Val di Campo

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON JOH. WALTER MEYER, RAPPERSWIL-JONA

Frisch und morgenkühl war der späte Augusttag, als ich dem ersten Zuge entstieg, der Ausflügler und Wanderer den Passo del Bernina hinaufführt. Etwelche verliessen den Zug schon bei Berninahäuser mit dem Ziel Diavolezza oder Val del Fain. Dieses letztere, einst berühmt durch seine Alpenflora, muss in den vergangenen 10-15 Jahren stark ausgeplündert worden sein. Als wir es vor einigen Jahren durchwanderten, auf halber Höhe nordhangeinwärts und auswärts von der hinteren Talsohle hinauf bis zum Gipfel des Piz Alv, da stellten wir dies mit Bedauern fest.

Das Kontingent, welches auf Stazione Hospiz sitzen bleibt, wird, zum Teil auf Alp Grüm, eine vier- bis sechsstündige Lunchpause einschalten vor der Rückfahrt. Dazu eignet sich die eigenartige Kanzel des Prato del Vento auch ganz ausgezeichnet, vorausgesetzt, dass Äolus sein Mittagsschläfchen etwas ausdehnt und das Blasrohr ruhen lässt. Der Blick in das grossartig sich weitende Firnfeld des Palü, das wie ein Königsstuhl mit übergeworfenem Hermelinmantel und von den Edlen im Reiche umstanden erscheint, die da heissen: Piz Cambrena, Piz Palü, Bella Vista, Zupò, Sasso Rosso und Piz di Verona, ist in dieser halbkreisrunden Konstellation einmalig.

Wer noch weiter fährt, erhofft südlichere Freuden im Puschlav zu finden, und dann sind noch die heimkehrenden Valtelliner, die wir ebenso gerne als Halbschweizer wie als die uns nächststehenden Italiener erachten.

Wieder einmal gibt es sich, dass der Berichterstatter im Ospizio als einziger aussteigt, die herbe Passluft prüfend annimmt und der eigentlichen Passhöhe zustrebt, um bei 2309 m die Wanderung anzutreten, Richtung Paßstrasse südwärts.

Eine nicht oder nicht mehr benützte Galerie gibt das erste Tagesrätsel auf. Warum führt die Strasse aussen herum, wo doch andernorts exponierte Steinschlag- oder lawinengefährdete Stellen in Galerien oder Stollen verlegt werden? Trotzdem das Gestein aus « Gneisgranit » besteht, ist das Gewölbe über dem südlichen Eingang eingestürzt. Ein Hinweis, dass auch Werke im Urgestein der menschlichen Fürsorge bedürfen, um nicht zu zerfallen. Bis zur ersten Kehre verläuft die Strasse dem Hang entlang auf praktisch gleicher Höhe. Der Blick hinab in den unvermittelten Geländeabsturz von etwa 200 m Höhenunterschied, überwunden durch zahlreiche Kehren und Windungen, wird geradezu berauschend. Die wiederum eine Stufe tiefer liegende Alp Campascio verdient in ihrem samtenen Grün das herabsetzende « ascio » keineswegs. Und nochmals hundert Meter tiefer, man wandert so leicht, und ich bin in La Rosa, topfebene Zwischenstufe im dramatischen Absturz des Berninapass-Südhangs. Hier herrschte vor Eröffnung der Bahn ein reges Leben. Die bis vierfach geführten Postkutschen mit drei- und fünffachem Zuge wechselten die schweissdampfenden Pferde, nachdem diese die schwerfälligen Kutschen von Poschiavo herauf reichlich 800 m höher gebracht hatten. Heute ist es stille, sogar vor dem Gasthof, der eigentlichen Haltestelle. Noch stiller ist es am anderen Bachufer, wo das schönere, vermutlich durch andere Strassenlegung abgefahrene, ältere Posthaus an grün überwachsener Strasse liegt. Eine sinnvolle Hausanschrift lässt durch eine zur Weisheit sublimierte Resignation auf schmerzliche Veränderungen schliessen:

S' oggi seren non è, domani seren sarà, se non sarà seren, si rassenerà! frei übersetzt:

Wenn sich die Sonne heut verneint, sie doch morgen wieder scheint, und scheint sie morgen noch immer nicht, einst wird sich klären ihr Gesicht!

