Vom Zürichsee zum Hohen Ron

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Mit 1 Bild und 1 Skizze.Von Walfer Höhn-Odisner

( Zürich ).

Weder von glanzvollen Hochtouren noch von kühnen Klettereien kann ich hier erzählen. Man muss sich damit begnügen, dem Verfasser im Geiste auf einer bescheidenen Tageswanderung zu folgen in einer Landschaft, die weder reich an eindrucksvollen Gegensätzen der Form und Farbe, wie etwa eines unserer Alpentäler, ist, noch irgendeines jener Naturwunder beherbergt, wie sie in hundertfachen Abwandlungen durch Stiche und Zeichnungen weltbekannt geworden sind.

VOM ZÜRICHSEE ZUM HOHEN RON.

Das Gebiet zwischen Hohem Ron und Zürichsee stellt geologisch und klimatisch einen Übergang dar zwischen Alpen und Mittelland, indem hier die bewegten Formen der Alpenfaltung in ihren letzten Wellen ausklingen. Das Steilgefälle der schroff aufgerichteten Felsschichten südlich der Sihl verschwindet nordwärts dieses seltsamen Flusses unter dem sanften Gewoge einer ebenso sonderbaren grünen Hügellandschaft, die an der Kante eines letzten Steilabsturzes gegen das Zürichseebecken ihr Ende nimmt.

Einen freien und ungehinderten Überblick über das Gelände der ehemaligen Herrschaft Wädenswil geniesst man am besten auf einem Spaziergang am rechten Zürichseeufer zwischen Meilen und Stäfa bei Morgenbeleuchtung. Die landschaftliche Zweigliederung ist jetzt augenfällig. Am Horizont erhebt sich die tannengekrönte Kette des Hohen Ron und Gottschalkenberges, in früheren Jahrzehnten einst durch jenes charakteristische 7 gekennzeichnet, das durch die optische Wirkung von Kammlinie und Kahlschlaggrenze erzeugt wurde. Weide- und Wiesenstreifen ziehen sich unter dem breiten Bergwaldbande durch, mit winkeligen und runden Ausbuchtungen mit diesem verzahnt erscheinend. Eine scharfe, von einem dünnen Waldsaum gezeichnete, tiefer gelegene Kammlinie, die von Schindellegi westwärts über Hütten streicht, trennt die ausgesprochen subalpine Berggegend von dem mit Obstbäumen dicht übersäten Hügelgelände, das wie ein grüner Teppich, der nur von wenig dunkeln Gehölzflecken unterbrochen wird, bis zum Seegestade hinunter vor unsern Augen aufgerollt liegt. Am jenseitigen Ufer des Sees, wo dieser zur grössten Breite sich weitet, spiegelt sich die Morgensonne in den Fenstern zweier schmucker Dörfer, Wädenswil und Richterswil. Wie die Namen schon andeuten, sind es Siedelungen alemannischer Herkunft: Weiler des Wado und des Richolt, wie Hoher Ron a io Rosibtrg lazo tffia f> Kiltoxmgm- Stadien des Linthglfhchers wahrend dtr Wurm-Eitzeif- Geologisches Profil vom Zürichsee zum Hohen Ron. Tektonik der Molasse nach Heim und Kleiber ( überhöht. ) auch die Mehrzahl der Flurnamen dieser Gemeinwesen auf denselben Ursprung zurückgeht. Wädenswil ist in den letzten Jahrzehnten eines der bedeutendsten Zentren der Industrie und des Geisteslebens der Zürcher Landschaft geworden, dan '; dem Gewerbefleisse und dem aufgeklärten Sinne seiner Bewohner. Eine starke Tradition für Freiheit und Unabhängigkeit, deren Wurzeln in die Jahrhunderte zurückreichen, da die Herrschaft noch unter der Vormundschaft der gnädigen Herren von Zürich steckte, ist noch heute unter der Bevölkerung am See oben lebendig geblieben.

