Streifen an der Küste keinen. Ungefähr durch die Mitte der maximal 13 km breiten Halbinsel zieht von W nach O der Scheitel-kamm, von dem nach den Nord- und Südküsten felsige Grate absteigen. Wenn auch die absoluten Höhen gering sind, so gewinnen die kleinen Berge doch alpine Gestalt, was bei der Meeresnähe bald erreicht ist und, falls hier ein Schneekleid sie zieren würde, noch stärker zum Ausdruck kommen würde. In der Scheitelzone ragt die abgerundete Kulmination nur bis 1024 m Höhe, andere, und gerade die bergsteigerisch etwas besser qualifizierten Zacken, wie der Roque de Taborno ( Abb. 1 ) oder die Fortalezza, erreichen nur 734und 730 m. Wenn sonst die Verkehrslinie einem Tale folgt, so ist sie hier als Autostrasse auf dem Scheitel angelegt ( Teilstücke liegen freilich auch an der Küste ), und steigt man zu den wenigen, freundlich über tiefere Grate oder nächst den Küsten-stufen hingestreuten kleinen Siedlungen in die Tiefe, so beginnt eigentlich erst die « Gratwanderung » mit dem Abstieg.

Trotz des geringen Raumes ist die bergerfüllte Halbinsel in manchen Teilen noch recht gut besiedelt. Ein Ausblick von der Scheitelstrasse lässt fast in jeder Talrinne oder auch vielfach über die schmalen Grate verstreut, vielmals lose agglomeriert, die weissen « Hausklötzchen » erkennen. Darin wohnen freundliche Bauern oder Händler, die dem Berggänger, wenn etwa der eingebrochene Abend ihn nicht mehr nach der Stadt zurückkehren lässt, Obdach gewähren. Dann bekommt er vielleicht auch einen Löffel des « Gofio » angeboten, welcher für die Bauern schon seit der Zeit der Guanchen das Hauptgericht ist. Dies ist ein durcheinandergerührter, etwas angewässerter Teig aus leicht angerösteten Körner- oder Hülsenfrüchten ( Weizen, Roggen oder Gerste ). Eine solche Nachtstation ist nötig, wenn man von der Scheitelstrasse nach dem an der Nordküste gelegenen malerischen Taganana ( Abb. 3 ) und von dort nach dem östlichen Endstück der Halbinsel ( Roque Bermejo, Leuchtturm ) sich begeben will. Eine grotesk-malerische Küste ( Abb. 4 ), eine fremdartige Vegetation, Einsamkeit und der weite Blick über den Ozean machen eine solche Anâga-Wanderung zu einem Erlebnis. Doch dieses wäre nur halb, wenn wir ohne Aufmerksamkeit auf Aufbau und Vegetation durchs Land gehen! Deshalb sei hier mit einigen Strichen ein gedrängtes Bild davon gegeben!

Aussen am westlichen Rande, also eigentlich schon ausserhalb der Anâgaberge, sehen wir uns vergeblich nach irgendeiner vulkanischen Esse, einem Kegelberg mit einem Kraterwall um, von welcher das Aufbaumaterial der Halbinsel herkommen könnte. Dieses besteht aus einer Aufeinanderfolge von 1 bis 5, ja bis 20 m dicken Basaltlavabänken, diese voneinander geschieden durch vulkanische Lockerprodukte, welche die durch Explosionen verstreuten Lapilli- oder Aschenschichten ( Tuffe ) umfassen. Die Gesamtheit dieser Lagen sehen wir in den Talflanken von Norden nach Süden und von Süden nach Norden ansteigen, so dass die Mitte der Halbinsel einem breiten, flachen Gewölbe entsprechen muss. Dieses ganze Schichtsystem, das einem sedimentären Gebirgsaus-schnitt nicht unähnlich sieht, ist des weiteren von einer Unmenge vulkanischer Gänge durchsetzt. Niemand wird diese wie Mauern das Schichtsystem durchsetzenden Gebilde übersehen, die einem nachfolgenden Durchbruch gleichartiger oder auch anders zusammengesetzter Lava entsprechen und wie die Eisenteile eines armierten Betons das Gebäude gewissermassen zusammenhalten. Manche der scharfen Zähne oder Rippen, die den Bergen aufgesetzt sind, rühren von diesen Gängen her, die sich durchschnittlich auf Distanzen von 5,15 oder 25 m zeigen. Dickere Stöcke von porphyrischer Zusammensetzung bilden massive kleine Felsmassive ( s.Roque de las Animas in Abb.4 ). Da, wie oben gesagt, die vulkanischen Zufuhrkanäle für die ausgedehnten Basaltdecken nicht erkennbar sind ( theoretisch angenommen, können als solche auch die eben erwähnten Gänge, wenigstens zu einem Teile, funktioniert haben ), ist zu folgern, dass sie wohl ausserhalb der Insel liegen, die Decken von grossen flächenweiten Ergüssen herrühren und das Ganze dann gewölbemässig etwas aufgestaut wurde.

Noch in vielfältigerer Weise als für den Geologen ist Tenerife ein Dorado für den Botaniker, besonders für den Pflanzengeographen, und es ist deshalb seit mehr als einem Jahrhundert intensiv durch die Forschung beackert worden. Wie nicht leicht anderwärts zu finden, zeichnen sich in seinen Berghängen die übereinanderfolgenden verschiedenen Vegetationszonen ab, jede mit ihrer charakteristischen Pflanzengesellschaft. Diese stehen in inniger Abhängigkeit von Temperatur, Niederschlag, Winden und Feuchtigkeit. Die Gesamtheit der Canaren liegt innerhalb der Zone der Passatwinde, die in geringeren Höhen ( bis etwa 1700 bis 2000 m ) aus NO bis NW wehen, während in höheren Zonen der Antipassat aus entgegengesetzter Richtung und als trockener Wind bläst.

Je nach Lage eines Landstriches zu diesen Winden, sind Feuchtigkeit und Niederschlag sehr verschieden. Längs Anâgas Nordexposition gibt es z.B. in Taganana 800 bis 900 mm Niederschlag im Jahr, während im Windschatten der hohen Berge, z.B. an der Südküste ( Punta Abona ), nur ca. 150 bis 200 mm Regen fallen ( Sta. Cruz empfängt ca. 237 mm ). Aus diesen verschiedenen Grossen ergeben sich auch allerhand klimatische Unterschiede und auseinandergehende Vegetationstypen. So wirkt sich dies in der Höhenlage der zu unterscheidenden Vegetationszonen aus. Mit variablen Grenzen kann man auf Tenerife ungefähr die folgende « Übereinanderschichtung » der Pflanzengesellschaften auseinanderhalten, die auch auf andern Inseln mit verschiedenen Varianten wiederkehrt:

1. Zwischen 0- 700 m: die Stein- und Steppentrift, reichlich bedacht mit sukkulenten Pflan- zenarten; durch den Menschen ist dieser Gürtel stark verändert, da dank der Bewässerungen hier die Kulturgewächse gedeihen ( ausgedehnte Bananenkultur etc. ); 2. Zwischen 700-1000 m und darüber: der feuchte Lorbeerwald, die « zona lauro-silva » der Spa- nier; Baum- und Strauchvegetation in grosser Üppigkeit von fast tropenähnlicher Dichte; 3. Zwischen 1000 und 1500 m: die Erica-Macchie = « Brezal », oft durch den Laubwald unter- drückt oder aber in diesen ( längs Tobein ) hineindrängend; Erica meist als Baumform vorwiegend; 4. Zwischen 800-2100 m: Pinienwald, der « Pinal » der Eingeborenen, mit der canarischen Kiefer ( Pinie ); 5. Zwischen 2000-2600 m: die Hochlandsteppe, vorwiegend mit dem « Rétama »-Strauch, dem blattlosen Ginster; 6. Zwischen 2600-3700 m: eine Art Nivalzone mit Winterschnee und wenigen Pionierpflanzen.

