Um die Hölle herum

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Von M. Szadrowsky

Vortrag, gehalten 1948 in der Sektion Rätia des Schweizer Alpenclub ( Chur ) Jetzt ein paar Beweise dafür, dass Baum und Marchstein beisammen sind, oft der dauerhaftere oder der neuere Marchstein bei einem umgehauenen Baum: « In den birboum und marchstein an Steinmarsrüti » ( um 1351 ); es sollen « anstatt der abgehauenen Lachbäume ( Grenzbäume ) Steine gesetzt werden » ( 1531 ). Da ist auch etwa « ein marchstein unden am holz » ( 1598 ), d.h. am Wald, oder eine Landmarch läuft « an den heiligen Brunnen und Stein » ( 1618 ). Vielleicht lässt sich damit irgendwo ein Quell oder Brunnen namens Hell deuten, zum Beispiel « Hellen-Brunnen » im 15. Jahrhundert zu Basel, und in andern Fällen ein Wald des Namens Hell als Grenzwald, auch eine Lichtung als Grenzlinie.

Mit Hilfe von mittelhochdeutsch rein « begrenzende Bodenerhöhung », Schweizerdeutsch Rai(n ) « Grenzstreifen, Grenze » und Hell « Grenzstein » begreift man Namen wie Heil-Rain, Hehl-Rain, auch Helleren, da Rain zu Ran abgeschwächt sein kann; in Thayngen ist nach Mitteilung von Dr. Max Koch der Rennweg ein Weg, der auf lange Strecke hin die Grenzsteine miteinander verbindet.

Durch Hell im Sinne von « Grenze » erklärt sich gewiss auch etwa ein Heil-Bach ( gleichbedeutend mit March-Bach ), ein HelUGraben, vielleicht auch ein Hell-Büel. Eine Höll liegt nach zuverlässiger Mitteilung « gegenüber Alt-toggenburg beim Bruderwald, d.h. jenseits der Grenze auf Thurgauer Gebiet ». Im Prättigau ist eine Hell « am nördlichsten Ausgang des Dorfes Saas ».

Es fügte sich leicht, dass eine « Marchstein»-Hell, eine « Grenz»-Hell mit Bach, Schlucht, Wald, Sumpf oder anderm « Höllen»-ähnlichen « zufällig » zusammenfiel, woraus dann dem Namen Hell höllischer Sinn zufiel. Als feuriges Gespenst muss nach dem Tode umherwandeln, wer einen Marchstein verrückt.

Das Setzen von Marchsteinen besorgten im 15. und 16. Jahrhundert und weiterhin hiefür eingesetzte Beamte, zum Beispiel « siben'marker, die darüber geschworn haben, ze marken yedermann nach synem recht » ( 1447 ), Marcher, Marchner. Ist der Familienname Heller zum Teil desselben Ursprungs? Er konnte natürlich auch dem Flurnamen Hell entspringen.

An oder auf einer Grenze gelegen und zur Beschreibung des Grenzverlaufs geeignet waren auch ein Hof, ein Haus, ein Stall ( Grenz-Ställi kommt als Flurname vor, zum Beispiel in Rongellen ): solche waren und Wessen also etwa « bi der Hell », « zu der Hell », falls ein Grenzstein, eine Grenze mit Hell bezeichnet wurde ( was durch Baum und Markstein erwiesen sein dürfte ).

Noch ein anderer Weg, wieder ein steiniger, führt zum Hausnamen Hell. Man muss doch wohl noch einen suchen, wenn J. J. Spreng aus dem alten Basel berichtet, dass tief an der Rheinhalde gelegene Häuschen « Höllen » heissen, nach Basler Aussprache also Hellen. Die tiefe Lage könnte freilich wie andernorts eine Hölle begreiflich machen. Aber geradezu Höllen in der Mehrzahl? Auch an andern Orten hat wahrscheinlich die tiefe Lage oder auch nur der Wortklang höllische Hellen aus ganz andersartigen gemacht.

