Unser Jahrbuchredaktor, Dr. Heinrich Dübi zum Abschied

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Dr. Heinrich Dübi zum Abschied.

Von

H. Kuhn ( Sektion Bern, C. C ).

An der denkwürdigen Tagung vom 24. und 25. November 1923 im altehrwürdigen Grossratssaal zu Bern beschloss die Abgeordnetenversammlung des S.A.C. mit den neuen Statuten zugleich eine Umgestaltung seiner Zeitschriften von Grund auf. Lange wogte der Kampf der Meinungen hin und her, von jeder Seite mit Überzeugung und gewichtigen Argumenten, aber stets auch mit Würde geführt; stand doch nichts Geringeres auf dem Spiel als Sein oder Nichtsein unserer grossen Zeitschriften, unter ihnen des Jahrbuchs, das von vielen recht eigentlich als der Stolz des S.A.C. empfunden und geschätzt wird. Das Jahrbuch ist so alt wie der Club selbst und nimmt unter den Publikationen, die seine wissenschaftlichen Leistungen verkörpern, ohne Zweifel die erste Stelle ein. Wie die Jahrringe das Alter des Baumes künden, so verrät die stattliche Reihe der Bände auf dem Bücherregal des Clubisten die Spanne seiner Zugehörigkeit zur Gilde der Bergsteiger, sofern nicht etwa ein aus Vaters oder Grossvaters Zeiten schon angetretener Besitz um weitere Jahrzehnte zurückweist. Nur ungern gewöhnt man sich an den Gedanken, fortan zu missen, was durch unvordenkliche Tradition geheiligt, durch die Regelmässigkeit seines Erscheinens selbstverständlich geworden ist. So konnte gewiss keinem ernsthaften Leser des Jahrbuches der Entschluss leicht fallen, diesem in sechs Jahrzehnten gewachsenen und entwickelten Werk ein Ende zu setzen, so wenig leicht, als der welsche Clubist sein ihm liebgewordenes « Echo » preisgab. Es zeugt von Opferwilligkeit und Unterordnung persönlicher Neigungen unter die Rücksicht auf das Ganze, wenn die Neuerung dennoch durchdrang.

So wird der gegenwärtige Band der letzte des Jahrbuchs sein. Für manch einen, zumal unter denen, die mit ihm älter und konservativer geworden sind, wird das Bedauern über diese Tatsache alle andern Gefühle überschatten, und wohlgemeinte Einwände werden an ihm zerschellen. Solche Beurteiler werden auch in dem Gedanken nur geringen Trost zu finden vermögen, dass die Änderung im Grunde äusserlicher Art ist; denn eben an die äussere Form pflegen wir uns oft H. Kuhn.

mit liebevoller Zähigkeit zu klammern. Nicht nur darnach fragen wir, was uns geboten werde, sondern auch, wie es geboten wird. Ein Jahrbuch in 12 Raten mag nicht jedem behagen. Möge ihn gleichwohl in zwei bis drei Jahren die Erkenntnis versöhnen, dass er im ganzen doch nicht verloren, sondern — wir wagen es zu hoffen — gewonnen haben wird. Ein neues Gefäss soll es werden für die geistige Arbeit des S.A.C. Den reichen Quell, der bisher da- und dorthin floss und wohl auch bisweilen in feinen Adern versickerte, fassen wir in eine Schale, auf dass er kräftiger ströme und frischer erhalten bleibe, dass in volleren Zügen aus ihm trinke, wen darnach dürstet.

