Vom En-tout-cas zum Eispickel

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von A. Tschopp Mit 1 SkizzeBasel )

« Eine merkwürdige Metamorphose », wird sich der Leser beim Lesen dieses Titels denken. Dass aus einem Ei über Made und Puppe sich ein Maikäfer oder ein Schmetterling entwickeln kann, wissen wir alle aus unserem Schulunterricht. Wie aber ein En-tout-cas sich in einen Eispickel verwandeln kann, werden wir im nachfolgenden erfahren.

Was ist überhaupt ein En-tout-cas? Die jüngeren Klubkameraden werden das kaum mehr wissen, denn sie kennen selbst den Parapluie nur noch vom Hörensagen oder vom Sehen. Einen solchen zu benützen, ist weder modern noch männlich. Der En-tout-cas aber ist ein solcher Parapluie, aber kein gewöhnlicher Regenschirm, sondern eine praktische Abart, eine Art Bastard von Stock, Schirm und Zelt. Er bestand aus einem währschaften Hakenstock mit Nagelspitze; sein Überzug war je nach Charakter, politischer Einstellung und den pekuniären Verhältnissen des Trägers von mehr oder weniger grauer Farbe. Die oberen Zehntausend wählten ein dunkleres Grau; bei denen mit bescheidener Börse schielte das Grau bald ziemlich stark nach beige hinüber, weil diese billigere Qualität nicht lichtecht war. Die En-tout-cas, von denen hier die Rede ist, waren von der letzteren Sorte. Bei ihrem Einkauf wurde weniger auf Farbechtheit geschaut als auf den Umfang des Daches. Weil namentlich die Schulmeister, genannt Lehrer, sie auf ihren Ferienwanderungen benützten — denn gewöhnliche Sterbliche hatten dazumal noch keine Ferien —, wurden diese praktischen Reisebegleiter auch Lehrerparapluie genannt. Aufs engste zusammengerollt hatte der En-tout-cas einen Umfang von mindestens 25 cm; aufgespannt jedoch bedeckte oder beschattete er eine Fläche von fast einem Quadratmeter. Seine Verwendung war eine vielseitige. Er bot 1. Schutz vor dem Regen, 2. vor der Sonne; er diente aber auch 3. als Waffe gegen sich allzu nachbarlich machende, kläffende Köter, und 4. soll man mit ihm in der Wüste Sahara haben Löwen fangen können, indem man dem brüllenden Wüstenkönig den En-tout-cas in den Rachen stiess und nachher einfach auf-spannte. So wurde dem Löwen das Innere nach aussen gekehrt. Diese Art der Verwendung kenne ich nicht, einfach deswegen, weil ich mich noch nie mit Löwen beschäftigt habe, wenigstens nicht mit solchen in der Wüste Sahara, sondern vorsichtshalber nur mit denen, die man fast in jeder bessern Ortschaft des Schweizerlandes antrifft, und zwar immer nur in einem Exemplar. ( Dieser Löwe ist zwar meist golden und kann nicht gefangen werden; der fängt einen selbst. ) Was ein Eispickel ist, brauche ich Bergsteigern, die alle glückliche Besitzer dieser bergsteigerischen Trophäe sind, nicht zu erklären. Den Vogel erkennt man an den Federn, den Mann, wenigstens früher, an seinem Schnauz, es wäre aber falsch, wenn man aus der Art des Pickels einen Schluss auf die bergsteigerischen Fähigkeiten seines Trägers ziehen wollte. Wohl, wenn der Pickelstiel schön lackiert und dazu die Pickelhaue noch vernickelt ist, kommt ein Fehlurteil nicht in Frage. Dieser Sorte Bergsteiger würde ein En-tout-cas mit seidenem Überzug besser anstehen. Aber das Aussehen wäre weniger martialisch, und zwar trotz des durch eine Zündholzschachtel geknoteten, buntfarbigen Halstuches. Wenn auf diesem Halstuch ein Alpaufzug zu schauen ist, dann kann eine innige Harmonie zwischen ihm und seinem Träger festgestellt werden. Wollte man diese Pseudoalpinisten, die während der Tour nicht, nach derselben aber immer reden, filmen, würde zur Vertonung das schöne Lied gewählt werden müssen: « Chum Chueli, chum, chum, chum. » Nachdem Anfangs- und Endphase der im Titel enthaltenen Metamorphose bekannt sind, müssen nun auch noch die Träger dieser Utensilien geschildert werden. Ohne diese Medien wäre die Verwandlung nur mit Zauberspruch und Hexenspuk möglich gewesen.

