Viehstand und Futter

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Viehstand. Die Wiesen. Der « Magra ». Düngung der Wiesen. Heuernte. Scheunen und Ställe. Die Wildenen. Laub. Schweinefutter. Ziegen. Heimkühe. Schafe. Maultiere. Hühner. Hunde.

Das bewegliche Vermögen des Bergbewohners besteht in der Hauptsache aus seinem Viehstand; das Vieh ist seine wichtigste Erwerbsquelle; es versorgt ihn mit Fleisch und Milch, der wichtigsten Nahrung. Fast jede Haushaltung besitzt Vieh.

In den drei Dörfern waren 1910 230 Haushaltungen, wovon im Jahre 1911 210 Rindvieh besassen.

Der Bestand an Nutzvieh betrug 1911:

Die Vispertaler Sonnenberge.

Das Vieh gehört zumeist der rotscheckigen Rasse an. Das schönste Vieh von allen drei Gemeinden hat Törbel. Dieses holt fast alle Jahre schöne, rassenreine Zuchtstiere im Berner Oberland — in Erlenbach, Frutigen — und veredelt damit die heimische Rasse. Man sieht deshalb häufig recht schöne Tiere; es ist eine Freude, im Sommer die mehrere hundert Köpfe zählende Herde auf der Alp Moos ( Fig. 42 ) beobachten zu können. Die Viehhändler aus dem Frutigland und aus dem Val d' Illiez, wo man ebenfalls Fleckvieh züchtet, kaufen im Herbst manches schöne Stück an den Sonnenbergen auf und bringen so Geld in das Dorf. Die jungen Stiere fanden letzten Herbst schlanken Absatz in die Ostschweiz zur Schlachtbank.Da* im Oberwallis sonst meist Braunvieh gehalten wird, sind auch braune Tiere nicht selten, oder Kreuzungen von solchen. Beliebt sind ferner die « welschen Kühli », worunter man die dunkelroten Eringerkühe versteht: Während bei den Rotschecken und dem Braunvieh die Nachhand stärker entwickelt ist als die Vorhand, ist dies bei den Eringern umgekehrt. Diese haben eine kräftig entwickelte, tiefe Brust und einen kräftigen Vorderkörper überhaupt. Sie sind deshalb sehr widerstandsfähig und kräftig. Die « Ringkühe » auf der Alp sind meist Eringerinnen.

Die Kalbezeit der Kühe fällt in den Winter. Die Milch wird dann zum grossen Teil zur Aufzucht der Kälber verwendet; diese sind dann im Frühjahr so weit entwickelt, dass sie mit den Kühen auf die Weide getrieben werden können. Die überschüssige Milch, soweit sie nicht im Haushalt benutzt wird, dient zur Butterbereitung ( Fig. 43 ), und aus der Magermilch werden kleine Haus- käse bereitet. Gegen das Frühjahr, wenn das Milchquantum grösser ist, wird auch eine Ge-meindesennerei eingerichtet, wo die Milch gemeinsam zu Fettkäse verarbeitet wird. Das Wiesenfutter, das unter den warmen Sonnenstrahlen an den Halden bei der wohlgeordneten Bewässerung wächst, ist sehr nährstoffreich und liefert eine kräftige Nahrung. Neben den saftigen, gewürzreichen Bergkräutern sieht man die edelsten Futtergräser, darunter besonders schöne Bestände von Goldhafer ( Trisetum flavescens ) und gemeinem Straussgras ( Agrostis vulgaris ); auf sonnigen Wässerwiesen ist die Esparsette ( « Birreboim » ) häufig. Auch das Knaulgras ( Dactylis glomerata ) ist in fetten Wiesen heimisch, während das Fromental nur vereinzelt zu finden ist. Eine Folge der Bewässerung ist das stellenweise häufige Vorkommen der verpönten Herbstzeitlose. Häufig sieht man besonders in höhern Lagen die sogenannten « Hexenringe » ( « Magra » ), die durch verschiedene Hutpilze verursacht werden. Die Pilze bringen die Wurzeln der Wiesenpflanzen zum Absterben; es entsteht so ein leerer Platz, auf welchem der Rasen das nächste Jahr um so üppiger ist. Der « Magra » schreitet alle Jahre um einen « Hahnenschritt » F. G. Siebter.

vorwärts, bis er die Wiese bis ans Ende durchseucht hat. Aus dem anfänglich kleinen, infizierten Streifen entsteht ein immer grösserer Kreis, was zu der Sage Anlass gab, dass hier die Hexen um Mitternacht getanzt und das Gras zerstört hätten.

