Von einer Skitour auf den Mont Blanc

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Mit 2 Bildern ( 179, 180Von Paul Thürer

( Zürich ) Tausende haben ihn bestiegen, Hunderte ihn beschrieben, den Mont Blanc, jeder aber hat ihn auf seine eigene Weise erlebt. Von meiner Begegnung mit ihm will ich berichten.

Meine Mont-Blanc-Tour hat eigentlich in meiner Kindheit angefangen. Ich erinnere mich, auf einer der Karten, die mein bergliebender Vater stets zur Hand hatte, die Höhenquote entziffert und mich verschwiegen gefragt zu haben, ob ich da einmal hinauf könne? Das war die Geburtsstunde der Tour, und wenn ich später, über Karten gebeugt, im Geiste in die Berge zog, streifte mich immer eine leise Ahnung, sobald mein Blick auf den Berg der Berge fiel, dessen Name damals so zauberhaft tönte. Als dann die Jahre der Erfüllung mancher bergsteigerischer Wünsche kamen, da reichten doch vorerst nur die Gedanken so hoch und so weit, nicht aber die Mittel. Jahre kamen und gingen. Schon machte ich mich mit dem Entsagen vertraut, als ein Kamerad, seine berggewohnte Freundin und ich uns zu einer Besteigung des Mont Blanc verbündeten. Man schrieb Mai 1955.

Aber ein Vorspiel muss noch erwähnt werden. Dieses ging im April 1955 anlässlich einer Osterreise nach Italien vor sich. Da geschah es, dass wir unweit vom Lago Varese, etwas erhöht über diesem, die Alpen in überirdischer Pracht über die oberitalienische Ebene erstrahlen sahen. Kein Berg aber leuchtete so wie der Mont Blanc inmitten der gewaltigen Bergwelt! Das war nun nicht nur das « blendende Spitzchen », das lockt und ruft, das war die Allmacht des Berges, der bezwingt, ehe man ihn gewinnt. Das war eine Majestät unter den Bergen! Und wenn ich in den folgenden Tagen Dome und Palazzi, Statuen und Gemälde schaute, so ragte dahinter und darüber stets der Mont Blanc. Das Kunstschöne und das Naturschöne vermischten sich geschwisterlich.

Die Alpen - 1956 - Us Alpes25 Ein wenig verheissungsvoller, regnerischer und verhangener Tag sah uns von Genf her Sallanches zurollen. Wolken jagten und wurden gejagt. Plötzlich aber gaben sie Felsen und Gletscher frei. Wie hoch das ist! Der Mont Blanc? Da schiebt sich eine letzte Wolken-kulisse weg. Noch gigantischer, noch unnahbarer türmt der Berg sich in den grauen Himmel! Jetzt erkennen wir ihn - aber schon hüllt er sich wieder in die Wolken ein.

Chamonix. Regen. Aussicht auf einen unfreiwilligen Ruhetag. Da gibt es weiter nichts zu erzählen. Jedoch am Morgen steigen die Nebel und lichtet sich das Gewölk. Der Mont Blanc zeigt sich in seiner ganzen Pracht! Wir schultern Sack und Ski und begeben uns, wie geplant, auf eine Trainingstour. Es geht die Matten und Wälder hinan und den Schienen der Zahnradbahn entlang, die nach Montenvert führt, im Winter aber nicht fährt. Rastend entledigen wir uns bei der Endstation der schweren Säcke und halten gemächlich Ausschau. Zu unsern Füssen kriecht bereits der Gletscher zu Tal, zu Häupten aber, da ist die für uns neue Bergwelt. Gotischer anmutende Berge sah ich nie. Türme, Nadeln und Platten schiessen in einer Unzahl zum Himmel auf, als müssten sie das Firmament stützen. Eine bizarre Laune der Natur hat die zierlichsten dieser Spitzen geklöppelt. Die Aiguille du Dru aber ist die Verkörperung des Gedankens eines Titanen. Sie ist ein einziger, ungeheuerlicher Aufschwung, der dem Auge kaum einen Halt bietet. Dass sie unten von Nebelschwaden umbrandet und die Spitze in ein seltsames, rötliches Licht getaucht hat, verstärkt den Eindruck des Gewaltigen, das sich der Erde entreisst. Für eine Weile stellt sich das Gefühl des Unheimlichen ein, das aber bald dem ganz andern, Guten weicht: dieser Pfeiler weist auf zu Gott! Dann wandern wir still und klein weiter, der Requinhütte zu, unserm heutigen Tagesziel, vorbei an den Eishäuptern, welche die Namen Mönch, Bischof und dergleichen tragen. Etwas asketische Züge haben sie allerdings. Gewaltig ist die Aiguille de Tacul, bei der sich zwei Eisströme scheiden, die ihrerseits wieder von prachtvollen Bergen umkränzt sind. Es ist zu schön, um müde zu sein. Erst der letzte Steilanstieg vor der Hütte, mit dem kräfteraubenden Spuren im Neuschnee, gibt uns zu schaffen. Dann halten wir guter Dinge Einzug und machen Bekanntschaft mit der ersten französischen Hütte. Nun, wir haben in der Schweiz von einer Hütte etwas andere Vorstellungen! Andere Länder, andere Sitten...

