Ungereimtes am Kleinen Gelmerhorn

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am Kleinen Gelmerhorn

Henri Furrer, Bern

Bilder 63 bis 6g Da finde ich eine seltsame Geschichte in meiner Erinnerungskiste: die Geschichte vom Kleinen Gelmerhorn ( Pt. 2605 der stark verwitterten Felskette westlich über dem Diechtertal und über dem rechten Ufer der Aare zwischen Handegg und Guttannen, im Amtsbezirk Oberhasli ). Uns Gelegenheitsschreibern fällt es bekanntlich leichter, Ungereimtes zu beschreiben als Ausgewoge-nes und Gefälliges. Missliche Situationen, die wir inbrünstig verwünschen, erweisen sich nachträglich als dankbarer Erzählstoff. Dagegen hat beispielsweise das glanzvolle Erlebnis einer gelungenen Hochgebirgsfahrt etwas wie eine unantastbare Vollkommenheit, etwas in sich Geschlossenes - da können beschreibende Worte nicht viel mehr sein als unnötiges und unbeholfenes Geschwätz.

Bleiben wir also bei unserem Gelmerhorn.

Die Luft ist glasklar, als wir zum Gelmersee hochsteigen. Wir sind zu dritt und haben vor, noch heute die beiden Gelmerhörner zu überschreiten. György ist schweigsam - scheint mir. Es soll seine erste reine Kletterfahrt werden. Die ersten Sonnenstrahlen streifen das Ritzlihorn auf der anderen Talseite. Franz kann es nicht glauben, dass dieser Gipfel zu den stattlicheren Dreitausendern gehört. In der Tat: das gläserne Morgenlicht täuscht. Uns ist, als könnte man mit Rie-senarmen zum Gipfel hinüberlangen und in wenigen Schritten den Ostgrat emporsteigen.

Im ersten Talkessel oberhalb des Gelmersees sind wir reif für eine Frühstücksrast. Das Kleine Gelmerhorn, eine schlanke Granitpyramide mit neckisch aufgesetztem Hut, schaut auf uns herab, als wollte es sagen: « Was sind das für kleine Neulinge da unten... » - Györgys Blick schweift immer wieder verstohlen nach oben. Plötzlich meint er, es wäre gut, einen Rucksack hier zurückzulassen. Eifrig macht er sich ans Umpacken. Das absolut Notwendige wird vom Überflüssigen getrennt; das will reiflich überlegt sein. Schliesslich bleibt aber nur noch ein kleines Häufchen zum Deponieren übrig. Franz und ich achten nicht darauf, mit welcher Sorgfalt György das Versteck für den Rucksack inmitten des Trümmerfeldes mächtiger Granitblöcke auswählt und sich einprägt. Franz scheint von unserem Tagesziel etwas weniger beeindruckt zu sein, im Gegenteil, er gibt seiner Enttäuschung darüber Ausdruck, dass diese beiden Gelmerhörner nur aus zwei simplen Granitzacken bestünden; dabei hätte ich ihm eine grosse, rassige Klettertour versprochen!

Aber keine Angst: die erste Lektion sollte nicht lange auf sich warten lassen! Wir steigen in eine tiefe Felsenschlucht ein, die auf eine breite Gratschulter zu führen scheint. Keiner von uns kennt den Zugang zur südlichen Gelmerlücke vom Gelmersee aus. Der Routenführer empfiehlt in groben Zügen einen Weg über den auslaufenden Hauptgrat der Gelmerhörner. Gut - soweit klar. Von Zeitbedarf, Schwierigkeiten und dergleichen Kleinigkeiten ist nicht die Rede.

Da am oberen Ende der Schlucht kein Ausweg besteht, versuchen wir frühzeitig rechts auszubrechen: steile Platten, ab und zu schmale Grasbänder. Unsere Gespräche sind verstummt. Eine kleine Melodie verfolgt mich wie eine lästige Fliege. Unablässig drängt sie sich tonlos zwischen meinen Zähnen hervor. An den Schuhen klebt schwarze Erde. Die Felsen sind stellenweise nass. Eine kurze Steilstufe können wir nur in einem schlüpfrigen Kamin nahe eines Rinnsals überwinden. Lustig sprudelnd hüpft es über einen Felsrücken ins Leere.Vor einer weiteren Felsmauer seilen wir uns an. Franz findet, es sei hier sehr ungemütlich. Der Durchstieg erweist sich als so schwierig, dass ich ohne Sack klettern muss. Tatsächlich, ich habe ein schlechtes Gewissen! Eigentlich sollte man hier Sicherungshaken schlagen. Aber unsere Klettertour beginnt ja viel weiter oben; wir dürfen keine Zeit verlieren... Nach einigen weiteren Platten und Kaminen legt sich schliesslich das Gelände zurück, und hastigen Schrittes gewinnen wir die begraste Grat-Terrasse. Dies waren die gefährlichsten Augenblicke des heutigen Tages -ein scharfer Aperitif!

Drei Gratgipfel und einige kleine Türme trennen uns noch von der südlichen Gelmerlücke, dem Einstieg in den Normalweg des Kleinen Gelmerhorns. Wir werden nicht klug aus der Routenbeschreibung. Da sind offenbar Höhenzahlen schlechthin verwechselt worden. Eine empfohlene östliche Umgehung ist jedenfalls im Massstab eins zu eins nicht identifizierbar. Aber was tut 's! Wem es seit Jahrzehnten zur selbstverständlichen Voraussetzung seines bergsteigerischen Stils geworden ist, führerlos zu gehen, der muss auf allerlei Überraschungen gefasst sein. Wir fühlen uns zwar nicht stark genug für Erstbesteigungen -aber geraten doch immer wieder unfreiwillig in Erstbegehersituationen.

