Vom Alpengarten auf der Schynigen Platte

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Mit 2 Bildern.Von Waller Ryij

( Bern ).

Alpenpflanzen muss man in der freien Natur sehen, dort, wo auch dem Laien nicht verborgen bleiben kann, dass härtere Lebensbedingungen, als wie wir sie im Tale unten zu treffen gewohnt sind, ihren Daseinskampf mit-bedingen. Auch die alpine Umgebung gehört dazu: steile Hänge, felsige Treppenstufen, Mulden, in denen der Schnee bis in den Sommer hinein liegen bleibt, Gratstellen, über die der Wind hinpfeift. Es gehört auch dazu, dass der Blick über diese Hänge, Felsen und Gräte hinweg weiter schweifen kann zu den eisgepanzerten Zinnen, den kühn geschwungenen Felsgräten, zum Alpengebirge selber. Da lernt man so recht verstehen, was Natur ist, denn im Tale unten sieht alles gleich nach Nutzung, nach Geldumsatz, nach Verwertung aus. Jene Stellen sind schon recht selten geworden im Unterland, die noch nicht in die menschliche Nutzen- und Schadenrechnung einbezogen sind!

Wozu also noch Alpengärten in den Alpen selber? Ist nicht an denen schon genug, die der Flachland-Kulturmensch der Reihe seiner tausendundein Launen und Liebhabereien angliederte?

Doch, man schmäht uns « Flachland-Kulturmenschen » allzu voreilig. Man spricht von « Launen », wo brennende Wissbegierde, sprudelnder Unternehmungsgeist sich bemühen, in die Rätsel der uns umgebenden Natur einzudringen. Wer einmal die alpine Wunderwelt geschaut hat, der möchte sie festhalten, sie mit sich nehmen ins Tal. Er sieht plötzlich in Zusammenhänge, die er andernorts nicht beachtete, jedenfalls nicht so zwangsläufig mit ihnen Bekanntschaft machte. An der eigenen Haut bemerkt er die erhöhte Wirkung der Sonnenstrahlen, ist gezwungen, seine Augen vor der starken Blendung zu schützen, die ihm auch sonst die ganze Natur « in anderem Lichte » erscheinen lässt. Staunend sieht er sich den Naturkräften unmittelbar gegenüber und bemerkt fast etwas kleinlaut, dass auch er nur mehr ein Teilchen derselben ist, wie jener Falter oder diese Alpenblume. Fragen tauchen auf, wo er nur immer seinen Tritt hinlenkt. Warum gibt es von einer bestimmten Höhe an keine Bäume mehr? Warum gedeihen hier oben ganz andere Pflanzen als in den Niederungen? Woher die leuchtenden Farben so vieler Alpenpflanzen? Woher die Zwerghaftigkeit so mancher Arten?

Wenn schon der Laie sich solchen Fragen nicht entziehen kann, wie viel mehr wird der wissenschaftlich zu denken Gewohnte von ihnen bestürmt. Wie sucht er sich die Antwort darauf? Keine Angst, verehrter Leser, dass ich nun mit schwer verdaulichem, gelehrtem Wissenskram aufwarte. Wenn je, so begegnen sich gerade in den Alpen Laien und Wissenschafter in der Übereinstimmung ihrer Fragen, und der Weg zur Antwort ist für beide weitgehend derselbe. Immer sind es drei Stufen, die zu erklimmen sind, wenn eine Antwort gesucht wird: 1. die Tatsache; 2. Zufall oder Gesetz; 3. Analyse und Synthese. Einfacher ausgedrückt ergeben sich die folgenden Fragen:

1. Was geht da vor, was sehe ich? 2. Ist es etwas Einmaliges oder wiederholt es sich? 3. Welches sind die Elemente und wie lässt sich das Ganze willkürlich erzeugen:

Nehmen wir zwei Beispiele zu Hilfe. Jeder kennt wohl aus eigener Erfahrung, dass nicht selten die Soldanellen direkt aus dem Schnee herauswachsen mit ihren Blütenträgern. Frage: Geschieht dies auf Grund der Eigenwärme ( Atmungswärme ) oder sind andere Bedingungen im Spiel? Wir untersuchen nach oben genannten drei Punkten.

1. Tatsachen: Die Blütenträger der Soldanellen ragen aus dem Schnee heraus und erfüllen die Durchtrittsstelle fast ganz, sind aber nie eingefroren.

2. Zufall oder Gesetz: Solche Soldanellen sieht man in ganzen Scharen durch den Schnee dringen. Auch Krokus tun bisweilen dasselbe, auch etwa Grasblätter, ja sogar dürre Pflanzenteile wie z.B. Fruchtträger des Frühlingsenzians aus dem Vorjahre.