Ein Weg lief so: Steinplatte, Herd, Haus. Lässt sich dieser Verlauf doch an manchen Wörtern zeigen. Von der Feuerplatte, Herdplatte zum Herd sind zum Beispiel die Wörter Füür-Blatte, Herd-Blatte, Füür-Statt gegangen; als Hausname kommt in Zürich um 1860/70 « Herdplatte » vor und 1796 « Teufels Herdblatten », das ist « Teufels Herd, Haus ». Mit Ofen-Blatte, Ofen kann eine Stube, auch eine einfache Küche gemeint sein; auf Tenna im Safiental hat eine Gadenstatt den Namen Ofe(n)-Platte. Den Weg vom Herd Die Alpen - 1949 - Les Alpes8 zum Haus und Hauswesen erkennt man auch heim Wort Rauch: es soll « nit mer dann ein Rauch als Fürstatt gefüert werden » ( 1613en ) eigne(r ) Rauch füre(n ) heisst « einen eigenen Herd haben, gesonderten Haushalt führen »; eigi Füür und Rauch ha(n ), « einen eigenen Hausrauch halten » ( 1777 ). Am nützlichsten für unsern Gedankengang sind aber eben Fälle, wo am Anfang die Steinplatte steht oder liegt. Der Ern ist der Hausflur, Hausgang, das Vorhaus, die Küche, Huus-Ern auch « der ganze Umfang des Wohnhauses, mit der nächsten Umgebung »: « Es sind wenig rechter grosser Huseeren noch Höfen mer bi einanderen » ( 1566 ). Im Altdeutschen hat arin, erin, ern die Bedeutung « Fussboden, Tenne ». Weiter zurück liegt der Sinn « Steinplatte ». 1594 wird verfügt: « Die hausär des wilsteins sol der jüngste son besitzen »; Kinder erster Ehe sollen « die hausär und wilstein besitzen »; Kinder zweiter Ehe sollen Vater und Mutter « nit an der husärbesitzung oder wilstein vertriben ». Mit « wilstein » ist das Wohnhaus gemeint. Dieses alte Wort Wiel-Stein ist uns ein besonders ehrwürdiger Zeuge. Der erste Bestandteil von althochdeutsch wihel-stein, wilstein hat « Rad, Scheibe » bedeutet ( wie auch im Nordischen ). Wiel-Stein war ein einfacher Herd, eine radförmige, auf dem Boden gelagerte Steinplatte, in deren Mitte das Herdfeuer brannte ( also der Füürgrueben-Sleiri ). Das Wort kommt im 14./16. Jahrhundert besonders in rechtlichen, zumal erbrechtlichen Bestimmungen vor als Umschreibung für das Haus, und zwar das dauernd bewohnte Haus. Weil das Haus Hauptstück der Dauersiedlung ist, eignete sich seine Bezeichnung Wielstein zum Bestimmen des Grenzverlaufs. Auch Flurnamen konnten daraus entstehen: « ein juchart ackers uff dem Wielstein... gelegen ».

Damit ist wieder eine Brücke gebaut. Oder wir wagen einen Sprung: hatte das Wort Wielstein sicher die Bedeutungen « Steinplatte, Herd, Haus » und hatte Hell, Hell-Stein sehr wahrscheinlich denselben Sinn, dann vergleichen wir mit der Ortsbestimmung « uff dem Wielstein » eine urkundliche Steuer « ab dem Hellstein » und überhaupt den Flurnamen Hell-Stein und den Ortsnamen Höllenstein. Beiderlei Namen bezeichnen Siedlungen einfach als solche, wie etwa « bim Hüsi », « zu Hüsern », « Husen », « Gadem », « Gädemli ». Häuser und Maiensässe des Namens Hell können also nach dem friedlichen Herd benannt sein, so etwa « Kasper Böuschigs Helh im Davoser Spendbuch ( 16. Jahrhundert ). « Caspar in der Hell » ( 1443 auch in Graubünden ) muss keineswegs mit Höllischem zu tun haben wie im « Freischütz » der Bösewicht Kaspar, der in der Wolfsschlucht Freikugeln giesst. Zu einem wahrscheinlich einsam, abseits gelegenen Herd und Haus gehört wohl « Adam zu der Hell, gesessen in der Helh ( 1486 in Kriesseren, St. Gallen ), so wie im alten Norwegen ein Mann des Namens Hellu-Narfi zum Hof Hella gehört, der seinerseits nach einer Steinplatte oder Klippe hella benannt ist. Es ist zum Verwundern, wie oft Hell, Höll als Name eines Bauernhofes vorkommt. Man sehe sich nur im Helvetischen Lexicon von H. J. Leu um ( 18. Jahrhundert ). Ein paar Beispiele: Hell, ein Bauernhof in der Gemeinde Walzenhausen, ein anderer in der Pfarrei Mosnang im Toggenburg, Höllenau in der Pfarrei Kilchberg, Vorder und Hinder Höll im Freiamt, Ober und Unter Höll in der Pfarrei Sempach, noch mehrere im Luzernbiet, auch im Zürichbiet.

Sonderbar alle diese Einzelhöfe Hell, Höll, doch nicht allzu sonderbar, wenn sie eben mit dem Wort Hell gerade als Einzelhof bezeichnet wurden, als Heimwesen, Haus, Herd, wie andere mit den Zusammensetzungen Heil-Statt, Blatten-Statt, Heil-Blatte. « Ein Berg, darauf ein Haus und Sennte »: so beschreibt Leu eine Höll im Muotatal; mit Berg ist eine Bergweide, Bergwiese gemeint; das Haus mit dem Herd hat diesem Berggut die Bezeichnung Hell verschafft. Da und dort kann auch das « Abgegrenzte » gemeint sein, das durch eine Grenze zu einem Besitz Zusammengeschlossene, « in einer March »: « Das Heimwesen ist mit genügend Wasser, Holz, Streue versehen, und ist das Ganze in einer March und nahe bei der Sennhütte gelegen ». In einer Hell? Da dürften sich auch die obere, mittlere, untere Hellelen von Visp im Wallis melden.

Nach dem häuslichen Herd hat wohl auch die Hell im Kloster St. Gallen den Namen bekommen, über die Vadian, Johannes Kessler, Sicher berichten. Eine Gaststätte war die Hell, ein Gasthaus für Fremde und zu klösterlichen Festlichkeiten, erbaut von Ulrich Rösch, 1531 vervollständigt durch neue Küche und Speisekammer. Aus der « Platten»-Hell konnte auch in solchen Fällen eine « höllische » werden. Dachte man sich doch etwa die Hölle als Gasthaus, dessen Wirt der Teufel ist. Im Churer Rathaus war eine « Höllstube ».