Wir wollen aber ein Werk von der Bedeutung unseres Jahrbuchs nicht abschliessen, ohne eines Mannes zu gedenken, der an ihm Anteil hat wie bei weitem kein zweiter: unseres Dr. Heinrich Dübi. Sein Name, den ergrauten Veteranen wie den jüngsten Novizen im S.A.C. vertraut, ist mit dem Jahrbuch untrennbar verbunden. Über ein halbes Jahrhundert führt seine Spur zurück, in eine Zeit, die, von romantischem Hauch verklärt, der heutigen jüngern Generation nur durch die ältesten vergilbten Bände des Jahrbuchs überliefert ist. Zum erstenmal finden wir Dübi im achten Bande ( 1872 ) mit einem Berichte über die Besteigung des Basodino und den Übergang über den Hohsandpass. Von da an blieb während zwanzig Jahren selten ein Band ohne einen touristischen oder wissenschaftlichen Aufsatz von ihm, bis er mit dem 27. Bande ( 1891 ) selbst die Redaktion übernahm und sie ununterbrochen bis heute durch volle 32 Bände führte, damit auch seinen Vorgänger, Dr. A. Wäber, der sich einer zwanzigjährigen Redaktionstätigkeit rühmen durfte, weit überflügelnd. So ist mehr als die Hälfte des gesamten Bestandes des Jahrbuches unter Dr. Dübis verantwortlicher Leitung entstanden, schon der Zahl der Bände nach und weit mehr noch, wenn man die mächtig anschwellende Fülle des Stoffes, den bis zu den Kriegsjahren allmählich wachsenden Umfang der Bände in Betracht zieht. Wahrlich kein geringes Pensum!

Heute, da Dr. Dübi die Feder aus der Hand legt, um eine Tätigkeit abzuschliessen, die gewiss einen namhaften Teil seines Lebenswerkes ausmacht, und sich von den Lesern des Jahrbuchs zu verabschieden, ist es wohl am Platze, einen Blick rückwärts zu werfen auf dieses Wirken und seine greifbaren Ergebnisse. Freilich dürfen wir uns nicht einbilden, es könne uns gelingen, auf wenigen Seiten erschöpfend darzustellen, was unser Jahrbuchredaktor in Jahrzehnten geleistet hat. Wir wollen bloss versuchen, in flüchtigen Zügen ein Bild von ihm und seinem Werk zu entwerfen, eine Skizze also, die nur als solche betrachtet und gewürdigt werden soll. Fast müssen wir allerdings befürchten, er selbst könnte uns deswegen zürnen; denn seine Art sind Gründlichkeit und ganzes Wissen, und gerade das Jahrbuch legt davon genugsam Zeugnis ab. Dem Zweck dieser Zeilen zuliebe bitten wir ihn, ein Auge zuzudrücken und dieses eine Mal einen Beitrag passieren zu lassen, der vielleicht seinem gestrengen Urteil nicht standhalten würde, hätte er als Redaktor die Verantwortung dafür zu tragen. Wir nehmen sie ihm herzlich gerne dieses eine Mal ab und hoffen im übrigen auf seine und des Lesers Nachsicht.

Es könnte leicht geschehen, dass wir ob dem Jahrbuchredaktor Dübi den Bergsteiger Dübi vergässen. Denn seit Übernahme der Redaktion hat er nur noch selten im Jahrbuch von seinen eigenen Erlebnissen gesprochen. Ganz anders Unser Jahrbuchredaktor.

in den frühern Bänden, von 1872 bis 1890. Da war Dübi dem Jahrbuch schon ein getreuer Mitarbeiter. Da erzählt er uns in einer langen Reihe von Aufsätzen von seinen Taten im Gebirge, meist von Erstbesteigungen oder neuen Wegen auf Hochgipfel und über Gletscherpässe. Und wahrlich, er macht es uns schwer, darüber schlüssig zu werden, welche Waffe er sicherer und gewandter führte, den Eispickel oder die Feder. Das Bild unseres Jahrbuchredaktors wäre also sehr unvollständig, wenn wir dieser seiner Tätigkeit nicht auch gedächten.

