Vom Flüela-Schwarzhorn zur Silvretta

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON JAKOB MARZOHL, LUZERN

Mit I Bild ( 22 ) Wenn wir unsern Blick vom Plessurgebirge nach Südosten richten, haftet er unwillkürlich an den beiden mächtig aufstrebenden Felsbastionen derFlüelaberge, dem Wiss- und Schwarzhorn. Dahinter erkennen wir die Kulissen des Grialetschgebirges und des Piz Vadret. Beim Anblick dieser interessanten und gewaltigen Massive liess mich der Gedanke nicht mehr los, bei nächster sich bietender Gelegenheit den Bergen näherzutreten. Im Juli 1964 konnte ich mich für zehn Tage freimachen. Die Pläne lagen bereit.

Dass von Luzern aus das Flüela-Schwarzhorn an einem Tag bestiegen werden kann, allerdings nicht mit Rückreise, ist nicht ohne weiteres vorauszusehen. Die Reiseverbindungen sind aber sehr gut; der Schnellzug führt uns über Thalwil—Landquart—Davos, das Postauto zum Flüela-Hospiz. In Davos bleibt noch genügend Zeit für die Mittagsverpflegung.

Kurz vor 3 Uhr nachmittags stehe ich am Schottensee. Das ist zwar etwas spät für die Besteigung des Schwarzhorns ( 3146 m ); deshalb wähle ich den direkten Anstieg von der Ostseite des Berges am südlichen Seeufer. 1500 Meter südlich des Hospizes an der Passstrasse mündet der übliche Weg scharf gegen Westen. Anfänglich komme ich gut voran, doch nach einer Steigung von 250 Metern zeigen sich die ersten Hindernisse. Weite Geröllfelder geben mir einiges zu schaffen, bis ich nach einer Stunde auf die Normalroute stosse. Die Ostflanken des Schwarzhorns bilden eine zusammenhängende Block- und Geschiebehalde, durchsetzt mit schwärzlichem Schiefergestein und Moränen. Daher der Name Schwarzhorn. Links dem Pass gegenüber reckt sich das Wisshorn mit seinen weissen Felswänden gegen den Himmel. Auf kurze Distanz hat die Natur hier schwarzes und weisses Gestein nebeneinander gehäuft. Drei Stunden nach dem Start stehe ich auf dem Gipfel. Die Sonne sendet ihre Strahlen schon fast waagrecht in die Bergflanken; Licht und Schatten beleben die Natur. Der Ausblick ist ungewohnt, weil wir nur selten in späten Abendstunden noch in solchen Höhen verweilen. Dort, wo die Abendsonne am Himmel steht, ist alles in Schleier gehüllt, aber was beleuchtet ist, erstrahlt in Glanz und Pracht.

Am Radüner Rothorn, ja, selbst auf dem Gletscher Radönt, liegt viel trügerischer, fauler Schnee.Vom Schwarzhorngipfel gesehen, liegen Rothorn und Gletscher südlich gegen Grialetsch. Ein direkter Abstieg zur Fuorcla da Grialetsch wäre deshalb zu riskant, aber ich habe die Möglichkeit, ins 1100 Meter tiefer liegende Dischmatal hinunterzutasten. Mit einem für zehn Tage gefüllten Rucksack ist das keine Kleinigkeit, zumal zuerst Blöcke, dann ein paar leichte Felskämme zu überklettern sind. Ziemlich rasch erreiche ich den Dürrboden in der Talsohle. Irgendwo werde ich wohl nächtigen können; es ist ja Sommer, zudem sehr schönes Wetter. Bereits auf dem Gipfel habe ich mit dem Feldstecher ein Steinhaus fixiert. Beim Nähertreten entpuppt es sich als währschaftes Berggasthaus. Ein warmes Nachtmahl und ein gutes Bett, diese beiden dem leiblichen Wohl bekömmlichen Dinge, bedeuten mir in der gegenwärtigen Lage den Inbegriff alles Wünschbaren, eingeschlossen natürlich - für einen Veteranen - ein guter Schoppen Veltliner!

Früh am Morgen strebe ich das Tal hinauf, der Grialetschhütte ( 2542 m ) zu. Es ist eine Lust, in den frischen Tag zu wandern. Der Furggasee wird angepeilt. Mit Musse betrachte ich die Bergflanken, durch welche ich gestern abend hätte heruntersteigen sollen. Ob es geglückt wäre? Um die zehnte Vormittagsstunde melde ich mich beim Hüttenwart. Nach Quartierbezug zieht mich der Grialetschgletscher mächtig an. Die Route des folgenden Tages will ausgekundschaftet sein. Vorgesehen war die Besteigung des Grialetschhorns mit Übergang ins Val Vallorgia zur Alp Funtauna bis zur Keschhütte. Am übernächsten Tag käme dann eine Überschreitung der Porta d' Es-cha in Frage. Doch es sollte anders kommen. Das Wetter verschlechtert sich zusehends, es zwingt mich sogar mitten auf dem Firn zur Umkehr.