Mit dem Haus- und Flurnamen Hell darf man den Haus- und Flurnamen Stube zusammenhalten, auch die Namen Stübli, Stubli, mit Hellenen der Name Slüblenen. « Für kleine, sehr geschützte Mulden oder Kummen kommt zuweilen auch das Wort Stube vor » ( 1874 ), Stübleni auch für « rundliche Erdgruben annähernd von Umfang und Tiefe einer geräumigen Wohnstube », wo Gipslager durch Regen und Schnee « hinausgewaschen » worden sind. Dergleichen Orte können auch durch das Wort Hellen als « Stuben » bezeichnet sein. Übrigens bedeutet das Wort Stube ursprünglich « Ofen », dann « heiz-bares Zimmer », auch « Wirtsstube im Gemeindehaus » und auch « Gemeindehaus », ferner « kleines Häuschen auf der Alp », ist auch Name von Häusern und Flurname: « ober und under Stuben » als Namen von Höfen. Der Weg vom « Ofen » zum Haus- und Flurnamen beim Wort Stube ist sehenswert neben dem Weg von der « Platte, Herdplatte » zum Haus- und Flurnamen beim Worte Hell. Tragen Felsbecken im oberen Thurlauf in der Gegend von Unterwasser im Toggenburg den Namen Stuben, so fallen uns die Höll-Chessel in der Sitter und in der Goldach ein.

Sonderbar mutet es an, wenn ein Rathaus, ein Burgerhaus den Namen Hell trug: « Domus dicta Hell, der burger hus », 1389 in Bern, das erste Rathaus unten am Stalden in der Unterstadt. Auch in Rathäusern fanden Gastereien statt, waren Stuben, Herde, Herdplatten, also Hellen, wesentlich. Der Berner Geschlechtsname Hellwart ( nach Leu ) mag im Wortspiel mit mittelhochdeutsch helle-warte « Höllenhüter, Teufel » auf einen Verwalter zurückgehen, der auch als « Huswart, Stubenwart » hätte bezeichnet werden können. Übrigens hat man dort sehr wahrscheinlich in sehr alter, wohl zährin-gischer Zeit Gericht gehalten.

.Dazu kommt die Tatsache, dass ein Stein als Stätte für Rechtshandlungen sehr wohl bezeugt ist ( der Ortsname Malilla in Schweden ist eigentlich Mal-hella, dem Sinne nach « Gerichtsstein » ), besonders « der heisse Stein », z.B. im alten Basel: « der grosse platte Stein vor dem Halseisen, worauf die Lästerschriften verbrannt werden und zuweilen die Übel-täther nach dem Brangerstande noch eine Strafe ausstehen müssen » ( nach Spreng noch im 18. Jahrhundert ). Dieser « grosse platte Stein » konnte wohl auch mit dem Wort Hell bezeichnet werden, so auch andernorts der Gerichtsstein, z.B. in Zurzach, wo 1529 ein Stubenrecht verfügt, alle Rechtshandlungen « sollend im sumer zum heissen stein gehalten werden ». In Basel und Bern war noch im 19. Jahrhundert der Traualtar oder die Stelle vor demselben der heisse Stein. Gotthelf erzählt: « Ein feierliches Beben ergriff uns beide, als wir Hand in Hand an den heissen Stein traten. » « Der heisse Stein » ist wohl Ersatzname für den frühern Ausdruck Hell, der eben zwei-deutig war. In Luzern mussten laut Verordnung von 1585 die Weinführer den Wein, den sie auf den Markt brachten, « denselbigen allen uf die blatten fixeren und da liggen lassen zuo offnem Men kauff ». Kurzum: Steine, Steinplatten sind Stätten für Rechtliches, der Name Hell für Stätten und für Häuser nicht rätselhaft. Da erinnert man sich auch an Bäume mit dem Namen Hell: wie Platten waren auch Bäume auf Wiesen und Auen, wahrscheinlich auch in Wäldern, Kennzeichen der Gerichtsstätte, zumal Eichen und ganz besonders Linden. Aus solchen Bäumen wuchs auch höllischer Aberglaube.

Kann man das « Stein»-Wort Hell vergessen, wenn man die Hellen, Höllen im G e 1 ä n d e ins Auge f asst? Sollte nicht mit Hell da und dort ursprünglich eben das gemeint sein, was sehr häufig Platte heisst? Nämlich: breiter, flacher Fels, biossliegende Felsplatte, Felswand?

Bei Azmoos ( St. Gallen ) ist eine Höllen-Platte, « eine steile Stelle im Walde ». Wahrscheinlich war sie mit dem Wort Hell als « Platte » bezeichnet, wurde dann, weil Hell als Begriffswort unterging, als Hölle empfunden ( es spukt dort ), der « Sache » zuliebe weiter als Platte bezeichnet, als Höllen-Platte.