Ich habe längst schon die vergessenen, grasüberwachsenen Wege liebgewonnen und lasse die Poststrasse rechts liegen. Wenige hundert Schritte nach dem schönen Haus mit der sinnvollen Inschrift bilden die Felsköpfe einen Durchgang, und hernach folgt eine ausnehmend fesselnde Partie. Bewaldete Hänge zu beiden Seiten bilden ein langes Tal, topf eben; in der Mittelachse liegt, schnurgerade, ein altes Rundsteinpflaster, grün verwachsen. Am südlichen Ende nochmals ein Felsentor und noch ausgeprägter als das eben durchschrittene. Diese Abgeschlossenheit nach aussen und die Wohnlichkeit nach innen wirkt sehr anregend, und allerlei romantische Vorstellungen schiessen im Garten der Phantasie empor.

Doch all dies ist nur ein Vorspiel. Unmittelbar nach dem « Ausgangstor » fällt der Weg stark abwärts, längs einer rechtsseitigen Schlucht, und zeigt erhaltene Bruchstücke eines einstigen römischen Saumweges. Durch den lockeren Wald rauscht der schöne Wasserfall der Poschiavina herüber. Nach zwei Gehöften mündet der Weg in die Poststrasse ein, und nach kurzem Wandern ist Sfazu erreicht. Hier wird abgezweigt und auf unerwartet gutem Strässchen Richtung Val di Campo eingeschlagen. Bald führt dasselbe aus dem Walde, und man traut seinen Augen nicht, ein breites, herrlich grünes Hochtal vor sich zu haben, das, bei ca. 1800 m beginnend, nach Nordosten zieht. Man möchte Richtung und Höhe werten; doch die Luft ist weicher, und bei klarblauem Himmel ist trotz steilen Bergflanken nichts Herbes in der Atmosphäre. Gleich an der Schwelle dieser lieblichen Gegend, die gleich unser Fühlen gefangennimmt, ist eine Ruhe und Erholungsstätte für geistliche Herren.

Oberhalb Salva wird gemäht, das Emdlein ist keine Handbreite hoch. Das Zetteln betreibt die Frau nicht mit der Gabel, sondern mit dem Stiel des umgekehrt gehaltenen Rechens. Das Strässchen schmiegt sich, stetig ansteigend, längs dem sonnenseitigen Hang aufwärts, nachdem die saftgrüne Salvaebene hinter uns liegt. Der muntere Bach rauscht, während er plaudernd talwärts zieht. Junger Mischwald spendet angenehme Kühle. Ausgesprochene, wenn auch nicht besonders hohe Stufen sind deutlich erkennbar, als Etappen, wo die altersmüden Gletscher der Nacheiszeit auf ihrem Rückzuge jeweils haltmachten, um sich etwas zu erholen, bevor sie sich noch weiter zurückzogen. Dabei wurde alles Geschiebe zurückgelassen und so einem Jahrtausende später nachdrängenden Leben von Pflanzen, Tier und Mensch die Existenzgrundlage als Nachlass geschenkt.

Plansena heisst der nächste Boden. Etwas weiter, bei Rugghio, benutzt der Wanderer das Brücklein über den recht übermütigen Bach. Abermals wird ein Stück Wald durchwandert, und dann tritt man hinaus in das liniengerade Rechteck eines helleuchtenden Wiesenplanes. Man möchte die Schuhe ausziehen und barfuss drüber hinschreiten. Nach der Karte kann der Saoseo-See, das erste Ziel, nicht mehr weit sein. Das Rauschen des sprudelnden Wässerleins dürfte auf den gesuchten Waldsee hinweisen. In den Gipfeln wird der Wald lichter und die Höhe ist sicher erreicht; also noch etwas links hinüber, wo sich das Gelände zu einem Kegelstumpf formt. Ich stehe bald, wie vermutet, oben auf der Uferkrone, ringsum vom Wald umsäumt. Etwa 20 m tiefer, in fast kreisrunder Schale, liegt der See, saphirblau, wenn je Saphir ein Maßstab ist für das herrlichste, irdische Blau. Wie gebannt unterliege ich dem Zauber dieser vom dunklen Grün des Waldkranzes um- schatteten Erscheinung. Kein Mensch! Kein Laut! Auf erratener Spur geht es durch Stauden und über Steinblöcke hinunter ans Ufer. Ein Plätzchen zum geniesserischen Schauen und Ruhen ist bald gefunden. Das ist keine Einsamkeit, es ist ein Aufgenommenwerden im Schosse der leise und zeitlos atmenden Natur. Über die westlichen Gipfel hinweg grüsst von ferne der gewaltig ausgreifende Hochfirn des Vadrett di Palü. Und wenn das blendende Weiss keine andere Aufgabe hätte, als den darüber gewölbten Himmel in seiner ganzen Majestät erscheinen zu lassen, so würde dies vollauf ausreichen, das Auge zu entzücken. Allmählich beleben sich die Ufer. Die junge Frau, welche mit ihrem Begleiter in Hörweite am Ufer Platz nimmt, lässt sich vernehmen: « Du, das isch schön! » Leise packe ich zusammen und, den Pfad vermeidend, nur dem Ortssinn folgend, arbeite ich mich durch dichtes Waldgestrüpp steil aufwärts, um knappe hundert Meter höher an vermuteter Stelle ein zweites Seelein anzutreffen. Es ist eingeklemmt zwischen zwei steile Längsufer und ohne sichtbaren Abfluss. Mit der Karte in der Hand dem sprudelnd einfallenden Bach entgegen-steigend, gelangt man bald zum nächst oberen, etwas grösseren Zwischenseelein. Gebleichte, tote Baumstämme liegen auf dem Grunde. Warum schwimmt das Holz nicht an der Oberfläche?