Fig. 2: Die vulkanischen Einheiten der Insel Tenerife ( In Anlehnung an die geologische Karte von H. Hausen ) 1Alter Lavakomplex von Anäga und Teno 2Alter Lavakomplex des Verbindungsstückes des Cumbre de Pedro Gli 3Vulkanischer Unterbau des Canadas-Vulkans 4Ringwall der Canadas-Caldera, Punktreihe = möglicher Verlauf unter Überdeckung 5Postcalderische Lavadecken der Südflanke sowie zerstreute Lockerprodukte ( des Canadas-Vulkans ) 6 =. Lavakomplex der zentralen Vulkane ( Viejo und Teide ) 7Lavakomplex von La Laguna 8Lavakomplex von Orotava und Buenavista 9Parasitärvulkane 10 = Rezente Lavaströme von Chahorra, Chinyero und Garachico 11= Hauptstrassen ( Autostrassen ), Städte und Dörfer ABKÜRZUNGEN:

aAltavista ( RifugioL. Mat.La Matanza G. Montana Guerra ChChahorro-VulkanPort.El Portillo T. Caldera de T. Pico de Teide Cr.Tab.Cruz de V. Pico Viejo For.FortalezzaOrg.Los Organos Fig. 2 a und 2b: Situationsplan der Calderen auf La Palma und Hierro Versetzen wir uns nach diesem allgemeinen Ausblick wieder zurück auf die Halbinsel Anâga. Da ihre Berge nur bis 1000 m ansteigen, kommt der Pinienwald ( Zone 4 ) nicht recht zur Entwicklung, und als Bestand der höheren Grate und Rücken tritt der Laubwald oder die Erica-Macchie auf. Fast die Gesamtheit der Gehänge ( Süden ) gehört der xerophytischen Pflanzengesellschaft ( Zone 1 ) an, welche mit ihren exotischen Formen den eigentlichen Pflanzenhabitus des Landes bestimmt. Für Botaniker hat diese Zone noch dadurch ihren besonderen Reiz, dass sie die grösste Zahl der Endemismen enthält, das sind die Typen, die sich allein auf den Canaren entwickelt haben und in Europa erst weit zurück in der tertiären Flora ihre Vorfahren und Verwandten haben.

Wer sich anschickt, pfadlos die felsigen Steilhänge von Anâga zu durchstreifen, tut gut, seine Hände in den Hosentaschen zu behalten, denn allzu leicht bekommt er einen Stachel- oder Dornen-stich oder hat einen klebrigen Milchsaft auf der Hand. Damit ist schon angespielt auf zwei endemische Typuspflanzen der canarischen Hangfiora, den « Cardon » und die « Tabaiba » ( Abb.5 ). Beide, deren einheimischer Name hier steht, sind Wolfsmilcharten, aber in einem Kleid, das wir von dieser Pflanzengattung zu sehen nicht gewohnt sind. Beim ersten Antreffen des über alle Gehänge der untersten Zone verstreuten « Cardon » ( Euphorbia canariensis ) könnte man zuerst glauben, irgendeinen mexikanischen Kaktus vor sich zu haben. Seine stachelbewehrten, 4- bis 5kantigen, graugrünen, kerzenförmig aufragenden Stengel tragen im Frühjahr kleine, rote Blüten. Die « Tabaiba » ( Euphorbia regis jubae ), obwohl zur gleichen Gattung gehörend, ist ganz anders gebaut: es ist ein lockerer, mit hellgrünen Blattrosetten versehener Strauch, der sich gerne in den Schutz des stärkeren Bruders begibt und aus dessen stacheliger Festung hervorwächst ( Abb. 5 ). Die grüne Tüpfelung, die alle Abhänge der Anâgaberge überdeckt, rührt von den Einzelstauden der « Tabaiba » her. Da wir beim Hervorheben einiger fremdartiger Gewächse sind, so müssen wir darunter auch noch die mächtig grossen und grünen Rosetten einer Sempervivumart ( Hauswurz ) erwähnen. Man sieht diese protzigen Blattrosetten in verschiedenen Arten, wie angeklebt an nackten Felswänden, so dass diese aussehen wie die ordenbesäte Brust eines preussischen Generals von Anno dazumal.

Ein gegensätzliches Bild zu dieser xerophytischen Pflanzengesellschaft bietet dann der dichte Lorbeerwald, der natürlich dort am besten entwickelt ist, wo die feuchten Winde vom Ozean her zur Kondensation kommen, also in den Gratstrecken von Anâga oder in gleicher Lage am Zentralkamm. Waren wir in der tieferen Zone an der prallen Sonne, so empfängt uns hier feuchter Schatten, und die Kronen immergrüner Laubhölzer, von Moosen bedeckt, spannen sich über uns. Hier ist der Lorbeerbaum zu Hause, der Viflatico ( Persea indica ), viele Stechpalmenarten mit ihren roten Beeren, und Farnwedel nebst Lianen erinnern an einen Tropenwald. Kommen wir an der Obergrenze wieder ans Licht, so mischen sich die baumhohen Büsche der Erica arborea mit den Ausläufern des Laubwaldes, und der erfreuende Ausblick vom Scheitelgrate umspannt über die Blütenfülle hinweg die schartigen, tief eingelassenen Täler und die weisse Brandungswelle des Ozeans.

Die Teno-Berge Wenn wir in den durch die Erosion so stark zerschnittenen alten Lavadom von Anâga eingedrungen sind, so dürfen wir einen Besuch der ihm so ähnlichen Teno-Berge nicht vernachlässigen, obwohl ja auch dort keine touristischen Lorbeeren zu holen sind. Wir begeben uns damit wieder auf eine zwar noch kleinere Halbinsel, die im Nordwesten der Insel Tenerife liegt und gleichfalls ganz von Bergland eingenommen ist. Dieses ist aber im Gegensatz zu Anâga wenig erschlossen und fast kaum besiedelt. Auch hier gehen die höchsten Kämme nicht viel über 1300 m, fallen aber in ihrem Westrand in imposanten Felsabstürzen in den Ozean.

Erwähnten wir, dass die Kleinberge von Anäga längs der Paßsenke von La Laguna wie abgeschnitten erscheinen, so bleibt noch zu ergänzen, dass sie jenseits dieser Lücke wieder, zu grösserer Höhe ansteigend, im Zentralkamm des Pedro Gil zum Vorschein kommen. Aber dieser hat wiederum nicht ein langes Bestehen, denn auf seine westliche Fortsetzung legt sich die gewaltige Masse der zentralen Vulkankegel ( s. Fig. 2 ). Jenseits derselben, im Nordwesten, kommt aber wieder die gleichartige alte Lavaformation vom Anäga-Typus neuerlich zum Vorschein, eben im kleinen Teno-Gebirge. Eine prägnante Bruchlinie begrenzt auf der Höhe von Santiago de Teide die Teno-Berge, die sich als ein stehengebliebener Horst erweisen, gegen welchen die jüngeren Laven der zentralen Vulkane andrängten. Denken wir uns die zentralen, grossen Vulkane weg, so liegt an ihrer Stelle ein abgesunkener Graben. Innerhalb desselben, weil eine geschwächte Zone der Erdkruste, hat sich also der Vulkanismus ausgetobt und das entstandene Tief mit den hohen Bergen ausgefüllt ( s. Fig.3 ).

In den stehengebliebenen Horst des Teno-Gebirges gelangen wir am besten von Norden ( Dorf Buenavista ) oder von Südosten ( Dorf Santiago de Teide ), wo beiderorts diese Kleinberge mit mächtigem Steilabbruch die Grenzfront bestimmen. Ihre Felsen zeigen uns als ebenmässig verlaufende 1Basale Basaltformation ( Anäga-Tenno ) 2Komplex des Canadas-Vulkans ( Prä-Caldera-Vulkan ) 3Schlot des Canadas-Vulkans 4Komplex des Pico-Viejo-Vulkans 5Schlot des Pico-Viejo-Vulkans 6Komplex des Pico-Teide-Vulkans 7Schlot des Pico-Teide-Vulkans 8Postcalderische Flankenergüsse 9Kraterkegel mit jüngster Tätigkeit oder mit Solfataren 10Adventiv- bzw. Parasitärvulkane und ihre Schlote 11Ringwall: R ( Umrandung der Caldera ) 12Freiliegender Teil der Caldera: Ca 13Überdeckter Teil der Caldera ( hypothetisch ergänzt ) 14Brüche ( Verwerfungen, hypothetisch ) 15Querprofile: ab = vordere Querprofilkulisse; cd und ef = gehobene Hintergrundkulissen Bänder die alten Basaltlaven, durchsetzt von Gängen und Stöcken, wie in den Anâga-Bergen. Mit ihrer Vegetation bleiben diese Zacken und Rücken fast bis zu den Graten in der xerophytischen Trockenzone und, nur dem nördlichen Ozean zugekehrt, Pinienbestände haben sich angesiedelt. Der reizvollste Blick geht nach dem Pico de Teide, dessen schwarze Lavaströme vielfach überein-andergelagert oder auch auseinanderstrebend auf die Teno-Front zukommen.

