Val Curciusa

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Eugen Wenzel

Mit 3 Bildern ( 108—110 ) und einer KartenskizzeZürich ) Alle Jahre im Vorfrühling, wenn wir uns immer mehr der einsamen Hochtäler erinnern, die nun vom Glanz einer Tag für Tag höher kreisenden Sonne überflutet werden, erfasst uns unwiderstehliches Sehnen. Es ist das Wissen um herrlichen, stiebenden Pulverschnee, durch den sich der Ski zischend die Spur schneidet — das Wissen um strahlendes Licht, das immer tiefer und länger in die Täler eindringt und stillen Winkeln, die bis anhin in Winterkälte und Schatten lagen, zu beglückender Farbenlebendigkeit verhilft — das Wissen auch um stille Nächte unter einem schwarzen Himmelsgewölbe, aus dem unzählige Sterne in unfassbarer Klarheit herableuchten.

Wer von euch jene Einsamkeit in den Bergen sucht, in welcher er, mit seinen Kameraden auf sich selbst angewiesen, Hindernisse überwinden kann, wie sie in der winterlichen Gebirgswelt überall und plötzlich auftauchen; wer Lust verspürt, Gefahren, wie sie ihm dort durch Lawinen und Wetterumschläge entgegentreten, zu meistern, und wer für einige Zeit zu primitivster Lebensweise zurückkehren möchte, der suche das stille, abgelegene Curciusatal im Rheinwald auf. Dort werden ihm solche Wünsche vielleicht in unver-fälschtester Art erfüllt.

Pistensperrungen und Lawinenbulletins in allen Zeitungen. Von Nufenen selbst war der alarmierende Bericht gekommen, eine Lawine von nie beobach- tetem Ausmass habe das ganze Tal abgeriegelt, das aufgestaute Wasser habe einen bedrohlichen Stausee gebildet. Aber es hatte aufgeheitert. Und vor allem hatte Gurt Meyer mit unbeirrbarem Optimismus darauf gedrungen, sich an Ort und Stelle durch einen Augenschein Gewissheit zu verschaffen.

Wir sind unterwegs in die Val Curciusa. Der von der Einshornlawine gebildete Stausee hat sich entleert, die Sturzflut hat die Rheinbrücke weggerissen. Auf einem Notsteg überschreiten wir den Fluss. Schon am Eingang ins Areuetal stossen wir auf die ersten frischen Lawinenzüge aus dem Einzugsgebiet der Horneralp. Erst nachdem wir uns über viele solcher Lawinenfurchen geschunden und den blankgescheuerten Areuehang in harter Stufenarbeit gequert haben, dürfen wir uns des gelungenen Anmarsches freuen. Von den Hütten der Alp di Roggio ist wenig zu sehen. Wir müssen uns nicht nur den Eingang zu ihnen freilegen, der Vorraum, im Sommer der Käsezubereitung dienend, muss ebenfalls ausgeschaufelt werden. In einer kleinen Nebenhütte richten wir auf einer Holzpritsche mit Heu und Zeltsack ein brauchbares Lager her.

Die Tropfen an den am Dachrand hängenden Eiszapfen sind längst versiegt. Von der frühlingshaften Wärme, die aus allen Hängen widerstrahlte, ist nichts zurückgeblieben. Mit der Nacht hat sich empfindliche Kälte durch die Schlucht bergan geschlichen. Der Himmel steht voller Lichter. Seltsam starr verhallen unsere Worte in der vollkommenen Stille des einsamen Tals.