Mehr seeaufwärts liegt Richterswil träumerisch in stiller Bucht, die sich bergwärts zu einem unvergleichlichen, natürlichen Amphitheater erweitert. Mit sanftgeschwungenem Rücken legt sich der Etzel an seinen obern Rand, über den hinweg unser Blick bis zu den leuchtenden Firnen des Glärnisch reicht. Bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts stand dieses Dorf im Mittelpunkt des Pilgt rverkehrs nach Einsiedeln. Nach einer langen Nachtfahrt von Zürich her, in den von kräftigen Ruderern gelenkten, ein-mastigen Ledischiffen, betraten die Wallfahrer hier wieder festen Boden. Nach einer Stärkung in den « Drei Königen » oder im « Engel », wo einst teller-förmig ausgehöhlte Tische mit angeketteten Löffeln zur Bedienung der Gäste bereitstanden, bewältigten die Pilger die letzte Rampe ihrer Fahrt zu Fuss. Noch trägt dort der alte ., von Dornenhecken eingerahmte Pfad gegen Schindellegi hinauf den Namen « Pilgerli ».

Die Gestaltung unserer Gegend hat sich in den zwei jüngsten Zeitaltern der Erdgeschichte vollzogen. Das Felsgestell des Untergrundes ist vor Jahrmillionen als Schlamm- und Geröllabsatz im Molassemeer der Tertiärzeit gebildet worden. Sandsteine, Nagelfluh und Mergel beteiligen sich in buntem Wechsel am Aufbau dieses Fundamentes. Einerseits deuten die mächtigen Nagelfluhbänke des Hohen Ron und Gottschalkenberges darauf hin, dass in jener fernen Zeit unser Gebiet am Rande des Deltas eines jener gewaltigen tertiären Ströme lag, die ihr Geröll von der damaligen, weit im Süden gelegenen alpinen Wasserscheide dem Meeresarm zuwälzten, der sich vom Wienerbecken her zwischen den Alpen und dem Granitmassiv der Vogesen und des Schwarzwaldes hindurch ins Rhonebecken erstreckte. Andrerseits zeugen die Braunkohlenflöze von Käpfnach am Zürichsee und vom Gottschalkenberg von gewaltigen Naturkatastrophen der Vorzeit, bei denen eine reiche Tier- und Pflanzenwelt der Vergangenheit vernichtet wurde, gleichzeitig aber in versteinertei Form bis in die Gegenwart erhalten blieb.

Im Verlaufe der letzten Alpenauffaltung am Ende der Tertiärzeit wurde die subalpine Randzone der zu Fels erstarrten, horizontal geschichteten Geröll-, Sand- und Schlammassen des einstigen Molassemeeres ebenfalls in Falten geworfen, deren Gewölbe zum Teil barsten und deren Gewölbeschenkel sich oft weit übereinander schoben. Durch nachfolgende Wirkung von Verwitterung und Erosion wurden vielfach die jüngsten Schichten der obern Süsswassermolasse abgetragen. So erscheint in den Steinbrüchen von Bach oberhalb Richterswil die ältere Meeresmolasse an der Oberfläche, und am Hohen Ron und Gottschalkenberg ist sogar der ganze Schichten-- komplex der noch altern untern Süsswassermolasse abgedeckt. Zwischen Sihl und Zürichsee bedingt der Verlauf der Felsschichten auch jene charakteristische Terrassierung, die in wechselnder Neigung besonders auffällig zwischen Horgen und Richterswil in Erscheinung tritt. Infolge einer letzten schwachen Schichtverbiegung gegen das Mittelland sind die einen Terrassen alpenwärts abfallend, ihre Fortsetzung wieder ansteigend.

