Vesterålen - einsame Bergwelt im Land der Mitternachtssonne

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON HORST H. THER, ULM

Mit einer Skizze und 6 Bildern ( 73-78 ) Vesterâlen ist eine von Fjorden zerfurchte, mit schneeblinkenden Bergen, unwegsamen Sümpfen und verfilzten Birkenwäldern überzogene Inselgruppe im Norden Europas. Sie bildet zusammen mit den Lofoten jene 250 Kilometer lange norwegische Inselkette, die 100 Kilometer nördlich des Polarkreises beginnt und sich, allmählich breiter werdend, in nordöstlicher Richtung bis über den 69. Breitengrad hinaus erstreckt. Vesterâlen besteht aus den Inseln Hinnöy, Langöy, Andöy, Gritöy und Hadselöy sowie aus einer Unzahl winziger unbewohnter Eilande Hinnöy ist mit ungefähr 2200 Quadratkilometern die grösste Insel Norwegens und trägt mit dem 1266 Meter hohen Möisalen auch den Kulminationspunkt des Lofot- und Vesterâlen-Archipels.

Besiedelt ist nur ein schmaler Küstenstreifen. Die wenigen Strassen schlängeln sich ausnahmslos an Fjordufern und Sunden entlang; das Innere der Inseln ist völlig unberührt von Zivilisation und Technik. Die Bevölkerung lebt in kleinen Ortschaften am Meer und ernährt sich hauptsächlich vom Fischfang. Sie lebt abseits des Weltgeschehens, denn die Entfernungen sind gross, und Oslo ist weit. In Vesterl.len hat man noch Zeit; hier kennt man nicht die Hast und Unruhe Mitteleuropas. Die staubigen Strassen der Fischersiedlungen sind still und verträumt. Kein Motorenlärm, kein Fremdenverkehrsrummel stören den Frieden. Wenn einmal ein Motorfahrzeug durch den Ort rollt, so ist das fast eine kleine Sensation. Nur das ferne Tuckern der Fischkutter auf dem Fjord ist zu hören.

Vesterâlen bedeckt eine Fläche von 3600 Quadratkilometern, bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 40000, was einer Dichte von etwa 11 Personen auf den Quadratkilometer entspricht. Die Hauptansiedlung Vesterâlens, Harstad, befindet sich im nördlichen Hinnöy und hat ungefähr 4000 Einwohner; für nordnorwegische Verhältnisse ist dies bereits eine « Grossstadt ». Es ist ein Ort mit sauberem Hafen, mit Asphaltstrassen, grellbunten Häusern, Fischkonservenfabriken und einer Wetterstation. Die übrigen Ortschaften liegen weitverstreut an den Küsten der Inseln und bestehen manchmal nur aus ein paar Häusern.

Das Klima Vesterâlens ist maritim und infolge des Golfstromes für diese hohe Breitenlage ungewöhnlich mild. Während in Grönland, Sibirien oder Alaska das Klima hart und lebensfeindlich ist, ermöglicht es hier eine üppige und farbenfrohe Vegetation. Wenn am 23. Mai der Polartag beginnt und die Sonne bis zum 23. Juli nicht mehr unter den Horizont sinkt, blühen Wollgräser, Trollblumen und Silberwurz, es grünen Birken und Erlen, und das Farnkraut schiesst aus dem Sumpfboden. Infolgedessen ist Vesterâlen auch kaum vergletschert. Abgesehen vom Möisal-Gebiet gibt es dort höchstens mehr oder weniger grosse Firnfelder, die nie verschwinden. Nennenswerte Gletschermassen wie in den Berggebieten des norwegischen Festlandes existieren auf dieser Inselgruppe nicht.

