Vergessene Welten

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Von Josef Ritter

Erkundungen im hintersten Sperriegel zwischen Maggia- und Verzascatal Mit 2 Bildern ( 20, 21Chiasso ) Ähnlich der forschenden Wissenschaft, die sich bemüht, einerseits die Unermesslichkeit des astronomischen Raumes auszumarchen und anderseits die kleinsten Dimensionen und die kleinsten Teile der Materie zu ergründen, so ist auch das zeitgenössische Bergsteigen daran, einerseits die höchsten Gipfel der Welt zu erobern und anderseits sich jener Wände und Türme anzunehmen, die in der Epoche des heroischen Alpinismus als « quantité négligeable » übergangen wurden. Um auch etwas in einer dieser beiden Richtungen zu tun, habe ich in der Zeit vom 15. bis 21. September 1947 den hintersten Sperriegel zwischen Maggia- und Verzascatal, genauer gesagt: zwischen dem Lavizzara- und Osolatal, durchforscht und habe mich so in die Gilde der « Mikro-Alpinisten » eingereiht.

Im Oktober 1946 hatte ich in konzentrierter Marschleistung die « Bocchetta di Spluga » ( 2153 m ) durchstiegen und dabei die wundervolle Felsenwelt des « Sasso Bello » und des\.Pizzo delle Pecore » ( im T. A. und im Tessiner Führer noch « Pizzo Pegro » genannt ) entdeckt. Seit jener Zeit hatte mich der Wunsch nach einer näheren Bekanntschaft mit jener einsamen und vergessenen Gebirgswelt nicht mehr ruhen lassen, und ich beschloss daher, wenigstens eine Woche meines Urlaubes pro 1947 für die Verwirklichung meines Planes zu reservieren.

Val Serenello Das unergründliche Wirkwerk der Fahrplantechnik im Eisenbahnverkehr hat es fertig gebracht, dass man aus dem « Sottoceneri » mit dem Frühzug wohl um 9.53 in Zürich, aber erst um 10.45 Uhr in Bignasco sein kann. Und da in Riveo und Cevio regelmässig Plattformwagen für den Granit-transport abgestellt, verschoben oder abgeführt werden müssen, kann man den Bahnendpunkt kaum jemals vor 11.30 Uhr verlassen. Aus dieser Sachlage heraus ist es zu verstehen, dass ich sobald als möglich die staubige Landstrasse des Lavizzaratales zu verlassen wünschte, um mich in die schattigen Büsche jenseits der Maggia zu schlagen. In der Tat sagt der Tessiner Führer:

« Von den beiden Wegen ins Tal verlässt der bessere die Talstrasse 40 Minuten und der nähere, aber rauhere, 10 Minuten oberhalb Bignasco. » Nun gibt es aber für das Begehen der Tretspuren in den unwegsamen tessinischen Bergwaldregionen einen lapidaren, paradox erscheinenden, aber nichtsdestoweniger wahren Lehrsatz, der heisst: Benütze die kürzern, aber fragmentarischen Pfade nur dann, wenn du genügend Zeit hast, um eventuelle Irrgänge vor einbrechender Dunkelheit noch korrigieren zu können! Leider dämmerte mir diese Erkenntnis erst dann wieder, als ich hoch über der Talstrasse derart in Gestrüpp und Plattenschüssen verstiegen war, dass es weder ein Vor- noch ein Rückwärts, weder ein Auf- noch Abwärts zu geben schien. Um die Situation zu retten, musste ich « etwas riskieren », was schliesslich auch gelang. Mit 30 kg voluminösem Gepäck auf dem Rücken kletterte ich eine fast 50 Meter hohe Felsrinne hinauf und als ich oben, total erschöpft, verletzt und abgekämpft den Sack absetzte, rutschte die Schlafsackrolle unter dem Riemen durch und — unten war sie wieder 1 Wahrscheinlich muss ich einmal im Leben eine grosse Sünde getan haben, um vom ausgleichenden Schicksal mit einer derartigen Busse bedacht worden zu sein. Item, der Schlafsack musste wieder her, und schliesslich habe ich ihn auch wieder heraufgeschafft.