Die beiden in Frage kommenden Personen waren zwei Schulmeister, welche in der gleichen Ortschaft zu Nutz und Frommen der heranwachsenden Jugend tätig waren. Der ältere der beiden hatte junge, dem Gängelband der Mutter erst entsprungene Kinder anzulehren; der jüngere dagegen setzte an geistig und körperlich schon etwas gereiften Sprösslingen die Erziehungs- und Bildungsarbeit fort. Beide hatten Freude an ihrer Arbeit und genossen die volle Achtung der Bevölkerung. Wenn sie durch die Ortschaft schritten, wurde ihnen überall Reverenz erwiesen; aber die dadurch verursachte allzu starke Abnutzung ihrer Hüte stand in einem gewissen Missverhältnis zur vierteljährlichen Entlöhnung. Wohl wurde diese häufig in gleissenden Goldstücken ausgerichtet, und schön waren diese Goldvögel; aber ihre Anzahl war zu gering, als dass sich die beiden Jugendbildner im Jahre mehr als einen Hut hätten leisten können. Die oft nicht leichte Schularbeit vermochte ihnen, die nicht nur Schullehrer, sondern Schulmeister im besten Sinne des Wortes waren, ihre Lebensfreude nicht zu trüben. Immerhin freuten sie sich auf jeden Feierabend; rückten sie doch mit ihm den Ferien und damit der Verwirklichung ihres Ferienplanes näher. Mit dem ersten Ferientag verschwanden sie in die Berge, um dort Erholung und neue Arbeitslust zu suchen. So weit waren sich die beiden Träger der En-tout-cas gleich; sonst aber unterschieden sie sich ganz wesentlich, nicht nur äusserlich, sondern auch innerlich. Aber trotz dieser Verschiedenheiten vertrugen sie sich sehr gut. Meinungsdifferenzen waren meist nur von kurzer Dauer. Entweder wurden sie durch Kompromisse beseitigt, oder der jüngere der beiden beharrte nicht auf seinem Standpunkt aus lauter Achtung vor dem Alter. Er tat so, als hätte er sich vom Gegenteil seiner Meinung überzeugen lassen. Im Grunde genommen aber kämpfte er einen inneren Kampf mit sich selbst, und bis zur inneren Selbstüberwindung reduzierte sich die Konversation der beiden auf ein Minimum.

Ich will nun versuchen, die beiden En-tout-cas-Träger dem Leser vorzustellen. Wären dazumal schon Stahlbandaufnahmen üblich gewesen, so würde ich eine Tonfilmaufnahme eines Interviews der beiden abrollen lassen, und man würde unschwer erkennen, dass zwei gute Baselbieter, der ältere mehr, der jüngere weniger waschecht, sprechen würden. Wer schon Bottebrächts Miggel am Radio gehört hat, der kennt die Sprache des Seniors. Der Dialekt des Juniors, der mehrere Jahre auf den Schul- und Universitätsbänken Basels seine Hosenböden poliert hatte, liess eine bestimmte Herkunft nicht mehr mit Sicherheit erraten; denn oft verwechselte er: « Säg Holz sage » mit « sag Holz säge ». Wir kennen ja die Ursache dieser sprachlichen Degeneration des jüngeren. Der Aufenthalt in der Stadt war nicht spurlos an ihm vorübergegangen; sein Dialekt hatte gelitten, obwohl er sich dagegen gewehrt hatte. Doch die Verhältnisse waren stärker als sein Bemühen gewesen. Zum Teil hatte er sich gewaltsam und mit Vorbedacht an den Baslerdialekt gewöhnt, um von seinen Klassenkameraden nicht allzu sehr geneckt zu werden. Doch hie und da hatte er seinen Vorsatz vergessen, und das giftige Necken und Spotten hatte unverzüglich eingesetzt. Einige Zeit hatte er es sich gefallen lassen; wenn es ihm aber zu bunt geworden und das « Chasch au chlädere? » nicht verstummen wollte, war er zur Abwehr geschritten, und im nächsten Moment lagen die Spötter auf dem gepflasterten Schulhof.