Das Wetter ist wechselhaft; es gibt keine langanhaltenden Schlechtwetterperioden, aber andererseits auch nur kurzfristiges Schönwetter, das aber dann durch eine ausserordentlich kristallklare Sicht gekennzeichnet ist. Die Luft ist hier fast immer in Bewegung und das Meer nur selten spiegelglatt. Unablässig, in stets gleichbleibendem Rhythmus, schlägt die Brandung gegen die zerklüftete Steilküste, nagt seit unvorstellbaren Zeiten der Nordatlantik an den kahlen Felsen Vesterâlens, jener einsamen Inselgruppe am Rande des Nördlichen Eismeeres. Der Bergsteiger, der in diese Breiten verschlagen wird, sieht sich einer wahren Bergwildnis gegenüber. Er braucht nur vom schmalen bewohnten Küstensaum um einige Kilometer landeinwärts zu wandern, und schon steht er mitten in der völlig unerschlossenen nordischen Bergnatur. Über fast undurchdringlichem Birkendschungel erheben sich zahllose schneegekrönte Gipfel. Wasserfälle hängen wie Schleier in dunklen Felswänden, stürzen sich weissgischend in unbekannte Tiefen. Namenlose Seen liegen in den versumpften Tälern, Wildbäche schäumen ungebändigt über klobiges Geröll. Das Wasser ist durchsichtig, kristallklar und schimmert grün wie Smaragd. Ein alpines Paradies, völlig einsam und unberührt - das letzte Eden Europas. Fast fühlt man sich hier in die Zeit des klassischen Alpinismus zurückversetzt. Nur die Mücken sind weniger angenehm, wenn sie über den menschlichen Eindringling herfallen und ihm schmerzhafte Nadelstiche verpassen. Nie wird sich der Einheimische in diese Wildnis wagen, es sei denn zum Forellen- oder Lachsfang. Er hat kein Verständnis für seine Bergwelt. Was soll er auf diesen unwirtlichen Gipfeln? Warum soll er sie erschliessen, Wege und Markierungen anlegen? Von den Nordländern kann man also keinerlei Auskunft erwarten. Vesterâlen ist Bergsteigerneuland. Es gibt keine Stützpunkte, weder Hütten noch Biwakschachteln, geschweige denn mechanische Aufstiegshilfen. Um zu diesen Gipfeln zu gelangen, muss man sich durch weg- und steglose Moore, Sümpfe und durch Birkendickicht kämpfen. Aber freuen wir uns,dass wir in Europa überhaupt noch eine derartige Bergwelt besitzen! Denn wenn die Entwicklung wie bisher und im gleichen Tempo weitergehen sollte, dann gibt es in den Alpen bald keine unberührten Hochtäler mehr, keinen Gipfel ohne Luftseilbahn. Was sollen wir dann noch in einem Gebirge, das mit Tragseilen gefesselt ist und wo man auf Schritt und Tritt Staudämmen, Kraftwerken und verständnislos gaffenden Menschen begegnet? Also freuen wir uns, dass jede Fahrt in die Berge Vesterâlens expeditionsmässig vorbereitet werden muss und eine gute, sturmsichere Zeltausrüstung selbstverständlich ist!

Die Berge des Hohen Nordens sind geologisch wesentlich älter als die Alpen. Nordeuropa entstand während der kaledonischen Gebirgsbildung in der Silurperiode vor etwa 400 Millionen Jahren. Diese Berge sind deshalb auch abgetragener, verwitterter als die Alpen, aber auch manchmal von phantastischer, wild zerhackter Form. Das Gestein besteht meist aus körnigem Granit, Gabbro oder Gneis und ist teilweise bis in die höchsten Regionen hinauf flechtenbedeckt.

Als wir im Juni 1962 unser Basislager am einsamen Gullesfjord in Zentral-Hinnöy auf einer trockenen und mit schütterem Birkenwald bestandenen Heide errichteten, ahnten wir noch nicht, was uns im Norden Europas alles erwarten würde. Wir mussten die Unerschlossenheit dieser Bergwelt erst verdauen, da wir von den Alpen an anderes gewöhnt waren. Es herrschte hier immer eine nahezu vollkommene Stille. Kein menschliches Geräusch drang an unser Ohr, nur das monotone Schäumen des Wildbaches vor unserem Zelt, der irgendwo bei den Firnfeldern des Löbergdalstind entspringt. Oder man hörte das feine Singen der Mücken und das leise Rauschen des Wassers draussen im Fjord, wenn die Flut hereinkam und gegen die Ufer schlug. Es waren immer nur die vertrauten Geräusche der nordischen Natur, die uns das Hohelied von Ferne und Einsamkeit sangen und die sich mir unvergesslich ins Gedächtnis eingeprägt haben. Wenn wir erwachten - egal wann es war, denn die Nächte blieben stets hell -, dann standen über uns der Botntindm.it seinem Firnfeld und der wilde zerhackte Grat zum schneegekrönten Löbergdalstind. Wolkenfelder zogen über uns hinweg, manchmal regnete es, dann strahlte wieder die Sonne vom stahlblauen Himmel, und der Firn des Löbergdalstind glänzte. Hier in diesem Land, weit jenseits des Polarkreises, war es völlig unwichtig, wann man zu einer Bergfahrt aufbrach. Wir gingen eben los, wann es uns passte, wenn das Wetter sich besserte und wir ausgiebig gefrühstückt oder zu Abend gegessen hatten. Meistens versuchten wir die Mitternacht in unsere Tour mit einzubeziehen, denn es war am schönsten, wenn die tiefstehende Sonne ihr Licht über Nordland ausschüttete.