Nach dieser « Ouvertüre » war es schon reichlich spät, als ich auf dem Scheitelpunkt der Sperrlehne die richtige Tretspur wieder fand und nun den Hang traversierend ins Serenellotal absteigen konnte. Immerhin gelang es mir, noch knapp in der Dämmerung die Alp Laraset ( 1709 m ) im Talgrund zu erreichen, wo ich — den Heuboden nicht mehr findend — die zehn Stunden « Nachtruhe » auf einem Brett verbrachte.

Am frühen Morgen ergab der erste Augenschein, dass in diesem unwirtlichen Felsen- und Trümmerkessel ein Plätzchen für den Zeltbau nicht zu finden war. Auch schien es mit dem Trinkwasser schlecht bestellt zu sein, so dass ich mir vornahm, auf die Alp Spluga zuoberst im Giumagliotal hinüberzuwechseln. Eine direkte Passage schien über die Gratdepression zwischen dem « Sasso Bello » und dem « Pizzo delle Pecore » möglich zu sein. Wie ich später von der Alp Spluga aus feststellte, ist dieser Übergang — zirka 50 Meter niedriger als die « Bocchetta di Spluga » — sehr gut zu begehen und weist auf der Nordseite, d.h. im Serenellotal, deutliche Pfadspuren auf. Er ist im T. A. nicht eingezeichnet und erscheint auch auf dem Blatt 552 der L. K. nicht mit Namen. Ich würde — in Analogie zum Übergang vom Cocco-ins Osolatal — die Benennung « Bocchetta di Senerello » vorschlagen.

Nach der am Vortag gemachten misslichen Erfahrung wollte ich mich nicht wieder auf ein unüberblickbares Abenteuer einlassen und zog es vor, bei der Alp Stalletto ( 1676 m ) die Tallehne zu überschreiten und den Umweg über das Chignolasciotal in Kauf zu nehmen.

Val Chignolascio Vom alten Quartier jenseits der Maggia in Bignasco steigt man zum Sanktuarium der Madonna dei Monti hinauf. Von dort weitergehend, erreicht man eine wilde Felsschlucht, wo weder eine Brücke noch eine Furt zu finden ist. Nur wer über den Fährteninstinkt eines « Old Shatterhand » verfügt, entdeckt — im Bachbett aufwärts gehend — hie und da einen Nagelkratzer und findet sich so etwa 50 Meter weiter oben wieder in einen steilen Waldpfad.

>.j.i.*^'.-V.1r,.,. _. ii...ji, i., Auf der selben Lehnenkante bleibend, steigt man nun zur Alp Agrone ( 1626 m ) empor, wo sich ein radikaler Szenenwechsel vollzieht. Von dort erblickt man die vom Sasso Bello und der imposanten Nordwand der Punta di Spluga überschattete Bocchetta di Spluga ( 2153 m ). Der ganze Talgrund ist nunmehr klar zu übersehen.

Weniger klar ist dagegen die Fortsetzung der Tretspur, die man lange im kniehohen Alpenrosengestrüpp suchen kann. Sie führt, ziemlich stark fallend, nach links in den felsigen Schrund des Wildbaches hinunter, um dann auf dem von zwei wüsten Tobein flankierten Mittelrücken mehr als nur fragmentarisch zum « Laghetto di Chignolascio » hinaufzuweisen.

Vom Senerellotal hersteigend erreichte ich das Chignolasciotal auf der gegenüberliegenden Tallehne, ungefähr auf der Höhe der Alp Agrone. Der ziemlich gute Pfad von der Alp Stalletto auf die Lehnenkante verliert sich plötzlich, und der einsame Wanderer hat sich aus den wenig ermutigenden Probabilitäten eine eigene Kombination für den Aufgang zum Talgrund zurechtzulegen. Die direkte Hangtraverse wird sehr bald durch wild zerrissene Quertobel verunmöglicht, und es muss über gewagte Felsabstürze in den Wildbach abgestiegen werden. Einmal unten, kann man ohne Komplikationen die Trümmerrunse aufsteigen, bis man auf 2000 Meter die Platte des Chi-gnolascioseeleins erreicht.