Dem Alter nach waren die beiden wanderlustigen Schulmeister ganz verschieden. Der ältere zählte 38 Lenze. Sein Haar und sein Schnurrbart à la Landsknecht, der mit der Uhr verglichen 20 Minuten nach 8 Uhr zeigte, waren schon stark ergraut, so dass er oft als Vater des jüngeren angesehen wurde. ( Seinem Prinzip, Junggeselle zu bleiben, ist er bis heute treu geblieben. ) Der jüngere sah mit seinen 24 Lebensjahren noch recht jugendlich aus. Sein Schnurrbart war, obwohl kräftig, gut gepflegt und zeigte 10 Minuten vor 2 Uhr, die fein ausgedrehten Spitzen sogar 5 Minuten vor 1 Uhr. Beide Pädagogen waren gute Patrioten, obwohl nur der jüngere militärpflichtig war. Unter ihrer rauhen Schale lag ein weicher Kern, und mancher Handwerksbursche, den sie auf ihren Wanderungen antrafen, war erstaunt, wenn er im Vorbeigehen von ihnen eine Kleinigkeit empfing und die unbekannten Geber nicht auf den Dank warteten.

Um die Ausrüstung der beiden Bergbegeisterten kennen zu lernen, begleiten wir sie auf ihrer ersten Wanderung.

Lange vor der Abreise wurde das Programm bis in alle Details festgelegt; an ihm wurde nicht mehr gerüttelt. Die Tagesleistungen wurden bestimmt und nach ihnen die Orte des Quartiers. Mit wenigen Ausnahmen wurde in Hotels übernachtet und daselbst Morgen- und Abendessen eingenommen. Dass die beiden Pädagogen mit ihrem Lehrerausweis oft in den obersten Zimmern der Dépendance einlogiert wurden, focht sie wenig an. Der Proviant für die Mittag- und Zwischenverpflegungen wurde zum grössten Teil für die ganze Wanderung im Rucksack mitgenommen. Er bestand aus Landjägern, Aleuronatbiskuits, Schokolade, verschiedenen Pains. Brot wurde nach Bedarf gekauft. So war bis jetzt der ältere gereist; hätte der jüngere eine andere Art der Verpflegung vorgeschlagen, wäre er dahin belehrt worden, dass er das noch nicht verstehe. Ausser dem Proviant mussten im Rucksack die Reservewäsche, die hohen Gamaschen und was sonst noch zum Wanderleben gehört, verstaut werden. So nahmen die Rucksäcke der beiden Globetrotter runde Form an, und es sah aus, als trüge jeder von ihnen einen Globus am Rücken. Eine aufgeschnallte Lodenpelerine krönte den Nordpol, während am Südpol eine Feldflasche schaukelte. Gegen Abend waren ihre Ausschläge stärker als am Morgen, und wenn sie dann auf die Hosenknöpfe schlug, hörte es sich an wie das monotone Gebimmel eines Saumtieres. Mit diesen globalen Rucksäcken, die den Rücken nur an einem Punkt tangierten, begaben sich die beiden mit einem Rundreisebillett in der Tasche zum Bahnhof ihres Wirkungskreises. Mit der rechten Hand schwangen sie stolz den En-tout-cas, auf Kleinformat aufgewickelt, immerhin noch mit einem Umfang und einem Aussehen, das an die Hose eines Holländers erinnerte. Aus ihren Augen aber leuchtete Ferienfreude und Unternehmungslust. Der Schnurrbart des älteren war von dieser Begeisterung und der Ferienvorfreude nicht unbeeinflusst ge- blieben; er zeigte Viertel vor 3. Wohl aus Respekt vor dieser nicht mehr auf Halbmast gehissten Manneszierde lupften die Schulbuben ihre Strohhüte höher als sonst. Aber auch das « Grüess ech Buebe » hatte einen andern Klang als an gewöhnlichen Tagen. Wie sollte es auch nicht? waren doch die beiden Schulmeister für drei Wochen frei und ledig aller Pflicht und konnten im schönen Schweizerland herumwandern. Diesmal galt es dem Kanton mit den 150 Tälern, von denen einige durchstreift werden sollten. Die Wanderung begann in Thusis und musste dem Billett entsprechend dort wieder enden.