Nochmals zwei Höhenstufen aufwärts, und auf einem ausgreifenden Plateau stösst man auf den eingebetteten Lago Val Viola auf 2163 m Höhe. Er liegt nur drei Kilometer, aber noch 300 m unterhalb der Landesgrenze, welche über die Wasserscheide sich hinzieht. Der See, mehrmals so gross wie die drei unteren zusammen, fesselt durch seine Ufergestaltung, die bald lieblich, bald romantisch wirkt. Ein Bergsturz hat durch hausgrosse Granitblöcke auf der Südseite fast unpassierbares Steilufer gebildet und in der Fallirne einen Wall vorgetrieben, der den See in einen grossen Ostteil und einen schmalen Westteil trennt. Diese von alpinen Sträuchern überwucherte Steinwildnis will bei Begehung vorsichtig abgetastet sein, um folgenschwere Fehltritte zu vermeiden. Gefallene Lärchenstämme bilden einen phantastischen Verbindungssteg über den kommunizierenden Durchlass. Reizende Uferplätzchen laden zum Verweilen ein. Die Spiegelung im kristallklaren Wasser ist so vollkommen, dass man auf der Photo Mühe hat, zu erkennen: was ist Berg und was dessen Spiegelbild. Cima di Saoseo und Cima di Dosdè, gleichzeitig mit Gipfel und Kämmen Landesgrenze, schauen hernieder und halten ostwärts Wache. Gegenüber, im Nordosten, sind es Cima di Campo und Cima di Paradisino, welche in gleichem Amte das ihrige tun. Es ist ein eigenartiges Verweilen am Ufer eines fast unhörbar atmenden, Berge und Himmel, Ufer und Bäume widerspiegelnden See! eins. Alles entspannt und löst sich. Eine nicht erklärbare Ruhe überkommt das menschliche Gemüt, und man glaubt sich weggetragen in eine zeitlose Helligkeit. Die Stille wirkt nicht drückend, man wird eins mit der Umgebung, und alles menschlich Wirre ist in die Ferne entrückt. Wenn dann die sinkende Sonne zum Aufbruch mahnt, ziehen wir beschwingt abwärts, talaus, mit der Gewissheit, glücklicher Mensch zu sein.

Zum Abstieg benütze ich erstmals den ordentlichen Weg. Zwischen Alpe Campo und Lungacqua ( wo eine Art Berghaus steht ) ist es eine Freude, dem herrlichen wilden Bach entlang zu gehen. Man beobachtet lebendigste Naturkraft in ihrer ungestümen Jugendlichkeit.

Von Sfazu hinunter nach Poschiavo, dann mit der Bahn die wunderbare Schleifentrasse hinauf nach Cavaglia, Alp Grüm und Hospiz.

Eine wundervolle Abendstimmung, die den See silbern, die Gebirge als dunkelschattige Silhouetten und den Himmel als sonnenmüdes, orangerotes Gewölbe zu einem Dreiklang weihevoller Schönheit vereinigt, vollendet das Geschenk dieses Tages.

Feedback