Noch sind die grossen Sternlichter nicht verblasst, da sind wir schon wieder in der « Küche » beschäftigt, und bald darauf treten wir fröstelnd in den klaren Morgen hinaus. Den ersten Teil des Anstiegs kennen wir bereits von einer Skitour aufs Einshorn. Heute wollen uns die Hänge fast noch steiler erscheinen. Zu unserer Überraschung hat sich der Neuschnee prächtig gesetzt. Noch bevor wir den Passo Vignone erreichen, treffen uns die ersten Sonnenstrahlen. Wie durch Zauberschlag hat die Landschaft Leben erhalten. Im Einschnitt der Val Vignone ist der Pizzo Muccia ins Blickfeld gekommen, ein Gipfel des Stabbiogrates, den Curt früher schon mit Ski bestiegen hat. Unsere nächstliegende Aufgabe besteht darin, einen Weg durch die von Felsbändern durchzogene, das Vignonetal links begrenzende Talseite zu finden. Mit gutem Instinkt fahren wir kurz in der Richtung gegen San Bernardino ab, um dann, einen schmalen Schlupf benützend, eine Terrasse zu gewinnen, die den weiteren Anstieg in eine Lücke im Nordostgrat des Pizzo della Lumbreda ermöglicht.

Die grosse Überraschung bildet hier die Aussicht auf den Doppelgipfel der Pizzi dei Piani. Wenn wir morgen die unteren Hänge der Val Curciusa zu überlisten imstande sein werden, glauben wir die stolze Felsburg von Süden her bezwingen zu können. Im Augenblick haben wir ein anderes Problem zu lösen. Der Quergang in die Val Rosso muss reiflich überlegt werden. Langsam schieben wir uns auf eine vorstehende Rippe, aber nun ist die Querung einer über abschüssigen Felsbändern hängenden Halde nicht mehr zu umgehen. Wir schneiden sie unter Einhaltung grosser Abstände in aufregender Schussfahrt nach links hinab und landen glücklich auf einem schwalbennestähnlichen J-JSSi:

VAL CURCIUSA Felsvorsprung. Von hier aus lässt sich der Ostsporn des Gipfelmassivs umgehen. In gleichmässiger Steigung wird von Süden her der Gipfel des Pizzo della Lumbreda gewonnen.

Das Eigenartige dieses Berges liegt im Kontrast zwischen den nach Südosten ausgebreiteten weiten Firnflächen und der nach Südwesten unvermittelt abfallenden Felswand. Man blickt wie aus dem Flugzeug auf San Bernardino hinab, welches gute 1300 m tiefer zwischen schwarzen Wäldern eingebettet liegt. Im Pizzo della Lumbreda hätten die Skifahrer dieses Sportplatzes einen prächtigen Aussichtsberg, wenn er leichter zugänglich wäre. Der Aufstieg über die Bocca di Curciusa dürfte, obschon der Sommerpfad daselbst emporführt, noch gefährlicher als unsere Route aus der Val Vignone sein.

PZO Dl ÇUHCIUSA G»1E-1 VAL CtJRCIUSA In fi hrigem Schnee durchfahren wir die Hochmulde, die sich im Süden vor uns ausbreitet, und erstampfen uns, da wir die Felle nicht aufkleben wollen, mühselig den Gipfel des Pizzo Mutun. Hier stehen wir direkt über San Bernardino und können von Auge die sich auf den Übungsfeldern tummelnden Skifahrer erkennen.

Der oberste Hang gegen die Bocca di Curciusa weist einige Felsbänder auf, die vorsichtig umfahren werden müssen. Den Pass lassen wir rechts liegen und fallen auf kürzestem Weg in den Kessel der Val Curciusa ein. Zwischen lang anhaltenden Schüssen sind mehrere zu ungeheurer Breite ausgewachsene Lawinenkegel zu überschreiten. Unter der Alp Curciusa di sotto, von der wir allerdings nichts sehen, stossen wir auf einen Lawinenwall von solcher Mächtigkeit, dass wir ihn nur durch Stufenhacken überwinden können. Die Schatten haben fast den Areuepass erreicht, wie wir zu unserem Heim zurückkehren.