Hat die Tertiärzeit das Material für die Grundformen unseres Landschaftsreliefs geliefert, so ist ihre feinere Ornamentik durch die nachfolgende Eiszeit und Postglazialzeit modelliert worden. Das Tal des Zürichsees mit seinen Gehängen lag vollständig im Bereiche des Linthgletschers. Mehrere Male — neuere Untersuchungen weisen auf fünf Eiszeiten — in vieltausendjährigen Zeitabständen wurde unsere Gegend unter dem immer wieder vorrückenden Eispanzer begraben. Auf Schritt und Tritt stossen wir auf die Ablagerungen dieser Gletscherzeiten, deren Geschiebe sofort die Herkunft der Eismassen verraten. Rote Ackersteine ( Sernifite ) und etwas seltener dunkelviolette Melaphyre übernehmen gewissermassen als Hauptleitgesteine die Rolle als untrügliche Heimatscheine für die Herkunft aus dem Glarnerland. Wer sich ein Bild von der Mannigfaltigkeit der erratischen Gesteine einprägen will, der verweile auf einer Wanderung durch unser Gebiet einige Augenblicke vor einer alten Gartenmauer oder der gemauerten Einfahrt einer Scheune oder besuche eine der zahlreichen Kiesgruben, die wie klaffende Wunden in die grünen Kuppen und Raine der Hochfläche geschlagen sind.

Auf diesem breiten Plateau von Samstagern-Hütten-Schönenberg-Hirzel-Menzingen sind im Verlaufe der verschiedenen Eiszeiten gewaltige Schuttmassen durch die Gletscher angehäuft worden. Diese streichen teils als Wallmoränen in parallelen Zügen, die sich vom Horgenerberg an alpenwärts fächerartig verzweigen und durch langgestreckte Grundmoränenmulden voneinander getrennt bleiben; teils ist das Geschiebe durch ausgedehnte Toteiswirkung zu kegeligen Kuppen gehäuft, am grossartigsten in den Gemeinden Menzingen und Neuheim. Durch die Wirkung der Gletscherbäche und Eisstauseen wurden geschichtete Schotter ins Gehänge eingelagert, die je nach dem Alter ihrer Entstehung locker oder verkittet sind. Fast gänzlich von der Bildfläche verschwunden sind die Tausende von grossen und kleineren erratischen Einzelblöcken, die ursprünglich an der Oberfläche zerstreut dalagen. Der Mensch hat sie zum Bau seiner Wohnstätten verwendet.

Am obersten Gehänge der Hohe-Ron-Gottschalkenberg-Kette, von 1100 m an, sind keine Spuren von glazialen Ablagerungen mehr zu entdecken. Vermutlich ragte dieser Teil des Berges auch zur Zeit der maximalen Vereisung aus dem Eismeer heraus wie etwa ein Nunataker Grönlands.

Nach diesen einleitenden geologischen Ausführungen wollen wir nun eine Wanderung durch unser Gebiet antreten. Die Route, der wir folgen, kann leicht auf jeder Siegfriedkarte ( Bl. 228, 242, 191 ) aufgefunden werden. Sie ist so gewählt, dass dem Besucher ein möglichst vielseitiges Bild der Landschaft vermittelt wird in bezug auf Natur, Wirtschaft, Geschichte und Volkskunde. Wenn wir unsern ursprünglich gewählten Standpunkt auf dem rechten Ufer verlassen und uns per Schiff dem linken Ufer nähern, dann wird unser Blick bald durch einen lieblichen Fleck Erde gefesselt, der als grüne Kuppe aus dem sc hilf umkränzten Ufer emportaucht: die Halbinsel Au. Ihre Form erinnert an einen aus dem Wasser ragenden, halb auf den Strand geworfenen WalfischJiörper. Ihr Inneres birgt einen zu lockerem Fels verkitteten Schotter, der während einer altern Vergletscherung in einem vorübergehend hier gebildeten, zwischen Gletscher und Bergflanke liegenden Eisstausee von Gletscherbächen abgelagert wurde. Die in späterer Zeit nachfolgenden Gletschervorstösse haben dann den Schotter durchpflügt und schliesslich diesen drumliriähnlichen Rundhöcker herauspräpariert, der zunächst als Insel dalag und erst in der Nacheiszeit durch Verlandungsvorgänge am Südufer zur Halbinsel wurde. Historische und poetisch idyllische Erinnerungen verknüpfen Gegenwart und Vergangenheit. Zwischen den Bäumen des wohlgepflegten Augutes schritt einst die Gestalt des legendär gewordenen Generals Werdmüller, und vor nahezu zweihundert Jahren hat an diesem Gestade der junge Klopslock im Kreise seiner begeisterten Zürcherfreunde jenes hohe Lebensglück empfunden, wie es aus seiner kurz nachher entstandenen Ode an den Zürichsee herausklingt.