- Löbergdalstind - 993 Meter Ich kann mich noch genau daran erinnern, als wir zum Löbergdalstind auf brachen. Das Wetter war nicht sehr vielversprechend, eine bleierne Wolkendecke verharrte über Vesterâlen, und der sonst grünlich schimmernde Birkendschungel stand schwarz und drohend über unserem Zeltplatz. Dunkel und düster, glatt wie ein Spiegel, lag draussen der Fjord. Wir kämpften uns mit schwerem Gepäck durch das dichtstehende Zwergbirkengestrüpp und dann über steile, grasige Flanken hinauf zu einem unbekannten Sattel. Tief unter uns stürzte sich schäumend der Wildbach über die Terrassen, verschwand in einem See und trat wieder hervor. Über uns ragte der Nonstind mit seinem makellosen Schneemantel. Der Firn war hart und tragfähig und der Gipfel grobblockig ( 929 m ). In kraft-raubender Felsarbeit überkletterten wir die zersägte, flechtenbedeckte Gratschneide, die vor uns wahrscheinlich noch nie ein Mensch betreten hatte, seilten uns durch steile Couloirs und vertikale Gabbro-Kamine ab, querten abschüssige Schneefelder. Irgendwo in der Tiefe schwieg der Fjord, matt und träge wand er sich hinaus ins Meer. Reglos wölbte sich der Wolkenhimmel über uns. Es war ein stiller, unendlich einsamer Weg, den wir damals gingen. Am Horizont im Westen ragten die markanten Löbergdalstinder. Irgendwann standen wir dann auf der Plattform eines wuchtigen Felsklotzes ( Punkt 963 ). Es war Mitternacht, und im fernen Norden schimmerte ein schmaler rötlicher Streifen. In unmittelbarer Nachbarschaft ragte eine riesige Granitplatte aus der Tiefe der subarktischen Wildnis; fugenlos und beidseitig völlig glatt wuchs sie aus dem Bodenlosen. Eine phantastische Gestalt! Ich hatte in meinem Leben noch niemals so etwas gesehen. Wie losgelöst von der Erde schien sie im Raum zu schweben, und ich hielt sie für völlig unersteigbar. Verschlafen stapften wir durch weichgewordenen Firn hinauf auf den nördlichen Löbergdalstind ( 985 m ). Ständig musste ich an diese freistehende Urgesteinsplatte denken, die seit unvorstellbaren Zeiten in unberührter Jungfräulichkeit über dem nordischen Dschungel steht. Ob sich jemals ein Mensch an sie heranwagen würde? Beim Abstieg vom südlichen Löbergdalstind ( 993 m ) querten wir in dessen Westflanke extrem steile Schneefelder oberhalb eines zugefrorenen Sees ( Storelvvatn - 595 m ) und erreichten einen unbekannten Sattel nördlich des Vestbotntind. Es begann leicht zu regnen. Zwischen unübersehbaren Kolonien von Gletscherhahnenfuss stiegen wir auf einem schwach geneigten Rücken dem Vestbotntind entgegen ( 938 m ). Unsere Gratüberschreitung war hier abgeschlossen, und vor uns lag der Weg durch das unbekannte, versumpfte Vesterdalen ( -tal ) zurück zu unseren Zelten am Gullesfjord. Dort unten in diesem Tal erwarteten uns tückischer Morast, der sich schmatzend an unsere Beine schmiegte, und widerspenstiges Unterholz, durch das wir uns zu schlagen hatten. Als wir wieder in unserem Lager eintrafen, waren 18 Stunden vergangen.

