Vom Dom über den Südlenz zum Nadelhorn bei 40 cm Neuschnee

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Dory Mattenberger

Mit 2 Bildern ( 48, 49Uster ) Bei tropischer Hitze war ich ins Wallis gefahren. Doch schon nach unserer ersten Tour aufs Zinalrothorn erfolgte ein Wetterumsturz, so dass wir uns in der neuerbauten Rothornhütte auf dem Eseltschuggen tagelang an einem winterlichen Schneetreiben ergötzen konnten, das uns allerdings die geplante Traversierung des Obergabelhorns restlos verdarb. Als der Proviant zu Ende ging, stiegen wir resigniert zu Tal, währenddem das Wetter langsam aufheiterte, so dass wir von Zermatt aus das Matterhorn in seiner ganzen Schönheit bewundern konnten, allerdings tiefverschneit, wie mitten im Winter. Jeder Gedanke an den Zmuttgrat musste für die nächsten Tage begraben werden.

Unter diesen Umständen war ich festentschlossen, nach Hause zu fahren. Doch als beim Mittagessen die Wetterprognose vielversprechend aus dem Radio tönte, liess ich mich von meinem Führer, Gabriel Lagger, aus St. Niklaus, überreden, noch einen Versuch auf der anderen Seite zu wagen, wo scheinbar etwas weniger Schnee gefallen war. In grosser Eile kauften wir Proviant ein, und schon sassen wir im Zug nach Randa. Als der Zug in Täsch nicht anhielt, hegte ich plötzlich Befürchtungen, dass wir auch in Randa durchfahren würden. Doch wir hielten an — wie wir allerdings nachträglich erfuhren, weil der Arzt dringend verlangt worden war, so dass der Schnellzug ausser Fahrplan einen Halt einschalten musste!

Der Himmel hatte sich wieder überzogen, als wir den Aufstieg zur Domhütte unter die Füsse nahmen. Von Anfang an stieg es unheimlich, und manch- mal war kaum eine Wegspur zu sehen, was mich bei einem Hüttenweg etwas erstaunte. Doch stellte ich nachher fest, als wir später in den « richtigen Hüttenweg » einmündeten, dass mein Führer es vorgezogen hatte, wenig benützte Abkürzungen hinanzusteigen. Überall hatte es Ziegen, die uns folgten und manchmal auch verfolgten, mit ihrem fröhlichen Schellengeklingel die einsame Stille unterbrechend. Halbwegs wurde eine kurze Rast eingeschaltet — ein kalter Wind blies — und ich war froh, bald wieder weitergehen zu können. Am Weisshorn schneite es bereits, und bald fielen auch bei uns die ersten Flocken. Das Wetter verschlechterte sich. Als richtige Schneemänner langten wir an und wurden alsgleich von Hüttenwart Brantschen in gute Obhut genommen. Neben uns befanden sich noch zwei Zermatter Führerpartien mit jungen Engländern in der kleinen Domhütte. Heisser Tee, Suppe und Spaghetti standen in unglaublich kurzer Zeit vor uns. Draussen schneite es weiter, drinnen herrschte jene heimelige Hüttenatmosphäre, die man nicht beschreiben kann, die man erlebt haben muss.

Früh legten wir uns zur Ruhe, und sehr früh war Tagwache. Der Schneefall hatte aufgehört, vor der Hütte lag jedoch ca. 20 cm Neuschnee; die Wolken trieben in wilder Jagd am Himmel, ein eisiger Wind blies einem durch Mark und Bein. Die beiden Zermatter, sowie mein Führer waren einer Meinung: weiterschlafen hiess die Losung! Im Laufe des Vormittags stiegen die beiden andern Partien zu Tal, doch mein Führer war fürs Ausharren, trotzdem wir die Temperatur in der Hütte nicht über 10 Grad Celsius brachten und gezwungenermassen den ganzen Tag in Decken gehüllt herumlagen. Gegen 4 Uhr nachmittags geschah das Wunder: der Wind drehte auf Nord, und in kürzester Zeit war der Himmel reingefegt; die Sonne strahlte auf uns nieder, doch mochte sie die Kälte des Windes nicht zu brechen. Und wir froren fröhlich weiter!