Ein weiterer Glanztag ist in Sicht. Im Augenblick, da wir die uns bereits vertrautgewordenen Hütten verlassen, liegt das Tal noch im grauen Zwielicht eines eben erst angebrochenen Morgens. In scharfen Konturen heben sich am fahlblauen Himmel die Grate ab und künden sicheres Wetter an. Die Spannung eines grossen Tages erregt unsere Gemüter. Sie lässt uns die gestern schon überkletterten Lawinenhindernisse spielend überwinden. Dort, wo sich irgendwo unter der Schneedecke die Hütte der Alp Curciusa di sopra befinden muss, zweigen wir von der vortägigen Spur ab. Sogleich stellt sich uns ein mächtiger Steilhang entgegen. Doch welch Vergnügen ist es, Schleife um Schleife in den Schnee zu legen und bei jeder Kurve ein sich immer weitenderes Landschaftsbild aufzunehmen. Dann bricht plötzlich die Sonne hinter einem Gratfelsen hervor und weiss uns durch den mit ihrem Erscheinen verbundenen Szenenwechsel wie immer zu begeistern. Ein paar halbverschneite Spalten umgehend, steigen wir südwärts dem Balnisciokamm zu und gewinnen aus der Gratsenke westlich des Pizzo dei Rossi zu Fuss den höchsten Punkt der Cima di Balniscio.

Die Rast beim stark verwehten Gipfelsignal enthüllt uns Bilder von neuartigem Reiz. Die Berge der langen Kette zwischen dem Misoxertal und der Valle di San Giacomo sind uns noch fremd und nur mit der Karte bestimmbar. Doch über dem breiten Talboden von Campodolcino und Isolato hinweg erspähen wir manchen alten bekannten Gipfel aus den Averser und Bergeller Bergen. Allzulange kann die sonnige Ruhepause nicht ausgedehnt werden. Das grosse Ereignis des Tages steht uns noch bevor. Mit geringem Höhenverlust queren wir auf der Nordseite des Pizzo dei Rossi zum Fuss der Pizzi dei Piani und spuren mit Eifer an den Gipfelaufbau des ersten Felsturmes heran. Ein prächtiges Firncouloir nötigt uns zwar Hackarbeit auf, führt aber am raschesten zum Grat empor. Über tief verschneite Felsen wird der Westgipfel bezwungen.

Die Freude am eben gelungenen Streich lässt uns auch den zweiten Gipfel weniger abweisend erscheinen. Der wächtengekrönte Verbindungsgrat zum etwa 10 m höheren Ostgipfel könnte zwar abschreckend genug wirken, auf ihn zu verzichten. Für uns kommt es nicht in Frage. Über ein Felsgrätchen betreten wir den schmalen Wächtenfirst und steigen unter gegenseitiger Sicherung in die Scharte hinab. Am wenigsten trauen wir der Wächte in der Gratsenke. Kaum überschritten entwickelt sich am Felsgrat des Ostgipfels eine herrliche Wühlerei in knietiefem Neuschnee. Unser Auftrieb ist jedoch stark genug, um auch diese einem Walliser Viertausender alle Ehre machende Gratstelle zu meistern. Mit der Eroberung des zweiten Piani-gipfels haben wir den Höhepunkt dieses Tages erreicht. Der glatte Erfolg ermuntert uns, das schöne Wetter auszunützen und den Siegeszug fortzusetzen.

Im Abstieg fällt die mühsame Schneestampferei weg, und im Couloir verhelfen die Stufen zu raschem Abgang. Die Abfahrt auf dem Curciusagletscher empfinden wir als willkommene Abwechslung. Am Nordfuss der Pianitürme kleben wir wieder die Felle auf und nehmen unter den sengenden Strahlen der Nachmittagssonne den Pizzo Ferre in Angriff. Hier gibt es kein Problem zu lösen. Man braucht nur der Gletschermulde zu folgen, die sich unter dem Verbindungsgrat hinanzieht. Während dieses kurzen Aufstiegs haben wir Gelegenheit, uns überall umzusehen und mit sämtlichen Winkeln der Val Curciusa vertraut zu werden. Die gestrige Reise über den Pizzo della Lumbreda kann in allen Einzelheiten verfolgt und im Geist wiederholt werden. Eindrucksvoll bäumt sich die Doppelpyramide der Pizzi dei Piani hinter uns auf, und über der Bocca di Curciusa liegt die gleissende Pracht eines sonnigen Föhnnachmittags. Ein von eleganten Wächten ge-ziertes Felsgrätchen bildet den Abschluss. Mit dem Pizzo Ferre haben wir wieder einen schönen Gipfel der Curciusaberge kennen gelernt.