Ein « Bergnarr von Haus aus », wie er selbst einmal gesteht, hat Heinrich Dübi schon in der Wahl des Zeitpunktes seiner Geburt Klugheit und Geschmack bewiesen. Er begann sein irdisches Dasein im rechten Moment, um noch in der letzten Epoche der « klassischen Zeit » des Alpinismus auf den Schauplatz zu treten. Sein besonderes Interesse und seine Tatkraft wandten sich den Bergen seiner engem Heimat, den Berneralpen zu. Noch waren sie nicht ganz erobert, noch ragten stolze Zinnen unbesiegt. Auf mehr als eine hat er als erster den Fuss gesetzt. Doch trieb ihn nicht der Ehrgeiz, andern zuvorzukommen; nicht den Ruhm des Erstersteigers suchte er, der zumal spätem Generationen vielfach als der Inbegriff des Bergsteiger-glücks erschien und noch erscheint. Vor allem war es ihm um die Erforschung des Hochgebirges zu tun, um die Auffindung neuer praktikabler oder die Verbesserung schon begangener Wege. Darin entwickelte er eine zielbewusste Energie, die wahrlich Achtung einflösst. Und da sein Können hinter dem Wollen nicht zurückblieb, waren ihm glänzende Erfolge beschieden, die freilich oft genug hart und mühsam erstritten werden mussten. Wie charakteristisch ist doch sein zäher Kampf, dem Mittaghorn von Norden beizukommen und einen Übergang über die in ihrer fürchterlichen Steilheit unnahbar scheinende Kette zwischen Rotthal und Schmadrijoch zu finden. Dort anzupacken, dazu brauchte es Kühnheit und Wagemut. Nach jahrelangem Bemühen und manchem vergeblichem Ansturm gelingt es endlich; das Mittagjoch ist gewonnen(1880 ), und es ficht unsern Pionier nicht an, dass andere ihm inzwischen das Horn selbst von der leichten Südseite her vorweggenommen haben.

Bleibende Bedeutung beansprucht aber vor allem seine Auffindung eines sichern Felsenweges vom Rotthal auf die Jungfrau. Wohl waren im Jahre 1864 der Rotthalsattel und der Gipfel direkt durch das grosse Couloir erreicht worden. Allein diese Route konnte sich angesichts der ausserordentlichen Stein- und Eisschlaggefahr unmöglich behaupten und kam nach der zwei Menschenleben vernichtenden Katastrophe von 1872 vollends in Verruf. Dübi liess sich nicht abschrecken, schon im folgenden Jahre durch eine ebenso kühne als schwierige Wiederholung des Aufstieges in den Randfelsen unter möglichster Vermeidung des Couloirs die verhältnismässige Sicherheit des Weges darzutun, wobei er den Abstieg über die Gletscher der Nordseite nach der Wengernalp nahm — eine hervorragende Leistung. Doch das Couloir blieb gemieden und das Problem des Jungfrauweges vom Rotthal ungelöst, bis im Jahre 1881 Dübi sich den Zugang über die Felsen des grossen Südwestgrates zum Hochfirn und zur Spitze erzwang. Er benützte dabei zur Überwindung des gewaltigen, den Hochfirn tragenden Felsbollwerkes im obern Teil dessen westliche Kante, die schwere Kletterarbeit erforderte. War es also auch noch nicht die definitive heutige Rotthalroute über die ganze Länge der Südwestkante, so ebnete das kühne Unternehmen doch der Erschliessung der letztern im Jahre 1885 den Weg.

H. Kuhn.

Mit dieser und vielen andern Taten hat Dr. Dübi sich um die Erforschung unserer Berge verdient gemacht. Selbstverständlich enthält das Jahrbuch nur einzelne besonders erwähnenswerte seiner Bergfahrten ( es fehlt z.B. die erste Ersteigung des Grosshorns im Jahre 1868 ). Sie allein schon rücken seine alpinistischen Qualitäten in hellstes Licht. Mit vorsichtiger Abwägung der Möglichkeiten verband er eine unbeirrbare Zähigkeit in der Verfolgung seiner Ziele, unbekümmert um die nicht immer schmeichelhaften Prophezeiungen der Skeptiker. Ohne Besinnen griff er zu Gewaltmärschen, wenn es den Augenblick zu nützen galt; es kam ihm nicht darauf an, in einem Zuge das Bietschhorn von Ried aus oder das Matterhorn von Zermatt aus zu berennen. Den Gepflogenheiten der Zeit entsprechend, machte Dübi seine schwierigem Touren in Begleitung von Führern, ohne sich dadurch die geistige Führung entreissen zu lassen. Die eingeschlagenen Wege und die aufgewendeten Zeiten zeigen deutlich genug, dass auch ernste Schwierigkeiten in Eis und Fels ihm kein Hindernis bedeuteten; ja, man könnte denken, er habe eine Leidenschaft für kirchdachsteile Firnwände über bodenlosen Abgründen ( wie Mittagjoch, Jungfraujoch, Mönchsnollen, kleines Fiescherhorn ) gehabt. Seinen Fähigkeiten entsprachen die Erfolge, und wenn er einmal, am Cavestrau pin, durch Ausgleiten eines Gefährten mitgerissen, etwa 100 m unfreiwillig ein Schneecouloir hinabglitt, so bildete diese « nicht unbedenkliche Methode » eine ganz vereinzelte und harmlos verlaufende Ausnahme. Das Gelingen seiner vielen schwierigen Unternehmungen verdankt er neben der Wahl guter Führer vor allem dem eigenen Können und der eigenen Initiative. Geschoben und gehoben wollte er nie sein und beklagt sich mit köstlichem Unmut darüber, dass bei der ersten Begehung des Balmhorns über den Südostgrat, da er « mit der Last und dem Eigensinn eines Maulesels » den Führern im tückisch glatten Gewände nachklettern will, sie ihm dazu nicht einmal Zeit lassen, sondern ihn mitsamt den ihm aufgebürdeten Rucksäcken und Pickeln kurzerhand emporziehen.