Unser persönliches Barometer war urplötzlich gestiegen, und wir machten uns ans Pläneschmieden. Dom–Südlenz–Nadelhorn hiess unser Projekt. Liess sich aber daran festhalten bei diesen Schneeverhältnissen? Aufbruch um 1 Uhr war ausgeschlossen, wegen der grimmigen Kälte, um 4 Uhr, da würde die Zeit knapp, denn morgen war Samstag und wir mussten auf jeden Fall noch nach St. Niklaus hinunter. Unentschlossen legten wir uns schlafen. Tagwache war um 3 Uhr. Vorsichtshalber packten wir all unser Hab und Gut zusammen. Wegen der Kälte hatte ich unter den Kletterhosen noch den Trainer angezogen, sämtliche Jacken und Pullover sollten mich vor dem bissigen Nordwind schützen. Um 4 Uhr früh drückten wir Hüttenwart Brantschen die Hand zum Abschied, dankbar für seine aufmerksame Bedienung während der zwei Tage. Der Vollmond war im Begriff hinter den Bergen zu verschwinden, die Dämmerung begann, bald erreichten die ersten Sonnenstrahlen das majestätische Haupt des Weisshorns. Unterdessen stiegen wir langsam dem Gletscher zu, zogen die Steigeisen an und suchten einen Weg über den frisch verschneiten Gletscher.

Am Fusse des Festijoches zogen wir die Eisen wieder ab und klommen über Schutt und Fels hinauf, wo uns der Sturm mit einer solchen Heftigkeit überfiel, dass ich oft nach Atem ringen musste. Wir blieben nun in den Felsen, doch war das Klettern unter diesen Umständen auf dem weissen, vereisten Stein und in Handschuhen, die jedoch auch bald durchnässt waren, kein reines Vergnügen. Weiter oben konnten wir vom Grat wieder auf den Gletscher flüchten, wo der Wind uns nicht mehr mit seiner ganzen Kraft erreichte. Wieder mit den Eisen an den Füssen stiegen wir langsam, manchmal sogar sehr langsam höher, denn wir mussten uns einen Weg durch die Neuschneemassen bahnen, die schliesslich eine Höhe von 40 cm erreichten. Im Gipfelhang überfiel uns der Sturm erneut, und auf dem Gipfel des höchsten Schweizer Berges, des Doms ( 4480 m ), angelangt, drückte ich meinem Führer dankbar die Hand, warf einen Blick in die Runde, und schon flüchteten wir uns in die Tiefe. Wir schlugen die Richtung nach dem Lenzjoch ( 4120 m ) ein. Es war genau 9 Uhr. Fünf Stunden hatten wir gebraucht, trotz Neuschnee und Sturm. Nun war ich voraus, und manchmal hatte ich buchstäblich das Gefühl, im Schnee zu ertrinken. Es war sehr steil, so dass wir einige kleine Rutsche auslösten; so ganz gemütlich empfand ich die Situation nicht. Auf dem Lenzjoch machten wir einen windgeschützten Platz ausfindig, um unser Znüni, das auch das Mittagessen sein sollte, zu verzehren. Es wurde mir nämlich kurz und bündig erklärt, dass es nach dieser einzigen längeren Rast ( 20 Minuten ) keinen richtigen Halt mehr geben werde, bevor wir nicht die Bordierhütte erreicht hätten. Nette Aussichten! Es folgte nun eine ausnehmend schöne Kletterei, auf der Südseite beinahe schneefrei, auf der Nordseite tief verschneit und so kalt, dass ich mir beinahe die Finger abfror. Irgendwo mussten wir auf exponiertem Stand wieder die Steigeisen anziehen, und es folgte auf einem schmalen Grätchen eine luftige Passage, mit Pulverschnee in alten Spuren.

Auf dem Südlenz, wie die Walliser auch heute noch sagen und wohl immer sagen werden, oder der Lenzspitze, laut topographischer Karte ( 4294 m ), verschnauften wir eine Weile und stellten fest, dass auf der Saaser Seite keine einzige Spur auf den Gletschern zu sehen war, die auf die Anwesenheit von andern Partien in diesem Gebiet hätte schliessen lassen. Es war nun Mittag.