Eine Überquerung des Pico de Teide ( 3718 m ) von Orotava nach Guia de Izor Seit dem Pionierbesuch eines Alexander von Humbold ( Ersteigung des Teide im Jahre 1799 ) sind die zentralen « Feuerberge » Tenerifes1 für Vulkanologen und Bergfreunde geradezu ein « Mekka » ihrer Bestrebungen geworden. Es hat sich deshalb eine Fülle von wissenschaftlicher, touristischer und belletristischer Literatur angehäuft ( wozu die « Alpen » [s. Heft 4, 1935] auch beigetragen haben),weshalb hier ein neues Eingehen als überflüssig erachtet werden könnte. Dessenungeachtet dürfen aber diese höchsten Berge der Canaren doch nicht aus unseren « Bergpfaden » herausgebrochen werden, denn sie geben den grössten instruktiven Einblick in das Werden und in die Vielfältigkeit der Formen dieses Vulkanlandes. Der Schilderung einer Überquerung der Gesamtgruppe von dem anmutigen Städtchen Orotava aus, im Nordosten, dem gewöhnlichen Ausgangspunkte, nach der abgelegenen Westküste sei die allgemeine geographisch-vulkanische Disposition vorangestellt.

Die zentrale Partie der Insel Tenerife ist im Gegensatz zu den schon besprochenen östlichen und nordwestlichen Halbinseln ein Stück Land, erfüllt von grossen ineinandergeschachtelten Schichtoder Stratovulkanen, von denen der innerste, der Pico de Teide, der höchste ist. Die morphologischen und genetischen Beziehungen der einzelnen Vulkanberge überblicken wir am besten, wenn wir von der nördlichen oder südlichen Küstenlinie ausgehen und das Erkannte dann in ein Querprofil von Osten nach Westen zusammenfassen ( s. Fig. 2 und 3 ).

In ungleicher Böschung, unterbrochen von zwischengeschalteten Steilabbrüchen, steigt der äussere Kegelmantel von der Küste bis in Höhen von 2100 bis 2300 m hinauf; dann bricht die ihn aufbauende Lava- und Tuffaufeinanderfolge gegen einen inneren Kraterkessel, die sogenannten Canadas, ab. Es entsteht ein mächtiger Ringwall ( R in Fig. 3 ), der die innere Senke mit bunten Felskliffen umrandet. Doch ist die Umrandung des inneren Kraterkessels keine kreisförmig-voll-ständige, denn der äussere Ringwall setzt nach Norden zu aus und wird von den Lavamassen eines nächstinneren Vulkankegels, jenes des Pico de Teide, überdeckt. Die durch den Ringwall umrandete Hohlform, sei sie wirklich bestehend und im Monte Guajara bis zu 2717 m ansteigend, oder sei sie ergänzt, nennt man eine « Caldera », was nichts anders ist als ein überdimensioniert grosser Krater. Wenn wir hier den äusseren Kraterwall ergänzen, so kommt dem Kraterkessel, der Caldera, ein Ost-West-Durchmesser von nicht weniger als 17 km zu. Über dieser Hohlform ragte einstmals der integre Vulkan, wir nennen ihn den Canadas-Vulkan, in grössere Höhen. Die Art und Weise wie dieser heute fehlende Oberbau entfernt wurde, kann verschieden erklärt werden: entweder haben eine oder mehrere paroxysmale Explosionen die fehlenden Massen gesprengt und verstreut, oder aber es fand im Magmaherde eine Rücksenkung statt, was ein Einsinken in der zentralen Kraterpartie zur Folge hatte. Zugunsten der ersteren Auffassung spricht, dass über den äusseren, nach der 1 Der Name Tenerife wird aus der Guancho-Sprache abgeleitet, in welcher ten = Schnee und rife = Berg bedeuten sollen. Der Schneeberg seinerseits war, für die Guanchos der « Echeyde»und war der Wohnsitz des Dämonen Guayota, der im Feuerberg wohnte. Der Name Tenerife wird aber auch in Beziehung gebracht mit einem Guancho-Fürsten Tinerfe oder Tenerfe, der beim Einbruch der Spanier im äussersten Südwesten, im Gebiet von Adeje, residierte.

Küste abdachenden Hängen sich klastisches Material vorfindet, das nach seiner Zusammensa zung diesem versprengtem Oberbau, wenigstens zu einem Teil, entsprechen kann.

In viel grösseren Dimensionen wiederholt sich hier auf Tenerife der Aufbau des uns bekannteren Vesuv. Dem Ringwall über den Canadas entspricht der Monte Somma und der Caldera ( Canadas ) das Atrio del Cavallo, in dem sich dann der eigentliche Vesuvkegel aufbaut; diesem letzteren sind dann vergleichbar die zwei Nachzügler, die sich in der Canadas-Caldera aufgebaut haben: der Pico Viejo und der Pico de Teide. Als älterer Kegel formt sich der Pico Viejo; er wurde dann aber von seinem jüngeren Bruder seitlich wieder teilweise überdeckt, wie auch dessen Lavaströme und Tuffablagerungen weit in die alte Canadas-Caldera vorgreifen und sie bis auf einen relativ schmalen Streifen, eben die Canadas, ausfüllen. Das ganze Gebäude wird dann noch bis in die Gegenwart hinein von meist randlich gelegenen Parasitär- oder Adventivkegeln überdeckt, die wie Warzen dem äusseren Mantel aufsitzen ( Fig. 3 ).

Das Material dieser ineinandergeschachtelten Vulkanbauten weicht voneinander merklich ab, stammt also aus einem sich differenzierenden Schmelzfluss grösserer Tiefen, sagen wir des Erdinnern. Im älteren Canadas-Vulkan bestehen vorwiegend phonolithische Lavaströme neben dunklen basanitischen, im Teide-Kegel sind es trachytisch-phonolithische Gesteine, und es kann der Besteiger die glasigen Obsidiantrümmer auf seinem Wege auflesen, die aus den allerjüngsten Ergüssen stammen. Das Magma, das im Pico Viejo gefördert wurde, gleicht noch stark jenem, das im Cana-das-Vulkan vorhersehend war, in den äusseren Adventivkegeln ist dagegen, wie im ganzen Archipel, basaltische Lava, mit oder ohne Olivin, die vorherrschende Lava. Nach dieser vorausgeschickten Etikettierung der vielgestaltigen Vulkanfamilie machen wir ihr den Besuch, ausgehend von der in eher eintönige Bananenfelder eingebetteten Stadt Orotava oberhalb der Nordküste.

Heutzutage ist die Vulkanregion ganz anders, viel leichter zu erreichen, als es zur Zeit der Maul-tierexpeditionen noch der Fall war. Auch hier geht die Verprofanierung mit raschen Schritten vorwärts. So braucht man in Orotava nur in den Autobus zu steigen, der zweimal wöchentlich am Fusse des Teide-Kegels durch die Canadas vorbeifährt und in einigen Stunden Fahrt Nord- und Südküste miteinander verbindet. Er lässt den bergwärts Strebenden in einer Höhe von 2400 m zum Pik-Anstieg zurück. Und in 2 bis 3 Stunden erwartet ihn schon die komfortable Unterkunft im Rifugio Altavista, 3265 m. Kein Bergklub ist es hier, der für die Zugänglichkeit sorgt, sondern der Staat selbst greift ein und setzt in die Berge oder an sonst abgelegene Strecken seine fast zu luxuriösen Unterkünfte ( Paradores ).