Es war im Sommer 1903, als die beiden Baselbieter durch die Viamala über Andeer nach Cresta im Avers pilgerten. Durch die angenehme Kühle der Schlucht verwöhnt, setzte ihnen die Hitze im freien Talboden derart zu, dass die En-tout-cas in Funktion traten. Schön geschultert beschatteten sie das angegraute Haupt des alten und den blondgelockten Scheitel des jungen. Auch die Landjäger im Rucksack freuten sich des kühlenden Schattens; sie kamen nicht ins Schwitzen und behielten ihr appetitliches Aussehen. Die beiden überspannten Gelehrten zogen die Aufmerksamkeit der mit der Heuernte beschäftigten Talbewohner auf sich, die sich offenbar die Herkunft der Wanderer nicht erklären konnten. Die Sonnenscheu liess bessere Franzosen vermuten, die um ihren Teint besorgt waren. Aber die etwas abgetragenen Uniformen, die stellenweise Hochglanz aufwiesen, deuteten auf das hin, was sie wirklich waren, nämlich mässig besoldete Landschulmeister. In beiden Fällen waren es Respektspersonen, und der Spott, der auf den Feldern arbeitenden Männer und Frauen vermochte höchstens die Mundwinkel etwas gegen die Ohren zu ziehen. Äusserungen unterblieben, und der freundliche Morgengruss wurde ebenso freundlich erwidert. In Cresta wurde übernachtet in der dazumal einzigen Pension, die vom dortigen Schulmeister geführt wurde, und welcher Patron, Portier und Küchenchef in einer Person war. Obwohl die beiden Wanderer vor dem Betreten des Hauses ihr Äusseres etwas zu verbessern gesucht hatten, wurden sie nicht würdig erachtet, im Hause selbst wohnen zu können. Der Kollege als Portier führte sie in die Dépendance. Hätten die Ankömmlinge den Patron mit Muhen oder Blöken oder mit einem Gemecker begrüsst, hätten sie diese Dislokation begriffen. Ob sie mit Vierbeinern das Lager teilen müssten, war ihnen beim Anblick der sogenannten Dépendance nicht klar. Immerhin folgten sie willenlos dem Herrn Kollega über halsbrecherische Treppen, die diesen Namen kaum verdienten, und durch einen Gang, so eng, dass die Utensilienkugeln am Rücken sich stauten, zu einer niederen Tür. Der vorangehende Portier machte eine tiefe Verbeugung vor dem Überschreiten der Schwelle; aber es wäre falsch anzunehmen, dass sie eine Ehrenbezeugung für die beiden Nachkommenden gewesen wäre. Es war eine reine Vorsichtsmassnahme; denn ohne sie hätte der Führer der pädagogischen Kolonne sein Haupt am Türbalken angeschlagen. Das wäre um so folgenschwerer gewesen, weil nur noch vereinzelte, aber um so längere Haare seinen Scheitel zierten, und diese wenigen lagen, durch irgendeine Pommade fixiert, schön geordnet nebeneinander, so dass die Schädeldecke einem unbeschriebenen Notenblatt nicht unähnlich sah. Die beiden nachfolgenden Schulmeister machten einen weniger tiefen