Das auf den Dorfmatten gewachsene Heu ist ebenso gut wie das auf den Voralpen geerntete. Der Milchertrag der Kühe ist bei beiden auch ohne Kraftfutter meist gleich gross; aber auf den Voralpen ist bei der Heufütterung das Vieh weniger gut « am Leibe » und schwächt allmählich ab, wenn es länger als 6-7 Wochen oben bleibt. Deshalb gilt das Heu auf der Alp zum Auffüttern nur 90 Franken das Klafter, unten im Dorf dagegen 150-160 Franken. Eine Ausnahme scheint das Heu zu machen, das auf der Voralp in der Schwendi gewachsen ist. Man sagt, dasselbe sei so nahrhaft, dass im Winter für die Mahlzeit einer Kuh « ein Hut voll » genüge.

Alle nicht zu weit, von den Ställen abgelegenen Wiesen werden im Herbst mit Mist gedüngt. Der kurze, mit Waldstreue gewonnene Dünger wird meist mit der « Tschiffere » ( Tragkorb ) ausgetragen. Wenn einer den ganzen Tag Mist an eine steile Berghalde getragen hat, so schläft er des Nachts « ungwagelt ». Nach einer alten Sitte tut sich im Herbst bei schönen Mondscheinnächten eine grössere Anzahl Jünglinge und Mädchen zusammen und hilft einem der Beteiligten unter Jubel und Gesang mit der Tschiffere bis spät in die Nacht den Mist auf die Wiesen austragen. Nach Beendigung der Arbeit werden sie von dem so Unterstützten bewirtet, dem sich zum Schluss wohl auch ein verbotenes Tänzchen anschliesst. Die Heuernte beginnt im Juli in den tiefsten Lagen, schreitet immer höher hinauf, bis Anfang August die höchsten Matten auf den Voralpen an die Reihe kommen. Das Heu wird nur mit Rechen ( Fig. 44 ) zusammengemacht und in hänfenen oder in Lederseilen aus ungegerbter Rinderhaut in die Scheunen getragen. Nach einem alten Glauben darf man am Hundstag ( 23. Juli ) kein Heu einbringen, auch wenn es dürr ist, sonst wird das Vieh davon ungeschlacht. Auch der zweite Schnitt ( das « Amet » ) wird bei den fetten Dorfwiesen gemäht, auf der Voralp dagegen abgeweidet. Auf den Wiesen selbst befinden sich meist kleinere Scheunen ( Fig. 45 ), wo das Heu eingelegt wird. Es wird über eine Leiter durch die « Lischport » ( Türe ) unter dem Giebel eingefüllt und im Winter durch eine tiefere Türe, die « Atzport », herausgeholt und dem Vieh in die Krippen ( « Barmen » ) gebracht. Eine Scheune gehört meist mehreren Eigentümern. Der Heuraum ( « Schir » ) ist durch senkrechte Stangen in so viele Abteilungen geteilt, als Eigentümer sind. Jeder legt sein Heu in sein Fach. Unter dem Heuraum befindet sich zu ebener Erde der meist niedrige und primitive Stall. Abwechselnd, wenn I.

Platz ist, auch gleichzeitig, füttern die Eigentümer das Heu im Winter an Ort und Stelle auf. So bleibt zugleich auch der Dünger der Wiese erhalten.

Das Wiesengelände ist so bis in die höchsten Lagen mit Scheunen förmlich übersät, und mancher hat an einem Dutzend oder mehr Besitzrecht. So besitzt ein Bauer L. W. in Törbel, der zwei Kühe, ein Rind und ein Kalb wintert, Anteil an sieben verschiedenen Scheunen und Ställen, daneben hat er im Dorf und in der Voralp noch je eine Scheune als alleiniges Eigentum; er « hirtet » also das im Sommer geerntete Heu an neun verschiedenen Orten.

Manche Wiesen werden im Mai, wenn das Heu mangelt, abgeweidet; der zweite Schnitt wird aber geheuet; man nennt diesen « Maiert-Amet » ( aus Mai und Amet = Emd zusammengesetzt ). Auf fetten Wiesen wird die Pflöckweide ( Fig. 46 ) angewendet. Die Tiere werden der Reihe nach an lange Ketten gebunden ( « angeheftet » ), die an einen Pfahl befestigt sind. Jedes Tier kann nur einen der Länge der Kette entsprechenden Raum abweiden. Wenn diese Fläche genutzt ist, so wird der Pfahl um die Kettenlänge vorwärts gesteckt, bis die ganze Wiese von unten bis oben abgeweidet ist. So wird möglichst wenig Futter zertreten. Auf den « Wildenen » ( Magerwiesen ), wo wenig Futter wächst, lässt man dagegen dem Vieh freien Lauf ( « übereigah » ). Der Rasenbestand ist hier sehr mager; meist sind es so genannte « Faxen », womit man alle harten, zähen Gräser bezeichnet. « Blaue Faxen » OderFiS- 45- Scheunen in den Bodmen ( TSrbeJ ).

