Val d'Orco: von Riss zu Riss

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Dominique Roulin, Genf

Tarnfärbung 1 Das Tal des Orco wird auf Landkarten meist mit Valle di Locana bezeichnet. ( Anm. d. Ü. ) Das Val d' Orco1 vorzustellen, ohne Anstoss zu erregen, war seinerzeit ein heikles Unternehmen. Heute ist ein grosser Teil der Kletterer einstimmig der Meinung, dass das Val d' Orco tatsächlich den Vergleich mit dem Yosemite-Tal - abgesehen von dessen grossen Wänden - aushält. Auch geographisch besteht Ähnlichkeit. Das Val d' Orco liegt am Rand des Parco Nazionale del Gran Paradiso, und seine Fauna ist daher bemerkenswert. Tief eingeschnitten wie das Yose-mite-Tal, besitzt es herrliche Lärchenwälder und eine reiche Alpensüdhang-Flora, die Wasserfälle sind zwar kleiner als die des Yosemite, aber zahlreich und manchmal sehr schön. Schliesslich ist, soweit es sich ums Klettern handelt, alles vorhanden, so dass das Val d' Orco seinen Übernamen eines wirklich verdient. Dieser Name hat mehr als einen gereizt und geärgert. Die Gründe dafür muss man wohl darin suchen, dass das Tal sehr oft in eher übertriebener Art als mit dem Bemühen um Objektivität vorgestellt wurde. Denn alles ist da. Ein oberflächlicher Besuch wird dem Kletterer allerdings automatisch Enttäuschungen bescheren.

Einführung in das Val d' Orco Für denjenigen, der zum ersten Mal das Val d' Orco besucht, wird seine Entdeckung nicht einfach sein. Die wesentlichen Klettermöglichkeiten im Tal bestehen aus ungefähr 150 auf mehr als 30 verschiedene Gebietsab-schnitte verteilten Routen. Dazu kommen noch die aus Blöcken von hervorragender Qualität gebildeten Abschnitte.Vom einen zum andern Ende dieser Sektoren sind es rund zwanzig Kilometer. Ganz allgemein beginnt das Klettergebiet bei dem kleinen Dorf Rosone und endet talaufwärts nahe Ceresole Reale. Die Routen befinden sich in Höhenlagen zwischen 800 m und 2000 m. Zwei bedeutende Gebiete: der Caporale und der Sergente. Aber Achtung! Es gibt auch ausserhalb dieser beiden, für meinen Geschmack etwas zu überlaufenen, wahrhafte Kleinode ( Caporale und Sergente meidet man an Wochenenden besser ). Es bieten sich drei verschiedene Möglichkeiten: die Blöcke, die Kurzrouten, die Routen bis zu zehn Seillän- gen. Blöcke trifft man ein bisschen überall im Tal, die interessantesten befinden sich aber zwischen Noasca und Ceresole. Bei einigen sollte man sich anseilen, ihre Höhe kann zwanzig Meter erreichen. Besonders empfehlenswert ist der Kosterlitz-Riss, am Rand der Strasse, auf gerader Linie zum Fuss des Sergente ( Camping gegenüber ). Es handelt sich um einen Riss im Schwierigkeitsgrad 6c, der für das, was sie während des Aufenthalts erwartet, besonders repräsentativ ist! Unglücklicherweise ist die Existenz dieses Blocks durch die Verbreiterung der Strasse bedroht. Und doch ist er das Symbol einer Epoche ebenso wie der Erneuerung des Kletterns im Tal! Man sollte auch den Panettone-Riss nicht auslassen, dessen Erstbegehung auf den Besuch von Patrick Edlinger im Jahr 1978 zurückgeht. Sie werden sicher den Block finden, der ihren Neigungen entspricht, aber zögern sie nicht, eine Umlenksicherung einzurichten, viele der gutartig aussehenden Risse erweisen sich als schlicht und einfach infernalisch!