Eine Höllen-Platte im Bernischen, « eine kahle Granitplatte, über die der Grimselweg führt », beansprucht dieselbe Deutung. Laut Baedeker zweigt nach der Hellemadbrücke rechts « der alte, nicht mehr gangbare Saumweg ab, der über den durch Gletscherschliff abgerundeten Granitfels der Helleplatten führt ». Zugegeben: man kann auch mit Tschudis « Tourist in der Schweiz » von einer « Hehlen ( schlüpfrigen ) Platte » ausgehen. Man lese aber in einer « Crystallographia » aus dem Jahr 1721, die A. Wäber im 25. Jahrbuch des S.A.C. 1889 wieder für « curiose Leser » zugänglich gemacht hat: « Der gantze Weg aber von Guttannen nach dem Spitahl ist durch und durch von Steinen mit grossem Kosten gemacht und besetzt, da etlicher Orthen die Natur der Kunst vorgekommen und diese Kosten verhütet hat; und zwar ist die Fluhe und aller Stein dahinein von dem allerhartesten und räuchsten Felsen, den man Geissberger nennet, und ohngeacht öffters solche präcipitia in die allwegen nebendurch fliessende Aar zu sehen, auch der Weg vieler Orthen gantz abhaltend ist, mag dennoch die Beschaffenheit dieses Steins nicht zugeben, dass weder Pferdt noch Mann sonderlich so sie mit Eisen wohl beschlagen sind, fallen können, sondern ziehet das Eisen also an, das Pferdt 2 Centner schwer beladen an den misslichsten Orthen so sicher gehen als auff freyem Feld; ein solcher entsetzlicher Abgrund findet sich ohnweit der Handeck und dem nächstgelegenen Räterichsboden, die Hähle Platte genannt, allwo die Felsen, so eben wie ein Tisch, zwar gegen der Aar abhaltend in die 30 Schritt lang zu sehen ist, darüber jedermann zu verstaunen gehen muss und kan. » Warum kann das jedermann? Weil « die Fluhe und aller Stein dahinein von dem allerhartesten und räuchsten Felsen » ist, also nicht « hähl »! Aber eine Platte der Platten, ein Ausbund von Platte, darum vom Säumer und Wanderer als die Platte eindrücklich empfunden, darum ausdrücklich als die Platte bezeichnet mit dem Platten-wort Hell. Oder die mächtigste Platte auf dem von Natur und durch Kunst « durch und durch von Steinen » oder eben Hellen gemachten und besetzten Weg. Was aus den plattigen Hellen eine höllische Hell machen konnte, auch das lässt der Bericht spüren: « präcipitia », das heisst steile Abstürze, « der Weg vieler Orthen ganz abhaltend », das heisst abschüssig, « entsetzlicher Abgrund ».

Auf dem alten Sustenpfad wandert man laut Tschudi beim Aufstieg aus dem Gadmental durch « die wildromantische Hölle », laut Baedeker « durch wilde Felsgegend ( ,Hölle ' ) zum Gasthaus am Stein am Fuss des mächtigen Steingletschers ». Wer von der andern Seite kommt, mit dem geht « es » unter dem Gasthaus am Stein abwärts, steil abwärts in die Schlucht hinunter, darum eben in die Höll. Der Schlucht zur Linken des Weges gilt der Name, wenigstens heutzutage. Sieht man das Bild im Führer für die neue Sustenstrasse an, das Stück alten Pfades durch eine Felswand, dann argwöhnt man, zumal wenn einem das alte « Stein»-Wort Hell am Herzen oder auf dem Magen liegt: die Felswand war dereinst die Hell, durch die « es » ging, allerdings dann fast unwiderstehlich in die Hölle hinunter und heute ohne allen Zweifel in die Hölle. « Es war einmal », es kann gewesen sein.

Der Wasserhölle am Ursprung des Hinterrheins haben wir bereits die gebührende Ehrfurcht bezeugt als einer in Wahrheit natur- und geisterhaften Hölle. Aber am Wegstück dar d' Hell ist oberhalb « steile Wand », unterhalb « teilweise steile Wand » — zwischen den Wänden durch, durch die Felswand mag man ursprünglich gemeint haben: dür d' Hell ( en ). « Durch den Stein » heisst es andernorts, z.B. 1645 in Flims: « Dieser Alpstein ( der Flimser Stein ) hat einzelne Fels vor sprünge oder -absätze, die zugänglich, für Menschen und Schaafe sind », und die ehrsame Gemeinde Flims hat « einen neuen Weg durch den Stein in die obere Alp... gemachet ». Im Stein ist der Weg von Safien-Platz nach Glas. Zwüsche(n ) de(n ) Stei(n ) heissen Felsbänder in Untervaz oder eher Rasenbänder dazwischen.

« Unten und oben steile Felsen »: so liegt auch die Bergwiese Hell zwischen Frunt und Fätti in Vais. Unter einer Felswand ist die freilich auch höllisch mühsame Heil-Halde bei Tamins, Felswand auch auf der Calanda-seite des Kunkelspfades, ein Durchpass « über eine sehr enge Kluppen, auf deren beiden Seiten sehr hoche perpendicular in die Höche gerichtete Felsen stehen, allso dass man diesen Durchpass nicht unfüglich einer grossen Porte oder Thor vergleichen könte ». Goethe sah irgendwo Felsenwände, « welche in die Höhe steilen ».