Tverelvtind -1115 Meter War dieser einsame Gipfel nicht unsere schönste Bergfahrt am Gullesfjord? Ein unwahrscheinlich durchsichtiger Morgen war heraufgezogen. Der Himmel war wolkenlos, und ein sanfter Seewind strich über den blauschimmernden Fjord, sirrte über die Heide, zerzauste das Wollgras im Moor und fing sich im Laub der Birken. Wir umrundeten den östlichen Arm des Sigerfjords ( Austpollen ), schritten über den knirschenden Kies am Ufer und machten uns an die 1000 Meter hohe Nordflanke des Stortind. Das Terrain wurde gleich steil. Wir arbeiteten uns durch dichtstehendes Birkengestrüpp und fast mannshohes Farnkraut, das die Flanke über 300 Höhenmeter bedeckt, wühlten uns über moosbewachsene Felsen empor, in die sich die Hand bis zum Gelenk verkrallte. Es war ein überaus kraftraubendes « Balgen » mit der nordischen Wildnis - ein zwar anstrengender, aber doch herrlicher Gang durch dieses völlig unberührte Gelände. Nirgends war hier aber auch nur die geringste Andeutung eines Weges zu erkennen. Ich werde das nie vergessen und denke heute manchmal etwas wehmütig daran zurück, wenn ich in unseren übervölkerten Alpen an einem Grateinstieg Schlange stehen muss. Das letzte Drittel der Nordflanke bestand aus labil übereinander geschichtetem Geröll, dem man sich nur äussert vorsichtig anvertrauen konnte. Es dürfte kurz vor Mitternacht gewesen sein, als wir am Gipfel des Stortind ausstiegen ( 1022 m ). Tief unter uns glänzte das Wasser des Sortlandsundes wie geronnenes Silber, und weit draussen am Horizont standen die Silhouetten unbekannter Berge. Still und friedlich war es hier. Der Fjord lag bewegungslos und stumm in der Tiefe, man hörte weder das ferne Tuckern eines Fischkutters, noch sah man die breitgefächerte Heckwelle eines Küstendampfers. Sogar der Wind schien eingeschlafen zu sein. Die Sonne warf ihre Strahlenbündel über Vesterâlen und tauchte die Berge im Osten in flammendes Licht. Über steilen Firn stiegen wir ab in eine Scharte, überkletterten in schwierigem Fels einige Grattürme, querten oberhalb eines grossen, mit Eisschollen bedeckten Sees ( Vangpollvatn - 436 m ) mehrere vom Steinschlag zerfurchte Schneefelder, erreichten wieder den Grat, seilten uns über senkrechte Abbruche hinunter, querten erneut auf hartgefrorenem Firn. Wie eine uneinnehmbare Zitadelle stand im Südwesten der vereiste Möisalen; seine zerhackten Trabanten sahen schwarz und drohend zu uns herüber. Niemals hätten wir gedacht, dass es hier im Norden solch wilde, alpine Berge gebe. In einer Mondlandschaft riesiger Felstrümmer rasteten wir. Im Nordosten ragten die zersägten Grate des Tverelvtind. Wir wanderten zwischen 600 und 800 Meter über Normalnull, also auf einer Höhenlage, die in Mitteleuropa längst kultiviert und besiedelt ist. Hier am 68. Breitengrad, da war das Terrain steinig, schneebedeckt und unberührt und übte auf uns in seiner Ursprünglichheit einen geradezu übermächtigen Reiz aus. Vor uns stand die symmetrisch geformte Gestalt von Punkt 963, für den ich absolut keine Parallele fand, obwohl ich behaupten möchte, in den Alpen schon viel herumgekommen zu sein. Wir fanden überhaupt für keinen Gipfel des Nordlandes eine Parallele. Punkt 963 glich weder der Zimba, der Trettachspitze, dem Matterhorn noch sonst einem schöngeformten Berg. Er stand einfach da, wie er schon seit mehr als 350 Millionen Jahren dastand: wuchtig, markant, überlegen blickte er auf uns herab. Er wusste vielleicht, dass kein Berg der Alpen mit ihm an Alter konkurrieren kann.

In steiler Kletterei überwanden wir den gezackten Grat von Punkt 963, stapften auf der anderen Seite hinunter in den überfirnten Tverelv-Sattel. Über uns bäumte sich der Südgrat des Tverelvtind. Freundlich leuchtete der Lofotgranit im schrägen Licht der Morgensonne. Was war das doch damals für eine herrliche Kletterei zwischen diesen gigantischen Granitquadern am Tverelvtind! Es war ein Schwelgen in körnigem, eisenfestem Gestein. Oder war es der Blick von den riesigen glattgescheuerten Gabbroplatten, die manchmal waagrecht in den Abgrund hinausragten, hinab in die schauerlichen Tiefen der subarktischen Wildnis? Nein, es war der Gang durch die absolute Freiheit und Unberührtheit der nordischen Bergnatur, die uns so beeindruckte, dass wir sie in unserem ganzen Leben nie vergessen werden. Irgendwann in den späten Vormittagsstunden standen wir dann auf den flechtenbedeckten Gipfelfelsen des Tverelvtind. Nichts deutete darauf hin, dass dieser Berg jemals erstiegen worden war. Bläulich schimmernd, unendlich fern lag in der Tiefe der Gullesfjord, und im Südwesten wuchtete die alles beherrschende Gestalt des Möisalen. Wir errichteten einen Steinmann und hinterlegten unsere Daten. Erschöpft sassen wir in sonnenwarmem Fels und blickten hinein in die ungeheure Kuppel des nordischen Äthers. Verlassen schwebten einige Zirren in unermesslicher Höhe. Waren 20, waren 25 oder gar 30 Stunden vergangen, seit wir unser Zeltlager verlassen hatten? Ich wusste es nicht mehr. Aber ich wusste, irgendwann würden wir wieder unsere Zelte erreichen, irgendwann würden wir todmüde in unsere Schlafsäcke kriechen, um vielleicht 20 Stunden später zu erwachen.