3. a ) Analyse: Wo der Schnee zu mächtig ist, 15—20 und mehr cm,, da bleiben die Blütenträger ganz unter dem Schnee, seiner Unterfläche und dem Boden angeschmiegt. Mit gewöhnlichem Thermometer ergibt sich eine Temperatur unter dem Schnee von 4^0°; mit Schwarzkugelthermometer aber vielleicht + 9° bei Sonnenschein.

b ) Synthese: Aus der Analyse ergibt sich, dass als Ursache für das Durchstossen durch den Schnee bei den Blütenträgern der Soldanellen die an dunkeln Gegenständen unter dem Schnee zurückstrahlenden Wärmer strahlen in Frage kommen. Eigenwärme spielt nicht mit.

Als zweites Beispiel nehmen wir die Blüten des Frühlingsenzians, die gelegentlich tagsüber geschlossen sind, obschon sie noch nicht verblüht sind und während an andern Stellen lauter offene Blüten angetroffen werden. Frage: Welche Ursache ist schuld an dieser Erscheinung, Witterung ( Temperatur, Niederschlag ), Insektenbesuch oder anderes?

1. Tatsachen: Man trifft gelegentlich den Frühlingsenzian nur mit geschlossenen Blüten an, in zahlreichen Exemplaren, während in der Nähe lauter offene vorkommen.

2. Zufall oder Gesetz: Die Erfahrung lehrt, dass offene und abgeblühte Exemplare regellos durcheinander wachsen können; immerhin ist Zufall nicht ausgeschlossen.

3.a ) Analyse: Verdunkelt man Enzianblüten ( z.B. mittels übergestülpten Düten ), so schliessen sie sich nach 1—2 Stunden. Besprengt man sie mit Wasser ( z.B. durch Gegenstrich gegen die Borsten einer benetzten Bürste, so schliessen sie sich nach 5—10 Minuten. Künstliche Bestäubung hat kein Schliessen zur Folge.

b ) Synthese: Die unter 3 a angeführten Versuche lassen vermuten, es habe sich unter den bei 1 angeführten Tatsachen auch um das Schliessen der Blüten unter dem Einfluss entweder von kurzen, lokalen Regenschauern oder einer längeren Beschattung ( durch Wolken ) gehandelt.

Aus diesen zwei Beispielen ist wohl ersichtlich, dass Fragen, wie sie hier aufgeworfen wurden, in zwar ziemlich einfacher Weise zur Beantwortung gelangen. Immerhin werden die wenigsten Alpenwanderer Zeit und Gelegenheit finden, um auf solche Weise in die Geheimnisse der Alpenwelt einzudringen. Derartige Untersuchungen sind schon dem Alpenbotaniker vorbehalten und verlangen meist die Mittel und Möglichkeiten eines Stand-quartieres an Ort und Stelle oder aber ein regelrechtes Laboratorium. Solch ein Laboratorium gibt es nun auf der Schynigen Platte; es ist dem Botanischen Institut der Universität Bern angegliedert, steht aber im Alpengarten daselbst. In verschiedenen Kursen und Demonstrationen hat sich dieses Laboratorium als von unschätzbarem Werte erwiesen, ganz abgesehen davon, dass es auch der selbstverständliche Ort für entsprechende wissenschaftliche Untersuchungen ist.

Für den Alpenwanderer kommen aber noch ganz andere Fragen in Betracht. Er sieht sich einer Fülle ihm unbekannter Formen gegenüber, oder dort, wo er auf Bekanntes zu stossen vermeint, wird er durch etwas abweichende Gestaltungen, Farben und sonstige Eigenheiten, die er vom Tale her nicht gewohnt ist, unsicher gemacht. Hier vor allem wünscht er Aufklärung, und die kann ihm ein Alpengarten geben. Gerade der Alpengarten Schynige Platte setzte sich zum Ziel, seinen Besuchern die Gebirgspflanzen der Schweiz zu veranschaulichen, vorerst die wichtigsten und eigenartigsten, mit der Zeit soweit möglich ihre Gesamtheit. « Er möchte aber nicht nur Einzelpflanzen vorführen, sondern auch deren natürliche Gesellschaften, die mehr noch als die Einzelarten berufen sind, in den Lebenshaushalt der alpinen Landschaft einzuführen. Was wir mit dem Namen Alpenmatte, Zwergstrauchheide, Treppenrasen, Schneetälchen, Geröllflur etc. bezeichnen, das sind ebensoviele Ausschnitte aus der Mannigfaltigkeit unserer Alpennatur. » ( Aus dem Führer durch den Alpengarten Schynige Platte. ) Mit dem Begriff « Alpengarten » verbindet man unwillkürlich die Meinung, es handle sich um eine gärtnerische Anlage, die der Anzucht und Kultur der Alpenpflanzen dienen solle. Nun gibt es freilich « Alpengärten » nach diesem Muster, wo die betreffenden Pflanzen in sauberen, regelmässigen Beeten oder aber auf den Stufen irgendeines künstlich aufgeführten Miniatur-gebirges — dies wäre das « regelrechte » Alpinum — aufgezogen werden. Im Tale unten ist kaum etwas anderes zu erwarten. Anders aber im Gebirge selber. Da können — je nach der Höhe — die etwa vorhandenen Mannigfaltigkeiten standörtlicher Verhältnisse ausgenutzt werden ohne Künsteleien vornehmen zu müssen. Das nächstliegende für Alpengärten in den Alpen selber ist natürlich, sie in der « alpinen Stufe » anzulegen. Die Vorteile liegen auf der Hand: zahlreiche Arten sind dort schon von Natur aus da. Die Lebensbedingungen sind für die meisten in Betracht kommenden Arten mehr oder weniger vorhanden. Fehlende Bedingungen sind meist nicht allzu schwer zu schaffen.