Die restlichen 150 Meter bis zur Bocchetta di Spluga sind ebenfalls jeder Wegspur bar. Der unmissdeutbare Richtungsverlauf bringt aber — ausser physischen Beschwerden — keine Unzukömmlichkeiten mehr. Der Rückblick auf das Bavonatal und die Basodinogruppe ist wundervoll und gehört zu den schönsten Aussichten der Tessiner Voralpen.

Alp Spluga Der oberste Kessel des Tales von Giumaglio, eingerahmt von der Punta di Spluga, dem Sasso Bello, Pizzo delle Pecore und Piz Albèr, wird von der Alp Spluga gebildet. Sowohl die altern als auch die neuesten Kartenwerke stellen im Kesselgrund nur ein einziges Seelein dar, währenddem es deren etwa fünf gibt. Wahrscheinlich hingen sie einmal alle zusammen und wurden erst dadurch getrennt, dass am Ausfluss der Sperriegel einstürzte. Eine der vielen Katastrophen, die in diesem Gebiet zahlreiche Veränderungen des Erdbildes herbeiführen.

Von der Bocchetta di Spluga ( 2153 m ) über das Trümmercouloir absteigend, erreichte ich am frühen Nachmittag des 16. Septembers 1947 die Seenplatte der Alp Spluga und schlug nahe der ausgiebigsten, köstliches Wasser spendenden Quelle am Südosthang der Punta di Spluga mein Zelt auf. Von diesem Punkt aus wollte ich in den nächsten Tagen die Durchforschung der umliegenden Gräte, Lücken und Gipfel betreiben.

Irgendwo hat ein Erzähler seinen Protagonisten sagen lassen: « Wenn ich an einem schönen Ort nur vorbeigehe, dann bleibt mir nichts. Wenn ich aber dort dreimal aufwache, dann habe ich etwas und weiss für immer, wie es ist. » Genau das hatte ich im Sinn: dreimal dort oben auf der Alp Spluga aufwachen, um für immer das Bild jener Landschaft in die Seele gebannt zu haben.

Dreimal aufwachen heisst aber auch, dreimal einen langen Abend und eine noch längere Nacht verbringen. Bis 19 Uhr sass ich jeweilen auf dem hohen Grat, um das wundervolle Farbenspiel des Sonnenunterganges auszukosten. Um zuzusehen, wie der gewaltige Feuerball hinter der Märchenspitze versank. Und dann kam die schwere Last des Alleinseins. Wohl kann man im Leben seine eigenen Wege gehen. Was das Alleinsein im Grunde aber ist, erfährt man erst, wenn stundenweit keine menschliche Seele mehr zu erfühlen ist. Dann weiss man, was der zeitgenössische Philosoph Ortega y Gasset sagen wollte, als er schrieb: « Richtig schätzen kann sich keiner, der nicht gelegentlich in den untersten Grund seines Selbsts herabstieg, um dort zu erkennen, was er unvermeidlich ist: allein! » Es braucht viel, um das ertragen zu können. Man kann es nur, wenn man die Berge und das Forschen in diesen vergessenen Winkeln mehr liebt als sich selbst.

Punta di Spluga ( 2250 m ) Im Tessiner Führer ist die Rede von einem « Rasengipfel ». Von Süden gesehen, trifft diese Bezeichnung tatsächlich zu. Dagegen ist vom sphärischen Gipfelbau die nördliche Hälfte weggesunken, so dass dort eine beachtliche Steilwand in den Kessel des Chignolascioseeleins abfällt. Es gibt dort auch eine Westkante, deren Anblick jedem zünftigen Kletterer das Herz höher schlagen lässt. Alle diese schönen Dinge sind noch für einen Erstdurchstieg zu haben, und so gesehen ist dieser Berg alpinistisch durchaus nicht uninteressant.

Diese kleine Divergenz in der Bewertung des Berges zeigt, wie sehr sich die Mentalität in den alpinistischen Kreisen innerhalb weniger Jahrzehnte geändert hat. Der Tessiner Führer schöpft aus ältesten Quellen, meistens aus dem Tourenbuch der Sektion Leventina von Anno 1907. Wie das Vorwort bemerkt, sind wider Erwarten seit damals nur äusserst spärliche Literatur-beiträge geliefert worden. Das ist erklärlich, denn ausser den klassischen Gipfeln im Bereich der Klubhütten findet man jahraus-jahrein keine neuen Namen auf den Verzeichnissen der Klubtouren. Anderseits haben sich die unternehmenden Klettergruppen « grössern » Sachen zugewandt, so dass die schönen Gipfel, Wände und Gräte der engern Heimat in Vergessenheit gerieten.