Bückling; denn ihr dazumal noch ungelichteter Haarschopf und der darunter liegende harte Schädel durfte einen Zusammenstoss mit einem knorrigen Türbalken wohl wagen. In der Folge hatten sie Gelegenheit, diese Annahme unter Beweis zu stellen. Doch ihre Befürchtung, ihr Herr Kollega könnte auf der Rechnung für beschädigte Türbalken Schadenersatz verlangen, erwies sich als unbegründet. Das Quartier war schnell bezogen; die beiden En-tout-cas bohrten ihre Eisenspitze in die holperigen Planken des Fussbodens ein, und ihre Hakengriffe schielten überlegen zu den sie nur wenig überhöhenden, etwas weisslich getünkten Planken der Zimmerdecke empor. Wenn die Betten ebenso weich wie hoch waren — die in rot-weiss kariertem Kölsch steckenden Deckbetten tangierten fast die Zimmerdecke —, dann war ein ungestörter Schlaf gesichert. Denn für die sechsbeinigen, kleinen Ruhestörer war die Bude zu luftig und die 1800 m über Meer zu hoch, und die vierbeinigen Bewohner des Parterres weilten äsend auf der Allmend. Nur die von ihnen stammende, unter dem Zimmerfenster planlos liegende Altstoffsammlung atmete kräftigen Erdgeruch. In diesem Auffanglager also horsteten die beiden verkannten Grössen, vor denen die ganze Bevölkerung einer Provinzialhauptstadt die Hüte ehrerbietig schwang. Als Genugtung und zu ihrer Befriedigung konstatierten sie, als sie zum Nachtessen eine Flasche Asti bestellten, wie eine leichte Schamröte über das Gesicht des nun als Kellner fungierenden Kollegen glitt, und wie die Spitzen seiner nunmehr schön gescheitelten Kopfhaare trotz der klebrigen Pommade sich aufzurichten versuchten. Glücklicherweise blieb es bei einem blossen Versuch; denn wenn ihnen der Befreiungsdrang restlos gelungen wäre, hätte die bei Saisonbeginn frisch getünkte Zimmerdecke durch die fettglänzenden Strähnen Schaden gelitten. Mit dem Einbruch der Dunkelheit tasteten sich die beiden Outsider mit einer flackernden Kerze in ihren Wigwam. Nachdem sie nicht ohne Anstrengung die Lager in den Obersässen erklettert hatten und der Schein der Kerze erloschen war, stellten sie fest, dass an einzelnen Stellen der Decke, um mit Schiller zu reden, des Himmels Wolken hoch hineinschauten. ( Der Vergleich hinkt zwar, denn es waren funkelnde Sterne, deren Strahlen sich in die dunkle Kammer verirrten. Aber auch regenschwere Nacht-wolken hätten die beiden Schlafgänger nicht aufgeregt. ) In der Zimmerecke standen immer noch die beiden En-tout-cas, einsatzbereit. Ihren Tatendurst konnten sie in dieser Nacht nicht stillen. Ihr Alarmzustand war angesichts des wolkenlosen Nachthimmels überflüssig. Trotzdem äugten sie erwartungsvoll bald zu ihren im karierten Kölsch fast versunkenen Meistern, bald durch die verdächtigen Gucklöcher in die Nacht hinaus.