Strahlend bricht der Morgen an. Er sieht uns zeitig dem Col du Géant zustreben. Wieder fesselt eine sich aufreckende Nadel, die Aiguille du Géant, auf fast magische Weise den Blick. Sie ist frech und keck, sticht unbarmherzig ins Blau und hat wohl noch nicht viele Sterbliche auf ihr geduldet. Doch dann nimmt einen eine Schneekuppe auf der andern Seite gefangen. Links von ihr ein mächtiger Grat, davor ein First mit einer ganzen Anzahl feinst gedrechselter Dachreitertürmchen, rechts Eisabbrüche. Die riesige Kuppe aber kann nur der Mont Blanc sein, so hoch, himmelnah, reinweiss und unberührt! Und wieder spürt man einen frommen Schauer, verbunden mit einem bangen Gefühl, das zur Frage wird: Willst du wirklich da hinauf, ist das nicht vermessen von dir, du Menschlein? Doch wir gleiten weiter ins Weisse, hinauf zum Pass, tun einen Blick hinunter nach dem italienischen Courmayeur, wo es üppig grünt. Wollen wir nicht lieber dort hinab, in die Wärme? Man reisst sich los vom verführerischen Tief blick, schaut eine Weile den Arbeitern zu, die hier oben an einer Schwebebahn bauen, die, einmal erstellt, den genannten Ort mit Chamonix verbinden soll, mit einem höchsten Punkt auf 3800 Meter über Meer. Die Ehrfurcht vor den Bergen schwindet zusehends.

Eine wundervolle Abfahrt lässt uns alles betrübliche Sinnen, ja überhaupt alles Denken vergessen. Wir sind bloss der Fahrt und der reinen Schau hingegeben. Auf Spalten muss man hier und heute kaum aufpassen. Dieser festlichen Ouvertüre folgt ein ebenso wundervoller erster Akt! Halbwegs zur Hütte machen wir uns, da wir noch gut bei Kräften sind und die Sonne noch lange nicht im Zenit steht, nach dem Col du Midi auf. Nach zwei Stunden stehen wir auf 3600 m, verköstigen uns vortrefflich bei den Arbeitern, die auch hier eifrig am Bauen sind, aber sich wie Verbannte fühlen und jeden Touristen freundlich begrüssen, und wir erkunden den hier vor uns liegenden Aufstieg zum Mont Blanc. Nach der Karte müsste ein Auf- und Durchstieg möglich sein, über den Mont Blanc du Tacul und unter dem Mont Maudit querend. Ein Arbeiter widerrät uns. Er weiss von sehr schlechten Verhältnissen zu berichten, die kurz zuvor von einer Partie angetroffen worden seien. So entschliessen wir uns für die Normalroute über die Grands Mulets. Gegend Abend fahren wir ab, der Hütte zu. Der Schnee lässt hier zu wünschen übrig; vor allem kommen meine Begleiter mit den Sommerski im hochwinterlichen Schnee sehr schlecht voran. Ein gutes Nachtessen und ein wackerer Schlaf sollen uns zu neuen Taten stärken. Indes schneit es am andern Morgen, als wollte es Weihnacht werden. Im Nu liegen 30 cm Neuschnee. Doch wie ein Wunder bricht gegen Mittag die Sonne durch, worauf wir, gutes Wetter für morgen witternd, die Hütte eilig verlassen und rasch zu Tal fahren wollen. Aber Spalten gebieten ein Halt. Zurücksteigen, traversieren, sichern, Séracs umgehen, wieder eine Schneebrücke suchen. Eine Stunde zerrinnt darob, bis dann der Gletscher freie Fahrt gibt. Erst weit unten müssen wir nochmals einen Umweg machen, worauf wir, vom Gletscher nach Montenvert aufsteigend, wieder in die Aufstiegroute einmündeten. Die Kaiserin Joséfìne war einmal dort. Es fiel mir ein, gelesen zu haben, dass sie dazu nicht weniger als 68 Führer und Träger benötigt habe. Wir fühlen uns wenigstens kaiserlich, als wir über herrlichen Schnee und Lawinenzungen zu Tal gleiten. Es ist ein einziges Fest des Schwingens!