Obwohl man reklamemässig die Canaren mit ewigem Frühling und Sonnenschein versieht, so kann es besonders in der weniger hochtemperierten Jahreszeit zutreffen, dass man in der Tiefe tagelang auf die « ewige Sonne » zu warten hat. Ein gewöhnlicher Fall ist zwar der, dass in dem Kondensationsniveau des feuchten Nordostpassats am Morgen ein dichter Wolkenschirm an den Bergen haftet. Steigt man durch diesen auf 1700 bis 2000 m liegenden Nebelgürtel in grössere Höhen, so kann - aber lange nicht immer - strahlender Sonnenschein den Höheranstieg belohnen.

Die im Anschluss an unsere Anäga-Wanderung angedeutete Höhenschichtung der Vegetationszonen findet im Höhersteigen am Teide-Massiv ihre allerdeutlichste Fortsetzung nach oben zu. Nur hat im weiten Talzirkus von Orotava der Kulturenanbau des Menschen ( Bananen, Fruchtbäume usw. ) etwas Unordnung gestiftet. In der Zone zwischen 1100 bis 1900 m tritt man in den Koniferenwald, der durch die Canarienkiefer ( Pinus canariensis ) bestimmt wird. Je höher man kommt, um so stattlicher wird der Baum, der der eigentliche Gebirgsbaum ist, sich aber doch nicht weiter hinauf als bis zum Eintritt in die Canadas wagt, da es ihm dann zu trocken wird. In dieser Höhe liegt die eigentliche Pforte, die auch als « Portillo » bekannt ist und zur Schmiede des Volcanus leitet: Links dräuen hohe Abstürze, die als«Organos»zubenannt sind, wegen der säulenförmigen Ablösung der Basaltwände; nach geologischer Position sind sie noch ein Stück Anâga-Gebirge, das die nicht sichtbare Unterlage zum Gesamtbau liefert ( s. Fig. 2rechts ( W ) treten schon Lavafelder, vom Teide herkommend, durch die breite Pforte hinüber und hinab in das Tal von Orotava.

Damit haben wir die Caldera erreicht und vor uns den noch um 1500 m hoch ansteigenden braunschwarzen Kegel des Teide, da und dort weiss übertüncht von Bimsteinlagen, die ausgebeutet werden. Der Hochsteppengürtel hat uns nun umfangen. Es ist Mai, der Frühling mit einem überbordenden, aber in der Blütengrösse doch so bescheidenen Blütenmeer macht aus dem sonst so lebensfeindlichen Schlacken- und Tuff Boden einen bunten, aber höckerigen Teppich. Der Retama-Strauch ( blattloser Ginster, Spartocytisus supranubius ) beherrscht mit seinen dunkelgrünen kuppeligen Büschen das Feld und tüpfelt die Abhänge ( Abb. 6 ).

Bei km 40 ( von Orotava ) trennen wir uns von der Überlandstrasse, müssen aber immer noch eine in Tuff und Sand « schwimmende » Autopiste in Kauf nehmen, bis dann ab 2800 m endlich die Kultur hinter uns bleibt und ein Zickzackpfad durch die braunschwarzen Lavahänge zum Rifugio Altavista hinauf leitet. Bei der Ankunft, aufgelöst in « Einzeltrupps », findet die dreiköpfige Berggilde aber gastliches Obdach. Sie besteht nebst dem Schreiber aus dem Guardia, der vorschriftsmässig immer, wenn Touristen vorhanden sind, anwesend sein muss, und einem Fräulein Annemarie aus Westfalen, die bergbegeistert, aber vollkommen unausgerüstet ( Gipfelkälte ) sich mir ganz improvisiert angeschlossen hat.

Der Gipfelanstieg, am folgenden Tag, nimmt von hier noch ca. 1 ½ Stunden in Anspruch ( Pfad ) und gewährt erst von der kleinen Schwelle der « Rambleta » aus einen Blick auf das Ziel, den regelmässigen Gipfelkegel, der aus der lavaverschütteten Vorstufe, eben der Rambleta, herauswächst. Diese entspricht einem letzten und höchsten kleinen Kratergürtel, in dem sich der Gipfelkegel, « El Pitón », aufgebaut hat ( Abb.7 ).

Unter widerwärtigem, äusserst heftigem und kaltem Südwestpassat, der erbarmungslos das papierdünne Sommerkleidchen meiner tapferen Begleiterin zerzauste ( « ich meinte, ich müsse sterben », sagte sie ), wurde der alles beherrschende Gipfel erreicht, der als kleine Felszacke in die letzte Kraterumwallung eingegliedert ist. Dieser Abschlusskrater hat nur mehr einen Durchmesser von ca. 70 m, eine Tiefe von 30 m und steht noch in einem schwachen Solfatarenstadium, denn an verschiedenen Stellen zischen unter den weisslich veränderten Gesteinsblöcken schwefelhaltige Dämpfe heraus, die auf deren Unterseite den schönsten Rasen von sublimierten zierlichen Schwe-felkristallen ansetzen. Die « Tiefenheizung » und die windgeschützte Vertiefung des Kraters erlaubten, dass wir es fast 3 Stunden auf der luftigen Warte aushielten und das Naturrelief, das unter uns lag, in uns aufnehmen konnten. Soll man etwas hervorheben, was von diesem isolierten Ausguck aus am meisten beeindruckt, so ist es der Überblick über den grossen und einzigartigen « Vulkanpark », der sich ringsum in der Tiefe an die Höhe, auf der wir stehen, anlehnt.

Im Abstieg hielt uns die Rambleta auf, wo ausgedehnte Schneeflächen lagen und wo im Windschutz ein Teide-Dinner besonders mundete. Wir waren zur rechten Jahreszeit hier, um die Wirkung von zenitaler Sonne und wärmer werdenden Winden auf diesen kleinen Schneeteppich zu erkennen. Er war in schönste Türmchen und Grätchen ausgeschmolzen, in sogenannten Büsserschnee umgewandelt, den « Nieve penitente », wie er in den Anden heisst ( s. Abb. 8 ). Ein langer « Hüttenhock » folgte, denn erst tags darauf kam für alle drei der Abstieg.

Während ich selbst unseren Aufstieg von Osten aus durch den Abstieg nach der Westseite bis zur Küstennähe ergänzen wollte, zogen meine Gefährten auf den alten Spuren zu Tal. So kam ich am Abstiegstag nochmals auf den « Pitón » und konnte von dort mir ausmalen, dass in der einzuschlagenden Richtung auf den Pico Viejo man mit allerhand Balancekünsten auf und durch die sich dorthin erstreckenden, relativ frisch aussehenden Lavaströme zu rechnen hatte. Alles wackelt und stürzt hier beim leichtesten Angreifen. Wie auf einem Samtteppich kam ich mir vor, als ich nach diesem langwierigen Durchqueren relativ frischer Lava die weissgrauen Bimssteinrücken betreten konnte, die dem gähnend grossen « Maul » des Pico Viejo vorgelagert sind ( Abb. 9 ). Vom Kraterrand des letzteren, einem älteren Nachbarn des Teide, schaut man in ein tieferes und gedoppeltes Kraterloch hinab. Schon haben die Retamabüsche an der Nordflanke dieses weniger ausgeprägten Kegels Fuss gefasst und weisen den gangbarsten Weg für den weiteren Abstieg an. Doch alsbald wurde die Oberfläche wieder ruppig, denn auf ihr haben sich relativ junge Adventivkrater ( Jahr 1798 ) angesiedelt; sie setzen die Gruppe der Chahorra zusammen, aus welchen riesige breite Lavazungen in die Canadas hinab vorstossen, die weisse Aschenebene auf einen schmalen Kanal einengend, hinter welchem der steile Ringwall des Canadas-Vulkans aufsteigt ( Abb. 10 ).

