Vom Biwakieren

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Henri Furrer, Bern PROLOG

Über das Bergvagabundieren lässt sich sicherlich streiten. Den einen mag es als unseriös, fahrlässig oder gar gefährlich erscheinen - den « echten Bergsteigern » nämlich, den geschulten und gewissenhaften mit dem warnend erhobenen Finger, die andern werden vielleicht kopfschüttelnd lächeln oder sich verständnislos abwenden—etwa der Stubenhocker oder auch der herkömmliche « Tourist ». Die « Vagabunden » dagegen werden den einen Snobismus oder innere Phanta-sielosigkeit, den anderen Bequemlichkeit vorhalten und ihren eigenen Drang nach Individualität geltend machen - gleiten aber dabei allzuleicht selber ins Fahrwasser der Snobs...

IS Gewiss, darüber lässt sich streiten. Aber nur unter Menschen. Die Bergwelt, die Natur kennt keine ethischen Unterschiede - sie ist einfach da, allgegenwärtig, grosser und erhabener als unsere wechselnden Gedanken über sie. Der Berg freut sich sowenig über den « Sieg » eines tapferen Bergsteigers, wie ihn der Untergang einer kämpfenden Seilschaft betrüben könnte — die philosophischen Gedanken des Dichters lassen ihn ebenso kühl wie das hühnerhafte Gebaren hohlköpfiger Ferienausflügler. Er ist einfach, Berg, steinerne Architektur - sein grimmiger Zorn, sein Stolz, seine Rache oder etwa seine Heiterkeit leben nur in der menschlichen Gefühlswelt.

Also: Berg ist Berg, und Mensch ist Mensch -das wissen wir. Und für die Menschen: jedem Tierchen sein Pläsierchen. Denn im tiefsten Grunde ist jeder Mensch Naturfreund - es ist ein Naturgesetz, eine absolute Daseinsbedingung: Ohne Natur, Sonne, Luft, Ruhe, Bewegungsfreiheit können wir nicht leben. Und die Form, in der sich dieses Gesetz äussert, eben das « Pläsierchen », ist eine Äusserung des Charakters und kann von einem geschulten Psychognostiker wohl begründet werden. Damit sind wir wieder bei der menschlichen Vielfalt angelangt, und unsere « echten Naturfreunde », die eine gesunde, innige Bindung zur Natur fordern, bilden dabei vielleicht die ideale Gruppe.

Wie steht es aber mit den Bergvagabunden? Gemeint sind jene seltsamen Vögel, die man dann und wann und meist bei schlechtem Wetter auf abgelegenen Bergpfaden antrifft, mit zerbeul-tem Hut, abgeschabten, formlosen Kleidern, halbverwesten Militärschuhen. Offensichtlich sehr scheue Wesen, sind sie peinlich darauf bedacht, den Leuten mit roten Socken und blen-dendneuen Rucksäcken, den lärmigen Berghütten und den allgemeinen Heerstrassen auszuweichen! Oder jene Buben aus derselben « Vogelfa-milie », die zu zweit oder zu dritt tage- und wochenlang durch herbstliches, regnerisches Gebirge ziehen, den Gemspfaden nach, auf dem kalten Bretterboden in Kuhställen nächtigen, nicht fra- gend nach Zeit noch Ort - und die dann für ihre regelmässigen Kreuzfahrten den Winter um die Weihnachtszeit vorziehen, wo sich die Natur stiller, geheimnisvoller und gefährlicher zeigt? Wes Geistes sind jene dubiosen Gesellen, die die verschneite Landschaft grundsätzlich nur mit belag-losen Latten aus Vaters und Grossvaters Zeiten betreten, jede Piste meiden und als einzigen salonfähigen Schwung den Telemark pflegen - ihn wie einen Engelstanz mit Engelslust ausführen -, denen aber das Herz in der Brust lacht, wenn sie auf trockenem Gelände oder über knirschende Schutthalden zu Tale rutschen? Oder was suchte der einsame Jüngling, der tagelang durch die endlosen, nebligen Karrenfelder des Schwyzer Oberlandes streifte, in hetzendem Gang wie eine Gemse, bei Nachteinbruch auf einem Berggipfel, auf einer nassen Grasmatte oder in einem Fels-unterschlupf sich rasch hinlegte und einschlief, ohne Decke, ohne Schlafsack, wie eine Gemse? —Dies alles zu deuten, überlasse ich den Psychologen.

Als bezeichnendes Merkmal im Gehaben dieser Bergsteigerspezies kann vielleicht ihr Drang zum Biwakieren gelten - begünstigt natürlich durch die chronisch überfüllten Hütten. Übrigens sind von verschiedenen alpinen Clubs in der Schweiz bereits beachtliche Vorstösse unternommen worden, das Biwakieren zum Allgemeingut werden zu lassen - die Sache könnte in den nächsten Jahren also Mode werden!