Das Königreich der Kurzrouten Wir bezeichnen als Kurzrouten jene von maximal drei Seillängen. Sie überwiegen im Val d' Orco, und mehrere unter ihnen gehö- Der Miroir Doe ( 6c ) ren zu den Kostbarkeiten des Tals. Soweit es sich um Riss-Aufstiege handelt, findet man sozusagen keine festen Sicherungspunkte ( Bohrhaken oder Haken ). Man tut gut daran, das bei der Entscheidung für den Schwierigkeitsgrad zu bedenken. Risse wie Incastro Mania ( 5c, Sergente ) erfordern bereits gute Erfahrung im Setzen von Klemmkeilen. Routen in Platten sind nicht Legion, aber es gibt einige sehr schöne glatte Platten, die den besten mit modernen Kletterschuhen mit Haft-sohlen ausgerüsteten Technikern schöne Möglichkeiten bieten. Man sollte auch den Miroir Doe ( 6c ) und die Plaque du Cacao ( 6c ) machen.

Aber zurück zu unsern Rissen! Unter den Kurzrouten des Val d' Orco gibt es einen Diamanten! Es ist Sitting Bull in der Onda Rossa, einer kleinen Wand, 15 Minuten von Ceresole entfernt, einer herrlichen roten Onda Rossa, ein Stück von einem Blitz ( 6b Wand, wie mitten in einen Park gesetzt und von Lärchen umgeben. Versuchen sie beim ersten Morgenlicht, wenn gerade die Sonne auf Onda Rossa trifft, dorthin zu gehen. Ganz bestimmt werden sie Ungeduld empfinden, zu klettern und ihren Riss zu . Sitting Bull ist so schön wie ein mitten im Himmel erstarrter Blitz. Man sollte für die Begehung eine Auswahl an Friends und einige Stopper mitnehmen ( 30 m, 6b.

Auch etwas weiter unten im Tal, am Sergente, entdecken wir einige seltene Perlen. Im rechten Abschnitt ( unterer Teil ) sollte man Elisir d' Incastro ( 6a +, anstrengend ) nicht auslassen, ein eindrucksvoller Faust-klemmriss ( Auswahl an Friends und Stoppern mitnehmen ). Im mittleren Teil muss man die berühmte Fissure au Désespoir aufsuchen. Eine etwas mühsame, aber garantiert eindrucksvolle Kletterei; Vorsicht, in der zweiten Seillänge besteht die Gefahr eines Sturzes auf den Boden! Immer noch im selben Abschnitt: La Nicchia delle Torture, vergessen sie dafür den Friend Nr.4 nicht. Es ist ein sehr schöner Riss, den man über eine herrliche Seillänge in einer Platte ( Paperinik Colpisce Ancora ) erreicht. La Nicchia delle Torture ist der einzige und zudem eindrückliche Offwidth-Riss dieser Schwierigkeit ( gegen aussen geöffneter Schulterriss ). Der obere Teil des Sergente lässt sich durch eine bemerkenswerte Aneinanderreihung von Routen besteigen: Manovre Orchestrali Nell'Oscurità - Diedro del Mistero - Canabis. Die Kombination dieser drei Routen ist von grosser Schönheit. Eine so abwechslungsreiche Kletterei, wie man sie sich nur wünschen kann ( 6b obligatorisch, Auswahl an Friends und Stoppern ).

Dem Sergente gegenüber, auf der andern Seite des Tals, befindet sich die Wand des Disertore, eine nach Norden orientierte Mauer mit der sehr interessanten, aber wenig homogenen Route Totem Bianco. In der ersten Seillänge folgt man dem von einer kompakten Verschneidung gebildeten Bogen. Diese Seillänge kann mit künstlichen Hilfsmitteln geklettert werden, aber ihr sehr schöner freier Durchstieg wird sie sicherlich locken! Sie hat den Schwierigkeitsgrad 6c und fordert viel Entschlossenheit ( eindrucksvoll ). Die Folge besteht aus deutlich einfa- cheren Wänden und Platten, der Ausstieg ist amüsant. ( Eine Auswahl Stopper mitnehmen, die erste Seillänge ist fast vollständig ausgerüstet. ) Eine andere Route, rechts von Totem Bianco, bietet eine längere Kletterei ( Abseilen mit Pendeln von Stand 5 an, die Seillängen 6 und 7 sind oft nass ).