Möisalen -1266 Meter Wir hatten die wilden Berge am Gullesfjord für immer verlassen, waren mit einem Küstenfrachter über den Sortlandsund gefahren und hatten uns in Kaljord eingeschifft. Fischer Kvalheim tuckerte mit seinem Motorboot heran und fuhr uns hinein in den dunkeln, geheimnisvollen Lonkanfjord. Auf einer grasbewachsenen Terrasse kurz oberhalb der Fjordspitze errichteten wir unser kleines Zeltlager in einer landschaftlich grossartigen Umgebung, deren Vollkommenheit leider durch die lästige Mückenplage etwas eingeschränkt wurde. Hoch über uns ragte der gewaltige Kongen-Grat, und im Hintergrund des Norddalen erhob sich irgendwo der Möisalen. Überall hingen die feinen Silberfäden stürzender Wasser im Gestein, und aus den Karen leuchteten makellose Firnfelder. Gleich in der Nähe sprang ein kristallklarer Wildbach über den Fels, eilte durch die Wiese und verschwand unten im Fjord. Dort stand die schon etwas verzogene und altersschwache Holzhütte von Joakim Olsen, dem einsamen Fischer vom Lonkanfjord. Joakim lebte hier mit seiner Familie völlig zurückgezogen. Die einzige Verbindung mit der Aussenwelt stellten sein Telephon aus den zwanziger Jahren sowie sein alter Dieselkahn her. Er hatte weder elektrisches Licht noch Radio, geschweige denn Fernsehen, und seine Frau holte sich das Wasser draussen vom Bach. Die Wohnungseinrich-tung war unglaublich spartanisch, und trotzdem lebte Joakim hier glücklich und zufrieden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich sein Lebenswandel inzwischen grundlegend geändert haben sollte, denn der einzige Reichtum Vesterâlens ist das Meer, und einen Fremdenverkehr wie in Mitteleuropa gibt es dort oben nicht. Der gewöhnliche Sterbliche meidet Gebiete, wo man auf alle Annehmlichkeiten der Zivilisation verzichten muss; deshalb wird Joakim weiterhin am Lonkanfjord weltabgeschieden hausen. Er wird, wenn die Zeit der grossen Fangzüge gekommen ist, seine Netze auslegen wie seit eh und je, wie es vor Jahrhunderten seine Vorfahren, die Wikinger, getan haben. Ihn werden auch künftig weder die Probleme der Weltpolitik interessieren noch die sonstigen Ereignisse des Weltgeschehens. Joakim weiss, dass die Natur hier oben im äussersten Norden Europas stärker ist als der Mensch.