Es gibt grundsätzlich zwei Arten von Biwakieren: das « militärische Biwakieren », wo alles peinlich vorbereitet wird und Schaufeln, Laternen, Strohballen, Bretter, dicke Schlafsäcke und Wolldecken mitwandern - und das « Überleben », wo mit der üblichen Bergausrüstung im Freien übernachtet wird. Das « militärische Biwakieren » ist kein Biwakieren, es entspricht etwa den Normen für bequemere Viertklasshotels. Es versteht sich deshalb von selbst, dass unsere Bergvagabunden der zweiten Art den Vorzug geben, wobei bisweilen immerhin eine mildernde Spielregel, nämlich einen leichten Biwaksack zu- zulassen, sie von gewöhnlichen Gemsen und Vögeln unterscheidet...

Einigen Ausschnitten aus den Biwakerfahrun-gen solcher Vagabunden seien nun die nächsten Abschnitte gewidmet.

EIN VERSUCH Auf Herbsttouren im südlichen Bergell mit meinem Bruder Arnold. Fornohütte.Verstohlen blicken wir ins Hüttenbuch und überprüfen zum letztenmal unsere Eintragung: « Punta Rasica. Biwak ». Heute ist mein Geburtstag; da wollen wir zur Feier unseren neuen Biwaksack einweihen. Ein reiner Versuch soll es sein: Klettertour, Übernachten auf dem Gletscher und wieder Klettertour - wenn unsere Kräfte nach der harten Nacht noch ausreichen. Wir kennen weder die Rasica, noch haben wir je im Hochgebirge biwakiert - das macht uns unsicher; wir schämen uns und glauben von den Hüttengenossen für dumm gehalten zu werden.

Zwei Männer machen sich zum Aufbruch bereit: Der eine steht schon draussen, der andere ne-stelt noch an seinem Sack herum, als mein Bruder schüchtern die Frage nach ihrem Tagesziel stellt. Der Bergsteiger, offenbar in Eile, schweigt, wirft sein Seil auf die Schulter, geht mit grossen, lauten Schritten auf die Türe zu, dann kommt es mit kräftiger, entschlossener Stimme: « Rasica! » -und die Türe wird rasant vor unserer Nase zugeschlagen. Wir zucken zusammen und blicken uns verdutzt an, wagen kaum mehr zu flüstern, als wir aus der Hütte schleichen.

Unsere Absicht ist es, den Biwakplatz schon beim Aufstieg ausfindig zu machen und dort einen Rucksack zu hinterlassen. Aber das ist nicht so leicht: Sollen wir auf der Gletscherterrasse unterhalb der Rasica-Ostwand, unter freiem Himmel, ohne Unterschlupf übernachten? Dann spielt der Standort überhaupt keine Rolle. Oder sollen wir in einem Spalt oder einer Gletscherver-schneidung zu graben versuchen? Wir sind aber gar nicht dazu ausgerüstet, und ausserdem sind die herbstlichen Schneeverhältnisse in der Nähe von Spalten zu gefährlich. Also werden wir einen Unterschlupf in der Nähe von Felsen oder Moränenblöcken suchen müssen. Von Moränenblöcken ist jedoch nicht viel zu sehen; einen einzigen Riesenblock am Fuss des ersten Gletscherauf-schwunges entdecken wir von weitem. Die Felswand, die den westlichen Abschluss des Gletschers bildet, sieht nicht sehr vertrauenswürdig aus: Ein Hängegletscher schaut drohend herab, ganze Felder von Eistrümmern mahnen uns an ein kaltes Grab.

So steuern wir auf den einsamen Block zu. Ein steil ansteigender Eisrand in einiger Entfernung oberhalb des Felsblockes erweckt in uns etwas Misstrauen, das aber bald schwindet: In der Umgebung des Blockes liegt weit und breit kein einziger Eisbrocken - also nicht das geringste Anzeichen eines Eissturzes. Der Block entspricht herrlich unseren Vorstellungen. Wir schätzen ihn auf mindestens zwanzig Tonnen, und er lässt, auf einem breiten Eissockel stehend, fast allseitig ein grosses Dach auskragen. Hier wird ein Sack niedergelegt — und weiter geht 's, der Rasica entgegen.

Auf der obersten Gletscherterrasse begegnen wir wieder unseren zwei Hüttengenossen: Sie befinden sich im Abstieg, da sie aus uns nicht bekannten Gründen beim Bergschrund umkehren mussten. Über unser sportliches Wirken an der Punta Rasica ist nicht viel Ungewöhnliches zu erwähnen, ausser vielleicht zwei Dingen: die seltsame Methode meines Bruders, in der ersten Verschneidung nicht etwa den Hakenreihen zu folgen, sondern meinen Blutspuren, die den rauhen, grifflosen Fels zieren - und mein Salto mortale mit angeschnallten Steigeisen, den ich, glücklicherweise ungestraft, im Ausstieg aus der Eiswand des Colle Rasica über den Bergschrund ausführte.