Vom Kirchlein im Avers führt der Pfad hinunter, in die Hell führt er ( unten ist zwar Weideboden ), aber durch die Hell führt er, durch plattiges Gestein. Wer dort Ferien erlebt hat, kennt diesen Weg durch die Platten, durch den Fels. Übrigens lese man im Rätischen Namenbuch genau nach: in der Hell heisst der Abhang. Der Abhang, der plattige Felshang ist es, nicht die Schlucht weiter unten, nachträglich zwar auch die Tiefe. Man erzählt: « Einst habe man mit einem ganzen Stier eine Leiche auf den Friedhof geführt. Das Tier sei scheu geworden und über den Friedhof hinaus in die Schlucht gestürzt. Da habe der Sohn der Verstorbenen gerufen: Jetzt stürzt er mit der Mutter in die Hölle hinunterI » Noch etwas anderes aus Avers: ist es Zufall, dass gerade an Blatten ( « auf Piatta » ) ein mächtig emporragender Fels Hellsch Chilcha heisst?

Im Höll-Loch im Muotatal unter der karrenzerrissenen Bödmerenalp ( es beginnt am obera Ende der Höllbachschlucht ) ist eine Böse Wand. Nur bis zu dieser ist man früher vorgedrungen. Als Loch mit der Felswand oder eben Hell mochte diese Hölle bekannt oder verrufen sein und dann zum Höll-Loch werden.

Schauen wir noch einmal in die Höll am Ursprung des Hinterrheins hinunter: in einem Felsspalt stürzt dort der Rhein hinunter; durch eingeklemmte Felsbrocken ist der etwa zwanzig Meter hohe Fall grösstenteils verdeckt; hinter Felsköpfen verschwindet der Rhein ( so erläutert mir J. Meuli ein Bildchen dieser Holt ): Fels genug, wichtig für die Eigenart dieses Ortes, wuchtig für Auge und Gemüt, wirklich Fels genug für ursprüngliche Bezeichnung mit dem « Felsen»-Wort Hell, wenn auch längst eine Höll daraus geworden ist. Unter den Bergwanderern empfindet der eine mehr das Steinige, Felsige dieser Gegend, der andere das Grausige. A. Hoff-mann-Burckhardt ( VIII. Jahrbuch des S.A.C., S. 24 ) verliess den untern Rheinwaldfirn oberhalb seines Absturzes, « um an dessen linkem Ufer unterhalb der Plattenschlucht über prachtvolle Rundhöcker hinauf zu steigen und bald darauf wieder über Felsen und Grasbänder hinunter nach der neu errichteten Klubhütte zu gelangen ». Dagegen ist das Höllische gefühlt und betont von W. Bernoulli ( VII. Jahrbuch des S.A.C., S. 131 ): « Nicht weit unterhalb der ( Zapport-)Hütte beginnt der grossartige Schlund der .Hölle ', der auch auf uns die wir doch die Alpennatur mit ganz andern Augen betrachten als unsere Vorfahren welche diesen Namen ersannen unbedingt den Eindruck des Grausenhaften machen muss. Von ähnlichen, bei den Touristen hochberühmten Schluchten unterscheidet sich die Hölle durch ihre von Eis starrende Umgebung und das Fehlen jeglichen Baumwuchses. » Eine Hell auf Braunwald im Glarner Land, jetzt Weidli genannt, kennzeichnen Einheimische als « geschützten Ort, darum im Sommer so heiss », « im Loch unten », « etwas für sich, abgeschlossen ». Einem zur Beschreibung aufgeforderten Studenten ergibt sich folgender Augenschein: « Charakterisiert ist dieses Weidli durch seine Umfriedung, die fast gänzlich aus Steinmauern oder -wällen besteht, durch zahlreiche Ahorne, die längs der Ein- friedung und zum Teil auch im Weidli und besonders auch auf dem kurzen, steil abfallenden Hang gegen den Brumbach wachsen, vor allem aber durch die zahlreichen Felsstücke, von denen das Weidli so ziemüch übersät ist. Auffallend ist besonders eine Platte ( etwa 45° Neigung ) am Rand gegen den Bach. » Bei einer Hell in Engelberg tritt der Fels zutage.

Noch einmal will jetzt der mehrfach vorkommende Name Hell-Stein, Höllen-Stein zu seinem Rechte kommen. Im Schweizerdeutschen Wörterbuch ist sogar ein Begriffswort Hell-Stein, Höllen-Stein bezeugt: ein Felsblock, ein Findling ist damit gemeint. Ist es wörtlich ein Stein, der von einer Hell herrührt, ein Brocken von einer Felswand? oder ein Plattenstein, eine Steinplatte? « Flacher Stein, Platte » bedeutet altisländisch hellu-steinn. « Nackte Blöcke von Mannsgrösse bis Haushöhe heissen bei den Berglern kurzweg Steine », belehrt uns P. Zinsli ( Grund und Grat, S. 41 ), und weiter: « Ein Stein ist aber vor allem eine rundlich-massige, oft würfelartig abgeflachte, dazu meist eine frei auf dem Boden aufliegende Felsform. » Dergleichen meint gewiss da und dort der Name Hell-Stein, Höllen-Stein. Umdeutung des alten « Stein»-Wortes Hell ins Höllische konnte nicht ausbleiben: Findlinge beschäftigen ihrer fremdartigen Herkunft wegen von altersher die Phantasie des Volkes und werden mit dunkeln Gewalten in Verbindung gebracht. Das verraten Namen wie Häxen-, Ung'hür-, Tüüfels-Stein und eben auch Höllen-Stein.