Die Sonne war hinter scharfgeränderten Wolken verschwunden. Flach und still wie ein Spiegel lag der Lonkanfjord unter uns. Ein Bergwerksweg, auf dem bereits wieder der nordische Dschungel wucherte, leitete zu längst verlassenen Stollen, in denen vor Jahrzehnten einmal nach Eisenerz geschürft wurde. Der Bergwerksweg verlor sich rasch in schwappendem Sumpfboden. Artistisch balancierend, tänzelten wir von Graspolster zu Graspolster, übersprangen gurgelnde Wasserläufe. Aufatmend erreichten wir die steile, geröllbedeckte und von dichtem Farnkraut überwucherte Flanke, über die der schweisstreibende Anstieg zum Memuru-Joch emporführt. Unter uns versank das Norddalen, der dichte Birken- und Erlengürtel wurde zu einer grünen Masse, während sich im Hintergrund die geschwungene Uferlinie des Lonkanfjords herausbildete. Im Südwesten stiegen wildgezackte Gipfel in die Bildfläche, die Berge Austvagöys, und weit draussen am westlichen Horizont, hinter der von einzelnen Inseln unterbrochenen hellen Fläche des Sortlandsundes, erschien der langgezogene Strich des Nordatlantik. Wir hatten das Memuru-Joch erreicht, diesen einsamen Sattel zwischen Kongen und Möisalen, der nun in seiner vollen Grösse vor uns stand. Ein eigenartiger Berg, massig und doch von einer bestechenden Linienführung. Über dem Möisal-Firn bäumte sich die Südwand auf, rechts davon der zerhackte Ostgrat und anschliessend die beiden Möyene-Türme, zwei Felsnadeln, am ehesten mit den Aiguilles von Chamonix vergleichbar. Aber es war kein freundlich leuchtender Granit wie drüben am Tverelv. Es waren dunkle, finster dreinblickende Felsgestalten. Über steilen Schnee stapften wir hinunter zu einem verschneiten Bachbett und auf der anderen Seite hinauf, bis sich der Firn in grobblockigen Granitquadern verlor. Über uns ragten die Felsmassen des Möisalen, gespenstisch beleuchtet von der schrägstehenden Sonne. Ich kenne Menschen, auf die diese Landschaft unheimlich gewirkt hätte. Panikartig hätten sie die « Stätte des Grauens » wieder verlassen. Für sie wäre der Eindruck dieser Bergwelt fürchterlich und von Halluzinationen begleitet gewesen. Daher bleiben sie in der Tiefe der Täler, wo sie hingehören. Sie haben auch kein Verständnis dafür, dass wir Opfer bringen, um eine derartige Bergwelt erleben zu können. Wie eine unwirkliche Erscheinung zeichnete sich der Gipfelgrat gegen den enger werdenden Horizont ab. Weder der Laut eines Vogels, das Rauschen eines Baches noch das Poltern des Steinschlags waren zu hören. Nichts! Es herrschte vollkommenes Schweigen. Vor Jahrtausenden mag es hier auch nicht anders gewesen sein in diesem Eldorado völliger Einsamkeit. Nur wir brachten Unruhe in diese Landschaft. Der Schnee knirschte unter unseren Tritten, der Atem ging hörbar, während sich ab und zu ein Fluch unseren Lippen entrang, wenn der Fuss auf glatter Fläche ausrutschte. Der Blick wurde frei und weit, er ging hinaus auf den silbrig schimmernden Sortlandsund, zu den verschwommenen Silhouetten unbekannter Berge im Westen und Norden. Der Grat verflachte sich, wurde breiter und ging allmählich in einen Rücken aus schiefrigem Gestein über. Hier wuchsen herrliche Polster von Gletscherhahnenfuss. Diese leuchtenden Sterne, die es auch in den Alpen gibt, können dort blühen und gedeihen, ohne befürchten zu müssen, von Menschenhand abgerissen zu werden. Es war 23 Uhr. Nach sechsstündigem Anstieg standen wir in den Gipfelfelsen des Möisalen, mit ausgelaugten Schuhen und nassgeschwitzten Hemden. Wir sahen, wie die Sonne ihren scheinbaren Kreislauf um das Himmelsgewölbe beendet hatte und zu ihrer neuerlichen Reise antrat, einer Reise, die sie während des Polarsommers schon vor Jahrhunderttausenden tagtäglich durchgeführt hat und die sie wahrscheinlich auch in Jahrhunderttausenden noch durchführen wird. Schaurig bleich stürzte sich mit wilden Eiswülsten die Ostwand des Möisalen in ungeheure Tiefen, verschwand unübersehbar irgendwo im nordischen Dschungel. Diese über 1000 Meter hohe Fels- und Eismauer ist auch heute noch weder erkundet noch erstiegen. Einsam und unbekannt dämmert sie dahin in weltentrückter Jungfräulichkeit. Wer sollte sie auch ersteigen? Es ist weit zum Möisalen. Wie dunkle Spiegel lagen Fjorde und Seen im Norden, schliefen ihren endlosen nordischen Schlaf. Eingebettet zwischen schwarzen Wäldermeeren träumten sie ungestört dahin. Schade, dass der Abschied gekommen war, dass wir diesen weltabgeschiedenen Platz verlassen mussten! Wir sagten ihm Lebewohl - auf Nimmerwiedersehen. Oder würden wir eines Tages wiederkehren? Eine Frage, auf die es noch keine Antwort gab.

Über steile Schneefelder ging es hinab zu einem völlig zugefrorenen See ( Möisalvatn, 666 m ). Himmelhoch ragte über uns die gewaltige Plattenflucht der 800 Meter hohen Möisalen-Nordwand. Sie ist im Kletterführer zwar verzeichnet, aber unerstiegen, und ich glaube auch nicht, dass sie in den nächsten Jahren jemals bezwungen wird. Über eine steile Firnflanke erreichten wir die Höhe eines Gratrückens. Tief unter uns lag der einsame, mit Eisschollen bedeckte Firvatn ( 453 m ), in dessen Talbecken sich die Vorboten eines unübersehbaren Wolkenmeeres hineindrängten. Die meisten Fjordtäler im Westen waren bereits unsichtbar. Nur Grate und Gipfel über 600 Meter ragten heraus.