Mit gleicher Meisterschaft führte er dann nach erfolgreichem Feldzug die Feder, um den Lesern des Jahrbuches von seinen Fahrten und Erlebnissen zu erzählen. Es ist ein Genuss, seine von Geist und Witz sprühenden Schilderungen zu lesen. Auch scharfe Pfeile des Spottes weiss er zielsicher zu senden, wo etwa Eitelkeit und lächerliche Ambitionen ihn reizen, ohne übrigens sich selber zu verschonen. Seine Erzählungen durchsonnt der überlegene Humor des Philosophen, der so natürlich überall hervorbricht und so wohltuend absticht gegen die gerade in der alpinen Literatur oft genug zu treffende Sucht, um jeden Preis humoristisch wirken zu wollen. Viele von Dübis Jahrbuchaufsätzen darf man, obwohl sie Jahrzehnte alt sind, heute noch füglich als Vorbilder hinstellen, wie man Tourenberichte schreiben kann — freilich eben, wenn man kann!

Den Gelehrten Dübi bekunden seine wissenschaftlichen Abhandlungen im Jahrbuch. Sie sind fast so zahlreich wie die Tourenberichte und dominieren, ganz natürlich, namentlich in der spätem Zeit. Auch nach Übernahme der Redaktion hat er noch vereinzelte Aufsätze beigesteuert. Durch seine philologischen Studien angeregt und seiner besondern Neigung folgend, behandelt Dübi vornehmlich historische Gegenstände und geht dabei bis ins Altertum zurück. Er betrachtet die Feldzüge der Römer in den Alpen und widmet den römischen Alpenstrassen eine gründliche, Unser Jahrbuchredaktor.

_5 auf drei Bände verteilte Darstellung, überall interessante Beziehungen und Zusammenhänge aufdeckend. Auch den Spuren der später in die südlichen Alpentäler eingedrungenen fremden Völkerschaften, der Sarazenen und Ungarn, geht er eifrig nach. Drei hervorragenden Kämpen der Erforschung und Eroberung der Alpen, Gottlieb Studer, Edward Whymper und Melchior Anderegg, hat er im Jahrbuch einen Denkstein gesetzt, und sie hätten wohl kaum einen kompetenteren Biographen finden können.

Die Abhandlungen Dübis inhaltlich im einzelnen zu würdigen, müssen wir uns versagen. Wissenschaftliche Arbeit kann nur richtig bewerten, wer dazu selbst das wissenschaftliche Rüstzeug besitzt; ein anderes wäre Anmassung. Scharfer Verstand und ein ausgesprochener kritischer Sinn zeichnen seine Abhandlungen aus, und auch der Laie vermag aus den herangezogenen Quellen, den Methoden seiner Untersuchung und der Begründung seiner Schlüsse eine respektvolle Vorstellung von dem Wissen dieses Mannes zu gewinnen. So können wir das kritische Urteil über seine wissenschaftlichen Leistungen ruhig der Nachwelt überlassen.