Vom Dorfe Wädensv,il folgen wir der sanft ansteigenden Einsiedler Strasse, auf die von rechts her das landvögtliche Schloss herniederblickt, jetzt als eidgenössische Versuchsanstalt eine Stätte der Wissenschaft und landwirtschaftlichen Praxis. Da, wo das Reidbachtobel in einen Stauweiher ausmündet, verlassen wir die breite Landstrasse und folgen links dem Pfade, der uns in die grünen Hallen der zürcherischen Staatswaldung Reidholz führt. Wie so manches Gehölz im schweizerischen Mittellande erfährt auch dieses eine innere Erneuerung auf Grund moderner forstwirtschaftlicher Methoden. Noch erinnern viele Zeugen an vergangene Wirtschaftsregeln des vorigen Jahrhunderts: Reinbestände von in Reihen gepflanzten Fichten-forsten, Weimutskiefern, Sequoien, Douglasien, ja sogar Edelkastanien — wenigstens noch in Stockausschlägen — alles Fremdlinge, von denen man damals glaubte, sie würden mehr Nutzen abwerfen als unsere einheimischen Bäume. Die heutige Durchforstung und Lichtung wird nach dem Prinzip der Hochdurchforstung durchgeführt unter Begünstigung der Buche gegenüber den Nadelhölzern.

Nach einem viertelstündigen Anstieg durch den Waldesschatten gelangen wir in die Nähe des südlichen Waldrandes. Überrascht bleiben wir plötzlich stehen; denn durchs Tannengeäst hat unser Auge altes Gemäuer entdeckt. Nach wenigen Schritten über einen steilen, gestuften Pfad haben wir die von Pflanzengrün überwucherten Ruinen der Stammburg der Freiherren von Wädenswil erreicht, deren Geschichte uns ins 11. Jahrhundert zurückversetzt. Vom südwärts gelegenen Hügelrande überblicken wir die gewaltige Burganlage, die auf den natürlichen Bastionen eines alteiszeitlichen Schotters errichtet wurde. Als Wesipfeiler schaute einst der älteste ritterliche Wohnturm weit über die Waldeswipfel nordwärts über See, Stadt und Zürcher Oberland, nach Süden über die Hügellandschaft des Richterswiler- und Wädenswilerberges bis an den düstern Waldkamm der « langen Egg », wie früher der Hohe Ron hiess. Nach dem Niedergang des Rittergeschlechtes übernahm der Johanniterorden 1287 Schloss und Herrschaft, errichtete nebenan das grosse Herrenhaus und die gewaltigen Vorwerke. Doch auch sie vermochten den Besitz auf die Dauer nicht zu halten. 1549 ging die Herrschaft Wädenswil durch Kauf an die Stadt Zürich über zum grossen Verdrusse des Standes Schwyz, der das Gebiet selbst gern zu eigen genommen hätte. Infolge seiner Einsprache erreichte er allerdings, dass die Zürcher die Burg 1557 abtragen mussten, um sich nicht derselben als Bollwerk gegen Schwyz bedienen zu können. Seither ist die Burganlage leider immer mehr zerfallen, indem sie von den Bewohnern der umliegenden Gehöfte als Steinbruch verwertet wurde. Dass die Ruine heute gewissermassen neu erstanden und restauriert ist, verdanken wir einigen Freunden der Heimat aus Wädenswil, die mit Unterstützung der Antiquarischen Gesellschaft Zürich und des Schweizerischen Burgenvereins sowie der eidgenössischen und kantonalen Regierungen diesen Zeugen der Vergangenheit vor völliger Vernichtung gerettet haben.