Anno dazumal sah man aber nur darauf, einen oder mehrere gangbare Routen aufzufinden. Niemand hielt sich für so « verrückt », ausgerechnet die exponiertesten Durchstiege als grosses Wunschziel herzusetzen. Aus dieser Mentalität heraus ist es sehr wohl zu verstehen, dass viele Wände und Aufstiege noch als « unmöglich » qualifiziert wurden, was heute — weiss Gott — niemand mehr wagen würde. Es ist ganz klar, dass eine allfällige Neuausgabe des Tessiner Führers auf einer andern Basis aufgebaut werden muss, die der neuen Richtung im Alpinismus besser Rechnung trägt.

Was die tektonische Struktur der Punta di Spluga betrifft, so fällt auch dem Laien auf, dass die Gesteinsmasse andern Ursprungs ist als jene der ostwärts anschliessenden Bergstöcke. Es scheint, dass der « Cocco-Dioritgneis » sich auf der Bocchetta di Spluga vom westwärts anstossenden Paragneis der Deckenhülle ( Maggialappen ) scheidet. Ausser der jungfräulichen Nordwand und der wundervollen Westkante sind sehr schöne Aufstiegskombinationen für Bergsteiger mittlerer Kapazität möglich.

So kann man von Giumaglio über Arnau, Alp Costa den Rücken der Talscheide bis zur halben Höhe des Grates ( Costa dei Russi ) aufsteigen, von wo ein gut ausgeprägter Querweg leicht fallend auf die Alp Spluga hinausführt. Von dort genau gegen die Punta di Spluga hin haltend, erreicht man wiederum Wegspuren, in deren Verfolg man die letzte Grateinsattelung ersteigt. Dort kreuzen sich Tretspuren nach verschiedenen Richtungen, die einerseits nach dem Westgrat ( gegen den Monte Castello hin ) und anderseits nach der Bocchetta di Spluga unter dem Gipfel durchführen. Sie werden in der Hauptsache von Schafen und Ziegen, gelegentlich von Hirten und Jägern begangen. Wo die Weglein sich in Fels und Geröll verlieren, finden sich rote, halbverwaschene Markierungen, die unter dem Sasso Bello und dem Pizzo delle Pecore durch auf das Hochplateau ( Quote 2049 ) hinweisen. Man kann somit, diesen Wegweisungen folgend, von den Monti di Riveo über die Bocchetta Canova ins Osola- und Verzascatal hinübergelangen, ohne irgendwo Höhenquote aufgeben zu müssen.

Aufstiegszeit Giumaglio-Punta di Spluga: 6 Stunden. Kürzer, aber steiler und im obern Teil wegloser ist die Variante von Riveo aus.

Sasso Bello ( 2282 m ) Nach den anstossenden Tälern zeigt dieser Berg eine stets gleichbleibende Pyramidenform, trotzdem er weder ein Horn noch eine Spitze, sondern ein langgestreckter Felskamm ist.

Die Darstellung auf dem T. A. ist völlig falsch. Bei dieser spärlichen Kenntnis des topographischen Bildes hätte der Kartograph ehrlicherweise die in alten Zeiten auf weissen Flecken gebräuchliche Bemerkung « Hie sunt leones » anbringen müssen. Auf der neuen L. K. S. sind die Mängel indessen behoben worden.

Das Inventar, das ich anlässlich der kompletten Umschreitung des Berges aufgenommen habe, ergibt: eine Süd-, West-, Nord- und Ostwand, wo erhebliche Schwierigkeiten neuzeitliche Techniken erfordern. Exponierte Begehungen erlauben der Ost- und der Nordwestgrat, wo man das Gefühl hat, nach dem bekannten altindischen Ausspruch « auf der Schneide eines Rasiermessers » zu wandeln. Zwar ist « Rasiermesser » auch wieder nicht richtig, denn wenn sich jemand mit einer solch gezackten Klinge rasieren müsste, dann dürfte er in die Zahl der grössten Märtyrer aller Zeiten aufgenommen werden.