Man kann sich in diesen Lavaströmen geradezu verstricken, ohne einen passablen Ausweg zu finden, wenn sich zwei solche vereinigen und die gangbare ältere Unterlage dazwischen ausmerzen. Darauf hatte ich besonders zu achten beim weiteren Abstieg in der Richtung zum entfernten Dorfe Guia de Izor. Doch wie ein rettender Anker stellten sich in ca. 1600 m die ersten, zwischen Lava-rändern keck spriessenden Getreidegarben ein, hier musste bald ein menschlicher Pfad einsetzen. Und so geschah es auch, so dass ich nach holperiger aber konsequenter Wegführung das grosse Dorf Guia erreichte und dort mit einem guten Schluck des kräftigen « Lavaweines » allen angesammelten Tuff- und Lavastaub hinunterspülte. Das weisse Band der Ozeanküste und das blaue Meer lagen wenig unter mir; die Teideüberquerung hatte ihren Abschluss gefunden, und eine lange Busfahrt brachte den Vulkangänger tags darauf wieder in seine Residenz von La Laguna.

Bei den Parasitärkegeln Nachdem wir nun die Notabein in der vulkanischen Familie etwas kennengelernt haben, ist es demokratisch, auch die Plebejer eines Blickes zu würdigen. Dies sind die Adventiv- und Parasitär-formen, kleine Kegelberge mit meist gut erhaltenen Kratervertiefungen, in denen sogar gelegentlich Anpflanzungen, wie Weinreben oder Tabak, angesiedelt wurden und deren relative Höhen zwischen 50 und 250 m liegen können. Ihr Aufbau fällt in eine jüngere Tätigkeitsperiode, und in ihrer Verbreitung verteilen sie sich meist auf eine Aussenzone der grossen Kegelbauten oder auf Strecken, die bruchbedingt sind, so dass das Magma leichter einen Weg nach oben fand. Sie zeigen an, dass im Quartär für gewöhnlich das Magma unter den hohen Kegeln nicht mehr die Stosskraft hatte, um bis in die hochgelegenen Krater hinaufzusteigen, sondern an günstiger Stelle in einer tieferen Zone durchbrach. Steigen wir auf einen dieser Kleinberge, so stellen wir fest, dass sie weniger aus geschlossenen Lavadecken aufgebaut sind, sondern vorwiegend aus Lockerprodukten, wie Lapilli, Aschen und Bomben, also mehr einer kurzlebigen Explosionstätigkeit ihr Dasein verdanken.

Von den Anäga-Bergen wurde schon früher gesagt, dass sie vulkankegelfrei sind. Treten wir aber an den westlichen Saum dieser Berge, also in die Paßsenke von La Laguna, so reiht sich bald eine solche Warze an die andere, umflossen von Lavaströmen, die von weiter hangwärts kommen und der nördlichen und südlichen Küste zustreben. Dadurch wird deutlich hervorgehoben, dass der Westrand der Anâga-Berge eine Bruchsenke ist, wo die Erdkruste gewisse Schwächen aufweist. Wer in die unmittelbare Umgebung der Hauptstadt Sta. Cruz seine Exkur- sionen lenkt, verpasse ja nicht, auf einen solchen Parasitärkegel zu steigen - sie werden gerne etwa als Taccos zusammengefasst - und wähle dafür die fast im Stadtrand liegende Montana Guerra ( 443 m ). « Cardones » und « Tabaibas » haben seine schütteren Gehänge erobert, und über sie hinweg schweift der Blick zu manch anderem « Tacco » und zu dem weissen Zuckerhaufen, der grossen Hafenstadt an der blauen See.

Unter der grossen Zahl von längs Küste und Inland verstreuten Vulkanindividuen zweiten Ranges soll noch der im äussersten Westen der Insel auf dem Teide-Hang liegende Chinyero hervorgehoben sein. Er hat durch seine Eruption im Jahre 1909 von sich reden gemacht, indem seine Lavaströme bei weiterem Anhalten das uns schon bekannte Santiago de Teide bedroht hätten ( Abb. 11 ). In 2 Stunden ( von Santiago ) erreichen wir, zwischen nächst älteren, schon von Vegetation ( Pinien ) eroberten Lavaströmen einen Weg findend, den 1505 m hohen « Missetäter » von 1909. Da stehen wir aber nur vor einem halben Kegelberg, die andere Hälfte hat jene Eruption, bzw. ihre Lavamasse weggedrückt, und aus dem Kraterteil strömte ein riesiger schwarzer Lavastrom heraus, an einem benachbarten Vulkankegel sich in 2 Ströme spaltend und in seinem oberen Lauf grosse Schollen enthaltend, die vielleicht von der verschluckten Kegelhälfte herrührten. Über dieser Stätte der Vernichtung bleibt der Blick am grünen Pinienwald und dem dahinter noch mit einigen Schneeflecken versehenen sanftgeschwungenen Teide-Kegel haften.

Sind wir eben auf den Nordwesthängen des Teide gelandet und haben Zerstörung und spries-sendes Leben gesehen, so lohnt es sich, zur Betonung dieser gegensätzlichen Zustände noch zwei Orte zu besuchen: das Städtchen Icod und den Hafenort Garachico. Icod de los Vinos, der Annex zu seinem Namen weist auf seinen guten Wein hin, ist stets ein Ziel der Bewunderer der canarischen Vegetation gewesen. Hier steht, gehegt und gepflegt, der zur Zeit wohl grösste und älteste der Drachenbäume ( Dracaenadraco ) ( Abb. 12 ), ein « Urweltsbaum »(er hat seine Vorahnen im jüngeren Tertiär ), der durch seine exotische Gestalt beeindruckt. Auf dem knorrig-runzeligen Stamm - hier an die 12 m Basisumfang messend - erhebt sich eine schirmförmige Baumkrone, zusammengesetzt aus den unendlich vielen Blattrosetten; nach der Zahl der Gabelungen der steifen Äste kann das Alter des Baumes abgezählt werden, da es zu jeder Gabelung 12 Jahre braucht.

Steigen wir von hier hinab zur Küste, so bietet sich dort das Bild der stattgehabten Vernichtung. Nicht weit nördlich von dem besuchten Chinyero liegt im Teide-Gehänge die Montana Negra, einer jener Parasitärkegel, dem es im Jahre 1798 in den Sinn kam, seine tiefsitzende Lava auszu-spucken. Sie floss, in verschiedene Ströme aufgeteilt, über den hier recht steilen Hang dem Meere zu, wo der damals wichtigste Hafen der Nordküste bestand, das Städtchen Garachico ( Abb. 13 ). Die auf Ort und Hafen sich stürzende Lava vernichtete beide, und mit dem Vorrang, einen leidlichen Hafen zu besitzen, war es für Garachico zu Ende. Der Ort erstand auf den Lavablöcken in wohl noch freundlicherer Weise, und die durch modernere Anbaumethoden reichere Erträge liefernden Kulturengewächse ( Bananen, Zucker, Wein ) finden nun wieder über den neuen Zwerghafen, der von den Lavazungen krallenartig umsäumt ist, die Ausfuhr in die WeltAuch wir nehmen ein Schiff, das uns von Tenerife weg auf die in ca. 112 km weiter entfernte, im Nordwesten liegende Insel La Palma bringt. ( Fig. 2 a. ) Ein Blick in die Caldera de Taburiente auf La Palma Wir haben oben die Caldera der Canadas auf Tenerife kennengelernt. Eine äusserlich ähnliche Hohlform der Oberfläche schaltet sich in das Vulkanland der Insel La Palma ein. Auf dieser reizvollen Insel nimmt den ganzen nördlichen Teil des birnförmig gestalteten Grundrisses ein von Küste zu Küste reichender riesiger Vulkandom ein ( ca. 27 km ). Dieser enthält, ungefähr in seiner Mitte, die mächtig imposante Eintiefung der Caldera deTaburiente. Dies ist ein immenser Talkessel, der nach SW zu durch ein schluchtförmiges Kerbtal, den Barranco de las Angustias, geöffnet erscheint ( Abb. 14 ). Für lange Zeit galt dieser Kessel als der Typus einer durch vulkanische Paroxysmen ausgesprengten Hohlform, wonach man eine solche als eine « Caldera » ( caldera = Kessel ) bezeichnete, ein Ausdruck, der in die Vulkanologie einging. Nun trifft es sich, man möchte sagen « leider », dass gerade hier bei diesem früher als Typuslokalität gewählten Kessel der abtragenden und aushöhlenden Wirkung des Wassers, also der Erosion, der Hauptanteil in der Formgebung zukommt. Der Erforscher dieses Gebietes, der Berliner Geologe C. GA GEL, hat mit Vehemenz gegen den nunmehr falsch gewählten Ausdruck « Caldera » für ein vulkanisches Phänomen gewettert, aber wohl ver- DeDeckgebirge ( obere Einheit ); KKernformation ( Spilitserie = untere EinheitgGänge ( durchsetzen in grosser Zahl beide Einheiten ); KreuzeTiefengesteine ( hypothetisch zu einem grösseren Stock ergänzt ).

geblich, denn der Begriff ist Gemeingut geworden, so dass man zur Not hier eben von einer Erosions-caldera zu reden hätte ( Fig. 4 ).