Ein strahlender Sommertag weckte die Bewohner der Dépendance zu neuen Unternehmungen. Auch die in der Zimmerecke schmollenden En-tout-cas schienen ihre gesenkten Köpfe zu heben, und Tatendrang schien sie zu schwellen. Ob sie wohl ahnten, dass sie heute ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen konnten? Der Herr Kollega begrüsste die beiden Kollegen, die ihre Globen schon gehisst hatten, recht freundlich, und als sie ihm auf seine etwas schüchterne Frage mitteilten, dass sie gut geruht hätten, glitt ein zufriedenes und zugleich befreiendes Lächeln über sein noch unrasiertes Antlitz, und seine noch nicht gleichgeschalteten Haare erinnerten lebhaft an das Jauslinsche VOM EN-TOUT-CAS ZUM EISPICKEL Bild von der Schlacht bei Sempach. Es fehlte nur ein Arnold Winkelried, der die in der Frühsonne glänzenden Speere umklammerte. Offenbar um sein etwas belastetes Gewissen zu erleichtern, hatte er ein gutes und reichliches Frühstück trotz der frühen Morgenstunde bereitgemacht, und zu seiner vollständigen Rehabilitation muss gesagt werden, dass er bei der Ausstellung der Rechnung das primitive Lager als mildernden Umstand gebührend berücksichtigt hatte. Durch dieses unerwartete Entgegenkommen waren die beiden scheidenden Kollegen derart gerührt, dass sie, entgegen einem in später Abendstunde unter Kölsch gefassten Beschluss mit dem Trinkgeld nicht kargten. Die Herzlichkeit des Abschiedes liess nichts zu wünschen übrig, und die beiden Baselbieter wanderten frohgemut in den kühlen Sommermorgen hinaus. Denn wie der Ältere sagte: « Was am Morge no chasch laufe, muäsch nit mit Schweiss und Durscht erchaufe. » Es galt über den Longhinpass Maloja zu erreichen. Auf dem Tagesprogramm war auch, wenn irgendwie möglich, die Besteigung des Piz Longhin vorgesehen. Denn im Baedeker, der der Dritte im Bunde war, und der bei EntSchliessungen sehr oft den Ausschlag gab, hatte dieser Gipfel als Aussichtspunkt drei Sterne. Auf dem fast ebenen Weg bis Juf führten die En-tout-cas, die durch die Sonne gebläht an Umfang zugenommen hatten, ohne den Boden zu berühren, im Schritt der Wanderer rhythmische Schwünge aus, deren Amplitude je nach der momentanen Stimmung der Träger bald grosser, bald kleiner wurde. Und wenn das Stimmungsbarometer dem Maximum sich näherte, beschrieben sie im Takt des Gleich-trittes ganze Kreise, bald links herum, bald rechts herum. Als willkommene Stütze traten sie erst in Aktion, als hinter Juf der eigentliche Longhinpass sich durch die mit Felstrümmern besäten, farbenprächtigen Bergmatten in vielen Schleifen und Zickzacks in die Höhe schlängelte. Ihre Eisenspitzen bohrten sich knirschend in den steinigen Wegrand ein. Bei jedem Einsatz pendelten die Kugelrucksäcke auf die entgegengesetzte Seite, und es sah aus, als ob die treuen Begleiter ein neckisches Versteckenspiel trieben. Doch in der höheren Region, wo der Winterschnee noch alles bedeckte, änderte sich die Situation. Wohl bohrten sich die Eisenspitzen immer noch in den Untergrund ein; weil aber die Sonne den Schnee schon erweicht hatte, versanken die bauschigen Stützen tiefer als erwünscht, und ihr Nutzen wurde illusorisch. Ja, sie wurden zur merklichen Mehrbelastung in den Momenten, wo der Träger bis zu den Knien, der En-tout-cas aber bis zum Griff im Schnee versank. Wer nun annimmt, dass diese Unterschnee-Lehrerparapluies einfach wieder aus ihrer Versenkung hätten herausgezogen werden können, irrt sich gründlich. Das weite Loch, das sie in den aufgeweichten Schnee bohrten, füllte sich mit Schnee, so dass der En-tout-cas gefangen war. Eine rücksichtslose, gewaltsame Befreiung hätte ihn derart havariert, dass er seinen Hauptzweck nicht mehr hätte erfüllen können. Mit den Händen musste der Schnee bis zur bauchigsten Stelle des Gefangenen weggekratzt werden. Mit Vorsicht wurde versucht, derartig zeitraubende Zwischenfälle, welche den Besuch des drei-gesternten Gipfels in Frage stellten, zu verhüten. Doch wenn