Ritter und Ordensbrüder sind längst von der Bildfläche verschwunden. Noch leben sie aber in der Volkssage weiter. Wer in stürmischer Dezember-nacht in der Woche vor dem Christfest sich im Finstern zwischen die Ruinen zu schleichen wagt, der soll ein unterirdisches Rollen vernehmen. Die Geister der gepanzerten Ritter und bekutteten Ordensbrüder üben sich in einem unterirdischen Gange im Kegelspiel mit einem goldenen Kegelries.

Lassen wir dieses Gold in der Tiefe, noch keiner hat es zu heben vermocht, und freuen wir uns an dem Golde, das uns aus hundert Blütenkörbchen des Habichtskrautes von den Mauernischen entgegenstrahlt, umrahmt von den zierlichen Wedeln des Milzfarns und emporrankendem Efeugeäst, zwischen dem grün schillernde Eidechsen dahinhuschen.

In der Tiefe zieht die Einsiedler Strasse am Burghügel vorbei und lädt uns zum Weiterwandern ein. Doch schlagen wir zunächst einen kleinen Umweg ein über das Schotterplateau von Altschloss nach der Station Burg-halden, um jenen entzückenden Blick auf den Uferzirkus von Richterswil zu geniessen. Wer anfangs Mai von hier herniederschaut, der erlebt einen Blütentraum von unbeschreiblicher Pracht, umrahmt von der Bläue des Sees, der sich bis hinauf zur Rosenstadt Rapperswil dehnt und auf dem Huttens Eiland wie eine ferne, grüne Arche zu schwimmen scheint.

Klingt es auch hier nicht wieder wie von einer fernen Sage in unserm Ohr? Aber andere Geister werden wachgerufen als in jenen Ruinen: Goethe, Heinrich Pestalozzi, die beide ihren Fuss auf die Schwelle des Doktorhauses Hotze in Richterswil einst gesetzt. Und auf dieser Höhe, wo wir jetzt bewundernd stehen, hat einst Meister Gottfried Keller als junger Maler das liebliche Landschaftsbild mit seinem Zeichenstift festgehalten. In neuester Zeit ist dieser schöne Fleck Erde in einem Blütenstrauss tiefempfundener mundartlicher Lyrik vom Zürcher Dichter Ernst Eschmann verherrlicht worden, dessen Vaterhaus mitten aus dem Obstbaumwald ob dem Dorfe hervorguckt.

Bergwärts weiterwandernd, erreichen wir beim Gehöft Schwanden wieder die Einsiedler Strasse und gleichzeitig die erste grosse Molasseterrasse. Der Name des genannten Gehöftes deutet auf die Art der Waldrodung durch Feuer in alemannischer Zeit und kehrt gleichfalls in den hier vorkommenden Flurnamen Gschwend, Oedischwend, Oerischwand wieder. Als ausgesprochene Rodungsnamen finden wir in unserm Gebiet mehrfach Grüt und Rüti in mannigfaltiger Zusammensetzung mit ortsbestimmenden Beiwörtern. Im übrigen muss man mit der Deutung von Orts- und Flurnamen, wie wir sie aus der Siegfriedkarte herauslesen, sehr vorsichtig sein, da dieselben aus verschiedenen Gründen nicht immer mit den historisch überlieferten Namen übereinstimmen. So sind seit etwa sechs bis sieben Jahrzehnten hier oben auf Wunsch der Anwohner folgende Flurnamen — wohl aus « ästhetischen » Gründen — umgewandelt worden: « Frohberg » statt « Kleiner Esel », « Grünen-feld » statt « Grosser Esel », « Hinterm Sternen » statt « Am Strick », « Neumühle » statt « Lölismühle », « Neubad » statt « Säubad », « Neuhof » statt « Pöschen ».