Ausser diesen « Sägeblättern » von beachtlicher Länge hat der Berg noch einige interessante Kanten. Von diesen habe ich am 18. September 1947 die Westkante direkt von der Bocchetta di Spluga aus erklettert. Die Vibram-sohlen-Adhäsionstechnik musste auf grifflosen, abwärtsliegenden Platten die Seilsicherung ersetzen. Wie weit man mit diesem Verfahren gehen darf und kann, hängt weitgehend von der persönlichen Courage ab. Für gängige Kletterer anderthalb Stunden. Diese Kante dürfte später einmal die Standardroute des Sasso Bello werden. Und da dieser schöne Berg von keiner Seite auf bequemen und ungefährlichen Rasenweglein « erschlichen » werden kann, wird jede erfolgreiche Besteigung mit allem Recht als eine « Fähigkeitsprüfung für gute Kletterer » gelten dürfen.

Pizzo delle Pecore ( 2381 m ) Die Kulmination des vom Sasso Bello nach Osten sich hinziehenden Grates, zugleich Eckpfeiler des nach Süden abzweigenden Gebirgszuges, hiess auf dem T. A. « Pizzo Pegre ». Und da « Pegre » die dialektale Verballhornung des Wortes « Pecore » ( Mehrzahl von Schaf ) ist, wurde auf der neuen L. K. S. im Sinne einer Sprachbereinigung die gut italienische Bezeichnung angewandt.

Von der Seenplatte der Alp Spluga steigt man die ostwärts gerichtete Runse, in deren Mitte rotgezeichnete Markierungen des Jägerpfades ersichtlich sind, zur Basis des Westgrates empor, von wo aus wenigstens drei ausgeprägte Zugänge zu ersehen sind. Dieses « Sägeblatt » kann aus dem Val Serenello ohne Übersteigung der Bocchetta di Serenello im Direktanstieg gewonnen werden, indem man von der Alp Laraset den Talkessel am Hang des Sasso Bello quert und dort, wo sich nach der Bocchetta ein gewaltiger Felsturm von der Wand gelöst hat, den Aufstieg beginnt. Nach einigen akrobatischen Kunststückchen ( Schulterstandan der Gratbasis gelangt man auf ein nach Osten gerichtetes Band. Von diesem quert man auf ein nach Süden ansteigendes Couloir, das bequem auf den Gratkamm hinaufführt.

Eine weitere Route konnte ich im Direktaufstieg über die Ostwand eröffnen. Die von der Bocchetta Canova teilweise deutlich ausgeprägt der Wandbasis entlangführenden Tretspuren verfolgend, erreicht man im letzten Drittel eine breit begraste Felsrinne, in der man ein gutes Stück in die Wand hinaufsteigen kann. Nach links und rechts kombinierend ( Adhäsionstechnik !) weiter bis zum Gipfelgrat.

Gleich den andern Kletterbergen dieser sehr interessanten Gruppe weist auch dieser Granitkoloss zahlreiche, relativ kurze, aber sehr exponierte Variationsmöglichkeiten auf. Die Klettereien sind jenen der Kreuzberge in jeder Hinsicht gleichzustellen.

Cima di Broglio ( 2394 m ) Zu Beginn meiner « Forschungsreise » hatte ich die Absicht, diesen Berg zuerst aus dem Val Serenello und dann aus dem Val Cocco zu erkunden. Dabei interessierte mich vorab die Ersteigung aus dem zweitgenannten Tal, weil sie im Führer als « unmöglich » gewertet wird. Das genauere Abwägen an Ort und Stelle von « Traum und Wirklichkeit » ergab aber, dass das Programm allzustark beladen war, besonders mit Rücksicht auf die schwierige und mühselige Dislozierung des « Expeditionsmaterials ». Ich entschied daher, für diesmal die Cima di Broglio nur mit dem Feldstecher abzutasten.

Um den Berg mit Erfolg angehen zu können, nächtigt man in den Hütten der Alp Piatto, die leider auf der neuen L. K. S. vergessen worden sind. Von dort aus sind vorab drei interessante Routen leicht zu ersehen: einerseits der wundervolle Nordgrat und anderseits die beiden V-förmig nach dem Gipfel strebenden Kamine. Über die graduellen Schwierigkeiten wage ich mich auf Grund blosser Betrachtung nicht auszusprechen.