Der Zugang zur Caldera ist etwas umständlich und, einmal in ihre engen Schluchtrinnsale vorgedrungen, hat man sich dort expeditionsmässig einzurichten, denn ausser dem winzigen Bauernhof Tenerra ( Tabakanpflanzungen ) ist die wilde Landschaft unbewohnt. Hat man einmal die ganze Insel nach S umfahren, so steht man bei der Ortschaft Los Llanos an den zwei einzigen Eingangs-toren in diesen Tempel erhabener Naturszenerie. Das eine führt durch die Angustias-Schlucht, das andere leitet durch eine Kerbe in der Caldera-Umwallung, den Cumbrecita-Pass. Ein hochgelegener Randstandpunkt mit Blick in die Caldera-Tiefe ist überwältigend. Da steht man am Rande der Umwallung, die durch gewaltige Abstürze gebildet ist, die mit 800 bis 1000 m nach dem Caldera-Innern niedergehen und in bunten Farben variieren, wenn auch das Schwarzgraugelb der verwitternden Lavaschichtköpfe vorherrscht. Drinnen liegt ein grüner Kessel, durchsägt von engen Schluchten und bestanden von einem allesüberdeckenden Pinienwald ( Abb. 15 ). Dieser wildschöne Kessel hat einen elliptischen Grundriss mit einer Längsachse von ca. 7,5 km und einem Querdurchmesser von ca. 7 km, was die eindrucksvolle Grosse deutlich macht. Die Wände sind öfters im Hauptteil senkrecht, andernorts wieder gestuft ( s. Fig. 4 ) und mit Felserkern in das grüne Land in der Tiefe vorspringend. Der tiefste Teil dieser Hohlform, der Caldera, liegt im Ausgange in ca. 400 m; der höchste Punkt in der Umwallung erreicht im Pico de los Muchachos 2423 m. Die umrandenden Berge, alles Teilstücke der Umwallung, haben meist milde abgerundete Gipfelformen und gehen nach aussen in die sanfteren Gehänge des Vulkanmantels über.

Noch haben wir einen Augenblick stehen zu bleiben, um von dem vulkanologisch-genetischen Befund dieser mächtigen Vulkanbaute etwas zu vernehmen. Der breite Dom, der sich von Küste zu Küste spannt, besteht eigentlich aus zwei Einheiten: einer unteren und einer jüngeren, die sich über die tiefere legt. Das obere Deckgebirge entspricht einem Strato- oder Schichtvulkan, genährt wohl durch zahlreiche Zufuhrkanäle, der untere Abschnitt ist ein in sich merklich gefaltetes Stück einer Sukzession von vulkanischen Decken, deren Gestein sich in Spilit umgewandelt hat. Man hat die zwei übereinanderliegenden Einheiten mit zwei aufeinandergelegten, gewölbten Uhrgläsern verglichen. Aus dem oberen wären die Berge der Umwallung herausgeschnitten, der Inhalt der Caldera begreift dann das tiefere Gebilde, gewissermassen den Kern des ganzen Vulkankomplexes in sich ( s. Fig. 4 ). Von grossem Belang ist, dass in der tieferen Kernformation in Form von Gängen und Stöcken vollkristalline Gesteine ( Syenit, Essexit usw. ) auftreten. Ein langes Zeitintervall liegt zwischen der Bildung der unteren und der oberen Einheit mit Abtrag in der ersteren.

Heute herrscht hier vulkanische Ruhe, die Tätigkeit ( noch 1949 ) hat sich nach südlicheren Partien der Insel verlagert. In dieser nordpalmensischen Vulkanbaute gab es seit geologischen Zeiten keinen Aufbau mehr; dafür aber hat der Abtrag, durch das fliessende Wasser verursacht, grosse Arbeit geleistet. Er hat schon im Tertiär den inneren Kern des Doppelvulkans, die Caldera de Taburiente, geschaffen, wonach bei Senkung des Landes das Meer bis in die Caldera vordrang und den schon vorhandenen Barranco de las Angustias mit seinen Küstenbildungen anfüllte ( Abb. 14 ). Nach einem neuerlichen Überlandkommen ( Hebung ) ist die Erosion nun wieder kräftig am Werk, um in der Caldera weitere Ausräumungsarbeit zu leisten und so das « grosse Loch », das zwei Vul-kaneinheiten durchsetzt, weiterhin auszuscheuern und zu vertiefen.

Ein Streifzug auf Hierro und Gomera Kehren wir von La Palma über dessen Hauptstadt La Cruz nach dem zentralen Archipelteil zu- rück, so liegen auf der Schiffahrtslinie die kleineren Inseln HierroFerro ) und Gomera. Sie haben immerhin noch die Oberfläche von kleineren Schweizer Kantonen ( Hierro = Schaffhausen, Gomera = beide Appenzell ). Sie sind ganz besetzt von Bergen, deren grösste Höhe wenig über die 1300 in hinaufreicht. Während Hierro als Ganzes nur das Ruinenstück eines grossen, teils im Meer versunkenen Vulkans ist, hat Gomera, obwohl es bis zum letzten Stein gleichfalls vulkanischer Boden ist, keinen einheitlichen, grösseren Schichtvulkan aufzuweisen.

Schauen wir uns erst ein wenig auf Hierro um, das einst ein gewisses Renommee hatte: vor den Entdeckungen galt die Insel als das Ende der alten Welt. Das war ein Grund dafür, bei der aus dem 17. Jahrhundert stammenden Gradeinteilung über dieselbe den Nullmeridian zu legen. Besieht man sich den Grundriss der Insel, so wird es schon dem Laien deutlich, dass hier die Hälfte eines grossen Vulkans vorliegt. In Form eines grossen, flachgeschwungenen Halbkreises greift das Meer in das Land ein und bildet so die sog. « El Golfo »-Bucht. Diese auf der Nordseite liegende Berandung ist aber nichts anderes als ein stehengebliebenes Segment einer ehemaligen Kraterumrandung oder, sagen wir besser, einer Caldera, deren andere Hälfte, sei es abgesunken oder « zerspratzt », im nördlich angrenzenden Meere liegt ( s. Fig.2b ). Zum sichelförmigen Uferrand des « Golfo » bricht das Hinterland in wuchtigem Absturz ab, der als Ganzes bis zu 1000 m Höhe beträgt ( s. Abb. 16 ). Kleine gefällige Dörfchen haben sich am Fusse dieser Steilstufe angesiedelt ( Abb. 17 ), deren Einwohner Abb. 4 Nordkiisle von Anäga bei Taganana. Mauergleicher Phono-lithdurchbruch des Roque de las Animas durch die alte Basaltlava der Steilhänge.

Abb. 5 Ein Stock des « Cardon » auf dem Gipfel der Mesa del Ramonai. In Schutzwirkung hat sich innerhalb des kakteenähnlichen Wolfs-milchgewächses eine andere typische, aber strauchartige, Wolfs-milchart, die « Tabaida », angesiedelt.

Abb. 6 Vegetationsbild in den Ca-ftadas. Über dem Retama-Strauch -links - erblickt man den höchsten Punkt des Ringwalls, die Montana Guajara ( 2717 m ).

Kanarische Inseln Abb. 7 Der Gipfel des Pica de Tei de ( « El Pitón » ), vom Kraterrand des Pico Viejo aus gesehen. Unter dem obersten Kegel setzen in der Höhe der Rambleta die Obsidian führenden Lavaströme ein; weiße Partien = Bimsstein; Vordergrund: zum östlichen Krater des Pico Viejo einfallende Hänge.