So verlassen wir uns auf unseren Instinkt und wählen den sichersten Weg: die Gratkante auf ihrer ganzen Länge. Ein anregendes Turnpro-gramm in festem Gestein. Doch uns fehlt die innere Ruhe, um die delikaten Partien auskosten zu können. Eine gespannte Ungeduld nagt an unsern Nerven. Über weite Strecken klettern wir alle miteinander. Auf dem letzten Gratgipfel angelangt, vernehmen wir menschliche Stimmen und entdecken eine Seilschaft - zwei winzige rote Punkte - an der Gipfelplatte des Kleinen Gelmerhorns. Noch einmal ein kurzer Abstieg, ein umständliches Abseilmanöver - dann stehen wir endlich auf dem Sattel. « Als Vorspeise recht nahrhaft », finden wir und schütteln unsere müden Glieder.

Mittag ist längst vorüber. Ich stelle sofort unseren Weiterweg zur Diskussion. Um diese Zeit noch in die Gesamtüberschreitung einzusteigen scheint mir gewagt. György ist einverstanden, den Abstieg über den Normalweg anzutreten und in der Gelmerhütte zu übernachten - morgen wäre ja immer noch ein Tag, um unser Unternehmen weiterzuführen. Unser heutiges Pensum kann für ihn als vollwertige Klettertour gelten. Franz kneift ein Auge zu, schaut den Plattenfluchten des Südgrates entlang in den Himmel hinauf und wiegt mit der rechten Hand ein paar Schlingen des Kletterseils aufund ab. « Mir stinkt 's », sagt er nach einer Weile. Wir wissen, was er meint: Morgen um 9.30 Uhr vormittags muss er im Berner Gymnasium im Schulzimmer stehen. Das heisst: Gelmerhörner jetzt - oder vielleicht nie mehr. Es gelingt ihm denn auch rasch, unsere Vernunftar-gumente zu zerstreuen - angesichts des angewärmten, griffigen Granits lässt sich unser gedämpfter Tatendrang leicht wiederbeleben.

Franz übernimmt die Führung; er hat offensichtlich den grössten Elan. Obschon mir nun der schwerste Sack angehängt wird, geniesse ich es, hinten nachklettern zu dürfen. Auf die Arbeit meiner zwei Gefährten da vorne kann ich mich verlassen.

Franz besitzt nicht das, was man bergsteigerische Erfahrung nennen würde. Er ist kein Angefressener, der systematisch trainiert, die klassischen Routen studiert und dann die gemachten Berge in seiner Sammlung aneinanderreiht. Aber er ist eine Art Naturtalent. Seine ruhige, bestimmte Sprechart verrät eisenstarke Nerven. Der eckige Bart, die markanten Gesichtszüge und die stets zu einem spöttischen Lächeln bereiten Lippen erwecken den Eindruck eines mit allen Wassern gewaschenen Bergführers. Als ich ihn einmal in einen ziemlich exklusiven Bergsteigerclan einführte, wurde lange darüber gestritten, ob Franz von Beruf Pilot oder Grenadierhauptmann sei, was den arglosen Biologen sehr amüsierte.

György, in Ungarn aufgewachsen und seit sieben Jahren in der Schweiz, war seit jeher fasziniert von unserer Bergwelt. Es ist jedoch noch kein Jahr her, seitdem sich seine alpinistischen Wunschträume zu verwirklichen begonnen haben. Seines Zeichens Musiker, Cellist mit Soli-stenerfahrung, ist er an Präzision und Zuverlässigkeit gewöhnt. Mein Vertrauen zu ihm war von Anfang an so gross, dass ich mich nicht scheute, ihm als Erstlingstour den Mönch-Westgrat aufzu- tischen, im Oktober, bei einer Hundekälte und eistriefenden Felsen. Ohne viele Worte geht es vorwärts. « Typisch Granit », denke ich. Kräftiges Stemmen, Spreizen und Klemmen sind unerlässlich. Hände wie Schraubzwingen sollte man haben! Wir sind natürlich, bei schulmässigem Sichern, als Dreierseilschaft ziemlich langsam. Ein Überhang macht mir zu schaffen, weil der Rucksack klemmt. Dann der steil aufgerichtete Gipfelgrat, fast senkrechte Platten, Risse und Kanten - eine schwungvolle Linie prächtiger Kletterstellen zwischen Himmel und Erde. Die Hauptspeise schmeckt vorzüglich; Franz kommt auf seine Rechnung. Unter dem gigantischen Gipfelblock scheint kein Weiterkommen mehr zu sein. Es braucht schon einige Phantasie, um die richtige Stelle und Ausgangs-haltung zum Spreizschritt, der den Zugang zu einer weiteren Delikatesse, der Gipfelplatte, vermittelt, herauszufinden.