Das war damals mehr als eine Bergfahrt, das war eine Wallfahrt, die uns in das Antlitz unseres Planeten schauen liess. Wie eine Götterburg ragte der Möisalen aus dem wogenden Nebelmeer. Weit draussen im Norden entstanden grellweisse Wolkentürme, wuchsen empor in den blauen Himmel, verharrten unbeweglich einige Augenblicke über der endlosen Wolkendecke, um dann langsam wieder in sich zusammenzusinken. Wie riesige Wassermassen schäumten die Nebel über dunkle Gratsilhouetten Immer höher krochen sie an den Felsbastionen von Tretind und Totind, kletterten an den beiden Urgesteinskolossen aus Gabbro und Gneis unaufhaltsam empor. Es war schade, dass wir das strahlende Reich über den Wolken verlassen mussten, um wenig später hineinzutauchen in den Nebel. Wir mussten wieder hinunter zum Lonkanfjord, zu unseren Zelten, die irgendwo in der Tiefe einsam und verlassen standen. Müde und abgekämpft stolperten wir durch das nordische Dickicht. Was tat es zur Sache, wenn wir manchmal bis übers Knie in ein Sumpfloch tappten! Un-erfreulicher war es schon, als Bernd beim Überqueren eines Wasserlaufes auf einem glitschigen Baumstamm ausrutschte und samt Rucksack ein erfrischendes Bad im reissenden Wildbach nahm. Tropfnass paddelte er aus dem Bereich wasserüberschäumter Granitblöcke heraus, watete, mühsam sein Gleichgewicht haltend, in einigermassen trockenes Terrain. Aber was machte das aus! Unser Auftrag war erfüllt: wir hatten den Möisalen erlebt, wir hatten auf seinem Gipfel gestanden und hinaus in die endlosen Fernen der nordischen Wildnis geschaut.