Geruhsame Rast bei unserem Biwakblock. In unseren Knochen, aber auch im Kopf und in den Kletternerven meldet sich jene Müdigkeit, die zum Draussenschlafen sehr erwünscht ist. Es ist spät nachmittags. Bewegtes, schwarzes Gewölk hängt an den Gipfeln. Arnold blinzelt gegen den Himmel und rümpft die Nase: « Da könnte was kommen. » - Erst als es zu dämmern beginnt, machen wir uns an die Arbeit: Steine wegräumen, Eis hacken, Schnee- und Eishaufen umherschie-ben... Talseitig wird ein Liegeplatz ins Eis gehackt. Wir lösen uns bei der Hackarbeit ab; es will nicht vorwärtsgehen mit diesen langstieligen Gletscherpickeln; der Schweiss rinnt uns vom Gesicht, Eisscherben, Schnee und Steine spritzen nach allen Seiten. Wir hätten lieber den viel bequemeren und gebrauchsfertigen Unterschlupf auf der Bergseite gewählt - aber ein unbestimmter Instinkt verbot uns dies.

Mit zunehmender Dunkelheit gewinnt unser Häuschen an Wohnlichkeit: Aussen entsteht ein breiter Schneewall, auf der Kopfseite wird mit grossen Steinen und Eistrümmern zugemauert; das soll den Wind und etwaigen Schneefall abhalten. Spielerisch und mit viel Liebe konstruiert Arnold am Fussende eine kunstvoll gebogene und sicher auch wohlberechnete Steinmauer ( er ist nicht umsonst Bauingenieur ). Ich meinerseits bin mit dem Innenausbau beschäftigt ( ebenfalls meinem Beruf entsprechend ): als doppelte Isolationsschicht eine Lage trockene Steinplatten und darüber eine Lage Kletterseil, in kniffliger Arbeit regelmässig verteilt — zwei Nachttischchen aus Eis am Kopfende — die mit einem Felshaken befestigte Kerzenlaterne - die Rucksäcke als Kopfkissen... wie man sieht: ein gewisser Komfort lässt sich doch bewerkstelligen.

Silbriges Mondlicht fällt bereits auf den majestätischen Gipfelkreis, der uns schweigend umgibt; die drohenden Wolken haben sich zu lichten begonnen. Wir halten in unserem Eifer inne und steigen in die Stille hinaus. Das Bauwerk wird nochmals gemustert, Arnolds Mauer auf Schlag und Druck geprüft -jawohl, da lässt sich 's wohnen. Diese herrliche Nacht, die ziehenden Wolken lassen Schlaf und Müdigkeit vergessen, die hellen Gipfel locken. Wir wissen jedoch: etwa gegen 4 Uhr morgens wird die jetzt einsetzende Kälte unser Knochenmark erreichen, so dass wir noch früh genug aufstehen werden. Also: möglichst bald unterkriechen. Unter grunzenden und gurgelnden Lauten steigen wir in den Biwaksack — das Häuschen ist gar eng. Wie wir so daliegen und nachdenklich gegen die Steinplatte, zwei Handbreit über uns, starren, beginnen wir plötzlich beide, aus voller Kehle und gar schauerlich kreischend, zu lachen. Was es zu lachen gibt, weiss keiner. Uns ist sehr behaglich zumute, und bald hört man nichts mehr.

Morgens um 2 werde ich aus dem Schlaf gerissen: Ein allgemeines Donnern und Zischen erfüllt die Luft. Blitzschnell schaltet es in meinem Kopf. « Achtung, Eisschlag! » rufe ich. Reflexartig ducken wir uns, schützen unsern Kopf mit den Armen und denken unwillkürlich an die Katastrophe von Mattmark. Nach einigen Sekunden legt sich der Lärm, einzelne Eistrümmer hört man noch als Nachzügler herunterrollen. Wir sind unversehrt. Aufatmend richten wir uns auf und gucken umher. Grosse, graue Eisblöcke und ein Steinhaufen - die Überreste von Arnolds schützender Mauer - bedecken das ganze Fussende unseres Biwaksackes. Da hat es sich gelohnt, die Beine anzuziehen, denken wir und legen uns wieder hin, zu faul, um nachzusehen, wie es draussen ausschaut. « Für diesmal gut abgelaufen », meint Arnold, worauf ich ihm zu verstehen gebe, dass ich nach so erbärmlicher Schutzwirkung seiner Mauer kaum mehr Vertrauen in seine Ingenieurskunst haben könne...

Der Schlaf übermannt uns gleich wieder. Zwei Stunden später — erneut der rücksichtslose Wecker: ein Krachen - dasselbe Donnern und Zischen. « Achtung! » warne ich wieder; wir wissen schon, wie wir uns zu verhalten haben. Der Rest von Arnolds teurem Mäuerchen wird endgültig zertrümmert, einige Eisbrocken rollen noch sanft in unsere Hütte, ein Zehn-Kilo-Stück dicht neben mein Knie... dann wird es wieder still. « Nur so weiter, nur so weiter », murmelt Arnold im Halbschlaf, dreht sich um und schnarcht wieder.Aufstehen? denke ich. Ach was! Ich bin hunde- müde, wir haben 's wohlig warm und bequem... und gleich bin ich wieder weg.