« Firfaxen » ( Feuerfaxen ) heisst der Walliserschwingel, « Bergfaxen » der schöne Schwingel und der Schafschwingel ( Festuca varia und ovina ), « Rossfaxen » das Borstgras ( Nardus stricta ).

Auf dieser Wallisersteppe finden sich oft die prächtigsten Pflanzen: mehrere Stragelartén ( Astragalus ), zahlreiche Spitzkiele ( Oxytropis ), mehrere Schafgarben, Schmetterlingsblütler aller Art usf. Neben der dunkelblauen Berganemone findet sich in der Hellelen die seltene Hallersche Anemone ( Anemone Halleri ).

Im Nachsommer wird das Laub von Eschen und Ahorn geschneitelt, auf den Vorlauben getrocknet und im Winter als Futter für Schafe und Ziegen benützt. Auch das Kartoffellaub, das an den sonnigen Bergen zur Zeit der Ernte im Herbst noch grün und gesund ist, wird abgeschnitten, getrocknet und dem Vieh verfüttert. Nichts was das Vieh frisst, wird unbenutzt gelassen. Das Ackerunkraut, z.B. die Ackerwinden, werden im Sommer gesammelt und verwendet.

Schweine werden verhältnismässig wenige gehalten, gewöhnlich jede Familie nur eines, seltener zwei, weil das Futter für diese Haustiere zu spärlich ist. In den Gärten werden als Schweinefutter hauptsächlich Runkelrüben ( « Bondas » ) gepflanzt; die Blätter derselben werden im Sommer, die Wurzeln im Winter als Schweinefutter verwendet. Die Pflanzen werden über den Sommer übermässig stark abgeblättert, wie in der Niederung der Mangold, wodurch selbstverständlich das Wachstum der Rüben beeinträchtigt wird. Wegen dieser Abblattmethode F. G. Stebler.

werden die Runkeln kurzweg « Kraut » genannt. Als Nahrung für die Schweine dienen noch allerlei andere Krautpflanzen von den Wiesen oder von den Rändern der Gärten, so die Blätter des Löwenzahns, der Bärenklau, des Alpenampfers ( « Chile » ), der « Schluche » ( Polygonum Bistorta ) usf. Neben den Runkelrüben werden die kleinen Kartoffeln ( « Gagle » genannt ) und die mit der Hand zerriebenen Blätter des Emdes als Schweinefutter zubereitet. Das lange Futter wird zerhackt und in dem grossen Kessel in der Küche gekocht — eine wichtige Beschäftigung für jede Bäuerin.

Besonders die kleinern Leute halten sich eine oder mehrere Ziegen, die den Hausstand im Sommer, wenn das meiste Vieh auf der Alp ist, mit Milch ver- sorgen. Die Ziegen werden von Mai bis Ende November auf die Weide getrieben, im Vorsommer und im Herbst in die Wildenen unterhalb der Dörfer, im Hochsommer hinauf auf die Alp, bis auf die höchsten Grasplätze. Auf der Alp darf der Ziegenhirt mit seiner Herde jedoch nur auf Weiden, die das « Chueveh » ( Rindvieh ) bereits abgeätzt hat. Die Ziege darf nur auf drei « Aezenen » Distanz der Weide des Rindviehs folgen. Bei den zerstreuten Weilern in Zeneggen und in Emd werden meist nur kleine Ziegenherden unter Führung eines Knaben in den Wildenen und im Wald weiden gelassen. Zwar ist die Waldweide verboten, denn unter dem Zahn der Ziege kann der junge Wald nicht aufkommen. In Törbel, wo die Häuser mehr beisammen liegen, werden die Herdgeissen des ganzen Dorfes zu einer einzigen Herde vereinigt. Die galten Ziegen und die Gitzi kommen hirtlos in das Telli. Jeden Morgen von 6 Uhr an hört man das Ziegengeklingel durch die Gassen, aus den Häusern vom Biel, von der Furren usw., bis die ganze Schar in dem gemeinsamen Geissenstall beisammen ist. Dann zieht der Hirt mit seiner Habe um halb acht Uhr hinaus auf die Weide. Es ist ein gar liebliches Bild, wie die flinke Schar von fast hundert Ziegen den Berg hinaufzieht. Die Walliser Schwarzhalsziege, vorn schwarz, hinten weiss ( Fig. 47 ), ist die schönste Ziege der Schweiz, sie ist gehörnt, viele sind lang « bezottlet » ( behaart ) und tragen einen langen Bart.