Kongen -1017 Meter Eine Lawinenrinne wies uns den Weg. Zerschmetterte Birken reckten ihre kahlen Äste zum Himmel, ragten wie groteske Markierungsstangen aus dem Schnee. Wieder begann der Kampf mit der nordischen Wildnis, mit Erlengestrüpp, Farn und moosüberwucherten Felsblöcken. Der Anstieg durch dieses Terrain war überaus mühsam und zeitraubend. Tief unter uns lag der blaue Lonkanfjord, leicht aufgerauht von schwacher Brise. Die Luft war unglaublich durchsichtig. Klar und scharf standen die Berge Austvagöys im Südwesten. Wir rasteten in einsamer Scharte auf unserem Weg zum Kongen. Ob wir sein gigantisches Fenster finden würden, von dem uns Joakim Olsen erzählt hatte, dass es einst Thor mit einem furchtbaren Schlag seines Hammers schuf? Wie unend- lieh still und unberührt war es hier! Vergeblich suchte das Ohr nach Geräuschen menschlichen Ursprungs; nur aus irgendeiner Richtung hörte man das ferne Rauschen eines Wildwassers. Wer wohl der Unbekannte gewesen sein mag, der das letzte Mal diese aussichtsreiche Warte hier betreten hatte? Weiter ging der Kampf gegen die eigene Unzulänglichkeit, der Kampf des Willens gegen Herz, Lunge und Muskulatur. Stundenlang schräg ansteigend, querten wir grasdurchsetzte Schrofenhänge. Über uns ragte ein wilder Felsturm aus dem Grat. Dort endeten die Schrofen - aber auch unsere Weisheit war zu Ende. An einer Plattenwand fanden wir schliesslich einen Durchschlupf und gerieten in prekär geschichteten Fels, auf dem wir, wie Schiffbrüchige haltsuchend, umherschwammen Die schweren Rucksäcke, dieser verdammte Fels, die schmerzenden Knochen - Faktoren, die einem das Bergsteigen verleiden könnten. Dann stand er über uns, der Kongen, mit seinem gewaltigen Gratdurchbruch, den einst Thor in einem Wutanfall geschaffen haben soll. Die Aussparung im Fels gleicht einem verzerrten Rhombus. Aber wo ist der Rhombus geblieben, der hier herausgeschnitten wurde? Schauerlich heulte der Wind seinen Choral durch das unverglaste Fenster des Kongen. Vor undenkbaren Zeiten mag er dort schon sein johlendes Konzert gegeben haben, und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Bleiern wölbte sich der Himmel über Hinnöy - welch urweltliche Stimmung! War es das Licht des späten Tages oder das Unendliche dieser verlorenen Bergwelt, das einen solchen Eindruck hinterliess? Aus bodenlosen Tiefen hörte man das ferne Tosen vieler Bergwasser. Dunkel und düster ragten über uns die flechtenbedeckten Felsen des Kongen, des Königs vom Lonkanfjord. Wir überwanden das Bollwerk des Kongen in steiler Kletterei, balancierten im Reitsitz auf schmaler, zerbrechlicher Gratschneide. Eine Steilrinne brachte uns hinab in ein Schuttkar. Loses Geröll lag auf losem Geröll. Aber nun war der Gipfel in sympathischer Reichweite, wenn man auch das Vorwärtskommen auf diesen labilen Gesteinsmassen nicht mehr als Bergsteigen bezeichnen konnte. Mit etlichen Flüchen und mehreren Ausrutschern bezwangen wir auch das letzte Hindernis des Kongen. Wie der Bug eines gestrandeten Wikingerschiffes pflügte der Gipfel des Kongen das heranrollende Wolkenmeer. Wir standen auf den Felsen seiner obersten Kante und erlebten die Krönung unseres Daseins in der nordischen Wildnis Um uns wogten und wallten die Nebel wie aufgewühlte Wassermassen, brandeten gegen die Felsen des Kongen. Der eisige Wind trieb den Nebel über uns hinweg, riss ihn auseinander. Wie zarte Schleier aus rosa Gewebe flatterten dünne Wolkengebilde durch den Äther. Es wurde lichter und lichter, und plötzlich stand vor uns der Möisalen, bengalisch beleuchtet wie eine Gralsburg. Der glühende Ball der Sonne berührte den Horizont im Nordwesten, sank unendlich langsam ins Meer, um weiter nördlich unendlich langsam wieder emporzutauchen. Welch gigantisches Schauspiel! Was sind die Erkenntnisse des 20. Jahrhunderts im Vergleich zu den Erkenntnissen, die wir hier der Natur des Hohen Nordens abgewannen? Nichts könnte mich mehr beeindrucken, weder was Menschenhand geschaffen, noch was Menschengeist ersonnen hat. Wie ein unbekannter Trabant der Erde stieg im Osten der volle Mond über den Horizont. Seltsam gelblich und übergross, fast wie eine riesige Goldschale hing er über den Bergen des norwegischen Festlandes. Unter uns rollten neue Wolkenfelder heran, brandeten gegen die Felsen, krochen empor und schlugen über uns zusammen wie eine gewaltige Wasserflut. Wie ein Spuk verschwand die Berggestalt des Möisalen, verschwand der rote Ball der Mitternachtssonne. Um uns war nur mehr dichter Nebel. Wir stiegen hinunter über abschüssige, schemenhaft aus dem Nebel auftauchende Granitplatten. Nur dem Orientierungssinn vertrauend, tasteten wir uns immer schräg abwärts. Das Fenster des Kongen war längst verschwunden. War es nur ein Traum, eine Fata Morgana, oder war es Realität, was wir erlebt hatten? Als wir im anbrechenden Morgen zu einer unbekannten Einschartung gelangten, hatte sich der Nebel verflüchtigt. Im Osten standen nie gesehene Berge, Berge, die über undurchdringliche Sümpfe und Birkenwälder hinaus- 160 ragten und die wahrscheinlich noch niemals ein Mensch betreten hat. Unter uns Schoss der Steilfirn des Kongen in die Tiefe. Er war hart wie Beton. Irgendwo hörten wir das Plätschern eines Wasser-rinnsals. Was hätte ich damals dafür gegeben, eiskaltes Quellwasser schlürfen zu können!

Viel später standen wir dann wieder in der Scharte, über die uns tags zuvor der Weg zum Gipfel des Kongen geführt hatte. Glatt wie ein polierter Spiegel lag der Lonkanfjord unter uns. Wieder kämpften wir uns durch den nordischen Dschungel abwärts, strapazierten unsere Fuss- und Kniegelenke in einem Chaos aus moosbewachsenen Felsblöcken, stolperten durch einen Wirrwarr aus Birken, Erlen und mannshohen Farnen, erreichten irgendwann den Lawinenkegel und wenig später schweisstriefend den Fjord...

Kartenmaterial Topografisk kart over Norge 1:100000, Blatt Lödingen Gradteig L 9.

Fährermaterial ( englischsprachig ) « Mountain Holidays in Norway » oder « Rock Climbs in Lofoten », für die besprochenen Berggebiete allerdings unbrauchbar, da über Hinnöy so gut wie keine Informationen existieren.

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