Am meisten aber verdankt der S.A.C. dem Redaktor Dübi, und als solcher steht er ihm auch seit mehr als drei Jahrzehnten vor Augen. Im Jahre 1891 übernahm er mit dem 27. Band des Jahrbuches aus den bewährten Händen seines Vorgängers die Redaktion. Wir verstehen es wohl, wenn er dieses Probestück seiner redaktionellen Lehrzeit, wie er in der Vorrede beichtet, mit einem an schlimme Examenzeiten erinnernden Gefühl des Bangens hinausgehen liess; warteten doch alljährlich viele Tausende mit Ungeduld auf das Erscheinen des Buches, begierig, was es ihnen bringen werde. Äussere Gestalt und Stoffanordnung haben seitdem mehrfach Wandlungen durchgemacht; auf den Inhalt und die geistige Signatur aber hat naturgemäss der Redaktor bestimmenden Einfluss ausgeübt. So ist leicht zu ermessen, welch bedeutungsvolle Aufgabe er so lange Zeit hindurch in der Pflege der geistigen Beziehungen des S.A.C. zu seinen Mitgliedern zu erfüllen hatte, namentlich gegenüber auf dem Lande oder im Ausland zersprengten Clubisten, denen oft die persönliche Anteilnahme versagt ist und die deshalb auf die geistige Nahrung angewiesen sind, die der Club ihnen zu bieten vermag.

Der Leser, dem alljährlich der stattliche, mit prächtigen Bildern geschmückte Band ins Haus geflogen kam, macht sich wohl nicht immer einen richtigen Begriff davon, wieviel Arbeit und Mühe es kostet, bis solch ein Opus fertiggestellt ist, wenn es wenigstens einigermassen als geraten befunden werden soll. Er stellt es sich sehr einfach vor, zu sammeln und zu einem Bande zu vereinigen, was andere geschrieben haben. Gewiss ist die Aufgabe des Redaktors dankbar und leicht, wenn es ihm an guten Stoffen nicht mangelt und er nur zu prüfen und zu wählen braucht. Aber so glücklich ist er in den wenigsten Fällen. Tüchtige Mitarbeiter zu finden und geeignete Beiträge aufzutreiben, verlangt Initiative und Spürsinn. Wie oft wird vergeblich angeklopft, oder—was schlimmer ist — ein hoch und heilig versprochener Aufsatz wird nach langem Hinhalten schliesslich abgesagt und dem geplagten Redaktor die Sorge überlassen, in letzter Stunde Ersatz zu beschaffen. Und sind die Manuskripte einmal da und erweisen sie sich als brauchbar, so taugen H. Kuhn.

sie doch nicht alle ohne weiteres für den Druck. Da hat nun der Redaktor subtile Arbeit zu leisten: er muss lesen und wieder lesen, da und dort ausfeilen, vielleicht auch den unbarmherzigen Rotstift walten lassen, die Interpunktion, die so oft sträflich misshandelte oder ignorierte, verbessern; kurz, der Aufsatz muss, wo er es nicht schon ist, druckfertig gemacht werden, doch so, dass er durchaus die Eigenart des Verfassers behält und der Leser keine Ahnung bekommt, wo etwa die Hand des Redaktors schonungsvoll oder kräftig eingegriffen hat. Daneben geht die Sorge um die Beschaffung guter Illustrationen und ihre Einordnung in Text und Buch; auch in dieser Hinsicht verwöhnen nicht alle Autoren den Jahrbuchredaktor.

Stets hat Dr. Dübi darauf gehalten, dass in jedem Band des Jahrbuchs auch die französische Sprache zum Wort komme, ein Bemühen, das gewiss nicht nur von der Mehrzahl der Leser deutscher Zunge gebilligt wurde, sondern zweifellos dazu beigetragen hat, dem Jahrbuch auch unter den welschen Clubgenossen so hohes Ansehen zu verschaffen. In den touristischen Aufsätzen liess er es sich angelegen sein, neben den das nächste Interesse beanspruchenden Schweizeralpen auch die übrigen Teile der Alpen und die ausseralpinen Gebirge zu berücksichtigen. Solange die Rubrik des « Clubgebietes » bestand, hatte der Redaktor diesem seine besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Jedes Clubgebiet sollte im Jahrbuch möglichst vollständig beschrieben werden; allein es hielt begreiflicherweise oft schwer genug, in wenigen Bänden diese Aufgabe auch nur einigermassen zu erfüllen. Später ist diese Beschränkung, die sich nicht sehr bewährt hat, fallengelassen worden. Im ganzen enthält das Jahrbuch in seinen 58 Bänden eine wahrhaft imposante Fülle monographischer Darstellungen bald mehr erzählender, bald mehr beschreibender Art. Die Erforschung der Schweizeralpen und des angrenzenden Mont Blanc-Gebietes ist darin wohl ziemlich erschöpfend niedergelegt. Das ist in erster Linie das Verdienst des Redaktors, der sich konsequent bemühte, noch vorhandene Lücken auszufüllen.