Der Südabhang des Tals, der Caporale Wir kehren auf den Südabhang des Tals zurück, um den Caporale kennenzulernen. Schon auf den ersten Blick unterscheidet die Steilheit seiner Wände den Caporale von den andern Sektoren. Er besitzt die schönsten und härtesten der mit künstlichen Hilfsmitteln zu kletternden Routen des Tals. Sole Nascente galt während vieler Jahre als die ausgesetzteste Route des Piémont. Die Erstbegehung durch M. Kosterlitz, G. P. Motti und G. C. Grassi im Jahr 1973 ist ganz offensichtlich eine Leistung sehr hohen Ranges. Es handelt sich um eine feine Route, die sich auf ausgesetzten Traversen um kompakte Zonen herumzieht. Lange Zeit geheimnisum-woben, gab es hier die erste Begehung im Grad A4. Inzwischen wurde die erste Seillänge von Sole Nascente durch Manolo ( als Seilzweiter ) frei begangen ( die Schwierigkeit ist nicht bekannt ). Ein kürzlicher Versuch rechts der Nanchez-Verschneidung, Survival Wall, ist gescheitert. Hätte er Erfolg gehabt, wäre eine Route von für das Tal ungewöhnlicher Klasse entstanden. Zahlreiche A4-Pas-sagen gaben den Ausschlag, denn die Eröffner lehnten es ab, die notwendigen Bohrhaken zu setzen, um so das Problem zu lösen. Heute befindet sich die schwierigste mit künstlichen Hilfsmitteln zu kletternde Route des Val d' Orco am Sergente: Fragilità Cerebrale, eine 270 m hohe, in 36 Stunden eröffnete Route.

Aber der Caporale hält auch für Freikletterer etwas bereit. Eine klassische Verbindung, Itaca Nel Sole und Tempi Moderni, wird ihnen sicher behagen und Lust machen, weiter in die Umgebung des Caporale vorzudringen. Sie sollten also das . Diedro Nanchez, in Angriff nehmen! Der wilden Gegend können Sie sicher sein. Die Nanchez-Verschnei-dung befindet sich im linken Teil des Caporale und bietet auf ihrer ganzen Länge Kletterei in senkrechtem oder überhängendem Fels. Leicht schräg von rechts nach links verlaufend, ist sie selten ganz trocken. Achten Feuerlilie am Fuss der Torre di Aimonin sie aber gleichwohl darauf, dass sie nicht zu nass ist! Denn in diesem Fall können die Passagen äusserst schwierig werden ( eine Auswahl Friends und Stopper mitnehmen, 6a obligatorisch ).

Ein schöner Riss am Caporale heisst Orecchio del Pachiderma, Ohr des Dickhäuters. Er steigt mit zwei Seillängen rechts von Tempi Moderni auf. Sehr schöne und luftige Kletterei ( 6a, Auswahl an Friends und Stoppern ). Für Freunde des Kletterns mit künstlichen Hilfsmitteln seien noch zwei von Marco Pedrini ausgerüstete Routen genannt: Rattle Snake und Arrapaho. Sie befinden sich ganz nahe bei Itaca Nel Sole und bieten ziemlich anspruchsvolle Kletterei. Diese beiden Routen verlaufen in einer sehr reinen und so luftigen Linie, wie man sie nur wünschen kann. Ihre Begehung erfordert eine gute Entschlusskraft ( 6c, Friends und Stopper ).

