Vom Wandern und Reisen

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Hermann Kornacher. München

Tief in des Menschen Seele wurzelt unausrottbar eine unbestimmbare Wander- und Reiselust. Reisen ist auch für den Menschen des O. Jahrhunderts noch ein Zauberwort, ja, für manche eine Leidenschaft, der sie andere Bedürfnisse willig unterordnen.

In unserem Jahrhundert ist das Reisen so einfach geworden! Wir reisen durch die Welt zu Land, zu Wasser und in der Luft. Entfernungen, die früher Tage und Wochen erheischten, meistern wir jetzt in Stunden und Minuten. Reisebüros schiessen massenhaft aus dem Boden. Sie haben den Geist der Zeit erfasst.

« In fünf Tagen durch die Schweiz !» - « Zehn Tage im sonnigen Süden! » - « Grosse Alpenfahrt !» — « Urlaub im Schatten der Pyramiden! » In solchen Schlagzeilen ist vereinigt, was das Wesen unserer Zeit ausmacht. Vorweg scheppert die Reklametrommel. Auch den Widerspenstigen wird eingehämmert: Wer am schnellsten am weitesten kommt, ist Sieger. Und der vollgestopfte Piz Kesch, vom Gletscher Ducan aus Photo Albert Kenel, Zug Omnibus symbolisiert die Vermassung in sinn-fälligster W eise. So flüstern diese Schlagzeilen unablässig ins harthörigste Ohr das Losungswort unserer Tage: Schau, dass du dein Geld los wirst! Man weiss ja nicht, was morgen ist.

Doch wir wollen nicht nur die üblen Kehrseiten dieser Reisewut ans Licht zerren. Wer anlässlich einer Spanienreise zu einem einmaligen Erlebnis gekommen ist, dem sei es gegönnt. Wer nach genügender Vorbereitung die Bilder eines fremden Landes mit Verständnis in sich aufgenommen hat, der hat auch etwas für seine Bildung getan. Ob so etwas aber als Urlaub, Ferien, als schöpferische Pause bezeichnet werden kann, bleibe dahingestellt. Autobusreisen mit einem Manager als Reiseführer sind nicht « bewegte Ruhe », sie stehen vielmehr unter dem Zeichen der ruhelosen Bewegung.

Freilich ist das Reisen und Wandern auch heute noch - wo es doch so viel leichter geworden ist als zu einer Zeit, da man erst sein Testament machte, bevor man auf Reisen ging - das vornehmste Bildungsmittel. Man lese den Brief der Susanne von Klettenberg an Frau Rat Goethe: « Wenn Dein Wolfgang von Frankfurt nach Mainz reist, bringt er mehr Kenntnisse mit als andere, die von Paris oder London zurückkommen. » Wie Goethe gereist ist, erhellt zur Genüge seine italienische Reise. Seine Bemerkung: « Sehen ist nichts ohne Denken! » enthält das ganze Geheimnis seiner Reisekunst. Nicht das schnelle « Durch-nehmen » der Sehenswürdigkeiten mit dem Baedeker in der Hand, nicht das bewunderungs-heuchelnde Aufsuchen angesternter Örtlichkeiten schöpft das Eigentliche einer Reise aus. Wer durch Reisen und Wandern seinen inneren Menschen bereichern will, muss tiefer in Land und Leute eindringen: losgebunden vom gewohnten Wohnort, vom täglichen Einerlei, empfänglich für alles, was sich dem Auge darbietet, für Landschaften, Städte, Dörfer, dankbar für die überraschenden Wechselfälle des Wanderlebens, bereit fur die Berührung mit anderen Menschen.

Aber wer tut das heute nochVor anderthalb Jahrhunderten erlangte der wanderfrohe Dich-tersmann Johann Gottfried Seume grösste Berühmtheit, als er im Jahre 1802 seinen « Spaziergang nach Syrakus » veröffentlichte. Aufsehen erregte nicht so sehr die anschauliche Beschreibung dieses « Spaziergangs », als vielmehr die blosse Tatsache seiner enormen Fussreise. Seume hatte nämlich damals die Reise bis nach Sizilien ganz allein zu Fuss gemacht. Wer würde ihm das heute noch nachmachen, in einem Zeitalter, in dem manche Leute sogar für den Weg bis zum nächsten Briefkasten das Auto benützen?

« Es ginge alles viel besser, wenn man mehr ginge! » hatte Seume damals geschrieben. Hat er nicht recht? Wenn man die Berichte liest, die auf Ärztekongressen über die Auf brauchkrankheiten des Kreislaufs veröffentlicht werden, könnte man es mit der Angst zu tun bekommen: Der Mensch isst sich krank! Der Mangel an geeigneter Bewegung bringt ihn in die Nachbarschaft des Tieres, dessen Fleisch er am liebsten verzehrt. In Pillen und Pulvern sucht man nach einem Helfer, der den Blutkreislauf entlasten könnte.

Die Wartezimmer der Ärzte und die Apotheken wären weniger überlaufen, wenn der Mensch sich rechtzeitig des Gebrauchs seiner Beine erinnerte und dem Magen nicht Aufgaben stellte, die er im Grunde gar nicht bewältigen kann. Wer seine Fussohlen nur benutzt, um auf den Gashebel des Autos zu treten, darf sich nicht wundern, wenn Doppelkinn und Hängebacken als erstes Alarmsignal auftauchen. Wer mehr läuft, lebt länger!

« Sich Zeit lassen! » wird einem empfohlen. Aber wer befolgt schon diese altmodische Mahnung? Die Alten haben 's längst verlernt, und die Jungen können das Hetzen auch schon nicht mehr lassen. Da berichtet der Herbergsvater einer Jugendherberge: « Die Zeiten, in denen die jungen Leute mit Zupfgeige und Rucksack anrückten, sind längst vorbei. Die wirklichen Wanderer haben inzwischen Seltenheitswert. Heute knattern sie mit dem Motorrad heran, die Be- scheideneren flitzen mit dem Fahrrad durch die Gegend. Doch das wäre ja nicht das Schlimmste. Fragt man aber so einen Pedaltreter: Woher des Wegs? so heisst es: Vom Rhein. Fragt man: Und wohin fährst du morgen? dann will er bewundert sein: Ich hoffe, es mindestens bis Rothenburg zu schaffen. Unter hundert Kilometern im Tag tut es nicht einmal mehr der Radfahrer. Die Schnelligkeit auf der Landstrasse ist wichtiger als das, was danebenliegt. » - Schade um diesen Verbrauch jugendlicher Kraft. Aber was kann der Mensch dafür? Steht er nicht täglich unter dem Einfluss des Sportteils seiner Zeitung mit ihren Berichten von Rekordleistungen? Die Stoppuhr ist ihm der Gradmesser für die Bewertung seiner eigenen Persönlichkeit geworden.

Reisen und Wandern in den Ferien - schöpferische Pause und bewegte Ruhe! Denn die ruhelose Bewegung, die moderne Form des uralten Fern-wehs, ist nur ein paar Tage durchzuhalten. Die meisten treibt es bald wieder heim. Den einen, weil er 's satt hat, den andern, weil ihm das Geld ausgeht. Freilich, auch Ruhe allein ist noch nicht Erholung. Sie macht träge und unlustig. Erholung heisst: endlich einmal tun, was man schon lange tun wollte. Das ist bewegte Ruhe.

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