Am Abend beim Zunachten kommt die Herde wieder in das Dorf zurück, wo die Eigentümer die Tiere im Dorf stall nach Hause abholen. Da werden sie gemolken und erhalten hernach vielleicht noch etwas « Gläck » ( Krüsch, Salz). um am andern Morgen, wenn sie gemolken sind, wieder zu der Herde in den Gemeindestall getrieben zu werden. So wiederholen sich die Gänge Tag für Tag, vom Frühjahr bis in den Spätherbst, bis die Weide zu Ende ist. Zu St. Andreas ( 30. November ) wird der Ziegenhirt entlassen. Als Hirtlohn erhält er für die ganze Weidezeit drei Franken für jede Ziege oder die Milch derselben je Sonntags, Die Vispertaler Sonnenberge.

aus welcher er Käse bereitet. Wer das Leben eines Walliser Ziegenhirten kennen lernen will, lese die Lebensbeschreibung von Thomas Platter, der als Knabe in dem gegenüberliegenden Grächen und in Eisten die Ziegen hütete. So wie es damals war, so ungefähr ist es heute nach 400 Jahren noch. Ähnlich hat mancher hochstehende, berühmte Schweizer in seiner Jugend die Ziegen gehütet.

Auch der jetzt 33jährige Schniderfranz ( Fig. 48 ), einer der wohlhabendsten und angesehensten Bürger von Törbel, war in seiner Jugend Ziegenhirt. Er hatte die Herde unter strenger Zucht; wenn ein Tier nebenaus ging, so genügte ein Pfiff, um es wieder zur Herde zurückzurufen, sonst erhielt es durch einen Stein die wirksamere Zurechtweisung. Der Schniderfranz traf jede Ziege auf hundert Schritte Entfernung mit einem Stein zwischen die Hörner und erlegte jeden Vogel auf dem Zaun auf fünfzig Schritte.

Die grossem Bauern, die keine Ziegen haben, behalten für den Milchbedarf des Sommers eine Heimkuh zu Hause.

Neben den Rindern, Ziegen und Schweinen werden auf den Sonnenbergen gegen 1000 Schafe gehalten. In frühern Zeiten waren es deren doppelt soviel; sie haben aber mit dem Aufschwung der Rindviehzucht und mit der Konkurrenz der ausländischen Wolle an Zahl stark abgenommen. Das Schaf wird von dem Bergbewohner in hohen Ehren gehalten, denn es liefert ihm Nahrung und Kleidung — Fleisch und Wolle.

Als der alte Pfarrer in Unterbäch einmal sterbenskrank war, fragte ein Bauer seinen Nachbarn: « Was wätesch Du lieber, dass der Pfarrer sturbi oder s' Herbscht-lamm tat dr verrecke? » Der Bauer gab zur Antwort: « I war scho zfriede, wenn der arm Terropf ( der Pfarrer ) wieder chönnti bessera; aber wegen dem Pfarrherr s' Herbschtlamm Jan verrecke — es tut mir so prächtig dem ,Fäggi'( Schwein ) der Terrog Trog ) usputze! » Die bevorzugte Schafrasse ist das Vispertalerschaf, ein grosses, weisses Schaf mit schwarzem Vorderkopf; auch die Füsse und die Schwanzspitze sind häufig schwarz. Daneben sind Tiere der schwarzen Landrasse verbreitet. Im Sommer werden die Schafe auf die entferntesten Hochalpen getrieben: jene von Emd in das Augstbord, die von Törbel auf die Oberaaralp und die Zenegger Schafe in das Mattwaldtal. In den letzten Jahren, als wegen der Maul- und. Klauenseuche der Bezug der Oberaaralp und des Mattwaldtales verboten war, wurden die Schafe alle im Augstbord gesommert. Wegen mangelnder Hut gingen die Tiere aber über die Grate ins Telli, ins Ginanz- und in das Turtmanntal hinüber, und im Herbst fehlte eine grössere Zahl. Endlich, nach tagelangem Suchen, fand man sie bei den Schafen im Ginanztal und jenen vom Turtmanntal in Ergisch. Zur Erkennung werden sie beim Alpauftrieb mit dem « Brand » des Eigentümers auf die F. G. Stehler.

Hörner gezeichnet. Bei denjenigen, die ungehörnt sind, wird mit einem Draht ein Leder mit dem Brandzeichen des Besitzers ins Ohr eingesetzt.