Bester Beweis für die Bequemlichkeit unseres Lagers ist die Tatsache, dass wir uns göttlich verschlafen: Erst morgens um 8 Uhrerwachen wir, als uns die Sonne wärmend ins Gesicht scheint. Aber trotz dieses etwas übertriebenen Komfortes kann unser Biwakversuch als durchaus erfolgreich bezeichnet werden. Wir fühlen uns in bester Form, und als glanzvoller Abschluss gelingt uns die Überschreitung der Cima di Castello und Cima di Cantone.

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EIN ERNSTFALL Fahrt aufs Jungfraujoch, 27. März 1967. Das war unverzeihlich! Ich erinnere mich, einmal geschworen zu haben, nie im Leben das Jungfraujoch zu betreten, es sei denn nach ehrlich er-kämpftem Anmarsch vom Lötschental oder vom Oberwallis her. Also: Fehler Nr. 1.

Wir sind unser fünf: meine Eltern, mein Freund Ueli mit seinem Bruder Hans und ich. Heutiges Programm: Übergang in die Konkordiahütte über das Obere Mönchsjoch, mit eventuellem Abstecher auf den Mönch, je nach Wetter. Die Sicht ist sehr klar, schlanke Fischwolken stehen an einem fadblauen Himmel, Schneefahnen an den Gipfeln deuten auf starken Südwestwind.

Es ist schon spät, als wir auf dem Mönchsjoch stehen: 2 Uhr nachmittags. Mein Vater will sofort mit meiner Mutter den Abstieg antreten; das Wetter sei zu unsicher. Mütterchen möchte so gern mit uns auf den Mönch kommen; er ist der einzige Berner Viertausender, den sie noch nicht bestiegen hat. Aber da ist nichts zu wollen gegen Papas kritischen Wetterblick und seine gestrenge Führerpflicht. Ich meinerseits beurteile die gute Sicht als gewährleistet bis heute abend - Fehler Nr. 2 - und glaube, dass sich angesichts des grösseren Marschtempos von uns Jungen keine zeitlichen Bedenken ergeben - Fehler Nr. 3. Mein Vater erzählt noch nebenbei, er sei einmal in einer halben Stunde vom Mönchsjoch auf den Konkordiaplatz abgefahren. Dies gibt uns Auftrieb. Wir vernehmen es, ohne über Schneeverhältnisse oder dergleichen nachzudenken - Fehler Nr. 4.

Wir verabreden uns mit den Eltern für heute abend in der Konkordia und nehmen den Südostgrat in Angriff. Ein leichtes Stück, wie ich glaube, knappe anderthalb Stunden. Der Wind verstärkt seine Kraft; an Kletterstellen müssen wir uns ducken, um nicht aus dem Stand gerissen zu werden; Schneekörner peitschen ins Gesicht. Hans, der seit Jahren nicht mehr ins Hochgebirge gekommen ist, hält sich tapfer und beisst auf die Zähne. Aber wir kommen nur sehr langsam vorwärts. An der Jungfrau kleben bereits einige Nebelschwaden. Hans, dann aber auch Ueli mahnen mich zur Umkehr — ich aber spure weiter. Solches Wetter hat mir immer am meisten Spass bereitet. Erst dicht unterhalb der Gipfelschulter, etwa auf 4000 Meter Höhe, werde ich mir des moralischen Widerstandes meiner beiden Seilgefährten bewusst und blase zum Rückzug. Es ist 15.30 Uhr.

Auf dem Mönchsjoch: Steigeisen losbinden, Seil rollen, Ski anschnallen. Der Sturm heult, die Skibindungen sind mit Eis gepanzert. Ohne ein Wort zu verlieren, treten wir die Abfahrt an. Zu fahren gibt 's da zwar nichts. Ich stapfe voran, versinke bis zu den Knien im schweren Neuschnee; einige hundert Meter kann ich der Spur meiner Eltern folgen, dann ist nichts mehr zu sehen, nichts als eine weisse Fläche vor mir. Nun ist auch der Mönch in Nebel gehüllt.

In der weiten Mulde des Ewigschneefeldes angelangt, bemerkt Ueli: « Wie wär 's mit Umkehren und ins Joch absteigen? » Der Vorschlag wird besprochen. Schliesslich setzen wir unseren Abstieg fort, um die Eltern nicht zu beunruhigen. Ich rechne mit zwei Stunden bis zum Konkordiaplatz, 2 Kilometer in der Stunde, 18.30 Uhr Konkordiaplatz, i g Uhr Konkordiahütte. Das schaffen wir doch! Dies war Fehler Nr. 5. Die vier ersten Fehler hätten nichts bewirkt ohne diesen fünften. 2 Kilometer in der Stunde - welche Illu- sion! Wir haben keine Ahnung, wie langsam wir vorwärtskommen...