Der Gipfel, eine luftige Kanzel, reicht gerade aus, um uns ein wenig Entspannung zu ermöglichen. Franz und ich verzehren einige Dörrfrüchte. György zupft an seinem Schnauz herum. « Ja György », sagt Franz mit einem wollüstigen Seufzer, « jetzt kommt noch das Dessert, zweimal dreissig Meter Abseilen, davon etwa vierzig Meter freischwebend... » - « Hm », macht György und blickt vorsichtig über die nördliche Kante, wo nur noch ein bodenloser Abgrund gähnt, « wie soll man da einsteigen? » Wir versichern ihm, dies sei sehr einfach, das ergebe sich ganz von selbst. Und wenn es nicht ginge, könnten wir ihn immer noch am Sicherungsseil hinunterlassen; irgendwo käme er schon wieder auf festen Boden. Doch diese Antworten scheinen ihn keineswegs zu beruhigen.

Nun ja, überlege ich mit einem Seitenblick zur tiefliegenden Sonne, vielleicht hat er recht, ungeduldig zu sein. Wir rüsten rasch die Seile. Franz geht voran, entschwindet unseren Blicken - das Sicherungsseil surrt, man hört einen Jauchzer, ein gedehntes Lachen, das vom grossen Gelmerhorn zurückhallt, dann das Zeichen zum Nachkom- men. György geht auf die Kante, zögert, versucht dem Tiefblick auszuweichen. « Und vergiss nicht », ruft Franz, « wenn es dreht, das Panorama zu betrachten! » - « Richtig hinausliegen! » mahne ich. Dies braucht gewiss zehnmal weniger Nerven, als alleine mit dem Cello vor fünfhundert erwartungsvollen Leuten auf der Bühne zu sitzen, denke ich unwillkürlich. Aber ich schweige und halte pietätvoll den Atem an... und György besteht die Feuerprobe mit Bravour!

Die zweite Abseilstelle ist nicht weniger eindrücklich, und nach einem pikanten Abstieg durch eine grifflose Rinne stehen wir wieder auf sicherem Boden im Sattel zwischen den zwei Gelmerhörnern. Fünf Uhr vorbei, mitten im September... wir wissen, was das bedeutet: Spätestens in zwei Stunden wird völlige Dunkelheit herrschen. Als Unwissender behaupte ich, es gäbe nichts anderes, als die Überschreitung fortzusetzen. Franz kratzt sich im Bart, zückt unser Büchlein, setzt sich und blättert eine Weile darin herum... und siehe da: er entdeckt einen Ausstieg durch die Ostwand.

György schaut mich an. Dann macht er eine steife Verbeugung und eine einladende Geste, die gegen den Abgrund hinunter deutet. Eine eigenartige Mischung aus Ironie und tiefem Ernst blitzt aus seinen Augen, etwas, das all jene, die ihn nur oberflächlich kennen, verunsichert. Hier ist die Situation jedoch unmissverständlich. Uns ist jeglicher Appetit nach aufwärtsstrebender Kletterei vergangen; deshalb nehme ich die wohlwollende Einladung dankend an.

Einige Augenblicke später finden wir den ersten Haken, versehen mit einer Abseilschlinge. Wir kommen unfreiwillig dazu, regelrechte Abseil-orgien zu feiern. Die fortlaufenden Seilmanöver sind indessen zeitraubend. Wir sichern nur noch, wenn es absolut notwendig ist. Györgys technisches Können erreicht bald eine Virtuosität, wie ersiein keinem Kletterkurs so schnell erlangt hätte. Nach der siebenten Abseilstelle wird es Nacht.

Langsam, aber sicher beginnt sich der Berg zu rächen für die verschiedenartigen Sorglosigkeiten unseres heutigen Tages. Wir besitzen nur eine einzige Taschenlampe, und diese befindet sich sinni-gerweise in Györgys Rucksack, 500 Meter weiter unten auf dem Talboden. Es gelingt uns gerade noch, mit dem letzten Tagesschimmer eine kleine Grasterrasse zu gewinnen, dann umhüllt uns endgültig eine dunkle, mondlose Nacht.

Ich erwähne etwas von einem Biwak, aber Franz willnichts davon wissen. Losgeseilt beginnen wir eine Kletterei besonderen Stils: « Blindkletterei ». Mühsam queren wir eine tiefe Felsenschlucht, indem wir Tritt um Tritt, Griff um Griff sorgfältig ertasten. Auf den mächtigen, meist grifflosen Plattenschüssen schleichen, rutschen, kriechen wir langsam dahin, jeder auf seine Art. Die Abgründe weiter unten, dort, wo sich die Platten gegen die Senkrechte hinunterwölben, sehen wir nicht, können sie aber dunkel erahnen. Dies drückt sich in einem gelegentlichen Kitzeln in der Magengegend aus, besonders dann, wenn ein Fuss oder eine Hand mit krampfhaft gespreizten Fingern für Augenblicke ins Rutschen gerät bevor irgendeine kaum sichtbare Unebenheit wieder Halt gibt. Schliesslich finden wir heraus, dass sich unter den gegebenen Umständen nur eine Gangart mit gutem Gewissen anwenden lässt: auf allen vieren in möglichst engem Kontakt mit dem Fels, den Hosenboden als wirksamste Stütze und Notbremse verwendend.

Auf diese Weise kommen wir erstaunlich rasch vorwärts. Ein vermuteter Ausstieg durch einen Riss erweist sich als zu steil. Wir steigen wieder auf, diagonal über glatte, gewölbte Granitflächen, wie über versteinerte Walfischrücken. Das Rauschen des Baches tönt kräftig, ja aufdringlich zu uns herauf; die Talsohle kann nicht mehr weit entfernt sein. Aber wie über diese letzten steilen Felsdächer hinuntergelangen? Ratlos queren wir auf dem schiefen Gelände umher. Bis jetzt haben wir uns gut durchgeschlagen, ohne Zwischenfälle; aber unsere Nerven sind mitgenommen. Wir finden die Sache längst nicht mehr lustig, sehnen uns nur noch nach einem Stück ebenen Bodens, wo wir frei stehen und uns bewegen kön- nen, ohne uns fortwährend mit den wundgeriebenen Fingern festhalten zu müssen.