Im Gegensatz dazu sind Alpenpflanzen im Tiefland unten teilweise nur mit einigen Schwierigkeiten zu ziehen ( Alpenrosen, Edelweiss leicht « de-generierend », Polsterpflanzen wie stengelloses Leimkraut, Polstermanns-schild, Himmelsherold, Polstersteinbrech, alpine Orchideen wie Bränderli, Zwergorchis, alpine Heidekrautartige wie Alpenbärentraube, Alpenazalee, ferner die hochalpinen blauen Enzianarten u.a. m. ). Allerdings darf man auch mit einigem Erstaunen feststellen, wie gut und leicht dafür andere Alpenpflanzen im Tieflande gedeihen, sobald die Konkurrenz von ihnen ferngehalten wird ( Unkräuter beseitigen !). Eine überaus wichtige und wertvolle Förderung erhält die Pflege der Alpenpflanzen im Tale unten durch den Umstand, dass die meisten hier viel rascher aufkeimen und anwachsen, während die gleichen Arten in alpiner Höhe ( bei 2000 m oder darüber ) oft nur äusserst langsam gedeihen und Jahre brauchen, um die entsprechende Grosse der Anzuchten aus dem Tieflande zu erreichen.

Mit solchen Tatsachen hat natürlich auch der Alpengarten auf Schynige Platte zu rechnen. In dieser Höhe ( bei fast genau 2000 m ) gibt es in der Schweiz nur noch die entsprechenden Anlagen auf dem Grossen St. Bernhard ( 2472 m ) und auf den Rochers de Naye ( 2045 m ); der ehemals beim Hotel Weisshorn ( 2300 m ) im Val d' Anniviers angelegte Alpengarten ist längst eingegangen. Alle andern Alpengärten befinden sich in der subalpinen oder Nadelwaldstufe, nämlich: Bourg-St-Pierre ( Linnaea ) 1650 m, Pont de Nant 1253 m, Sils Maria 1800 m u.a. m. Das Aussäen der Alpenpflanzen zu ihrer Anzucht auf Schynige Platte geschieht fast nie dort oben, aus den angeführten Gründen. Man besorgt dies im Botanischen Garten in Bern, transportiert dann die %—1jährigen Pflänzchen nach der Höhe, wo sie dann früher als sonst zur Blüte gelangen.

Eine weitere Erfahrung weist ebenfalls sehr deutlich auf die alpine Höhe und ihre Besonderheiten hin: Wird eine bestimmte Bodenfläche, z.B. ein Rasenstück, zum Einpflanzen irgendeiner Alpenpflanzenart frei gemacht, d.h. werden die dort vorhandenen Insassen ausgereutet, so muss der nun freigelegte Boden sorgfältig mit flachen Steinen bedeckt werden, damit die Erde nicht zu sehr austrocknet, eine Massnahme, die auch im Tale üblich aber dort weit weniger dringend geboten ist als hier oben.