Die Nebel sinken tiefer. Noch sehe ich das Untere Mönchsjoch und einige Felsen am Fiescher Grat; aber die Sicht wird zusehends schlechter. Ich stampfe, stampfe, stampfe... Der Gletscher ist hier so flach, dass ich mit meinen Kurzski immer den Eindruck habe, ziemlich steil anzusteigen. Immer wieder blicke ich zu den Felsen; doch, die Richtung stimmt. Ich stampfe, stampfe, stampfe... Es geht ja hinauf! Die Felsen? Nein, es geht wirklich hinunter. Bald sind auch die Felsen verschwunden. Uelis Kompass tritt in Aktion. Im Nebel oder gar in der Nacht über Gletscher zu navigieren bedeutet für mich nichts Neues; ich darf meiner Sache also immer noch sicher sein. Wiederholt meldet Hans nach vorn: « Du gehst ja nach rechts !» - « Nein. Der Kompass kann mich nur geradeaus führen. » Ich stampfe, stampfe... Ueli will mich ablösen; ich lehne jedoch ab, in Sorge um die Kräftereserven meiner Gefährten. Es dämmert; nichts als Grau um uns herum. Immer wieder schweift mein Blick haltlos nach vorn; man glaubt, im Nichts zu schweben...

Immer noch nichts vom Gletscherabbruch, nichts vom Felssporn, der uns den Abbruch angezeigt hätte. Ich stampfe, stampfe... es schneit, der Nebel ist undurchdringlich. Windstösse fegen daher, der Gletscher erscheint endlos.

Die Augen brennen. Meine Sinne beginnen zu trügen: Flüchtige Schatten erscheinen und verschwinden wieder in der dämmrigen Leere. Flecken, Gestalten, tanzende Punkte... Des öftern muss ich stehenbleiben, die Augen reiben — und wieder bleibt nichts als der graue, wesenlose Raum vor mir. Da - war das nicht ein ferner Schrei? Ich bleibe stehen und halte den Atem an... Nichts mehr zu hören. Ein .Schritt - und wieder der Schrei. Wir horchen mit allen Sinnen... Totenstille. Nur ab und zu das dumpfe Brausen der Windstösse in unseren Ohren. Ein schauriger Gedanke durchzuckt mich: Meine Eltern könnten auf uns gewartet haben und nun auf dem unheilvollen Gletscher umherirren...! Tru- gen sie wohl einen Kompass auf sich? Unsicher stapfe ich weiter - der Schrei? Ha, jetzt hab'ich das Gespenst! Es war meine Ski bindung, die mich auf recht unhöfliche Weise zum Narren hielt. Was ist mit dir? frage ich mich. Weg mit der dummen Phantasie; die zehrt ja nur an den Kräften, bricht den Durchhaltewillen - hier gilt nur eines: klaren Kopf bewahren! So rede ich auf mich ein.

Mir ist, als müssten wir längst in der Nähe des östlichen Gletscherrandes sein. Es dunkelt rasch. Die Sache scheint mir nicht mehr geheuer. Dass wir in die Nacht kommen, steht schon lange fest, aber Spalten...?-« Anseilen! » Wir sind keine fünf Minuten weitermarschiert, als ich plötzlich zwei Meter hinuntersause. Fluchen, Hin- und Herschreien, Sichern... keiner sieht den andern. In meiner misslichen Lage grüble ich die Taschenlampe hervor und leuchte nach allen Seiten: Eine grosse Senkung umgibt mich, der Spalt ist aber nicht offen; oben erkenne ich Felsen - wir sind am Gletscherrand! Mit neuer Hoffnung klettere ich über die Wächte hinauf.

Inzwischen ist es stockdunkel geworden. Weiter geht 's, mit Lampenlicht. Tatsächlich: die Neigung nimmt etwas zu, immer mehr Spalten zwingen uns zu Umwegen, manchmal können wir etwas abrutschen. Aber ich muss hin und wieder lange stehenbleiben: Die beiden stürzen häufig - Hans ist müde, bei Ueli streikt eine Bindung. Weiter, weiter, denke ich und verberge meine Ungeduld. Die Geschichte gestaltet sich zusehends mühsamer, Ueli lässt immer neue Fluch-kreationen in die Nacht hinausschallen. Ich spüre, wie Hans und Ueli mit sich selber ringen - wir haben seit acht Stunden nicht mehr gerastet und gegessen! Etwa eine Stunde lang höre ich mir das Crescendo an, dann ist mein Gedankereif: « Giele, wir müssen biwakieren. » Ich habe genug über den Erschöpfungstod im Hochgebirge gelesen und weiss: Lieber zu früh als zu spät ans Biwakieren denken - einen sechsten Fehler kann ich mir nicht mehr leisten. Die beiden schweigen; was in ihnen vorgeht, weiss ich nicht. Für Hans muss es ein verrückter Gedanke sein. Der Durch-schnitts-Zeitungsleser würde gar sagen, dies bedeute den sicheren Erfrierungstod.