Franz kriecht unter einem gewaltigen Überhang einer schwachen Verschneidung entlang und ruft etwas. Misstrauisch folgen wir ihm und spähen angestrengt in die Tiefe.Vage können wir das Ende der letzten Felsplatte ausmachen, etwa zwei Seillängen unter uns: eine schwache Grenze zwischen einer dunklen Grashalde und dem hellen Gestein. « Hier oder nirgends sonst !» sage ich in einer Anwandlung von Ungeduld und mache mich auf den Weg. Ein dünner Riss durchzieht die Platte in der Fallirne. Unter Ausnützung aller möglichen Reibungsfaktoren, die Fingerspitzen in den Riss hineingepresst, kann ich mich vorschieben, immer weiter, in kleinen Schritten. Auf halber Höhe der Platte bestätige ich meinen Erfolg und muntere Franz und György zum Nachkommen auf. Die Steilheit nimmt zwar immer noch zu, aber die Ausgesetztheit lässt nach - endlich. Jedenfalls wäre eine unfreiwillige Rutschpartie mit Landung auf der Grasböschung ohne allzuschlimme Folgen zu überstehen. Wider Erwarten hat der Riss, etwas breiter werdend, ein paar wenige kleine Griffe anzubieten. Einige Schritte sauberes Klettern, ein kleiner Sprung ins weiche Gras, dann kann die letzte Operation als überstanden gelten.

Wir beglückwünschen uns. György dankt überschwänglich für unsere « Führungsarbeit ». Was nun folgt, ist völlig problemlos: Den Hüttenweg werden wir schon finden, und der weitere Abstieg ist ohne Gefahren. Ich stelle überrascht fest, dass der hintere Teil meiner Kletterhose nur noch in Fetzen an mir herunterhängt. Klar, das ist ja logisch! Auch bei Franz ist auf der kritischen Fläche mehr Loch als Hose übriggeblieben. György grinst kurz und spitz. Seine Kletterhose trägt keine Spuren. Sie sei aus bestem Stoff, selbstgemacht, handgeschneidert, sagt er, nicht ohne eine Spur herablassenden Spottes über uns arme Opfer des Konsumzwanges. Doch Franz meint, dieses neuartige Kühlsystem sei eine geniale Entdeckung und durchaus patentwürdig.

Wohlgemut stolpern wir über Grashöcker und Felsblöcke dem Bach zu. Wir müssen auf die andere Talseite gelangen, denn diesseits des Baches trennt uns noch ein weiterer Felsabsturz vom unteren Talboden; soviel kennen wir bereits von der lokalen Topographie.

Am Wasserlauf angelangt, staunen wir vorerst über die ungeahnt hohen Wassermassen, die sich weiss schäumend zwischen zyklopischen Felsblöcken hindurch zu Tale wälzen. Wir folgen dem Ufer bis dort, wo sich der Bach über die Felswand hinunterschwingt, dann wieder bis hinauf zum oberen Talriegel, wo das herabstürzende Wasser einen kleinen See bildet. György eilt voraus und sucht im Dunklen nach möglichen Übergängen; wir können ihm kaum folgen. Franz errät meine Gedanken. « Jetzt sind wir endgültig gefangen », sagt er halb resigniert, halb fragend. Ich kann nur bestätigen, dass wir nichts mehr anderes tun können, als hier den Morgen abwarten.

György ist verschwunden, von der pechschwarzen Nacht verschluckt. Wir setzen uns, blicken in die tosenden Fluten, schweigen. Uns ist unheimlich zumute. Eines ist uns klar: Wer hier ausgleitet und ins Wasser fällt, ist rettungslos verloren.

Erst jetzt, da wir zu zweit so apathisch dasitzen, wird uns bewusst, dass in György eine Veränderung vorgegangen ist. Im Fels ist er uns ruhig und eher passiv gefolgt. Hier aber, in der endgültig ausweglosen Situation, scheint plötzlich eine hektische Unruhe in ihn geraten zu sein. Irgend etwas treibt ihn dazu, wie besessen in dieser gespenstischen Szenerie umherzuklettern.

Geisterhaft taucht er wieder auf, wie aus dem Nichts, gestikulierend. « Es geht! » schreit er uns entgegen, im Versuch, das Getöse des Baches zu übertönen. « Ausgeschlossen! », erwidert Franz, « wir werden hier biwakieren! » György macht eine brüske Kopfbewegung, wie um eine Wespe abzuschütteln. Wir versuchen ihm die Lage zu erklären, tun ihm aber schliesslich doch den Gefallen, die Sache aus der Nähe zu prüfen.