In den Abhandlungen bevorzugte Dr. Dübi neben den naturwissenschaftlichen Aufsätzen die Kulturgeschichte und Volkskunde der Alpen und Voralpen. Er war sich allerdings bewusst, in diesen Gebieten nicht auf die schrankenlose Gegenliebe seiner Leser rechnen zu dürfen. Wir erfahren es aus gelegentlichen, Resignation mit einer kleinen Dosis Bosheit mischenden Bemerkungen in seinen Vorreden, wenn er etwa andeutet, das Zusammenschrumpfen dieser Rubrik werde wohl dem heimlichen Wunsch mancher Leser entsprechen, oder sich an die Clubisten wendet, « welche diese Abteilung nicht grundsätzlich überschlagen ». Man begegnet wohl etwa der Auffassung, die historischen und volkskundlichen Aufsätze nehmen, zumal in den spätern Bänden des Jahrbuchs, auf Kosten der touristischen einen zu breiten Raum ein. Dieser Kritik ist nicht jede Berechtigung abzusprechen. Allein man möge auch nicht vergessen, dass mit der fortschreitenden Erforschung des Gebirges es immer schwieriger wurde, Neues darüber zu bringen, und das Jahrbuch der Erfüllung seiner Aufgabe, in diesem Sinne verstanden, immer näher rückte, während jene verwandten Wissensgebiete, die doch füglich auch auf das Interesse des denkenden und nicht beim blossen Sports-menschen steckengebliebenen Bergfreundes Anspruch erheben dürfen, wohl fast unerschöpflich sind. Es wäre ein Armutszeugnis für den S.A.C., wollte er diese Geistesgebiete vernachlässigen. Vornehmster Zweck des Jahrbuchs Unser Jahrbuchredaktor.

war von jeher bis heute nicht die blosse Unterhaltung des Lesers, sondern die Mehrung seines Wissens.

In den allerletzten Jahren wurde durch eine neue Verteilung des Stoffes zwischen dem Jahrbuch und der « Alpina » der Inhalt des erstem und damit die Arbeit des Redaktors auf die touristischen und wissenschaftlichen Aufsätze beschränkt. Früher, mit Ausnahme weniger Bände also, reihten sich an sie die sogenannten « Kleinem Mitteilungen », die räumlich einen erheblichen Teil des Buches umfassten und das Pensum der Redaktion ganz bedeutend belasteten. Denn in diesem Abschnitt hatte neben den Mitarbeitern der Redaktor selbst das Wort, und Dr. Dübi pflegte es ausgiebig und vielseitig zu benützen. Zunächst lag ihm als statistische Dokumentierung der immer intensiveren Erforschung und Begehung des Gebirges die jährliche Zusammenstellung der neuen Touren in den Schweizeralpen ob. Vollständig und gewissenhaft trug Dübi alle ihm erreichbaren Mitteilungen zusammen; eine Kleinarbeit, die zwar nützlich, aber wohl nicht immer sehr dankbar erscheint in einer Zeit, da die grossen Probleme selten geworden sind und der Forschertrieb der Epigonen sich immer mehr mit der Aufsuchung neuer Wege und « Varianten » von untergeordneter Bedeutung begnügen muss. Es ist klar, dass auch bei dieser Aufgabe dem Redaktor seine eigenen Beobachtungen und seine gründliche Kenntnis der alpinen Literatur ungemein förderlich, wo nicht unentbehrlich waren. Das gilt ebenso für die ihres kleinen Umfangs wegen in diese Rubrik verwiesenen touristischen Mitteilungen, die der Redaktor entweder selbst beisteuerte oder denen er, wo sie von Dritten stammten, häufig wertvolle Aufschlüsse beifügen konnte. In dieser Weise hat er manchen Zweifel behoben und über manche in der alpinen Literatur aufgetauchte Streitfragen Licht verbreitet.