Vielleicht ist da oder dort eine Hell ein Hexentanzplatz gewesen ( wie eine riesige Platte auf der Alp Caschlè im Tavetsch ) oder ein Tanzplatz für Leute: « Tanz-Blatte » ist nach dem Wörterbuch mehrfach Name von Berghöhen, wo die jungen Leute, oft unerlaubterweise, dem Tanzvergnügen huldigten. In Vais stehen auf dem Heidboden zwei Steine, hoch wie ein Kirchturm ( so erzählt der Valser J. Jörger ), und man sieht ihnen an, dass sie einst nur ein Stück gewesen sind; sie heissen die hööje(n ) Steine(n ) oder auch ds Tüüfeisen Steine(n ), weil sie der Teufel selber hergetragen hat. Aus hööjen Steinen, d.h. hohen Steinen, konnten Höllensteine werden. Kein Argwohn, eine Tatsache! In einem Davoser Hirtenspruch, der die Bränte, den Nebel, unter einen Stein bannt, heisst es nach dem Schweizerdeutschen Wörterbuch:Bränte> Bränte> fflp/ di(ch)> Oder i(ch ) stüpf di(ch ), Chrüüch uuf under de(n ) Hölle ( n)stei(n ) Und lass die arme(n ) Hirte(n ) hei(m ).

Ursprünglich hiess es aber: Chrüüch uuf an de(n ) hööje(n ) Stei(n ), also « an den hohen Stein ». Alt Ständerat A. Laely in Davos hat den Spruch nie anders gehört und als Hirtenbube im Bärental nie anders gesagt. Noch leichter konnte aus einem Hellenstein ein Höllenstein werden, aus dem « Felsen »-Wort Hell das « Höllen»-Wort. In der Hell von Tamins am Kunkelspfad im Foppaloch, in jener « engen Kluppen », ist übrigens ein Foppa-Sfein, ein grosser Stein, von dem die Kinder ein Stück wegbeissen mussten, wenn sie uf Überuuf, auf den Pass, wollten.

Obgleich ein Stein für den Bergler eigentlich ein einzelner Block ist, kann doch auch der gewachsene Fels Stein heissen, « die steinige Eigenart über dem Grasbereich » ( P. Zinsli ), auch die Felswand. Sogar eine Felsschlucht, tatsächlich die Schlucht kann als Stein bezeichnet werden. Die Schöllenenschlucht heisst 1363 « Stein ». 1655 ist zu lesen, man habe jemand « in den Stein » hinunter geworfen, nämlich in die Viamalaschlucht. Stein gilt also wirklich dann und wann für eine felsige Schlucht, übrigens auch für gewaltige Felswände, zum Beispiel bim Stein für die Gegend vor der Klus am Ausgang des Prättigaus bei der « Hehlwand », ferner Oberhalb Stein ( Sursés ). Umgekehrt vermag das übliche Schweizer Wort für die Felswand, Flue, manchenorts auch einen grossen Block, einen « Stein », zu bestimmen. Man darf dem Wort Hell auch beides zutrauen, auch der Zusammensetzung Hellen-,Höllen-Stein. DasZusammenfügen zweier « Stein»-Wörterkann einen nicht befremden, wenn man im Wörterbuch Zusammensetzungen wie Felsen-Stein, Stein-Felsen für einen losen Felsen, Felsblock, Findling antrifft. Die alte Festung Bärenburg bei Andeer, deren Burgfels in die wilde Klamm des Hinterrheins hinabstürzt, stand nach Sererhard « auf einem breiten Felsenstein nache am Rhein ». Ein solcher « Felsenstein » war dem Sinne nach mancher Hellen-Stein.

Eine Gitzi-Hell kann, obgleich heute « höllisch », dereinst sachlich dasselbe gewesen sein, was jetzt noch Gitzi-Stein, Geiss-Stein, Gitzi-Flua, Geiss-Platte heisst ( auf Island Geü-hella « Geissplatte » ). Mit Geiss können übrigens auch Gemsen, Steinböcke, Rehe gemeint sein: « wild geissen, als gempsen, Steinbock, reh » ( 16. Jahrhundert ). Ausserdem kann man an den Leck-Stein, G'leck-Stein denken, eine Felsplatte, also wohl auch Hell, wo man den Tieren Salz reicht oder streut.

Noch etwas I Manche Platte in Deutschbünden und andernorts wird romanischer Herkunft sein, manche Hell aus einer romanischen Piatta umgetauft sein. Ein Ort uf der Hell kann dereinst siila Piatta geheissen haben. Ein Hellen-, Höllen-Tal kann irgendwo in Grenzgebieten und dereinst zweisprachigen Gebieten einem romanischen Namen entsprossen sein, wie er in rätoromanisch Val las Plattas vorliegt ( freilich auch einem Val Uffiern « Höllental » ), ein Hellen-, Höllen-Stein aus Crap la piatta ( crap heisst « Stein » ).