An einer seichten Uferstelle angelangt, zeigt György auf einen abgerundeten, schmalen Fels- IOI kopf, der knapp aus dem Wasser ragt. Die Fluten schiessen beidseitig etwa in gleichem Strom daran vorbei in einen Felsenschlund hinunter. « Kommt nicht in Frage », ist mein kurzer Kommentar. György erscheint uns in diesem Augenblick wie ein ahnungsloser, kleiner Anfänger. « Aber schaut doch her !» ruft er beschwörend aus und erklärt in kurzen, präzisen Worten seinen Plan: « Sich hier hinstellen, auf diesen Block, Hände voran fallen lassen, auf dem Felskopf abstützen, sich hinüberziehen, aufrichten, dann springen, auf diese Felskante hinüber, und weiterspreizen... » Franz und ich sind verblüfft über die Zielstrebigkeit von Györgys Argumentation. Wir diskutieren. Schliesslich gebe ich nach: « Gut, ich mache mit, aber nur mit tadelloser Seilsicherung. » Also, rasch anseilen! Das 6o-Meter-Seil erweist sich aber in der Dunkelheit als ein tückisches Ding. Das Bündel, einmal ungeschickt hingeworfen, an der falschen Schlaufe hochgehoben... ergibt den herrlichsten Seilsalat! Tastend versuchen Franz und ich dem wirren Knäuel beizukommen, lösen Schlinge um Schlinge, öffnen Knoten um Knoten, beginnen einige Male von vorne, ohne Hast; jetzt haben wir ja Zeit - dunkler kann es nicht mehr werden. György zappelt vor Ungeduld. Er versucht uns noch einmal zur Aktion ohne Seilsicherung zu überreden. Franz und ich bleiben hart. Wir haben nicht die geringste Lust, Zeugen eines makabren Schauspiels zu werden. Dreiviertel Stunden später sind wir angeseilt, stehen bereit wie Feuerwehrleute vor dem Einsatz, auf alles gefasst.

Ich übernehme den schwersten Sack und verschanze mich hinter einem Felsblock, nicht zu weit weg, damit ich die Akteure beobachten kann. György steht schon lange an der ausgesuchten Stelle. Auf mein Zeichen hin macht er sich steif und lässt sich langsam über das dahinjagende Wasser kippen. Mit ausgestreckten Armen fängt er den Stoss auf, verharrt einen Augenblick in horizontaler Lage, bewegungslos, tastet dann vorsichtig, ohne das Gleichgewicht zu gefährden, mit einer Hand am Felskopf umher... und reisst mit einem plötzlichen Ruck das eine Bein hinüber, um dann mit Hilfe eines Zuggriffs den zurückgebliebenen Körperteil scheinbar mühelos nachzuziehen. Das erste Manöver ging also genau nach Programm. Seine weiteren Handlungen können wir nur noch undeutlich verfolgen. Ein geisterhaftes Schattenspiel; dann ist György weg.

Ich muss mit dem Seil kräftigen Gegenzug geben, damit es nicht ins Wasser herunterhängt und mitgerissen wird. Stossweise fühle ich Györgys Bewegungen. Eine längere Pause und zweimal einige Meter Seilzug deuten darauf hin, dass ein weiterer Wasserstrom zu überqueren ist. Das Seil rutscht langsam und stetig weiter... dann steht es still.

Angespannt warten wir einige Minuten. Hat er gerufen? Wir hören nichts als das gewaltige Brausen ringsumher. Warum gibt er kein Seilzeichen? Doch, eine schwache Bewegung im Seil, vielleicht? Versuchsweise lasse ich etwas Seil los... es gleitet nach, immer weiter bis ans mittlere Ende. Wir nehmen an, György sei bereits am Sichern.

Es geht weiter. Franz ist an der Reihe, beidseitig gesichert. « Ich komme! » brüllt er aus vollem Hals. Seine Laute werden wie dünne Fetzen vom allgemeinen Getöse weggefegt. Er holt tief Atem. Franz ist um einen halben Kopf kleiner als György. Aber auch ihm gelingt der abenteuerliche Gang, indem er sich genau an den vordemonstrierten Ablauf hält. Wir haben ja den ganzen Tag trainiert, mit Streckungen, Spreizungen und Sprüngen - beste Voraussetzung also, um als Krönung des Tages eine sportliche Spitzenleistung zu vollbringen.

Obschon meine Vorgänger nun genügend bewiesen haben, dass der Übergang grundsätzlich passierbar ist, scheint mir die Angelegenheit nicht weniger ungemütlich. Ich fühle mich plötzlich einsam. Der allgegenwärtige Lärmvorhang wirkt wie ein Gefängnis, noch einengender, sinnebetäu-bender als die Dunkelheit. Nur eine dünne Nabelschnur verbindet mich nach aussen, zu einer anderen Umwelt, wo sich zwei unsichtbare Männer um den Kontakt zu mir bemühen. Würde ihre Hilfe im Falle eines Sturzes überhaupt etwas nützen?

Erst durch die angespannte Konzentration und das gezielte Handeln verflüchtigen sich meine Bedenken. Ich habe vor allem mit dem Gleichgewicht zu kämpfen. Beim ersten « Brückenschlag » - das Wasser flitzt dicht unter meinem Bauch vorbei — versucht der schwere Rucksack hartnäckig, seitwärts abzukippen. Nach einer Serie weiterer seiltänzerischer Akte erreiche ich meine Gefährten, zwei schattenhafte Gestalten hinter einem Riesenfelsen. Wir begrüssen uns wie Verschwörer im Hinterhalt, ein bedeutungsvolles und unsichtbares Lächeln im Gesicht. Franz und ich klopfen György auf die Schulter. Aber György ist noch nicht ganz glücklich: Die unwegsame Gegend und die nicht enden wollenden Überraschungen des heutigen Tages haben ihn misstrauisch gemacht.