Der Grialetschgletscher hat eine sehr schöne Form, und um ihn gruppieren sich von West nach Ost Piz Grialetsch ( 3131 m ), Piz Vadret ( 3229 m ), der höchste Berg im Halbkreis, ferner Piz Sarsura ( 3177 m ) und Sarsura Pitschen ( 3133 m ). Die Kette setzt sich fort zum Piz Arpschella, zum Piz Murterchömbel, der als Eckpfeiler das Tal Grialetsch beherrscht. Hier wendet sich der Grat in östlicher Richtung zum äussersten Punkt, dem Piz dal Ras ( 3024 m ).

Die Hütte, zu der ich inzwischen zurückgekehrt bin, füllt sich immer mehr mit jungen Touristen und ist schliesslich zum Bersten voll. Draussen fällt starker Regen. Die Hoffnung auf Wetterbesserung ist klein. Mit Tagesanbruch stehe ich vor dem Haus und halte Umschau. Nebelschwaden treiben vor der Hütte. Wird es besser werden? Um 5 Uhr bin ich reisefertig, doch die Berge sind verhüllt. Was bleibt mir anderes übrig, als das Programm zu ändern? Ich entschliesse mich, statt westwärts zur oben erwähnten Route, nach Osten ins Unterengadin zu wandern. Vor mir liegt eintönig und farblos das Tal Grialetsch, Himmel und Berge sind in Grau gehüllt. Mit der Durchschreitung des Tales, das etwa 9 Kilometer lang ist, glaube ich, das letzte Viertel der Flüelapassstrasse zu erlangen. Nach Überwindung einiger Hindernisse gelingt dies auch. Bei den Sennhütten der Alp ist das Brücklein weggeschwemmt; ich muss also auf der linken Talseite bleiben und bei spärlichen Wegspuren abwärts zu gelangen versuchen. Das Gelände ist hier stark durchsetzt mit Felstrümmern. Auf halbem Weg zur Alp d' Immez schaukelt ein Steglein, aufgehängt an einem Drahtseil, im Wind über dem Bach, der wegen der starken Regenfälle viel Wasser führt. Dieser schwankende Weg ist wohl als willkommene Abkürzung für den Sennen gedacht; aber die technisch fragwürdige Anlage hält sogar mein Gewicht samt Sack aus. Bei der Alp d' Immez ( 1971 m ) biegt der Weg nach Süden ab. Einige Hundert Meter höher liegt wieder die Flüelastrasse.Von hier geht es vergnüglich dem Pfad der Aua da Grialetsch entlang. Ständig ändern sich die Bilder. Wasserstauungen, angeschwemmte Baumriesen, trotzige Felsköpfe wechseln mit lichten Hainen und wasserhungrigen Pflanzen. Auf die Minute genau erreiche ich das Postauto, das mich von Pra de Rövan nach Susch ins Unterengadin bringt. Nun noch ein telephonischer Ruf nach Hause: « Alles O. K. » Mit dem Stationsbeamten der Rhätischen Bahn komme ich in ein Gespräch. Es verwundert mich nämlich, dass die Nadeln der Lärchen schon falb geworden sind, obschon es noch nicht Herbstzeit ist. Ich werde belehrt, dass hier der Lärchenwickler am Werk sei, der seine Zerstörungen in weiten Teilen des Engadins fortsetze. Die kleinen Dolden würden von den Raupen angesaugt; daher das Absterben der Nadeln. Alle sieben Jahre träten diese Schädlinge auf. Aus den Raupen würden später kleine, blauweisse Schmetterlinge. Für das Holz der Lärche soll der Wickler aber keine Nachteile haben.