Und schon ging es weiter. Ich litt unter der Kälte, denn der giftige Nordwind blies unentwegt weiter, und, offen gestanden, erinnere ich mich erst wieder an die letzten Felspartien, die zum Gipfel des Nadelhorns hinaufführen. Ich glaube sogar, die vorhin erwähnte Traverse auf schmalem Schneegrat sei möglicherweise zwischen Südlenz und Nadeljoch ( 4213 m ) gewesen. Irgendwie fehlt mir die Erinnerung an das Zwischenstück, denn alles wurde überschattet von dem Kampf gegen Kälte und Neuschnee, das heisst dem grossen Kampf mit der Zeit! Dreimal wurden wir genarrt, immer folgte nochmals ein Stück Grat und wieder ein Felszahn, bis wir uns endlich, diesmal überglücklich, auf dem Gipfel des Nadelhorns ( 4327 m ) die Hände schüttelten. Zehn Minuten Rast liess sich mein Führer abbetteln, doch nicht mehr, denn es war bereits 2 Uhr vorbei, und vor uns lag noch der ganze, lange Abstieg, der unter diesen Umständen und Verhältnissen kein Spass war. Das Nadelhorn war ein Bekannter von mir, den ich zwei Jahre früher bereits besucht hatte. Ich wusste, dass der Grat, der nun folgte, leicht war, und atmete erleichtert auf. Und wie hatte ich mich getäuscht, tief im Pulverschnee vergraben, ragten nur einige kleine Spitzen heraus, an denen ich mich krampfhaft festhielt, wenn meine Vibramsohlen wieder eine Rutschpartie unternahmen. Der Wind blies uns den ganzen Schnee ins Gesicht, so dass es das schlimmste Wegstück des ganzen Tages wurde. Sobald als möglich schnallten wir wieder die Steigeisen an, um auf der linken Seite des Grates im Schnee hinunterzusteigen und vom Windjoch direkt in der Fallirne weiter. Es wurde immer steiler und steiler, und dann kam natürlich noch der gefürchtete und « befürchtete » Bergschrund. Ich wurde darübergeseilt, wobei natürlich, wie immer, im kritischen Moment das Seil stoppte, so dass meine Beine im Schrund verschwanden und ich dann, als auf mein Geschrei hin der « Faden » wieder kam, prompt köpf voraus auf der andern Seite landete. Mein Führer machte einen Riesensprung und fuhr dann gleich noch ein Stück den Hang hinunter, ich gezwungenermassen hinterher. Wir rutschten, sprangen, machten grosse Schritte, d.h. wir versuchten auf alle möglichen Arten, den Steilhang möglichst bald hinter uns zu bringen. Alsdann querten wir über den Gletscher zu einer Spur, die Auf- und Abstieg für das Ulrichshorn markierte und uns erlaubte, das Schneewaten etwas zu vermindern. Und nach einer Weile geschah das Wunder: der Wind hatte im geschützten Kessel nachgelassen, die Sonne strahlte von einem wolkenlosen Himmel; wir begannen uns wohlig warm zu fühlen und hatten später sogar zu warm, so dass ich einiges von meinen diversen « Schichten » ausziehen konnte.

Der Abstieg brachte jedoch ebenfalls noch einige ungemütliche Augenblicke, als wir von der Seitenmoräne wieder auf den Gletscher zurückturnten und vom Steilhang über uns auf allen Seiten kleine und grössere Steine munter hinuntersprangen, denn es war Spätnachmittag und der schmelzende Schnee hatte alles gelöst. Doch wir hatten Glück, ohne Zwischenfall kamen wird durch. Zufrieden kämpften wir uns durch den immer weicher werdenden Schnee dem Gletscherende zu. Langsam wurde er zu Wasser, und wir befanden uns mitten in einem fröhlich plätschernden Bächlein, als wir uns zum Glück auf die Moräne retten konnten und endlich festen und trockenen Boden unter den Füssen hatten. Punkt 6 Uhr abends erreichten wir die Bordierhütte ( 2980 m ), wo wir von Hüttenwart Fux als alte Bekannte begrüsst wurden. Ich war ausgehungert und kam beinahe um vor Durst. Doch nach Tee und Suppe wurde diese herrliche Tour mit einem guten Glas Fendant gefeiert. Wie war ich glücklich! Auch Bergführer Lagger!

Wir hatten uns in der Hütte etwas zu lange aufgehalten, und als wir uns verabschiedeten, war die Sonne verschwunden. Kaum hatten wir den Gletscher traversiert, so brach die Dämmerung herein. Aus irgendeinem mysteriösen Grunde hatten wir keine richtige Laterne bei uns, und so stolperten wir nun in stockdunkler Nacht den Hüttenweg hinunter. Als wir in St. Niklaus durchs Dorf marschierten, schlug die Uhr 11 Uhr. Und als Überraschung hatte uns die liebenswürdige Frau Bergführer ein feines Nachtessen bereitgestellt, da wir ihr unterwegs unsere Ankunft telephonisch mitgeteilt hatten.

Bald darauf versank ich in einen traumlosen Schlaf — doch heute, nach mehr als einem Jahr, träume ich oft mit offenen Augen von jenen wundervollen Stunden auf den höchsten Walliser Gipfeini

Feedback