Grad wo wir stehen - auf 3200 Meter Höhe, man sieht nichts als eine weisse Fläche, der Sicherheitsabstand von der lawinengeladenen G rüneckhorn-Westflanke ist gewährleistet -, beginnen wir zu graben, die Ski als Schaufel benützend. Aber bald arbeiten wir nur mit Händen und Armen; das geht viel wirksamer vorwärts! Ich bewundere Ueli, der mit blossen Händen wie ein Maulwurf im Schnee herumwühlt. Die Arbeit ist mühsam; der Schnee ist pulverig, der Wind zerstört in Sekundenschnelle das Werk von Stunden. Bald sind wir pudelnass. Ich versuche die drückende Stimmung mit einer warmen Ovomaltine aufzulockern. Schade, dass Noldi nicht dabei ist; der würde jetzt jodeln und eine Flasche Rotwein anzapfen. Ich allein kann zuwenig aufmunternd wirken; denn die ganze Verantwortung lastet auf mir, und die fünf Fehler sind mein Verschulden. Das drückt, auch wenn ich meiner Sache sicher bin.

Um Mitternacht überfällt mich eine plötzliche Müdigkeit. « Macht, was ihr wollt », sage ich, « mich zieht 's ins Bett. » Umkleiden: Einige Sekunden stehe ich, schnaufend und grölend, mit nacktem Oberkörper im Schneesturm. Dann Un-terkriechen. Unser Loch ist bescheiden, es vermag nur knapp den Kopf zu überdecken. Ich brauche eine halbe Stunde, bis ich im Biwaksack liege, und etwa um i Uhr sind wir vereint: zu dritt im Zweier-Biwaksack. Das war ein Würgen und Stöhnen! Bockstill liegen wir da und wagen uns nicht zu rühren. Der untere Teil des Biwaksackes ist bald unter einem Schneehaufen begraben, und in kurzer Zeit sind meine Hosen von Kondenswasser durchtränkt - ein Zittern, das nicht mehr aufzuhalten ist, geht durch meinen ganzen Körper. Wir können uns nur nach Kommando auf die andere Seite drehen, indem sich jeder gleichzeitig und gleichseitig zu bewegen hat. In regelmässigen Abständen kündigen sich die Windstösse durch ein dumpfes Heulen an, dann folgt ebenso regelmässig ein Säuseln über unseren Köpfen: Ein lieblicher Schneestaub erfüllt die Luft und setzt sich dann in kleinen Häufchen auf unsere Augen oder in die Ohren, je nachdem, wie wir liegen. Ärgerlich blasen oder schütteln wir die luftigen Dinger jedesmal weg; aber allmählich werden wir des Spiels überdrüssig: Ich warte ruhig, bis eine faustdicke Schneeschicht mein Gesicht bedeckt - da lässt sich ja immer noch leidlich atmen -, bevor ich wieder mit den Räumungsarbeiten beginne. Das geht so weiter bis gegen 5 Uhr; die Nacht erscheint uns lang, mein Zittern hat sich abgeschwächt. Da meint Hans, man müsse jetzt wohl aufstehen. « Er will nicht morgens als Gefrierfleisch erwachen », sagt Ueli trocken. « Ha », denke ich mir, « Ueli ist guter Dinge, wir haben überlebt! » Hans knetet seine Füsse; dann wird 's wieder still. Und es gelingt uns — man höre und staune -, zwei Stunden herrlichsten Schlafes zu geniessen.

Endlich ist uns warm; jetzt könnte man selig weiterpennen. Die beiden Schlafgenossen empfinden es jedenfalls als Barbarei, dass ich sie um 7 aus dem « Busch » klopfe. Den Kopf aus unserer Höhle streckend, blicke ich in die Runde. « Prächtige Aussicht » ( man sieht 2 Meter weit ), « wärmender Sonnenschein » ( es schneit in dichten Flocken, von den Rucksäcken ist nichts mehr zu sehen... ), « gesunde, kühle Bergluft » ( alles Metall klebt ), melde ich ins Loch hinab, um den Leuten Beine zu machen. Ueli ist nicht sichtbar, aber an einigen Stellen beginnt sich das weisse Element zu regen, und es dauert geraume Zeit, bis sich der Schneemann ans Tageslicht herausge-wühlt hat. Wir sind gesund und ausgeruht — das ist ein Schluck « Notfallkognak » wert, und wir drücken uns herzhaft die Hände.

Der Abstieg durch das steile Spaltengewirr ist befreiend und wird uns zum anregenden Frühturnen.

Später: Es ist ein Kunststück für sich, in dieser Waschküche den Einstieg zu den Leitern der Konkordiahütte zu finden; es gelingt jedoch auf Anhieb, dank unserer gewissenhaften Kompass- arbeit. Der Hüttenweg ist vollkommen unkenntlich; stellenweise stecken wir bis zur Brust im Neuschnee und rudern mit Schwimmbewegungen in der exponierten Felswand vorwärts. Einige Male muss ich tauchen, kopfvoran, um die Stahlkabel zu fischen...