Weiter unten im Tal die Torre di Aimonin Wir gehen das Tal abwärts bis nach Aimonin gegenüber von Noasca. Über uns ragt die mächtige Bastion der Torre di Aimonin auf. Nach Meinung der örtlichen Kletterer liegt hier die Zukunft des Val d' Orco. Der Fels ist stark modelliert und bietet Möglichkeiten, die denen im Kalkstein nahekommen. Eine grosse klassische Route, Pesce d' Aprile, durchzieht die Wand diagonal von links nach rechts. Sie ist herrlich, es wäre töricht, darauf zu verzichten. Diese erste Route in der Torre di Aimonin wurde 1973 eröffnet. Dann Zwei Passagen im Diedro Nanchez folgten Via dello Spigolo und Diedro Pozzi. Die Begehung des Spigolo mit der direkten Variante ( auf der Kante des Pfeilers ) ist eine für diesen Schwierigkeitsgrad ( 5/5c ) ungewöhnliche Kletterei. Eine moderne Route, La Casa degli Specchi, zieht sich durch die Mitte des Turms und besitzt eine Vielfalt sehr schöner Passagen ( 6b +, Friend Nr. 3, Stopper ). Noch zu erwähnen ist Una Notte a Tahiti, weiter rechts, mit fünf Seillängen ( 6b.

Will man die Torre di Aimonin zu Fuss erreichen ( 30 Minuten ), so ist es besser, jemand aus dem Dorf nach dem Weg zu fragen, um nicht in die Irre zu gehen. Der Weg verläuft in ganzer Länge durch einen richtigen kleinen Dschungel. Der Abstieg vom Turm geschieht am besten durch Abseilen vom Spigolo.

Wie ich am Anfang des Artikels sagte, ist es sehr schwierig, über alle Teile des Tals zu berichten. Die Zahl der Klettergebiete ist sehr gross, und ihre Aufzählung wäre wirklich langweilig. Ausserdem bin ich überzeugt, dass der Kletterer einen grossen Teil seiner Befriedigung aus Entdeckungen gewinnt. Die wirkliche Entdeckung macht man aber ohne Topos und Beschreibungen. Die wirkliche Entdeckung erwächst aus der eigenen Seele, aus dem Vergnügen daran, sich zurechtzufinden, aus dem Bedürfnis nachzusehen, was dort hinten, hinter dem kleinen Pfeiler ist! Darin liegt eine der Garantien, Zugang zu dem zu finden, was uns an Abenteuer bleibt.

Sicher sollte man noch vom Scoglio di Mroz, nahebei im Val di Piantonetto, sprechen. Oder von der Parete delle Aquile und der Parete dei Falchi. Die Liste ist lang, aber seien sie sicher, dass sich in jedem Abschnitt des Gebietes, selbst im abgelegensten, ein kleiner Schatz verbirgt!

Ein kleines Yosemite ganz in der Nähe An ihnen ist es nun, das ( Kleine Yosemite ) zu erforschen. Wenn sie wissen, dass es nicht nur aus dem Sergente und dem Caporale besteht, werden sie das Tal besser verstehen und auch begreifen, was schon 1970 Kletterer veranlasste, dorthin zu gehen und diese wunderbar beschützten abgelegenen Winkel zu erkunden. Über ihren Köpfen strahlte der Granit der Gipfel, sie aber hatten nur Augen für den Grund des Tals. Als alle Welt von Kalifornien träumte, entstand im Val d' Orco eine Geschichte nach dem Vorbild des grossen Bruders El Capitan! Denn ganz nah beim Sergente gibt es auch einen Lost Arrow. Und wenn das nicht der Lost Arrow der etwas weniger Fortgeschrittenen ist, dann kann es nur jener der grossen Träumer sein. ( Die grossen Träumersicherlich die einzigen, die noch etwas auf unserer Erde zu sagen hätten!

Aus dem französischsprachigen Teil, übersetzt von Roswitha Beyer, Bern Felix Hermann, Forch

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