Im Herbst, wenn die Schafe von den Alpen kommen, werden sie gewaschen und geschoren, dann auf die Kuhalpen getrieben, wo sie sich von dem Futter nähren, das die Kühe übriggelassen haben. In Zeneggen, wo die Alpen fehlen, hält man sie auf den Stoppeln der Getreidefelder.

Sehr erschwert wird die Schafhaltung durch die Winterung, denn die Schafe lohnen das Futter weniger als das Rindvieh. Man füttert sie deshalb mehr mit dem geringem Heu, wovon es aber nicht genügend gibt. Deshalb bringen viele Bauern im Herbst die Schafe « in d'Lische » ins Rhonetal hinunter, wo sie im Winter von dem in der « grossen Eie » gewachsenen sauren Gras ( « Lische » ) ernährt werden. Manche verstellen oft die halbe Herde ins Tal und überlassen die Schafe für zwei Jahre zur Hälfte dem Pächter. Nach zwei Jahren werden die Schafe mitsamt den inzwischen geborenen nach der Zahl und Grosse in zwei gleiche Hälften geteilt, wovon die eine Hälfte dem frühern Schafeigentümer, die andere Hälfte dem Pächter gehört.

Der Rückgang der Schafzucht ist zum Teil dadurch bedingt, dass es schwer hält, tüchtige Schafhirten zu bekommen. Ein richtiger Schafhirt kennt jedes Stück seiner Herde, weiss den Namen des Besitzers und bemerkt es sofort, wenn eines fehlt. Unter den Gebirgsbewohnern, die von Jugend auf sich mit der Pflege des Viehs befassten, gibt es solche, die hierin geradezu phänomenale Kenntnisse besitzen. Der alte Josy J u o n in Törbel hat noch jedes Stück Vieh seines Stalles und seiner Nachbarn im Gedächtnis, das er vor 50 Jahren kennen gelernt hat, und kann es heute noch genau beschreiben.

Ein typisches Haustier der Walliser Berge ist das Maultier. Als Saumtier an den steilen Bergen ist dasselbe unübertroffen. Die Zahl derselben ist aber mit dem Rückgang des Getreidebaues und dem Aufschwung der Rindviehzucht zurückgegangen. Man benützt für die Feldarbeiten und auch zum Säumen mehr und mehr jüngere Stiere ( Fig. 49 ). Zeneggen hat nur noch zwei Maultiere und Emd nach der Zählung von 1906 gar keines, Törbel deren 24. Die meisten Maultiere werden im Sommer in die Fremdenplätze als Saumtiere verdingt: nach Zermatt, nach Eggischhorn, Riederalp, Belalp, auf Engstlenalp, Faulhorn u.a. O. Die Törbler- und Zeneggersäumer sind überall sehr geschätzt. Früher, als die Zermatter Bahn noch nicht verkehrte, vermittelten die « Törbjer » in der Hauptsache den Verkehr ins Tal und verdienten sich damit ein schönes Stück Geld. Heute kann ein Säumer in einer Sommerstelle mit seinem Maultier in 2 %2-3 Monaten 400-500 Franken verdienen, wenn er sparsam ist. Freilich ist das Säumen, z.B. von Zermatt auf die Matterhornhütte, eine schwere Arbeit, nicht nur für das Tier, sondern auch für den Mann; dieser muss nach der Tagesarbeit und am Morgen vor dem Aufbruch noch sein Maultier füttern und putzen.

Die Vispertaler Sonnenberge.

Um die Winterung zu sparen, werden die Maultiere, wie die Schafe, öfters von den Bergen im Winter ins Rhonetal « in die Lischen » ans Futter gegeben und im Frühjahr wieder abgeholt.

Von den übrigen Haustieren sind vorerst die Hühner zu erwähnen. Selten werden aber von einer Haushaltung mehr als 2-3 Hennen gehalten; die zahlreichen « Hennevögel » ( Habichte ) und die Füchse stellen ihnen zu stark nach. Am St. Lorenztag ( 10. August ) wird in Visp der Hennenmarkt abgehalten, wo die Bauersfrauen bei den Italienerhändlern die alten Hennen gegen junge umtauschen oder für die abgegangenen Ersatz kaufen.

Hunde gibt es auf dem Berge nur wenige. Man kann tagelang herumgehen, ohne einen solchen zu sehen. In Törbel gibt es gar keine. Bienen werden meist von den Pfarrherren gehalten, bei welchen der Fremde den delikaten Berghonig gemessen kann.

F. G. Stebler.

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