Einen umfangreichen und immer wachsenden Raum nahmen in den « Kleinem Mitteilungen » die Rezensionen über die bei der Redaktion zur Besprechung eingehenden alpinen Zeitschriften und Bücher ein. Auf diesem Gebiet war Dr. Dübi in seinem Element. Da streute er verschwenderisch aus dem Füllhorn seiner Kenntnisse, wies hier einen Irrtum nach, ergänzte dort, was dem Verfasser selbst etwa entgangen sein mochte, und begründete öfters in langem Ausführungen seine eigene abweichende Auffassung. Stets war seine Kritik interessant und anregend und zeugte von einer staunenswerten Belesenheit. So mag es denn manchem Clubisten gegangen sein wie dem Schreibenden, der die geistvollen Rezensionen Dübis stets mit einem eigenen Genuss von Anfang bis zu Ende las, auch wo sie ihm unbekannte Werke zum Gegenstand hatten. Dass der Rezensent selber zuweilen diesen Teil seiner Aufgabe mehr als eine Last denn als ein Vergnügen empfand, müssen wir freilich angesichts der beständig anschwellenden alpinen Literatur verstehen. Auch die literarische Kritik verlangt ein Mass von Zeit und Arbeit, von dem der Leser sich nicht immer Rechenschaft gibt.

Musste diese Tätigkeit ihrer Natur nach doch den besondern Fähigkeiten unseres Redaktors, zumal seiner kritischen Veranlagung, entsprechen und ihm deshalb innerlich zusagen, so enthielt das Jahrbuch noch eine letzte Rubrik, der auch dieser Reiz fehlte und die wir restlos auf das Konto setzen müssen, das die Mühsale und Plagen des Redaktors ausweist: die Clubchronik. Man kann sich denken, wie vergnüglich es sein musste, alljährlich die Berichte aus etwa 50 Sektionen zu prüfen und durch Ausmerzung alles dessen, was wohl dem Bericht- erstatter wichtig vorkommen mochte, ausserhalb der Sektion aber kein hinreichendes Interesse bot, für das Jahrbuch zurechtzustutzen, nicht zu reden von dem ständigen Kampf um die rechtzeitige Ablieferung dieser Berichte. Auch hier hat Dübi im Interesse des Gesamtclubs durch Jahrzehnte hindurch unentwegt entsagungsvolle Arbeit geleistet.

Unsere kurze Betrachtung will nicht mehr, als dem Leser des Jahrbuches die Persönlichkeit und das Wirken des scheidenden Redaktors nochmals vor Augen führen. Dr. Heinrich Dübi als alpinen Schriftsteller überhaupt zu würdigen, das können wir hier nicht unternehmen; das hiesse die Aufgabe sehr viel weiter spannen. Bekanntlich ist Dübi mit bedeutenden selbständigen Werken hervorgetreten; wir erinnern nur an die den Lesern des Jahrbuchs wohl am nächsten stehenden: die gemeinsam mit Wäber unternommene Neubearbeitung und Nachführung von Gottlieb Studers « über Eis und Schnee » und die offiziellen Clubführer ( Berneralpen und ein Teil der Walliseralpenferner an den « Paccard wider Balmat » betitelten Beitrag zur Besteigungsgeschichte des Mont Blanc und den Führer für Saas-Fee und Umgebung. Von den wissenschaftlichen Publikationen, hauptsächlich historischen und kritischen Studien über die Alpen und ihre Literatur, kann hier nicht die Rede sein, obwohl sie noch mehr als die praktischen Hilfsmittel für den Bergsteiger auf Dübis ureigenem Arbeits- und Forschungsgebiet liegen Aus bescheidenen Anfängen ist das Jahrbuch des S.A.C. zu einem grossen, vielbeachteten Werk herangewachsen und bildet heute eine reiche Fundgrube geistiger Schätze, ein unverlierbares Gut des Clubs und der Allgemeinheit. Seine Qualitäten waren immer gediegen und haben sich auf ihrer Höhe erhalten. Wir danken es in erster Linie dem Redaktor, der ihm seit mehr als drei Jahrzehnten seine gewissenhafte Arbeit angedeihen liess und den Stempel seiner Eigenart aufdrückte. Den schwierigen und vielseitigen Anforderungen, die die Leitung eines solchen Werkes stellt, zeigte sich Dr. Dübi in kaum zu überbietendem Masse gewachsen. Er vereinigte in sich den erfahrenen Bergsteiger mit dem tiefgründigen Gelehrten. Ein langes Leben hindurch hat er sich mit Bergen und Bergsteigerei, ihrer Geschichte und Literatur beschäftigt, mit glänzenden Geistesgaben und wissenschaftlichem Ernst sie durchforscht. Heute darf er wohl für sich in Anspruch nehmen, dass ihm auf diesem Gebiete wenigstens nichts Menschliches fremd geblieben ist. So konnte denn auch in der Leitung des Jahrbuchs alle die Jahre hindurch kaum etwas an ihn herantreten, Abhandlungen speziellen Charakters vielleicht ausgenommen, das er nicht aus eigenem Wissen zu beurteilen und zu werten imstande war.