Abb. 8 Büßerschnee in der Rambleta. Die einzelnen Schneegrätchen sind rund 50-60 cm hoch, dunkler vulkanischer Staub füllt die kleinen Mulden und streift den Schnee.

Abb. 9 Blick vom Teidegipfel auf den Pico Viejo. Man beachte den über die weißen Bimssteinflächen nach unten hinwegströmenden Lavastrom mit seiner mittleren Fließ-rinne.

Kanarische Tnseln Abb. 13 Tief blick auf Garachico. Standplatz inmitten der Blöcke des rezenten Lavastromes, dessen in der Tiefe ins Meer hinausragendes Zungenende die neuerstandene Ortschaft trägt.

Abb. 14 Aufwärtsblick durch den Barranco de las Angustias. Die Ausfüllung der alten Schlucht mit miozänen Konglomeraten umfaßt die horizontalen Schichtlagen bis zu den Häusern links und rechts oben; darin ist canonartig die neue Schlucht eingetieft; Steilabsturz der Umwallung der Caldera hinter dem Nebelstreifen.

Abb. 15 Tief blick in den Ost-abschnitt der Caldera de Taburiente. Die Umwallung des Deckgebirges umfaßt die hier etwa 900 m hohen Felsabstürze, darunter die pinien-bestandene, schluchtenreiche Kernformation; Pico de los Muchachos in der linken oberen Ecke.

Kanarische Inseln Abb. 17 Tief blick in den El-Golfo-Kessel = Randsaum der Caldera. In der Tiefe die kleinen Siedlungen, verstreut im ehemaligen Kraterraum; die darüberliegende Umwallung überragt denselben in der Montana Tenerife um nahezu 1500 m.

Abb. 18 Der Roque del Cano bei Vallehermoso auf der Insel Gomera. Isolierter Vulkanschlot, umlagernde Bergzüge zur Spilitformation gehörig.

Abb. 19 Gratlandschaft im Kulminationsgebiet auf Gran Canaria. Sicht von der Straße nach dem Pozo de las Nieves auf den Roque Nublo.

einen guten Tropfen Weines kultivieren, während der Steilabbruch, passatexponiert, Platz für grünen Laubwald bietet, aus dem das Gezwitscher zahlloser Canarienfinken ertönt.

Auch die fast kreisrunde Insel Gomera hat ihre besonderen Reize. Sie ist, genetisch gesehen, die älteste Vulkanlandschaft, der überhaupt jeder deutliche Krater zu fehlen scheint. Treten wir an ihrer Nordküste in das Landesinnere, wo von dem ansehnlichen Dorfe Vallehermoso aus nette Exkursionen sich ausführen lassen! Schon ein erster Tag kann die Grundzüge des Aufbaues dem kundigen Auge erschliessen. In den tiefeingerissenen Tälern von Vallehermoso tritt wieder die schon als Kern der Caldera de Taburiente erwähnte Spilitformation zutage, durchschwärmt von den grob-kristallinen Gesteinen. Darüber legt sich, wie das Deckgebirge der oberen Stufe auf La Palma, eine basaltisch-phonolithische Decke von Ergussgesteinen, die als ausgedehntes Dach den Hauptteil der Insel aufbauen und nach Osten, Norden und Süden zum Meere absinken. Nicht übersehen kann der Besucher auf Gomera die sog. « Roques ». Darunter sind schroffe Felszähne verstanden ( s. Abb. 18 ), die unvermittelt aus einer sanfteren Umgebung aufragen und Objekt für Kletterpartien werden können. Nach ihrer Entstehung sind es durch den Abtrag herauspräparierte alte Vulkanstiele, also Schlotfüllungen aus härterem Gestein. Sie entsprechen gewiss, dies auch nach der Gesteinszusammensetzung, den Förderkanälen für die Lavadecken, die das voran erwähnte Dach der Insel ausmachen. Ähnliche blossgelegte Vulkanstiele zeigen bekanntermassen die Berge des uns benachbarten Hegaus nordwestlich des Bodensees.

Auf dem Dach der Insel, nach Osten absteigend, erreichen wir deren Hauptstadt San Sebastian. Über der relativ schmalen Meereszone winkt uns aus Osten die spitze Pyramide des Teide, deren zarte Schneehaube uns als Wegweiser dient, an ihr vorbei nach einer anderen Rundform von Insel, die noch unseren Besuch zu bekommen hat: es ist dies Gran Canaria.

Im Hochland von Gran Canaria Die fast kreisrunde Gestalt dieser drittgrössten Insel des Archipels könnte den einfachen Aufbau ein und desselben Vulkans mit zentralem Krater in der Inselmitte erwarten lassen. Dieses einfache Bild findet sich aber nicht verwirklicht, denn gerade nach Zusammensetzung und innerem Aufbau ist diese Insel die komplizierteste. Tiefreichende Abtragungen innerhalb des Aufbauwerdens haben verwickelte Beziehungen geschaffen, und zuletzt hat eine sehr mächtige Aufeinanderfolge von Basaltlaven den ganzen nordöstlichen Abschnitt der Insel überdeckt; sie reichen nach NO bis zum Meer, wo sich die grosse Hauptstadt Las Palmas auf 7 km Länge ausdehnt. Einzig hier im ganzen Archipel wird das vulkanische Material von relativ alten ( geologisch zwar jungen ) fossilführenden Sedimentablagerungen überdeckt; sie haben das Alter unserer schweizerischen marinen Molasse oder der bunten Nagelfluh des Rigi ( Helvétien = Mittelmiozän ), was allein ermöglicht, von einem sicheren Anhaltspunkt zur stratigraphischen Einordnung der angrenzenden vulkanischen Etagen, die ja kein organisches Leben in Form von Versteinerungen enthalten, auszugehen.

Von Las Palmas schwirren nach allen Richtungen bequeme Autobusverbindungen aus, so auch bis in die höchsten Teile der Insel. Hier auf der Wasserscheide zwischen Nord und Süd ( ca. 1600 m ) empfängt ein ausgezeichneter Parador ( staatliches Hotel ), im Cumbre de Tejeda-Passe, den Berggänger. Und wer allzu gehfaul ist, kann sich durch ein Vehikel bis auf die Kulmination der Insel, den Pozo de las Nieves ( 1950 m ), ziehen lassen. Die hier ausführbaren Höhenwanderungen zeigen, wie tiefeingerissene Täler radial nach allen Seiten absteigen und die keck bis in alle Höhen hinanklimmenden Siedlungen überall noch Kulturboden sich zunutze gemacht haben. Bald wie kleine Zahn- 7 Die Alpen - 1960 - Les Alpes97 Stocher, bald wie ein plumper Daumen sich ausnehmend, erkennt man da und dort felsige Aufsätze im Gratverlauf ( Abb. 19 ). Bald sind es stockförmige Durchbrüche nachfolgender differenzierter Magmen, bald sind sie einzig bedingt durch die grössere Resistenzfähigkeit massiger Gesteine, wie dies die Breccie des Roque de Nublo veranschaulicht. Noch habe ich keinen Bericht gehört, dass dieser letztere Gratzahn seinen Besteiger gefunden hat! An diesem Turm vorbei schweift der Blick nach W über die Meeresstrasse, jenseits welcher als zarte Silhouette, auf 137 km Abstand, der schneeige Teide sich abhebt. Las Palmas dient uns nach Rückkehr zur Küste noch als Sprungbrett auf die andere Seite, nach den schon Afrika benachbarten Purpurarien, mit welchem poetischen Namen die Inseln Fuerteventura und Lanzarote und ihre kleineren Trabanten zusammengefasst werden.