Das Wort Blatte erscheint in der Schweiz « massenhaft in Orts- und Flurnamen », nach dem Schweizerischen Wörterbuch wohl fast immer ausgehend von folgenden Bedeutungen: Felsplateau, Fels-, Bergterrasse; breiter, flacher Fels ( blossliegende ) Felsplatte, Felswand. Thomas Platter erzählt im 16. Jahrhundert über seinen Familiennamen: « Min vatter hatt Anthoni Platter gheissen, von dem alten geschlecht, die Platter gheissen hant; die hand iren namen von eim huss, das ist uff einer breiten blatten, das ist ein f eis en uff eim gar hohen berg, by eim dorf, das heisset Grenchen. » Mit dem Familiennamen Blatta, Platter lässt sich der Name Heller vergleichen, ferner mit dem Namen Blättler, der früher auch Blattler, am Blatten hiess. « Ein guot, das man nempt in der platt » ( im 15. Jahrhundert in Tuggen ) ist ein Gegenstück zu manchem Gut « in der Hell ».

Schauen wir noch einmal auf Grosses! Der Axenstein am Urner See ( der Name Axenstein kommt auch auf Obersaxen in Graubünden vor ), der Axenstein, die ungeheuer schroff, gähstotzig, gar senkrecht ins Wasser ab- stürzende Felswand mit den auffallenden Schichtenbiegungen und -knickungen, das mächtige Felsgebilde, hoch, breit, trotzig, konnte als d' Hell « die Felswand » oder d' Hellen « die Platten » geschaut, geschildert, bezeichnet werden, im besondern auch die unten hervortretende Klippe und die der Steile trotzende flache Platte, die in den See hinauslangt, als d' Hell.

Wer möchte dem ketzerischen Einfall nachgehen, die Teilen-Platte sei naturhaft d' Hellen-Platte gewesen? Keiner wird bestreiten, dass heutzutage jedermann beim Namen der Platte an Teil denkt. Seit Jahrhunderten ist es so, war schon althergebracht für den Luzerner Chronisten Petermann Etterlin um 1500 herum: er schildert den Sprung zu « einer grossen blatten, die man syd har allewegen genempt hat des Teilen blatten und noch hüt bytag also nennet ». Auch beim Luzerner Chronisten Melchior Russ führt die Teilenplatte « noch hüt by tag » den Schützennamen. Trotzdem kann der Bezeichnung der Platte etwas anderes zugrunde liegen. Es ist schon erwogen worden, ob etwa ein alter romanischer Name darin stecke, weil doch das Wort Platte nicht deutschen Ursprungs sei. Karl Meyer ( Der älteste Schweizerbund, 1924, S. 124 ) wendet mit Recht ein: « Darin einen erstarrten romanischen Flurnamen zu sehen, ist nicht angängig. Denn das Wort ,platten'war im 14. und 15. Jahrhundert am Vierwaldstättersee ein in der lebendigen Umgangssprache gebrauchtes Wort für Fels, Felsvorsprung. » Ein « erstarrter » Name kann es trotzdem sein, ein alemannischer. Die Platte kann ursprünglich ganz sachlich einfach d' Hell, das ist « die Platte », geheissen haben. Tatsächlich hatte sie den Namen schon vor Teils Sprung: « der Tall kam untz an die ze Teilen blatten », steht ja im Weissen Buch ( 14. Jahrhundert ). Noch etwas! Der Schreiber schreibt mehrfach und durchweg den Namen des Schützen mit a ( wohl für ä ), Tall, dagegen den Namen der Platte mit e. Sonderbar oder doch beachtenswert ist das, auch wenn das a von Tall ein Versehen, ein « Verschreiben » sein sollte. Und weshalb verschreibt sich der Schreiber beim Schützennamen jedesmal wieder? und warum verschreibt er sich nicht beim Namen der Platte? Wahrscheinlich hat er noch etwas von ihrem ursprünglichen Namen gewusst oder gespürt oder gehört. Noch heute mag es davon nachklingen, wenn der Urner die Fügung am Tellä, am Tellä ussä braucht, wenn er meint « an den Tellenplatten », « an der Tellenplatte », und der Schwizer: a(n ) der Tellä. Schon vor Zeiten fuhr, steuerte, sprang etwa einer an d' Hellen, uf d' Hellen oder d' Hellen-Blatten. Auch auf Island bedeutet hella im besondern « Landungsplatz », dies in sehr häufigen Ortsnamen Hella, Hakonar Hella « Hella des Hakon ». Vielleicht haben die Waldstätter dem Schützen Wilhelm den Übernamen oder Beinamen Täll, Teil nur darum gegeben, weil in dem zwar naturhaften Namen d' Hellen-Blatten, der für Mund und Ohr VHellen-Blatte, Teilen-Blatte wurde, ein Männername zu stecken schien ( wie etwa in der Bezeichnung « gegen Sant Gallen blatten », 1588 in Lungern ). Oder d' Hellen-Blatte konnte vermitteln, dass Täll, Teil, der Held der Urner Geschichte vom Apfelschuss, auch zum Schützen in der Hohlen Gasse bei Küssnacht wurde.