Der zum Pizzo delle Pecore hinstrebende Südwestgrat kulminiert, bevor er in eine tiefe Scharte abfällt, in einem eindrucksvollen Horn, das ohne Namen geblieben ist. Ich würde vorschlagen: Corno di Laraset. Die Wuchtigkeit dieses Felsgebildes ist besonders aus der Ostwand des Pizzo delle Pecore zu ersehen.

Bocchetta Canova ( 2225 m ) Ein Übergang von eindrucksvoller Grossartigkeit führt südlich des Pizzo delle Pecore aus dem Val Giumaglio ins Val d' Osola. Er kann von den Hütten der Alp Spluga in direkter Linie über einen grandiosen Trümmerhang angestiegen werden. Es scheint, dass dort vor Zeiten ein erheblicher Berg zusammenstürzte, wobei sich der Gipfelkopf schwimmend auf dem Chaos erhalten konnte.

Beim Anstieg aus dem Giumagliotal ist die Bocchetta nicht zu sehen, weil sie durch vorstehende Felsen verdeckt wird, zwischen denen sie als begrastes Band schräg hinaufführt. Auf dem Scheitelpunkt wird man von der Sicht auf die dunkeldräuende P. Rasia und den etwas freundlichem Monte Zucchero überrascht.

Beim Anmarsch vom « Basislager » her fand ich auf einem Granitklotz den durch Erosion und Urmooswucherungen entstandenen « Fussabdruck », dessen aussergewöhnliche Natürlichkeit auch den unbefangensten Betrachter narren muss. In andern Zeiten und auf einem andern Kontinent hätte diese Entdeckung die Alp Spluga zu einem weltbekannten Wallfahrtsort gemacht. Ein burgähnliches Mönchskloster würde die Reliquie ( Fussabdruck Abrahamsbetreuen, und Pilger orthodoxer Sekten würden das Tal beleben.

Es ist schon so: mit der zunehmenden Naturerkenntnis sind wir eigentlich doch ärmer geworden, denn die Phantasie hat keinen Spielraum mehr.

Val Giumaglio Als die sechs Tage der Welt-Neuentdeckung um waren, stieg ich mit meinem immer noch schweren Gepäck gegen Giumaglio ab. Im Vorjahr war ich zu den Hütten der Alp Spluga und von dort über Coitone nach Valle abgestiegen.

Da die neue L. K. S. auch einen Fussweg von der Alp auf Quote 1664 eingezeichnet hat, wollte ich heuer diese Route ergründen. Die Alphütte war aber zerfallen und der Fussweg von der Vegetation verschluckt. Ein Phänomen, das in jener Region häufig anzutreffen ist. Der Mensch zieht sich zurück, die Alpen verwildern und die Hütten zerfallen. Die Natur holt sich ihre Gebiete langsam wieder zurück. Und wo kommen die Älpler hin? Drunten in den Granitwerken von Riveo hantieren sie mit Meissel und Presslufthammer. Die Zeit, die oben auf den Alpen keine Rolle spielte, wird nun zu Geld, aber um welchen Preis! Aber wem die Freiheit mit Tieren und Pflanzen am Rande unserer Lebensräume nichts mehr zu sagen hat, tut schon besser, unten im Tal zum Lohnsklaven zu werden.

In Arnau, wohl dem schönsten Punkt im Maggiatal, geht der Saumpfad aus dem Tal Giumaglio in eine Granittreppe über, die fast senkrecht auf die Dächer des Ortes absteigt. Ein Moment der Sammlung unter dem grossen Holzkreuz, und es geht den letzten « Stutz » hinunter wieder der « Zivilisation » entgegen.

Nachklang Als ich still in mich gekehrt unten im Tal mein Bier trank, meinte der Wirt: einen solchen Krampf würde er nicht einmal für 50 Franken im Tag auf sich nehmen. Er hat recht, denn ein solches Tun kann man nicht mit Geld bezahlen. Wer nicht das Feuer der Forscher und Entdecker in seiner Brust fühlt, wird nie für solche Taten zu mobilisieren sein!

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