Reichlich müde kommen wir in Chamonix an und gehen mit den Hühnern zu Bett. Doch mit dem ersten Hahnenschrei sind wir wieder munter. Nun gilt es!

Zunächst haben wir allerdings nichts anderes zu tun, als auf die, erst provisorisch betriebene, Schwebebahn zu warten, die nach unsern Erkundigungen etwa eine Stunde früher hätte abfahren sollen. Sie trägt uns dann aber doch auf 2400 m hinauf, so dass wir bis zu unserm Ausgangsquartier, der Grands-Mulets-Hütte, nur noch 600 Meter aufzusteigen haben, aber uns gehörig erwärmende 600 Meter, teils über harten Schnee, teils durch ein unglaubliches Spaltengewirr! So prächtig die Hütte auf einem Felsen thront, der an einer Stelle Farben wie der Dom von Siena aufweist, so erschreckend ist ihr baulicher Zustand. Das Innere spottet jeder Beschreibung. Alles ist im Zerfall, alles unvorstellbar schmutzig. Niemand wäscht Geschirr ab, Holz hat es nicht, von den Decken tropft es, die Fenster sind zum Teil eingeschlagen. Auf der Karte heisst es aber pompös: « Hôtelerie des Grands Mulets! » Dem Vernehmen nach soll hier eine neue Hütte entstehen, wozu aber das Geld fehlt. Wir schicken uns mit Galgenhumor ins Unvermeidliche, zollen unserer Schweizerart den Tribut, indem wir Ordnung machen und Geschirr waschen, und legen uns dann schlafen. Die Gedanken wollen lange nicht zur gewohnten Ruhe kommen: Wie wird es gehen? werden wir vor dem Berg bestehen? Und die Eislawinen, deren eine bei Sonnenuntergang mit unheimlichem Dröhnen vom Col du Midi niederfuhr, worauf eine noch unheimlichere Stille eingetreten war?

Anderntags um 5 Uhr nehmen wir den Aufstieg unter die Ski und seilen uns bald an. 1800 Meter Höhendifferenz liegen vor uns, aber auch ein blendend weisser Gipfel, der im Licht des anbrechenden Tages etwas Schemenhaftes besitzt. Und dieses Wetterglück! Das bedeutete das halbe Gelingen.

Steigen und steigen über endlose Hänge und schwindlige Schneebrücken. Spuren und spuren durch schuhtiefen Schnee und über Verwehungen. Weiter oben tun die Harscheisen gute Dienste. Man denkt sich allerlei; etwa wie vollkommen rein die Linien und Flächen der Wächten ineinander spielen; wie die Séracs die Chimären der Gletscher sind oder Aus- gestossene, die der Berg gern los hätte, aber doch dulden muss; wie der Schnee die gebrochene Ungestalt der Steinwelt einebnet und auf einfachste Formen zurückführt; wie die beiden Ski zwei gute Kameraden sind, eins auch mit mir; und so noch mancherlei. Aber das Denken wird müde, wie schon lange zuvor auch die Schaulust sich legte. Es gibt fast zu viel zum Schauen: riesige, furchterregende Spalten und Schrunde, deren farbig schimmernde Wände das Grauen in einem nur wenig mildern, Eistrümmer wie kleine Häuser so gross, vor allem aber ragende Berge und die beiden alles beherrschenden Grundfarben: das Blau des Himmels und das Weiss des Schnees.

Die Vallothütte auf dem Grat, in 4400 Meter, will nicht näherrücken, und doch ist sie es, die in dieser unwirtlichen Schneewüstenei den Menschen zu sich emporzieht und ihm Ruhe verspricht, so enttäuscht man auch ist, wenn man dann die Metallkonstruktion und die Verankerung mit Stahlseilen trifft. Auch die Inneneinrichtung ist aus Metall, wohl um gewisse Berggänger nicht auf den Gedanken zu bringen, das Brennbare zu verheizen. Das Ofenrohr fehlt aber, und es hat hineingeschneit, so dass die Decken der Pritschen, die zu ebener Erde sind, unter einer tiefen Schneedecke liegen. Während wir uns am Proviant gütlich tun, kommen wir mit drei Schweizern ins Gespräch, die am Vortag aufgestiegen waren. Sie hatten die reinste Odyssee hinter sich, hatten wegen Bergkrankheit von der Grands-Mulets- bis zur Vallothütte an die zwölf Stunden benötigt und hatten dann, halb erfroren, hier Zuflucht gefunden. Sie zeigten noch deutliche Spuren ihrer Strapazen. Ihrer zwei schliessen sich uns an, der Dritte bedarf noch der Ruhe.