Bringen wir da gerade einen merkwürdigen Teilen-Stein unter Dach, der im Zuger Land zu Hause ist. En steinige(r ) Tisch ist es, eine Granitplatte in einem Haus in der Eielen. Da sollen « die drei Teilen » geschmaust haben, dies aber nur nach mündlicher Überlieferung. Urkundlich kommt « Eiolen » 1313 vor als Ort eines Schiedsgerichts in einem Marchenstreit zwischen Schwiz und Zürich in bezug auf Einsiedeln. Diese wichtige Tatsache fügen wir zum Gewicht der Granitplatte. Ein Gerichtsstein war sie, als solcher weit und breit bekannt als « der Stein », als « die Platte » oder eben als die Hell, d' Hell. Die Verwandlung in einen Teilen-Stein überlassen wir getrost dem Volksmund und der mündlichen Überlieferung. Zur Eiolen gehörte übrigens ein Inselchen, und zwar ein Felsinselchen: « nördlich vom Hof ( Eiolen ) im See ein ganz kleines Felseninselchen mit einigen Bäumen und einem grossen Kreuz. Die den Felsblock früher mit dem Ufer verbindende Landzunge ist 1594 von den Wellen weggerissen worden » ( Geographisches Lexikon der Schweiz ). Gerichtsort war die Au Eiolen, die dann zum Inselchen wurde. Dem Wort Ei « Au, Insel » ( nächst verwandt mit Aue, Aüje, Au, althochdeutsch ouwa, germanisch agwjo « die Wässerige, das Wasserland » ) weist noch Stalder 1806 die Bedeutung « Landgericht » zu ( Berner Oberland ). Zum Wesen des Gerichtsortes gehörte jener Felsblock, später die Granitplatte. Sie mochte von ihm stammen. Verwandt waren sie augenscheinlich und tatsächlich als Findlinge. Beiläufig kommt einem der Gedanke, dass auch im Lande Uri eine Eielen ist, bei Altdorf, und dass auf den ältesten Holzschnitten der Apfelschuss nicht auf einem Dorfplatz stattfindet, sondern in naturhafter Landschaft, in einem Gelände mit einem Bach, vielleicht in der Eielen? Die Gerichtslinde in einer Au, auf einer Insel ist auch andernorts bezeugt: « Linden, so man gewohnlich in die Owen setzt » ( Stumpf ). Die zwei Eielen, die eine bei Altdorf und die andere bei Zug, konnten in der Geschichte und der Überlieferung von der Befreiung der Waldstätte wirksam werden, zumal da zwischen den beiden der Teil den Sprung auf die Platte am Urner See getan hat, uf d' Hellen.

Ein Findling, vom Reussgletscher hergeschafft, ist der Zuger Teilen-Stein. Findlinge liegen auch auf der Tellen-Rüti oberhalb der Teilen-Platte und -Kapelle. Als Begriffswort für « Findling », auch « Felsbrocken », ist Hell-Stein, Höllen-Stein bezeugt. War nicht der eine und andere Teilen-Stein ganz natürlich d' Hell « der Findling »? oder einfach ein Stein von einer Felswand, welche als d' Hell « die Platte » oder d' Hellen « die Platten » bezeichnet und dann durch Umdeutung Teilen genannt war? Oberhalb der zwei Heimwesen des Namens Dellen-Stein oder Teilen-Stein beim Kloster Engelberg ist eine Felswand; sie ist « etwas brüchig ( faul ) und hat Blöcke und Schutt heruntergelassen » ( Pater Berchtold Bischof ), auch schon vor Jahrhunderten. Trieb man voreinst Geissen zur Atzung in d' Hellen-Stein, dann in Dellenstein, in Tellenstein?

Der Schütze Teil bleibt trotz allem in Ehren, auch wenn sogar die Teilenplatte am Urner See voreinst einen erdhaften, steinhaften Namen gehabt hat. Geschichtsforscher und Sprachforscher bringen den Teil nicht um. Dafür hat ein für allemal der Dichter gesorgt.

Man möchte und sollte all den Orten nachgehen, die « Teil, Teilen » heissen oder deren Namen mit « Teilen » zusammengesetzt sind. In vielen steckt mittelhochdeutsch teile « Schlucht », manche haben mit Dällen « Föhren » zu tun, andere mit Teil, teilen « Steuer, besteuern » ( aus französisch taille, tailler, rätoromanisch taglia « Steuer », italienisch taglia, tagliare « Steuer, besteuern » ), manche mit andern Wörtern, einige wohl mit dem « Stein»-Wort Hell, d' Hellen. Ein Beispiel! Hinten im Urbachtal im Berner Oberland ist am Gauligletscher der Teilen-Grat. Wie beschaffen ist er, wie sieht er aus? Steil stehende Gneisschichten sind sein Wesen, also wohl d' Hellen « Felsplatten »; sie heissen ja auch « Sagi-Zähn ». Freilich könnte der Grat auch als Schluchten-, Klüftegrat gekennzeichnet sein.

Ein Bergsteiger muss wagen. Er bricht die Kletterei ab, ehe sie ihm den Hals bricht. Geben wir die Wanderung für einmal auf, obwohl sie noch viel verspräche.

Zwei Wege sind wir gegangen ( abgesehen von Seitenwegen ): der erste hat uns hauptsächlich Höllisches gezeigt ( Teil I und II ), der zweite Stei-niges ( Teil III ). Ist etwa die Beute des ersten Weges nachher durch Steine verschüttet und begraben worden? Beide Wege muss man einschlagen, wenn man schauen will, was alles an Sprach- und Volkskundlichem, an einst Erlebtem und heute noch Erlebbarem um die Hölle herum liegt.

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