In der Hütte schlägt uns Rauch und Lärm der Jassenden entgegen. Welch andere Welt! Die Eltern glauben zu träumen, uns so frisch und munter hereinschneien zu sehen. Vater gratuliert. Erst als wir von den schlimmsten Befürchtungen und den schon vorbereiteten Suchaktionen meiner Eltern hören, wird uns richtig bewusst, was schulmeisterlich etwa so klingen könnte: Fehlur-teile in den Bergen sind verhängnisvoll, doch menschlich - die Kunst des Überlebens im Hochgebirge gehört also zum ABC jedes Bergsteigers.

EIN SPASS Ich weiss nicht mehr, wer als erster auf die ausgefallene Idee kam, man könnte sich auch einmal ein Biwak mitten in der Stockhorn-Nordwand leisten. Jedenfalls war es so, dass uns der Gedanke, einmal ausgesprochen, nicht mehr losliess.

An einem Juniabend stehen Arnold und ich am Fuss der Wand. Es soll ein Spass werden; wir haben also einiges Material bei uns, das uns ein Maximum an Behaglichkeit gewährleisten soll: zwei Hängematten, Biwaksack, Haken, Karabiner, Hammer, Reepschnur - aber keine Schlafsäcke.

Grauer Nebel umhüllt uns. Mich schaudert, wenn ich an der wuchtigen, senkrechten Fluh em-porschaue, wie sie sich im dämmrigen Grau verliert. Irgend etwas beginnt meinen Bergsteigerin-stinkt zu mahnen: Der unerwartete Nebel macht diese abweisende Mauer noch unheimlicher, die Wand stellt immerhin einige Ansprüche, und in anderthalb Stunden wird es stockfinster sein... Wir sind also « gezwungen », in der Wand zu übernachten. Wie soll das herauskommen? Hätte ich nicht vor einiger Zeit die Tschabold-Route durchstiegen, mich würde kaum jene kämpferi- sehe Lust am Ungewöhnlichen packen, mit der ich der Wand jetzt zu Leibe rücke.

Eine Stunde später stehen wir bereits auf der « Hochebene », einem steil ansteigenden Schuttband. Der Name sagt es: Da kann man sich etwas freier bewegen. Eine Erlösung nach den etwa 80 Metern nackter Vertikale. Das Schuttband führt uns ins sogenannte « Mülloch », ein tief eingeschnittenes, breites Kamin, das in seinem oberen Teil von einem stark überhängenden Felsriegel abgeschlossen wird. Unsere Vorstellung, die Hängematten quer in dieses Kamin spannen zu können, erweist sich als Illusion; denn die beiden senkrechten Wände sind glatt und fugenlos; die feinen Risse in den höheren Regionen sind für uns unerreichbar.

Die Nacht bricht herein; wir müssen rasch handeln. Nach einem fachmännischen Augenschein meines Bruders und einigen technischen Diskussionen gehen wir zielbewusst an die Arbeit: Es gibt nichts anderes, als uns in die Schlüsselstelle zu hängen; nur so sind wir, im Schütze des Felsriegels, vor Steinschlag sicher. Der Überhang tropft; über die Felsplatten, an die wir die Hängematten seitwärts anlehnen müssen, rinnt Wasser herab; da muss oben noch Schnee liegen! Aber lieber Wasser als Steine, sagen wir uns.

Das ist ein Hämmern und Rumoren in unserem Mülloch; es tönt wie in einer Schlosserwerkstatt! Der Fels ist äusserst schlecht; jeder Haken muss mehrere Male angesetzt, jeder Seilzug doppelt oder dreifach gesichert werden. Ein akrobatisches Pendelmanöver erlaubt mir, den ganzen Seilkram an einen bereits steckenden starken Haken zu hängen: Der Haken sieht vertrauenerweckend aus; er wird auch während der ganzen Nacht eine schwere Last halten müssen. Wir schwitzen, hämmern ( schlagen uns auch ab und zu auf den Daumen ), turnen wie die Affen an der glatten Platte herum und sind innert kurzer Zeit von dem rieselnden Felsdach durchnässt.

Unterdessen hat sich der Nebel etwas gelichtet; das schwache Lämpchen der Alp Oberbaach flimmert in der Tiefe. Arnold grölt aus voller Kehle einen alten Schlager in die Dunkelheit hinaus: « Häääpy, happy, happy Afrika... » « Schweig! » entwischt es mir; aber ich selbst verspüre Lust, die schwarze, « abgründige » Szenerie mit dämonischen Lauten zu beleben. Tatsächlich taucht einige Augenblicke später auf der Alp ein flackerndes Lichtlein auf, das sich schwankend gegen den Fuss der Wand zu bewegt. Stimmen dringen zu uns herauf. Wir halten den Atem an. Arnold möchte am liebsten weiter Schabernack treiben; aber es sind Menschen, denkt er sich, vielleicht Menschen, die noch nie etwas vom Berggeist gehört haben und denen man allzuleicht ihr ganzes Weltbild zerstören könnte... Rücksichtsvoll warten wir, bis sich das Irrlicht wieder verkrochen hat, dann wird wieder ge-lärmt...

