Von der 3. Ausstellung alpiner Kunst in Bern

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Ein erster Eindruck.

Sie wünschen, lieber Freund, zu vernehmen, welchen Eindruck ich von dieser Bilderschau empfangen habe. Die Antwort wird mir leicht und schwer. Leicht insofern, als ich für Bergbilder von jeher eine fast gefährliche Zuneigung habe und sie nie mehr los werde. Mir geht einfach das Herz auf bei ihrem Anblick, fast genau so, wie wenn ich in den alpinen Naturtempel selbst trete und den Atem anhalten muss, ob ich will oder nicht. Ganz schwer fällt es mir, wenn Sie erwarten, mein bisschen Kunstgefühl reiche aus für eine Bewertung des Geschauten; denn ich habe eine Art Gruseln vor allem Bewerten, das doch immer wieder im Zeichen der Relativität steht. Sie kennen ja den weisen Spruch: de gustibus non est disputandum.

Ihr Bedenken, dass eine solche Ausstellung gegebenermassen mit Einseitigkeit behaftet sein könnte und der besondern Neigung des Bergfreundes entgegenkomme, ist verständlich. Allein, stellen Sie sich eine grosse Sammlung von Liebesliedern vor, werden Sie dann nicht finden, ein jeder Dichter habe seine eigene Haltung? So ist es auch bei den Malern dieser Ausstellung. Selbstverständlich ist die künstlerische Haltung eine graduell verschiedene. Nicht jeder gibt seinem Thema eine leicht verspürbare Sondernote, hat doch keiner das gleiche Auge, dasselbe Temperament wie sein Nachbar. Ich greife zwei Bergsteigerbilder heraus: das eine zeigt den stufenhackenden Alpinisten in der von grellem Sonnenlicht, graublauen Schatten und Felsrippen durchzeichneten Eiswand, das andere in mythischer Dämmerung unter verdüsterten, rätselhaften Felsgestellen zum Bergwald absteigende Kletterer. Dort leicht verständliche Gegebenheit und einfache Betonung des Motivs — hier Urweltliches, der Phantasie Geöffnetes, Geheimnisvolles. Ich wähle zwei Landschaften: die eine gibt die Berner Alpen in überklarem, stechendem Mittagsglanz, mit gelblichgrüner Matte davor; das andere nennt sich Rohrbachstein, es brauchte gar nicht so zu heissen; denn es erfasst die Landschaft im verdunkelten Urzustand, jedes organischen Lebens bar. Jenes kam mir ein wenig hart und herzlos vor, dieses machte mich traurig und muss aus dem schmerzhaften Wissen um Werden und Vergehen, um Aussermenschliches entstanden sein.

Lieber Freund, diese zwei Beispiele wollen Ihnen nur andeuten, wie grundverschieden alpine Landschaft erlebt und dargestellt werden kann und wie ungleich Herz und Auge des Ausstellungsbesuchers reagieren. Ich fühle mich befangen und wage kaum, noch etwas zu sagen, das Sie als der Kunst Näherstehender nicht schon wissen.

Die Alpen — 1940 — Les Alpes.10 Der Berg oder der Gipfel ist ein oft behandeltes Thema, doch kein leichtes. Es gibt Tausende von kleinen und grossen Bergen, aber nicht jeder kann den Künstler ergreifen und zur bildlichen Gestaltung locken; er muss etwas Besonderes an Inhalt und Form haben und in einer besonderen Atmosphäre und Jahreszeit stehen. Wie oft fragt sich der aufmerksame Bergwanderer nur im Ablauf eines Tages: Ist das noch derselbe Berg? Wie schwer muss es nun für den Künstler sein, einen Berg so im Bilde festzuhalten, wie er ihn zu einer bestimmten Stunde, ja nur in wenigen Minuten gesehen und erlebt hat! Wie leicht läuft ihm der Berg davon, und wie leicht versagt das aus der Erinnerung nachschaffende Gedächtnis! Darf der Künstler den Berg vergewaltigen? Darf er ihn zur Vision entrücken? Warum nicht? Er muss uns Laien nur vom Glauben daran überzeugen können, denn auch wir haben eine kleine Ahnung von Was, Wie und Warum und lassen uns gerne führen und rühren. Ein bis in alle Einzelheiten vorgestellter Berg wird manchem Besucher mehr gefallen als ein ins fast Unwirkliche ent-rückter. Warum? Er will ihn leicht erkennen, denn er hat ihn schon in der Nähe gesehen und freut sich nun, ihm als einer vertrauten Erscheinung wieder zu begegnen. Gegen dieses Gehaben kann man nichts einwenden. Wenn ein Mensch sich porträtieren lässt, will er sich im Bilde wiedererkennen, diesen Anspruch darf man machen. Wie steht es aber um die Seele? Hat der Berg eine Seele? Ich glaube es, und wenn es auch nur die wäre, die wir ihm aus der eigenen geben. Der Berg muss im Bilde leben. Ich denke dabei an einen winterlichen Voralpengipfel, der mir zuerst als zu naturgenau gezeichnet und gemalt erschien, aber bei neuem Betrachten ein ergreifendes, von schweren Schicksalsschlägen zerquältes Antlitz wurde. Dem plakat- mässig hingestellten Berg glaube ich selten begegnet zu sein.