In voller, imponierender Grosse stehen die Pizzi dei Piani vor uns. Sie rufen das Erlebnis, das uns die Überschreitung der beiden Gipfeltürme bot, wieder zu frischer Lebendigkeit zurück, und wir können es selbst kaum fassen, dass wir vor wenig Stunden jene Gräte überkletterten.

In der Fortsetzung des Grenzkammes nach Norden steht in verlockender Nähe die wenig hervortretende Erhebung der Cima di Val Loga. Wenn wir auch diesen Gipfel heute noch mitnehmen könnten, dann hätten wir dem Val Curciusa auch das letzte Geheimnis entrissen. Gesagt getan!

Eine Viertelstunde später lenken wir die Ski in fast horizontaler Traverse dem letzten Ziel entgegen. Die Sonne steht schon sehr tief am Westhimmel. Dadurch werfen die kleinsten Grathöcker lange Schlagschatten auf den Ferre-gletscher. Die verstecktesten Mulden und Rippen treten jetzt von Minute zu Minute deutlicher hervor und lassen die Berglandschaft in stimmungsvoller Farbenfreudigkeit aufleben. Um diese Tageszeit ist man gewöhnlich schon im schattigen Tal und weiss eigentlich nicht viel von den Schönheiten eines Sonnenuntergangs in den Bergen. Abends um 17 Uhr betreten wir den fünften Gipfel eines langen, an tiefen Eindrücken überreichen Tages. Die unerhörte Stille, welche über Bergen und Tälern liegt, hat auch bei uns Einkehr gehalten, wunschlos geben wir uns dem Gefühl vollkommener Zufriedenheit hin.

Mit der scheidenden Sonne fahren wir den Curciusagletscher hinab, werfen da und dort einen schnellen Blick auf die noch einmal aufleuchtenden Gipfel, um dann im grossen Steilhang die Standfestigkeit unserer Beine zu erproben. Unten in der Val Curciusa finden wir die gestrigen Spuren, welche uns die Turnerei über die Lawinenströme erleichtern. Bei einbrechender Dämmerung legen wir nach 12% stündiger Abwesenheit bei der Alp di Roggio unsere Säcke ab.

In eine warme Stube einzutreten — eine Petroleumlampe anzuzünden — einen heissen Tee zu trinken — was wären das jetzt für Herrlichkeiten! Statt dessen sind wir genötigt, Lismer, Halstücher und sogar Sturmanzüge anzuziehen, um die Küchenarbeiten verrichten zu können. Die Suppe ist wie gestern von einer dicken Eisschicht überzogen. Alchimisten gleich umstehen wir bei flackerndem Kerzenschein die Pfanne, wo die braune Masse nach kurzem Rückwandlungsprozess, köstliche Düfte verbreitend, zu brodeln beginnt. Nach der Mahlzeit stehen wir um die offene Feuerstelle.Von einer Erwärmung ist jedoch keine Rede.Vorn halb angeröstet, wird man hinten unerbittlich von eisiger Kälte angefallen, so dass wir es bald vorziehen, auf unsere Heupritsche zu kriechen.

Bei strahlendem Wetter verlassen wir tags darauf den einsamen Ort. Noch einmal sind breite Lawinenzüge zu überklettern und eisharte Halden zu queren, aber nach all unseren schönen Erfolgen werden auch diese Hindernisse aufs Gewinnkonto verbucht. Nichts auf der Welt könnte uns jetzt die frohe Stimmung verderben, mit der wir aus der Val Curciusa heimkehren.

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