So hat man im Alpengarten auf Schynige Platte heute schon über 400 Arten von Alpenpflanzen der ganzen Schweiz angepflanzt, jeweilen an Stellen, die möglichst ihren Anforderungen und den Bedingungen ihres natürlichen Standortes entsprechen. Da der Untergrund aus mehr oder weniger kalkhaltigem Fels besteht, so erfuhren natürlicherweise die « Kalk-liebenden » ( richtiger gesagt: die basisches Gestein vorziehenden ) eine gewisse Bevorzugung. Allein auch den « Kalkfliehenden » ( richtiger gesagt: den saures Gestein vorziehenden ) wurden die notwendigen Möglichkeiten geboten, indem ein künstliches « Granitgebirge » mittels Quarzsand und grossen Blöcken aus Grimselgneis hergestellt und damit der missliebige Kalkgehalt des Untergrundes weitgehend herabgesetzt wurde. Hier im sogenannten « Urgesteins-feld » erfreuen sich eine ganze Menge jener exklusiven Arten des besten Gedeihens.

Die Anlage dieses Alpengartens in alpiner Höhe und unter ganz natürlichen Bedingungen bei recht mannigfaltigen Verhältnissen der Exposition, Neigung, Wasserzügigkeit, Mächtigkeit der Humusdecke u.a. m. hat aber noch ein zweites zur naturgegebenen Folge gehabt: Arten, die gleiche Ansprüche stellen, trifft man begreiflicherweise immer miteinander vergesell- schaftet; sie bilden an bestimmten Stellen in gleicher Zusammensetzung sich wiederholende Pflanzenvereine. Sie sind denn auch im Alpengarten wie die Einzelarten behandelt, indem auch für sie Etiketten ( Emailschilder, und zwar rot umrandete ) gesteckt sind. Damit steht dieser Alpengarten Schynige Platte so ziemlich einzig da; so etwas ist aber auch nur in dieser Höhe und mit den dortigen mannigfaltigen Standortsbedingungen möglich. Der Besucher lernt aber eines aus dieser Hervorhebung der Pflanzengesellschaften: sie sind keine zufälligen Mischungen von Arten, die gegebenenortes gerade zugegen sind, sie werden erzeugt durch bestimmte Bedingungen.

Noch eines haben wir mit keinem Wort erwähnt, und doch wird es vielen Besuchern fast die Hauptsache bedeuten: nämlich die ästhetische Wirkung der Alpenpflanzen. Wer wird sich je einem Alpenrosenfeld in voller Blüte oder einem jener mit Blüten übersäeten Polster des Alpenleimkrautes oder einem Horste üppiger und straff stehender Eisenhutstauden oder gar einer graziös nickenden blauweissen Alpenakelei gegenüber gefühllos abwenden! Sogar der Wissenschafter wird eine Zeitlang seine Fragen zurückdrängen und sich dem blossen Bewundern hingeben. Soll man mehr die riesige Mannigfaltigkeit bewundern, oder soll man der Massenwirkung etwa eines Anemonen-feldes, einer Krokuswiese, einer Schar tiefblauer Enzianblüten den Vorzug geben? Wer gerade diese Einheitlichkeit in Farbe und Form sucht, dem ist zu raten, sich im Vorsommer, vielleicht Mitte bis Ende Juni, nach der Schynigen Platte zu begeben. Liegt ihm aber mehr an reicher Auswahl und grösster Mannigfaltigkeit der Arten, so wird der Hochsommer, Ende Juli bis Anfang August noch nicht zu spät für ihn sein.

So möge der Leser auf künftigen Wanderungen mit ganz andern Augen sich umschauen. Er sieht im Vorkommen der einzelnen Arten, in der Arten-mischung, nicht mehr nur ein Spiel des Zufalls und erkennt wohl in der dürftigen Bewachsung eines Geröllfeldes die Wirkung des Daseinskampfes jener Pflanzen gegen die Kräfte in der unbelebten Natur Immer wieder ruft die Reichhaltigkeit der Lebenserscheinungen, der Erfindergeist der Natur, die sich selber noch zu überbieten vermag, wo neue, unerwartete Ansprüche neue Lösungen verlangen, sein Staunen, seine Bewunderung wach. Mit ganz andern Gefühlen wird er sich nun zum Andenken an solche Belehrung ein Sträusschen von Alpenblumen pflücken. Von ihm ist kein Blumenraub, keine Naturschändung zu erwarten. « Niemand wird es dem Blumenfreund verübeln, wenn er etwa ein Edelweiss an den Hut steckt oder ein kleines Sträusschen davon mit ein paar Männertreu nach Hause sendet oder etwa einen Steinbrech oder ein Alpenveilchen für seinen Garten ausgräbt. Was wir aber mit Eifer verwehren, verpönen, verbieten und verfolgen müssen, das ist das massenweise Pflücken und Ausgraben, das renommierhafte Heim-schleppen von Riesensträussen, das geschmacklose Verzieren von Alpenstöcken mit Blumen, das Garnieren des Hutes mit Enzianen, das rucksack-weise Sammeln! Und Schutz den gesetzlich geschützten Pflanzen! » ( Schröter. )

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