Um zehn Uhr sitze ich in der Bahn, die mich nach Guarda führt. Das malerische Dorf mit seinen typischen Engadiner Häusern liegt auf einer Sonnenterrasse in 1653 m Höhe. Da stehen schöne alte Häuser mit runden Torbogen und mit nach innen sich verengenden Fenstergesimsen, den farbenfrohen Sgraffito-Malereien an den Hausfassaden und den heimeligen Erkern. Die wenigen Strassen oder Gassen sind mit Natursteinen gepflastert. Das Ganze fügt sich vorzüglich in die Landschaft. Zwei grosse Hotels versorgen die Gäste, die in beachtlicher Zahl ihre Ferien im schmucken Ort verbringen. Ein verständiger Hotelier zaubert einem Schweizer Bergler schon in der elften Morgenstunde ein Mittagessen auf den Tisch.Bald bin ich wieder auf den Beinen. Diesmal wandere ich auf einem der schönsten Hüttenwege zur Tuoihütte des SAC. Bis Snauas geht 's im Schatten der Bäume am rechten Hang des vom Flüsschen La Clozza durchpflügten Val Tuoi. Immerzu mässig ansteigend, öffnet sich das Tal. Der Blick wird weit. Mächtig grüsst der Piz Buin hinten im Talabschluss. Der Zahn des Dreiländer Spitzes ragt in den blauen Äther. Alles ist von tiefem Frieden umgeben. Es macht den Anschein, als habe sich jede Kreatur verkrochen. Um 3 Uhr nachmittags schüttle ich dem Hüttenwart der Tuoihütte ( 2250 m ) die Hand. Er ist Grenzer im Hauptberuf. Während er Holz sägt, säubert seine Braut das Innere der Hütte. Auch ich mache mich an die Arbeit; zuerst wird Wäsche gewaschen, dann mein Körper der Reinigung unterzogen, und auch das Schuhwerk will seine Pflege haben. Nach dem alles in bester Ordnung ist, braut sich ein Gewitter zusammen. Nach dem stärksten Guss strebt der Hüttenwart samt Anhang Guarda zu, wo er zu Hause ist. Ich aber bin allein auf weiter Flur und bereite mir ein kräftiges Mahl, das ich in Einsamkeit geniesse. Dann wird es auch in der Hütte still.

Ende der zwanziger Jahre hat die Sektion Pilatus die Tuoihütte der Sektion Unterengadin abgetreten. Viele Gründe haben die Verantwortlichen zu diesem Schritt bewogen. Einige der Hauptursachen bildeten die Abgeschiedenheit der Hütte vom Bereich der Sektion Pilatus, der bauliche Zustand sowie die « Heimsuchungen » von « ennet » der Grenze nach dem Krieg. Heute zeigt es sich, dass diese Gründe nicht stichhaltig waren. Im Zeichen der Motorisierung fällt die Abgeschiedenheit nicht mehr ins Gewicht; die bergseitige Hüttenmauer ist stabil geblieben, also nicht eingestürzt, und die früher heruntergestiegenen Gäste bleiben nun in ihren Wirtschaftswunder-Häusern. Es war sicher ein Fehlentscheid der Sektion, die dritte Hochgebirgshütte abzutreten.

Heute ist die Tuoihütte vorzüglich in Ordnung gehalten. Das Dach ist massiv verbaut, ein Anbau aus Beton dient als Küche, der Platz ihres früheren Standortes konnte für die Erstellung von weiteren Schlafplätzen verwendet werden. Wir gratulieren der Sektion Unterengadin zu diesem schönen, einfachen Hüttchen! Uns beschleicht eine leise Wehmut, wenn wir diese Unterkunft mit den modernen Bauten in den Touristenzentren vergleichen.

Um 6 Uhr früh des folgenden Tages strebe ich der Furcletta und dem gleichnamigen Piz zu ( 2890 m ). Die Nacht war kalt. Ein wunderschöner Morgen ist erwacht. Der Firn trägt gut, und ich kann ohne Risiko den nur um 190 Meter höheren Piz Tuoi besuchen. Hinter meinem Gipfel leitet das Jamjoch hinüber zum Dreiländer Spitz ( 3197 m ). Mitten über die höchsten Gipfel, Silvretta, Piz Buin, Dreiländer Spitz, Augstenberg und Fluchthorn, verläuft die Grenze Schweiz-Österreich. Prächtig präsentieren sich im Westen der Piz Fliana und dahinter das Verstanklahorn. Ein Abstecher zum Blausee unterhalb des Fil da Tuoi beschliesst den Tag. Eine Überschreitung des verschrundeten Silvrettagletschers will ich als Alleingänger nicht wagen. Ich verlasse am dritten Tag die Tuoihütte und wandere das Tal zurück. Da ich wieder unter das Volk muss, wird mein Äusseres gründlich gereinigt. Frisch rasiert und gewaschen, halte ich nochmals Einzug in Guarda. Am Ausgang des Dorfes folge ich eine gute Viertelstunde der Strasse. Nun wende ich mich der Schlucht zu und marschiere hoch über Bahn und Strasse der Ortschaft Lavin zu. Hier gibt es einen Znünihalt, dann wird der Proviant überprüft und Fehlendes ergänzt.