Doch das Auffinden des Hüttenweges sollte keine technischen Schwierigkeiten mehr bereiten. Den Zugang zur anderen Talseite müssen wir uns allerdings erst noch erkämpfen: Immer noch Blindkletterei, ein mühsames Auf und Ab über häusergrosse Felsblöcke; danach Anstieg durch die Schutthalde, diagonal, auf der Suche nach Wegspuren. Nach nicht allzu langer Spürarbeit, gleichsam mit den Augen am Boden umher-schnüffelnd, entdecke ich einen schmalen, helleren Streifen im Gelände: den Hüttenpfad!

Da mir dieser Erfolg als selbstverständlich erscheint, lasse ich die andern erst nachkommen und sage dann wie nebenbei: « Mich dünkt, ich stehe auf einem angenehmen Strässchen. » -«Was! » ruft György ungläubig und prüft sofort den Sachverhalt. Dann, in seiner ersten Begeisterung, lässt er mit wohlklingendem Tenor ein Stück einer Arie aus Don Giovanni durch das Geröll erschallen. Er fasst mich an der Schulter... und der feurige Ungar hätte mich in diesem Augenblick umarmt, wäre ich nicht ein biederer, langweiliger Schweizer gewesen.

Müde, hungrig, mit arg mitgenommenen Kleidern und Fingerspitzen, aber mit frischem Mut setzen wir uns wieder in Bewegung. Ein kleiner Trupp kauziger Nachtwanderer. Uns scheint, Nachtkletterei sei ein viel zu wenig gepflegter Sport. Wir malen uns aus, wie man die Szene der alpinistischen Avantgarde mit einem neuen Gag, den sogenannten Nachtpremieren, etwas beleben könnte. Start nach Sonnenuntergang, Rückkehr vor der Morgendämmerung, Mondschein und Taschenlampen als unfaire Hilfsmittel verpönt.

György ist gesprächig geworden. Er erzählt, sein Grossvater habe auf ungarisch « Fährmann » geheissen. Einer seiner Vorfahren habe gewiss noch als Fährmann auf der Donau gedient, das bedeute für ihn eine Verpflichtung. Das Überqueren von Gewässern liege ihm immer noch im Blut. Wir verstehen jetzt seine Hartnäckigkeit während der entscheidenden Augenblicke am Bach. Als er im Anblick der reissenden Fluten sah, welcher Art und wie gefahrvoll die neu zu lösende Aufgabe war, erkannte er, dass nun seine Stunde gekommen war: die ersehnte Gelegenheit, seine Dankbarkeit uns gegenüber bezeugen zu können. Wir waren seine Führer, er war unser Fährmann, das bedeutete für ihn höchstes Glück.

Im unteren Talgrund treffen wir unseren altbekannten Bach wieder. Aber diesmal überqueren wir ihn höhnisch polternd über zwei bequeme Holzbrücken. Sein ungestümes Rauschen klingt für unsere Ohren wie Unmut über unseren gelungenen Streich, ihn mit einer gewagten Aktion überlistet zu haben.

György erinnert sich seines Rucksacks. Franz ist der Meinung, unter den gegebenen Umständen den Sack ausfindig zu machen sei aussichtslos, und ich schlage vor, die Suche auf den nächsten Morgen zu verschieben. György und ich hätten ja noch einen Tag frei für derlei Zeitvertreib. Wie wir bereits erfahren haben, lässt sich jedoch György nicht so leicht von einem Vorhaben abbringen. Er hat sich den Standort des Verstecks genauestens eingeprägt und möchte mindestens... György ist fort! Mitten in der Diskussion ist er lautlos abgeschlichen, Franz und ich haben es nicht bemerkt.

Wir gehen noch einige Schritte weiter, um es uns an einem günstigen Ort bequem zu machen. « Er wird schon herausfinden, dass in der Nacht alle Katzen schwarz sind », bemerkt Franz. Wir benutzen die Gelegenheit, unseren Magen mit etwas Knabberzeug und kaltem Tee zu vertrösten - das erste Mal seit der Gipfelrast. György lässt, wie vermutet, auf sich warten. Wohl oder übel legen wir uns hin, quer über den steinigen Weg, den Kopf behaglich auf das Kletterseil oder auf einen Rucksackzipfel gebettet. Eine wohlige Müdigkeit fliesst durch unseren entspannten Körper und lässt sich als bleierne Schwere in den Gliedern nieder. Am Himmel stehen einige schwach blinkende Sterne; sonst ist alles dunkel ringsumher.

So dösen wir eine Weile dahin. Zehn Minuten verstreichen, zwanzig Minuten, eine halbe Stunde. Wir setzen uns wieder auf, plaudern über dieses und jenes. Aber was macht wohl György so lange? Ich erzähle ein wenig über den Werdegang unserer Freundschaft und die Eigenheiten von Györgys Persönlichkeit. Franz kennt ihn erst seit heute und hat Mühe, sein Verhalten zu verstehen. Verärgert steht er auf, um den Weg zurückzugehen und « nachzusehen », was los ist. Ich höre ihn einigemale nach György rufen. Wir befinden uns immer noch keine hundert Meter vom Bach entfernt und somit im Bereich seiner Geräuschkulisse, was eine gegenseitige akustische Verständigung erschwert. Unverrichteter Dinge kehrt Franz wieder zurück. Diesmal ist sogar ihm der letzte Humor ausgegangen. Mit derben Flüchen lässt er seinem Verdruss freien Lauf.