Gegen Mitternacht ist unser Werk soweit: ein kompliziertes Gebilde - wohl nur für seine Konstrukteure verständlich. Das Einsteigen in das wackelige Zeug geht nicht ohne Ächzen und Stöhnen des einen vor sich, begleitet vom unverschämten Grinsen des andern. Die Netze hängen übereinander, es kann also nur einer den Biwaksack benützen, natürlich der obere, dies gewährleistet dem unteren einen guten Schutz vor der Nässe - eine glänzende Idee! Endlich liegen wir beide drin in unseren luftigen Netzen, ich im Biwaksack, Arnold, in dicke Kleider gepackt, unter mir. Das Hängematten-System bewährt sich; wir können uns mühelos drehen und wälzen, ohne herauszufallen... Wir wären ja gesichert, aber immerhin, das gäbe ein merkwürdiges Erwachen, so über dem Abgrund pendelnd... Noch einmal senden wir schauerliches Geistergelächter in die Tiefe, dann liegen wir eine Weile bockstill auf dem Rücken. Die Nebel sind weg, man sieht in einen tiefklaren Sternenhimmel hinauf. Eintönig klopfen die Tropfen auf meinen Biwaksack... Das ist auch Natur, denke ich, mir plötzlich unserer ungewöhnlichen Situation innewerdend. Ein unbeschreibliches Wonnegefühl überkommt mich, ein Gefühl, als könnte ich die letzten Geheimnisse dieser Nacht ergründen. Lange liege ich wach...

Das erhabene Naturgefühl wird plötzlich ganz real: Das an der Felswand hinunterrinnende Wasser hat sich gestaut und findet seinen Weg in meinen Biwaksack. Ein beträchtliches Seelein hat sich auf dem Sack gebildet. Innen triefen die Kleider von Kondenswasser. Ich drehe mich auf die Seite. Da erschreckt mich Arnolds Protestge-brüll unter mir: Die ganze Sauce sei ihm zum Kragen hineingesprudelt. Nun, in solcher Lage gibt 's nichts als liegenzubleiben! Also, liegenbleiben! Bald ist kein Faden mehr trocken an uns. Ich wage kaum mehr, mich zu drehen; bei jeder Bewegung sende ich meinem Biwakgenossen einen Bach ins Gesicht... Aber nach öfterem Wiederholen scheint ihm dies nicht mehr allzuviel auszumachen. Das Brüllen unter mir wird zum wüsten Lachen. Nässer als nass kann man ja nicht mehr sein. « Es lebe hoch das Biwakieren! » höre ich ihn überzeugt und mit pathetischer Stimme ausrufen. Die Kälte macht sich empfindlich bemerkbar. Ein unwiderstehliches Zittern erfasst meinen Körper. Immer wieder blicke ich in die Ferne, nach Nordosten, ob sich dort nicht endlich die Tageshelle ankündige. Aber die Zeit schleicht wie eine Schnecke...

Um 3 Uhr pfeift ein Stein an uns vorbei und bleibt mit einem trockenen Schlag im Kamin stecken. Das ist der einzige Steinschlag dieser Nacht - und vielleicht hat sich unser kaltes Bad allein dieses einen Steines wegen gelohnt. Gegen 4 Uhr dränge ich zum Aufbruch - beim ersten fahlen Schein im Nordosten. Arnold scheint tatsächlich so etwas wie geschlafen zu haben, während ich kein Auge zudrückte.

Mit steifen Gliedern und klammen Fingern rüsten wir das Zeug wieder ab. Das geht aber um einiges mühsamer als gestern. Im Kopf ist uns so taumelig, dass wir uns gehörig zusammennehmen müssen. An Verpflegung oder so etwas denken wir nicht, nur an eines: heraus aus dieser kalten, unwirtlichen Gegend!

Als äusserst « harte Nuss » gestaltet sich die Übersteigung der Schlüsselstelle, die Umkletterung des Überhanges: brüchiger, abwärtsge- schichteter Fels, alles triefend nass und rutschig. Unmöglich, einen einzigen Haken zu schlagen... ( Mir ist noch heute nicht klar, wie ich mich dort hinaufschwindelte. ) Beim Nachsichern sehe ich Arnold einen grossen Haken mit dem Zeigefinger aus dem Fels herausheben und hochhalten: « Ist das der, an dem wir die ganze Nacht gehangen sind? » Ein leises Schaudern läuft mir über den Rücken. Nun wissen wir also, weshalb wir die Sache mehrfach gesichert haben...

Zähneklappernd durchklettern wir die restlichen zwei Drittel der schattigen Wand, lechzend nach einer wärmenden Morgensonne, die wir erst auf dem Gipfel erreichen.

Alles in allem ein missratenes Bubenstück? Keineswegs: der Spass, ungefähr unseren Vorahnungen entsprechend, war vollkommen - kauzi-gen Bergsteigern unbedingt weiterzuempfehlen.

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