Mögen ihm diese Zeilen ein Beweis mehr sein, dass der S.A.C. ihn nicht ohne höchste Anerkennung und unauslöschlichen Dank aus einem Amte scheiden lässt, das er während eines Menschenalters mit so seltener Befähigung, so viel Hingabe und so sichtbarem Erfolg verwaltet hat.

Unser Jahrbuchredaktor.

Anhang.

Verzeichnis der von Dr. H. Dübi im Jahrbuch veröffentlichten grössern Aufsätze und Abhandlungen ( unter Weglassung alles dessen, was in den « Kleinem Mitteilungen » erschien ). Bd. 8 ( 1872 ) S. 244: Basodine und Hohsandpass.

9 ( 1873 ) 123: Vom Rotthal über die Jungfrau zur Wengernalp.

10 ( 1874 ) 283: Das Oeschinenhorn.

11 ( 1875 ) 266: Das Schmadrijoch.

12 ( 187621: Klettereien in den Walliser- und Bernerbergen ( Weisshorn und Grosses Lobhorn ). 14 ( 1878 ) 226: Das Jungfraujoch.

462: Saracenen und Ungarn in den Alpen.

16 ( 1880 ) 227: Erlebnisse und Erfahrungen in den Berner- und Walliser- bergen ( Lauterbrunner Mittaghorn von der Nordseite, Bietschhorn, Matterhorn, Zinal-Rothorn, Dom ).

463: Die Feldzüge der Römer in den Alpen.

17 ( 1881 ) 273: Ein neuer Jungfrauweg.

377: Allerlei Notizen über die Alpen aus antiken Schriftstellern.

18 ( 1882 ) 204: Ferientage im Saastal ( Auf der Saracenenjagd; Auf Feealp; Mittaghorn, St. Joderhorn, Allalinhorn, Alphubel ).

19 ( 1883 ) 381: Die Römerstrassen in den Alpen. I. Seealpen und Cottische Alpen.

20(1884 ) 344: Die Römerstrassen in den Alpen. II. Grajische und Penninische Alpen.

21 ( 1885 ) 323: Die Römerstrassen in den Alpen. III. Rhätische Alpen.

135: Doldenhorn und Fründenjoch.

22 ( 1886 ) 137: Das Balmhorn von der Regizzifurgge aus. 24 ( 1888 ) 102: Kreuz und quer über den Fieschergrat.

26 ( 1890 ) 212: Erlebnisse einer Bernerfamilie in Saas-Fee im Juli 1890 ( Mittaghorn, Egginerpass, Sonnighorn,Weissmies, Ulrichshorn, Balfrin, Nadelhorn ).

305: Zum Gedächtnis Gottlieb Studers.

36 ( 190086: Saas-Fee und Umgebung ( Mittaghorn-Egginer, Portjen- grat, Allalinhorn, Fletschhorn-Laquinhorn, Stellihorn, Jazzihorn ).

210: Bergreisen und Bergsteigen in der Schweiz vor dem 19. Jahr- hundert.

47 ( 1911 ) 183: Zur Erinnerung an Edward Whymper. 50 ( 1914/15 ) 211: Zur Erinnerung an Melchior Anderegg.

52 ( 191784: Die ersten Besteigungen des Aletschhorns.

53 ( 1918 ) 245: Die offizielle alpine Literatur der Kriegführenden in den Jahren 1914—1918.

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