Die Ski werden gegen die Steigeisen vertauscht, und langsam geht es weiter, immer höher, langsam dem Ziel näher. Dann ein letzter scharfer und anfänglich steiler Grat, der sich langsam zurücklegt. Dann stehen wir oben! Es ist Mittag geworden. Zuerst stellt sich das Gefühl einer unendlichen Einsamkeit ein, in das sich eine leichte Enttäuschung über die Aussicht mischt. Nicht, dass diese nicht gut ist, aber alles wirkt wie ein Relief aus der Vogelperspektive, alles versinkt in der Weite und Tiefe und wird wie die Welle auf dem Meer in der ewigen Wiederholung bedeutungslos. Selbst das Matterhorn ist nur ein ferner Zacken. Aber dann wird man mit der Umwelt doch vertrauter, und plötzlich ist eine unbändige Freude da und ein volles Glücklichsein! Die Zeit muss eine Weile stillgestanden sein. Weit war der Weg gewesen, nicht nur der von Chamonix herauf, sondern auch der von der Entdeckung der Höhenzahl auf der Karte bis zum prickelnden Hier und Jetzt.

Es ist nicht allzu kalt, aber ab und zu fegt ein Windstoss über den Gipfel und lässt uns frieren. Dann spürt man wieder die eisige Einsamkeit.

Noch ehe wir die gewaltige Weite ganz ausgekostet haben, mahnt die Uhr zum Aufbruch, denn auch Abstieg und Abfahrt wollen ihre Zeit haben. Bis zur Vallothütte ist Vorsicht das erste Gebot, namentlich dort, wo das blanke Eis zu Tage tritt. Bei der Hütte treffen wir den zurückgebliebenen Bergsteiger ordentlich erholt, so dass er unserer Hilfe nicht bedarf. Wir verlassen die ungastliche Hütte nicht ungern. Wir fahren unangeseilt, halten uns aber streng an die Aufstiegsspur und haben so sichern Weg. Etwa 500 Meter unter der Hütte geraten wir in scheusslichen Bruchharsch. Während wir auf dem Gipfel waren, hatte sich am Dôme du Goûter eine mächtige Eis- und Schneelawine gelöst und unsere Spur auf eine Breite von etwa 50 Meter überführt. Da erst werden wir uns der Gefahr, die wir bislang verdrängt haben, bewusst, und werden nun doppelt vorsichtig.

Wir nehmen noch eine Nacht mit der Grands-Mulets-Hütte vorlieb, um am kommenden Tag eine andere Besteigung in Aussicht zu nehmen. Aber zu unserm Leidwesen und der andern inzwischen angelangten Bergsteiger verschlechtert sich das Wetter. Also Abfahrt! Die spärlich scheinende Sonne hatte einen guten Sulz bereitet. Im Gleitflug ging 's die Steil- hänge hinab. Nach dem Gipfelglück die Seligkeit beschwingten Fahrens! Das macht übermütig, man fährt forsch, fast frech. Mein Begleiter, als der Ältere und Besonnenere, mahnt mit Grund zur Vernunft. Und da wir ihm als dem Gewandtesten stillschweigend in allen Stücken die Führung zugestanden haben, fällt die Mässigung nicht schwerAber noch ungezählte Bogen werden gezogen. Nur zu rasch tauchen wir in die Baumregion und mitten in den Bergfrühling hinein. Krokus und Pestilenzwurz grüssen uns!

In Chamonix schliesst sich der Kreis. Die Gedanken gehen immer wieder zurück und versuchen ein Höchstmass von Erlebnissen festzuhalten. Vieles haben wir auf einen Film gebannt. Das Beste aber bewahren wir im Herzen. Es ist unsagbar, aber je und je in uns wirksam bis, wie einst in der Kindheit, die Touren sich nur noch auf der Karte machen lassen. Und so wird sich der grössere Kreis ebenfalls schliessen.

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