der Träger plötzlich wieder knietief versank, und der Globus am Rücken wie ein Trabant in der Welt der Gestirne den Körper zu umkreisen versuchte, « wich die Vorsicht der Nachsicht », und Mann und Ross harrten der Befreiung. Mit einem Blick höchster Verachtung wurden die En-tout-cas, die diesem Unternehmen nicht gewachsen waren, über den Nordpol des Globus gebunden, und mit den Armen balancierend wurde der Aufstieg fortgesetzt. Als die Sonne am höchsten stand, war die Passhöhe erreicht. Eine neue Welt, das Oberengadin mit seinen Seen und Bergen, breitete sich in der Tiefe aus. Nach kurzem Halt wandten sich die durch das Versagen ihrer Begleiter etwas missgestimmten Wanderer dem Piz Longhin zu, der über Geröll mühelos erreicht wurde. Die Zeit erlaubte eine ausgedehnte Rast. Schon seit geraumer Zeit hatten die Feldflaschen am Südpol weit über den Polarkreis ausgeschlagen. Die dürren Landjäger waren die Ursache der grossen « Trockenheit » und des ebenso grossen Durstes. Mit der Wärme der Hände wurde versucht, aus dem Schnee Wasser zu erhalten. Tropfenweise sammelte sich das begehrte Nass im Trinkbecher. Mit Rücksicht auf das Volumen waren teleskopartig auseinanderziehbare Becher mitgenommen worden. Immer reichlicher flossen die Tropfen; da — eine ungeschickte Bewegung des Fusses — der Becher sank in sich zusammen, und das köstliche Nass verlief sich im Gestein. Zuerst der En-tout-cas und jetzt der Trinkbecher: zwei grosse Enttäuschungen, aber auch zwei Belehrungen, denen sich auch Schulmeister nicht verschliessen dürfen und die notwendige Konsequenz daraus ziehen müssen, nämlich: einmal und nicht wieder.

Zum Steilabstieg nach Maloja wurden die Gefangenen am Nordpol befreit; aber wegen ihrer Kürze trugen sie nicht viel zur Erleichterung bei. Um so mehr war ihr Schicksal besiegelt, obwohl sie auf dem langen Tippel das Engadin hinunter ab und zu an den Händen pendelten oder sogar kreisten. Asphaltierte Strassen gab es dazumal noch nicht; dafür konnte man im fusstiefen Staub seine Spur legen. Und dieser Strassenstaub war von der Sonne heissgebrannt und setzte den Fußsohlen schwer zu. Im Laufe des Nachmittages hörte das Pendeln der En-tout-cas auf; ihre Eisenspitzen suchten durch den Staub den festen Boden zu gewinnen, um die hinkenden, von unten bis oben verstaubten Wanderer zu stützen. Namentlich der ältere der beiden stapfte vorsichtig wie ein Porzellanhändler durch den tiefen Staub; seine Rückenkugel schwang im Takt von Synkopen hin und her. Zwischen Celerina und Samaden wurde im schattigen Erlengebüsch ein Marsch- und Retablierungshalt eingeschaltet. Der Staub wurde aus den Kleidern geschüttelt und geklopft, und die brennenden Füsse enthüllt. Die des jüngern suchten Kühlung im Wasser des Inn; die des ältern wiesen Blasen auf in allen Grössen und Farbnuancen. Die Plaggeister wurden aufgestochen und in jeden, nach einem Rezept der Grossmutter, ein Stück Nähfaden eingezogen. Nach der Operation sahen die Füsse aus wie die Schnauzen von Barben. Mit beidseitigem Kniewippen wurde der Weitermarsch talabwärts fortgesetzt; denn mit Teufelsgewalt musste in Süs übernachtet werden. Mit einer an Todesverachtung grenzenden Verbissenheit wurde weiter getippelt. Bevor die Endstation dieses « Ganges nach Em-maus » erreicht war, setzte der Synkopentritt des Seniors wieder ein; er erachtete einen weiteren Operationshalt für ebenso ratsam wie dringend. Die vom jüngern gehegten Zweifel über den Wert des grossmütterlichen Rezeptes der Blasenbehandlung verschwanden urplötzlich, als zur Entleerung der erneut gefüllten Blasen der eingezogene Faden einfach hin und her gezogen wurde. Der Erfolg war verblüffend; das Gangwerk kam wieder in relativ gute Form, und das programmässige Tagesziel wurde gegen Abend doch noch erreicht. Mit einigen Gläsern süssem Asti wurde die unterwegs unter den Nullpunkt gesunkene Stimmung wieder gehoben.Schluss folgt )

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