Ratlos setzen wir uns wieder hin und warten eine Weile. Wir überlegen: Ist György vielleicht irgendwie an uns vorbeigekommen und hat alleine den Abstieg fortgesetzt? Wir halten dies für ausgeschlossen. Er hätte uns nur auf dem Weg kreuzen können. Aber angenommen, er hätte uns auf irgendeine Art überholt, dann wäre er sicher nicht weitermarschiert! Er wäre unweigerlich zurückgekehrt, hätte gerufen und gesucht. Ist ihm vielleicht etwas zugestossen? Ein Misstritt zwi- 63 Kleines Gelmerhorn; Gipfelauflau Photo Henri Furrer, Bern 64 Gelmerhütte mit Blick in die Gelmerhörner l' hoto Dölf Reist, Interlaken 65 Die Gelmerhörner. Unsere Route.

Photo Henri Furrer sehen den grossen Felsblöcken, ein verstauchter Fuss oder ein gebrochenes Bein - das ist schnell einmal geschehen. Aber in diesem Fall müsste er doch Antwort geben! Vielleicht ist er so unglücklich gestürzt, dass er den Kopf angeschlagen und das Bewusstsein verloren hat. Oder er könnte von einer plötzlichen Übelkeit befallen worden sein... Hat er etwas verloren und ist den Weg wieder aufgestiegen, ohne es uns zu melden? Ist es möglich, dass er - etwa aus Übermüdung - plötzlich durch-gedreht hat und jetzt irgendwo verstört umherirrt, zu weit entfernt, als dass wir seine Rufe hören könnten...?

Unsere Gedankengänge zeigen bald, dass es unzählige Möglichkeiten gibt, die eingetretene Situation zu erklären. Solange wir also keine neuen Beobachtungen machen können, kommen wir der Wirklichkeit nicht näher. Jene Version, wonach György bewusstlos irgendwo im Trümmerfeld hinter einem Felsblock liegt, erachten wir jedenfalls als durchaus möglich. Somit dürfen wir nicht absteigen. Es ist doch selbstverständlich, dass wir unseren Bergkameraden weitersuchen, koste es, was es wolle!

Ich gehe einige Schritte abseits des Weges das Geröllfeld hinauf, klettere über zwei, drei grosse Felsblöcke. Aber was soll das eigentlich: hier in dieser halsbrecherischen Steinwüste wie ein Blinder umherzutappen? Die Berge rings um mich erheben sich wie riesenhafte, stumme Schatten. Von einer plötzlichen Hoffnungslosigkeit erfasst, kehre ich wieder zurück.

Auf unbarmherzige Weise bekommen wir unsere eigene Dummheit zu spüren. Uns wird bewusst, was beispielsweise nur so ein lumpiges kleines Ding wie eine Taschenlampe für eine wichtige, ja lebensrettende Bedeutung haben kann. Der Mensch, klein und hilflos wie er ist, kann sich nur mit Hilfe seines Kopfes, seiner Erfindungen, gegen die Natur behaupten. Mangelnde Ge-dächtnisarbeit muss er deshalb oft mit bitteren Erfahrungen bezahlen.

Franz brüllt den Namen « György! » mit der ganzen Kraft seiner starken Stimme in die Nacht 66 Plattiger Granit am Südgrat des Kleinen Gelmerhorns Photo Manuel Signer, Wabern 67 Am Gipfelgrat des Kleinen Gelmerhorns Photo Henri Furrcr hinaus wiederholt es dann mehrmals, nach langen Abständen; für jede Himmelsrichtung ein Versuch. Jedesmal horchen wir gespannt -, und jedesmal hören wir als einzige Antwort das eintönige, unerbittliche Rauschen des nahen Gewässers. Ist das des Baches endgültige Rache?

Mehr als eine Stunde sind wir nun da, ohne dass wir von György das geringste Lebenszeichen vernommen hätten. Jetzt steht auf alle Fälle fest, dass etwas nicht in Ordnung ist. Aber was würde es nützen, die ganze Nacht hier zu verbringen? Wir glauben, den Umständen entsprechend unsere Pflicht getan zu haben, und versuchen uns einzureden, dass György seinerseits nach uns sucht, aber an einem völlig anderen Ort, oder dass er ganz einfach irgendwo im Abstieg auf uns wartet. Und wenn wir ihn auf dem Weg bis nach Kunzentännlen an der Grimselstrasse nicht antreffen, dann müssen wir ohnehin das Tageslicht abwarten, bevor wir etwas unternehmen können.

Mit gemischten Gefühlen treten wir den Ab-stiegan. Ich kann es nicht unterdrücken, beim Gehen unablässig am rätselhaften Verschwinden meines Freundes herumzugrübeln. In meinem Innern spüre ich etwas, das die Hoffnung aufrecht erhält: ein starkes Vertrauen zu ihm. Ich kenne György nur als äusserst verantwortungsbewussten Menschen und kann mir nicht vorstellen, dass er irgendeine Unvorsichtigkeit begangen hätte. Aber gleichzeitig beschleicht mich eine seltsame Furcht. Wie eine Erinnerung an Szenen aus längst vergessenen Schauerromanen. Drei Männer gehen in die Einsamkeit der Berge, zwei kommen zurück, einer fehlt, ist verschollen, vielleicht irrt sein Geist noch umher...