Das nächste Ziel ist die Linardhütte ( 2327 m ) der Sektion Unterengadin. Sie steht rund 900 Meter über dem Dorf Lavin. Die erste Hälfte des Aufstiegs geht durch den Wald, die zweite über Tristen. Die imponierende Gestalt des Piz Linard schält sich aus der Umgebung; je näher wir zu ihr ansteigen, umso mächtiger erscheint sie. Es ist warm. Ich nehme mir Zeit, all die neuen Schönheiten, die auf mich zukommen, ausgiebig zu geniessen. Zwischen den Ausläufern des Linard Pitschen und des Piz Glims steht die bescheidene Linardhütte. Ich bin auch hier allein. Am Nachmittag erklimme ich den Grat des Linard Pitschen. Im Windschatten schaue ich dem Spiel eines Rudels Gemsen zu. Die Aussicht ist überwältigend: Gipfel an Gipfel, Täler und Wasserläufe, soweit das Auge schaut!

Wieder grüsst ein junger Tag meine Heimat. Ich steige durch das Val Glims hinauf zur Fuorcla und stehe etwas nach 7 Uhr auf dem 2868 Meter hohen Piz Glims. Hart an den Schrunden des Piz Linard vorbei versuche ich jetzt den Abstieg ins Val Sagliains. Der Boden ist hart gefroren, ebenso der Schnee, der in tief eingekerbten Rinnen liegt. In verhältnismässig guter Zeit überwinde ich mit Stufenschlagen die 500 Meter Höhendifferenz. Nun kommt aber wieder eine ständige Gegensteigung zum Vereinapass. Linker Hand zieht sich der östliche Ausläufer des Piz Fless bis zur Passhöhe hinab. Die Gegend gleicht einer Steinwüste. Es liegt noch viel Schnee auf den Miesböden, der Frühling hat seinen Einzug noch nicht vollzogen. Das Val Sagliains, das ich eben verlassen habe, endet in einem weiten Kessel, umringt von den Bergen der Plattenhörner, des Piz Zadrell und des Piz Sagliains. Am Ende der Miesböden zweigt links der Flesspass zur tiefer gelegenen Alp ab und endet an der Flüelastrasse. Ich aber wende mich nach rechts, dem Süsertal zu. In diesem weiten Hochtal stosse ich erstmals auf weidendes Rindvieh. Um die Mittagszeit ist auch dieses Tal durchschritten. Im neuen Berghaus Vereina, das nur wenige Meter neben der alten, mit Schindeln bedeckten Clubhütte steht, halte ich Einkehr. Später kann ich mit dem « Spetter » des Vereinahauses bis zur Weggabelung fahren, bis dorthin, wo sich der Vereina- mit dem Verstanklabach vereinigt und als Landquart talaus fliesst. Von hier muss ich nun wohl oder übel wieder ansteigen. Zuerst komme ich auf die Alp Sardasca. Die Verschnaufpause wird zu einer längeren Siesta; dann aber wird der Hüttenweg zur Silvretta unter die Füsse genommen. 14 Stunden nach Verlassen der Linardhütte überschreite ich die Schwelle der Silvrettahütte. Es ist ein schönes Haus, diese SAC-Unterkunft. Doch noch ist der Tag nicht zu Ende. In tiefer Einsamkeit wende ich mich dem Sil-vretta-Gletscher zu, und bei der Betrachtung aller Schönheiten dieser hehren Bergwelt senkt sich allmählich die Nacht hernieder.

Mit Ausnahme eines Nachmittags war das Wetter bis jetzt sehr gut, doch das sollte sich ändern. Verschiedene Zeichen deuteten auf einen baldigen Wetterumschlag hin. Ich entschloss mich deshalb, meine Tourenwoche abzubrechen und tat gut so. Nach einem vierstündigen Marsch traf ich anderntags in Klosters ein. Bei gutem Wetter hätte ich die Strasse bei Garfiun verlassen, um die Fergenhütte aufzusuchen. Doch es blieb beim Wunsch. Am Nachmittag, während der Fahrt nach Zürich—Luzern, nahm die Bewölkung zu, und bald fiel auch Regen, der einige Tage lang anhielt.

Vier SAC-Hütten hatten mir als Unterkunft beste Dienste geleistet. Aber auf meinen Streifzügen in den Bergen habe ich keinen Menschen zu Gesicht bekommen, und dies trotz dem schönen Wetter und im Monat Juli! Es ist eine grossartige Welt hier oben, in der ich mich bewegen durfte,und doch nur ein winziges Stück, gemessen an den Weiten der Erde. Aber ich möchte diese herrlichen Erlebnisse und Eindrücke nicht vertauschen mit all den in höchsten Tönen gepriesenen Verlockungen unserer neuen Zeit.

Feedback