Bei den Häusern « zum Sternen » erreichen wir die Grenze des Kantons Schwyz. Von Richterswil herauf bis zum hier gelegenen Stauweiher verläuft sie als natürliche Grenzscheide im Bachbett des tief in Moränenmaterial eingeschnittenen Mühletobels, zieht sich dann weiter südwärts über Wiesen, Riede, Raine hinauf zur Sihl. Wir stehen hier wiederum auf einem Gelände, das zahlreiche Erinnerungen aus der eidgenössischen Geschichte in uns wachruft. Aber es waren rechi trabe und unerfreuliche Begebenheiten aus den Zeiten eidgenössischer Bruderkriege. Im Jahre 1656, während des ersten Villmergerkrieges, war dieses zürcherische Grenzgebiet den Einfällen und Brandschatzungen der innern Orte preisgegeben. Um weitern Verwüstungen Einhalt zu gebieten, liess die Zürcher Regierung kurz nachher dicht der Grenze entlang ein System von Schanzen errichten, die bei Kriegsgefahr mit Truppen besetzt wurden. Die unterste dieser Schanzen liegt beim Gasthaus zum Sternen und ist noch vollständig erhalten als Wallviereck. Für die Anlage dieser Erdwerke eignete sich die hügelige Landschaft ausgezeichnet. So wurden denn die am stärksten über das Umgelände sich erhebenden Wallmoränen in Verteidigungsstellungen umgewandelt. Die weiter südlich gelegene Eichschanze bei der Station Samstagern ist vor einigen Jahrzehnten völlig ausgeebnet worden. Von der Bellenschanze am Hüttner See blieb nur noch der nördliche Wall erhalten. Die wundervoll auf der Wasserscheide gegen die Sihl gelegene Hüttner Schanze wird heute von einem Wäldchen gekrönt. Auch die Schwyzer legten ihrerseits beim Itlemoos, der Bellenschanze gegenüber, ein starkes Erdwerk an. Im zweiten Villmergerkrieg von 1712 verstärkten die Zürcher ihre Schanzen und legten weiter rückwärts auf den Moränen von Segel, Wolfbühl, Baalet neue Erdwerke an, ebenso bei der Kirche Schönenberg. Mehrmals kam es hier zu Kampfhandlungen. Auch zur Zeit des Unterganges der alten Eidgenossenschaft 1798 spielten die Schanzen eine Rolle beim Angriffe der Franzosen auf Schindellegi, und 1799 lieferten sich hier Franzosen und Österreicher kleinere Gefechte. Namentlich der gewaltige Moränenhügel der Laubegg am Hüttner See spielt in den mündlichen Überlieferungen, die sich in den alteingesessenen Familien unserer Gegend noch erhalten haben, eine grosse Rolle. Aber auch andere sichtbare Zeugen jener schlimmen Zeit werden hie und da aufgefunden. So hat mein Vater auf seinem Heimwesei: am Hüttner See drei Fünfpfünderkanonenkugeln beim Pflügen zutage gefördert, und ein alter verrosteter Säbel, der von jeher in unserer Scheune im Herbst zum Ausschaben der Obstmühle verwendet -L; i .;-.i worden war, entpuppte sich bei der Reinigung als österreichischer Kürassier-säbel mit eingravierter Passauer Wolfsmarke.

Zum letzten Male spielten die Zürcher Schanzen eine strategische Rolle im Sonderbundskrieg von 1847. Da ein Angriff der sonderbündischen Truppen von Schindellegi aus im Bereich der Möglichkeiten lag, wurden die Befestigungsanlagen neuerdings verbessert und mit eidgenössischen Truppen besetzt. Dass es damals hier nicht besonders gefährlich zuging, mag folgende Tatsache belegen: Durch die Ereignisse wurden namentlich an Sonntagen viele Neugierige aus dem Zürichbiet in die Nähe der Schanzen gelockt. Das bewog meinen Urgrossvater, der neben seinem Bauerngewerbe eine Wirtschaft an der « Egg » betrieb, jeweilen mit einigen Fass Wein in die Nähe der Bellenschanze zu ziehen, um sie dort auszuschenken, während man sich hüben und drüben mit wenig schmeichelhaften Schimpfwörtern überschüttete oder zeitweise eine Bleikugel über die Köpfe hinwegpfeifen liess. ( Fortsetzung folgt. )

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