In den Bergen des Ostrandes der Canaren Zu diesem östlichen Kompartiment der Canaren(s.Fig.l)gehören die zwei grossen Inseln Lanzarote und Fuerteventura und das kleinere Beiwerk, das sie umgibt. Eine Tieferlegung des Meeresspiegels um nur ca. 100 m würde hier eine grosse Landkette bewirken, die in ihrer Richtung mit der nicht mehr weit abliegenden Küste Westafrikas nahezu parallel verläuft. Physiognomisch haben diese Inseln ein anderes Gesicht als jene der westlichen Canaren. Dazu gehört vorerst das merklich veränderte Pflanzenkleid. Wir sind hier schon unter dem trocken-heissen Hauch der benachbarten Sahara, die dann und wann mit ihren Höhenwinden den feinen Staub übers Land sendet, was gelegentlich auch bis über Tenerife hinaus der Fall ist. Es fehlen auf diesen östlichen Inseln die Bestände von Kiefern, die Ericazone, nicht zu reden von dem Feuchtigkeitswald des Lorbeergürtels. Statt dessen herrschen die xerophytischen Pflanzen der tiefsten Zone, und, wo ein Rinnsal mit Wasser besteht, bewirken kleine Dattelpalmengruppen freundlichere Vegetationsinseln in der meist recht kahlen Landschaft. Das Kamel ist hier Haus- und Arbeitsgenosse wie drüben in Afrika, wohin sich auch noch spanisches Land erstreckt, die « Sahara espanol ».

Und erst recht unterschiedlich, besonders Fuerteventura betreffend, sind die geologischen Grund-züge.Zwar ist allüberall vulkanischesLand,aber es fehlen die hohenVulkanberge,denn die über weite Strecken verstreute Kleinwelt von Vulkanen reckt sich nicht viel höher als einige hundert Meter empor; trotzdem sind die Vulkane fähig gewesen, das ganze Land mit grossen Basaltlavaströmen zu überziehen, die teils auch von nicht direkt sichtbaren Spaltensystemen ausgehen. Besonders die Insel Lanzarote ist von diesen Pusteln der Erdoberfläche stark belegt, und manche von ihnen zeigen in ihrer linearen Anordnung die Abhängigkeit von unter ihnen liegenden Bruchlinien. Fast ausnahmslos gehört die von ihnen emporgebrachte Lava zu der basischen basaltischen Form, wie sie seit dem Quartär im ganzen Archipel gewöhnlich ist.

Ein ganz neuer Wesenszug des Vulkanlandes kommt dem Westteil der Insel Fuerteventura zu, wo der eigentliche Rückgrat der sonst keine geschlossenen höheren Erhebungen tragenden Insel in Form einer fast N-S-verlaufenden Cordillère liegt. Es ist ein Bergzug von ca. 15 km Breite und 35 km Länge, der hier zwischen Westküste und östlicherem Tafelland sich erstreckt. Es sind runde Kuppen, von recht tiefen Tälern begleitet und durchsetzt, also Oberflächenformen, die schon auf ein höheres geologisches Alter ( im Gegensatz zu den kantigen Formen der jüngeren Lavastrecken ) hinweisen. Es gibt in dieser Kette keine touristisch besonderes Interesse weckenden Berghäupter, denn der bedeutendste erreicht in der Atalaya nur 724 m Höhe. Dagegen weckt der geologische Befund besonderes Interesse, denn hier kommen massige vollkristalline Tiefengesteine wie Syenit, Diorit, Gabbro, Essexit usw. zutage und kontrastieren mit den halbglasig entwickelten Erguss- 98 "

gesteinen. Sie formen geradezu ein ganzes kleines Massiv, wie man sie etwa in den älteren Kernen der Alpen antrifft ( Aarmassiv, Mont-Blanc-Massiv ). Es handelt sich hier aber nicht um einen sehr alten Kern, sondern vielmehr um einen wie einPluton in die älteren Laven vom Typus der Spilitformation eingedrungenen Stock, der einst in grösserer Tiefe erstarrt war, daher den massig kristallinen Habitus bekam. Dies ist etwas Neues für die Canaren, denn auf La Palma und Gomera bekamen wir solche Massengesteine nur in kleineren Ausläufern zu sehen, anzeigend, dass sie dort von einem in der Tiefe noch verborgenen Stock herkommen. Fuerteventura bringt also gewissermassen den sonst verborgenen Unterbau in ansehnliche Höhe über das Meeresniveau hinauf. Drüben in der spanischen Küstenzone auf dem Kontinent ( Sahara espanol ) besteht eine ähnliche Disposition, was aber nicht die direkte Verbindung anzeigt; diese geht viel eher in der geltenden Streichrichtung, abtauchend nach NNO in den Ozean, um, wieder zutage kommend, bei Agadir in Südmarokko, wo der Hohe Atlas gegen Westen in den Atlantik ausgeht, so auf eine gewisse Verbindung dieses Gebirges mit den Canaren schliessen zu lassen.

Der fremde Besucher von Fuerteventura tritt gewöhnlich an der Ostküste im nördlicheren Abschnitt an Land, wo der Hauptort der Insel, Puerto Rosario, liegt. Er hat ein wasserumspültes Land von der Grosse des Kantons Zürich vor sich und kann darin seine Wahl zu touristischen Unternehmungen treffen, falls ihn nicht an einen anderen Zweck gebundene Pläne leiten. Er sieht natürlich zuallererst wieder schwarze Basalte, auf denen das kleine Städtchen liegt, und mag bei der herrschenden landschaftlichen Monotonie wohl baldige Fluchtgedanken hegen. Nimmt er einen Autobus, wie ich es tat, und siedelt sich in der Inselmitte in dem Dorfe Antigua an, so hat er vielseitige Auswahl. Die Osthälfte der Insel zeigt W-O-orientierte Basaltberge, die aus einer älteren Serie dieser Ergüsse aufgebaut sind. Kaum ein Strauch schmückt die scharf geschnittenen Grate, die für sich ein aufragendes Relikt innerhalb einer jüngeren Lavaserie sind, die sie umströmt und auf ihrem Rücken die wenigen Ortschaften trägt. Es mag auffallen, dass auf den schwarzen Laven, die doch kieseliges Gestein repräsentieren, in Mulden, auf Rückenflächen und bis auf die Grate und Gehänge hinauf gelbweisse Flecken und Flächen von bald mehligem, bald mehr körnigem Travertin ( Kalktuff ) verstreut sind, also ein reines Kalkgebilde. Es mag erst rätselhaft erscheinen, woher denn eigentlich diese verbreiteten Kalkvorkommen, die Fuerteventura zum eigentlichen Kalklieferanten für die übrigen Inseln gemacht haben, stammen mögen. Stammt er von ehemaliger Überdeckung mit marinen Kalksedimenten? Da diese aber nirgends im Zusammenhang erhalten sind, ist es wahrscheinlicher, dass dieser fremdartig anmutende Kalk aus der Verwitterung der Ca-haltigen Mineralien zusammengetragen ist, wie Augit und gewisse Feldspate, die als aufbauende Komponenten an der Zusammensetzung der Basalte teilnehmen. Dass dieser, vielleicht aus feuch-terer Zeit stammende Kalk nicht weggespült wurde, lässt sich aus dem exzessif trockenen Klima verstehen.

Mein Vorzugsidyll hatte ich in dem kleinen Dorf lein Betancuria gefunden, das seinen Namen nach dem Eroberer der Insel zu Beginn des 15. Jahrhunderts trägt, der hier im Auftrag der spanischen Krone das Land in Besitz nahm. Es war der normannische Ritter Jean de Bethencourt. Von hier durchstreifte ich Täler und Bergrücken, die in schönen Aufschlüssen die massigen Syenite und Diorite zeigen und äusserst malerische Felspartien an der von den Wogen zerschlitzten schwarzen Küste mit dem Hammer beklopfen lassen. Abends jeweilen fand ich in Betancuria bei einem gastfreundlichen Bauern Unterschlupf, und das Schlafgemach teilte ich mit dem Gemeindeschreiber des Örtchens.

Noch fehlt uns im Kranze der Inseln das nördlich anschliessende Lanzarote, das mehr als Fuerteventura wegen des noch etwas stärker aktiven Vulkanismus aufgesucht wird. Da unser Bedarf an Vulkanismus nun wohl ( vielleicht schon seit graumer Zeitgesättigt sein mag, lassen wir es links liegen und steuern auf Tenerife zurück, um von dort aus kühleren und nun in neuem Grün prangenden Landstrichen des « alpinen Nordens » zuzustreben.

LITERATUR-AUSWAHL Bourcart,J. etJérémine, E.: La Grande Canarie, Bulletin volcanologique, Série II, T. II, Napoli, 1937.

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