Der ausgesetzte Felsweg erscheint uns endlos. Unter uns steil abfallende, schwarze Felsplatten und der schwach sichtbare Rand des noch schwärzeren Gelmersees. Einmal bleibe ich unwillkürlich stehen, blicke hinab zum regungslosen Wasserspiegel und horche in die Stille. Die Gedanken bohren... Mit einem Schaudern umklammere ich das Stahlkabel bergseits des Weges fester, um dann gedankenverloren weiterzuge- 69 70

68 In der Gipfelplatte des Kleinen Gelmerhorns. Tiefblick zum 70 Blick vom Mordwestgrat der Haute Cime ( Dents du Midi, GelmerseeArête de Sélaire ) auf Dent Jaune und Les Doigts Photo Henri Fu 69 Grosses Gelmerhorn; Westwand Pholo Henri Fu hen. Sonderbar, wie grausam die Phantasie sein kann.

Beim Wärterhaus am vorderen Ende des Stausees brennt eine Lampe.Vielleicht ist jemand da, der uns sagen könnte, ob ein Alleingänger hier durchgekommen ist. Es ist Mitternacht. Die nackte Glühbirne wirft gespenstische Lichtflecken auf die Umgebung. Mit einer gespannten Scheu gehen wir um das Haus herum, suchen die Eingangstüre, klopfen leise an... keine Antwort! « Hallo, ist jemand da! » rufen wir gedämpft... Nichts regt sich... Totenstille. Schläft wohl jemand da drinnen? Das kalte Betongebäude wirkt unheimlich, als ob es nie bewohnt gewesen wäre.

Schnell schleichen wir wieder davon. Wir sind wie scheue Nachttiere geworden: In der Dunkelheit fühlen wir uns geborgener als in den grellen Lichtkegeln dieses Geisterhauses.

Über die schmale Staumauer gelangen wir auf die andere Talseite. Mit wachsender Distanz von der Unglücksstelle werden meine nagenden Zweifel stärker. Haben wir richtig gehandelt? Hätten wir nicht länger und intensiver nach György suchen müssen? Noch versuche ich, die quälende Ungewissheit mit der Vorstellung zu vertreiben, dass der Verschollene plötzlich vor uns stehen u nd mit uns sprechen würde — wie wenn nichts geschehen wäre! Mehr künstlich als aus echter Hoffnung heraus bin ich gefasst darauf, hinter einem Felsen oder Gebüsch einen schwarzen Schatten, einen Menschen, hervortreten zu sehen - oder in der Ferne einen suchenden Ruf zu hören.

Wir hüten uns vor Halluzinationen. Denn wir fühlen jetzt deutlich: die Müdigkeit, unsere strapazierten Nerven und die drückende Last eines Ungewissen Schuldgefühls vermindern die Zurechnungsfähigkeit unserer Sinne. Wir bleiben manchmal stehen und horchen. Aus der Tiefe des Tales tönt bereits die Aare herauf.

Felsige Quergänge - steile Granittreppen -einige kurze Grashänge - manchmal sumpfiges Gelände. An kritischen Stellen müssen wir uns bücken und mit den Füssen vorwärtstasten, um 71 Blick von Bonavau auf die Saufla-Schlucht ( Pasd'Encel ) und den Mont Ruan im Hintergrund Photos Max Weibcl, Zürich und Piallhausen die Wegspur nicht zu verfehlen. « Liebes kleines Gelmerhorn », denke ich, während mich die Beine wie im Schlafwandel weiterschleppen, « du niedlicher Granitzacken - wie wird diese Tour wohl enden? » Schliesslich pirschen wir uns durch den lockeren Bergwald von Kunzentännlen. Mit jedem Schritt näher an die Passstrasse heran wächst unsere Spannung. Das schlechte Gewissen pocht. Ich spüre starken Pulsschlag und nervösen Atem, als wir im Dunkeln das Auto ausfindig machen. Da ist es. Das Auto ist leer... Nein, da liegt etwas drin... ein menschlicher Körper! Mit heftigen Schlägen klopfen wir an die Scheiben. Die Gestalt bewegt sich, das Licht geht an — es ist György: Mit verschlafenen Augen und einem milden Lächeln schaut er uns an.

Aus einem Gemisch von Glück, Arger, Aufregung und Erleichterung heraus reden wir aufeinander ein, alle miteinander. Vorwürfe, Erklärungen, Beteuerungen, Beschwichtigungen. Wir erfahren, dass György den Rucksack nicht eigentlich suchen gegangen ist. Er wollte nur an einer einzigen Stellenachsehen, um sogleich wieder zurückzukehren. Er ist uns dann « nachgeeilt », so schnell er konnte. Erst bei der Staumauer kam ihm der Gedanke, dass möglicherweise etwas nicht stimme, worauf er nur noch langsam weiterging. Da wir ihn aber nie aufholten, wusste er bis zum letzten Augenblick nicht, ob er sich vor oder hinter uns befand.

Wir versuchen, die Situation auf dem Geröllfeld zu rekonstruieren. Jedenfalls haben wir es unterlassen, eine klare, den erschwerenden Umständen angepasste Abmachung zu treffen. Aber ein kleiner Rest Unbehagen bleibt. Es gelingt uns nicht, eine plausible Erklärung dafür zu finden, wie György unbemerkt an uns vorbeikommen konnte. Irgendetwas scheint nicht mit rechten Dingen zugegangen zu sein... Doch vergessen wir das. Hauptsache: die Welt ist wieder in Ordnung.

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