Nun steige ich, lieber Freund, vom Berg hinunter auf den Mugel, wie der strenge Bergsteiger sagt, auf den Hügel, eigentlich hätte ich es umgekehrt machen sollen. Da unten ist es nicht minder interessant und schön, vielleicht sogar schöner, reicher und einladender. Hier sind die Standorte, wo schon alte Alpenmaler ihre Staffelei aufgestellt haben und es auch die jungen immer wieder tun. Hier öffnete sich dem Auge der grosse Bergkranz, das Alpental; hier sieht es den temperamentvollen Bergbach, den ruhigen See, den lichten Alpenwald, die wellige Bergweide; von hier aus lässt sich das Winterbild am besten malen. Oder nicht? Eine Fülle von Bildern schenkt uns die Berner Ausstellung aus diesem Bereich. Der eine Maler fühlt sich gedrungen, eine Landschaft mit topographischer Treue und Sorgfalt wiederzugeben. So sah ich einen Beschauer, der seiner Begleiterin mit Vergnügen jeden einzelnen Berg über dem Brienzersee bezeichnete. Ein anderer Künstler neigt zum Sentiment und Idyll, ein dritter fasst eine weite Schau zusammen und erreicht durch ihre Vereinfachung eine sichere Komposition in Farbe und Form, ihn zwingt die Tiefe, die Ab- stufung von vorn nach hinten, das Spiel des Lichtes zu grösster Strenge. Der Maler der Kaiseregglandschaft in Grün stellte sich in dieser Hinsicht eine schwere Aufgabe. Ich persönlich liebe die kleinen Landschaftsausschnitte der Voralpen mehr als die sogenannte Vue, bei welcher doch die Gefahr besteht, zu vieles zeigen zu wollen. Sie haben mich deswegen einmal getadelt, lieber Herr Doktor, aber ich kann es nicht ändern. Ich sah ein Felsentälchen im Spätherbst in Rotbraun, ein Stücklein gelbe Weide daneben, darüber einen tiefblauen Himmel mit einem neckischen Weisswölklein — kein grosses Thema, aber bestechend gelöst. Vom Bergbach hätte ich auch gern noch was gesagt, aber das ist zu sehr persönliche Liebhaberei von mir.

Da es sich um eine Ausstellung alpiner Kunst handelt, werden Sie verwundert sein, dass sich auch der Jura eingeschlichen hat, selbstredend nur ganz bescheiden, man muss ihn schon suchen. Übrigens kann man vom Jura aus die Alpen wie ein grosses, fernes Traumbild geniessen, wenn z.B. ein Nebelmeer das Mittelland verhüllt. Das Bild einer Pferdeweide in den Freibergen schien mir auseinanderzufallen; von dem Gemälde « Trüber Tag » sagte mein kritischer Begleiter: Kein Bluff, sitzt. Als Jurabub freute ich mich darüber.

Von den beiden frühern Ausstellungen alpiner Kunst habe ich Ihnen geschrieben, dass Tier, Pflanze, Mensch, Hütte, Bergdorf etc. zu wenig Maler gefunden hätten. Es ist auch diesmal wieder so. Vielleicht werde ich Ihnen darüber noch was schreiben, ebenso über meinen Eindruck von den graphischen Darstellungen, die man wohl wegen Platzmangel in die untern Räume der Kunsthalle geschoben hat.

Verlangen Sie von mir ja nicht, dass ich ein sogenanntes Gesamturteil fälle. Das darf ich nicht, weil ich nur Laie bin, und ausserdem ist die Vielfalt der Ausstellung derart, dass ich sie ein wenig wirr verlassen habe. Doch das muss ich Ihnen gestehen: ich fühlte mich reich beschenkt davon. Mir war sonntäglich zumute wie zu hoher Stunde in den Bergen. Ist es nicht schön, zu wissen, dass so viele Künstler unseres Landes Abbild und Gleichnis schaffen und uns Nachfühlenden damit Genuss und Gewinn bereiten! Auch darüber freue ich mich immer wieder, dass der Schweizer Alpenclub sich zur edlen Aufgabe gemacht hat, durch das Mittel periodischer Ausstellungen die einheimische alpine Kunst zu befruchten und zu fördern.

Gehen Sie nun selbst nach Bern, lieber Freund, Sie werden es nicht bereuen. Kaufen Sie was Gutes und schreiben Sie mir dann von Ihrem Eindrucke.

Allzeit Ihr E.J.

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